AOL Deutschland macht dicht

      AOL Deutschland macht dicht

      AOL Deutschland macht dicht

      Das Netz nicht verstanden
      12.01.2010, 11:222010-01-12T11:22:00 CEST+0100

      Der Werbespot wirkt auch heute noch simpel wie genial: "Bin ich schon drin?", fragt 1999 ein ziemlich perplex guckender Boris Becker, nachdem er sich in Sekundenschnelle mit der AOL-Software ins Internet eingewählt hat. 500.000 Neukunden gewinnt AOL durch die Kampagne.

      Etwas mehr als zehn Jahre später ist alles vorbei: AOL ist seit Montag draußen. Alle deutschen Standorte werden dichtgemacht, 140 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Auch der Rest des Europageschäfts steht auf dem Prüfstand.

      Im Nachhinein könnte der Becker-Spot deshalb als Höhepunkt der deutschen Firmengeschichte gelten: AOL, dessen deutscher Service erst 1995 gegründet wurde, stand damals hierzulande für den einfachen Zugang zum Internet. Wer sich als Otto-Normalsurfer nicht mit der oft zickigen Software von T-Online herumschlagen wollte, wählte die Gratis-CD des Unternehmens. Beinahe wöchentlich fand sich eine solche in deutschen Briefkästen - und oft genug griffen die neugierigen Deutschen zu, um das neue Phänomen Internet kennenzulernen.

      Vom Netz überholt
      Zeitweise drei Millionen Deutsche nutzten AOL, doch das Internet, das sie entdeckten, machte AOL schnell überflüssig: Die Nachrichten, die auf der Startplattform geboten wurden, gab es bald überall. Webbasierte E-Mail-Anbieter liefen mit ihren kostenlosen Angeboten AOL-Mailadressen den Rang ab, T-Online motzte sein Angebot auf und bot für schnellere Internetzugänge ISDN- und später DSL-Komplettlösungen an. Die Einwahl-CDs landeten in der Folge meist im Müll, der Preiskampf zehrte AOL aus. Hinzu kam, dass sich schnell herumsprach, dass es häufig nicht ohne größeren Aufwand möglich war, einen AOL-Vertrag zu kündigen.

      Doch Schuld am folgenden Niedergang trug auch das klassische Mediendenken, von dem sich die Verantwortlichen nicht lösen konnten. Da wäre die verunglückte Fusion der US-Mutter mit Time Warner aus dem Jahr 2001, die Ex-Time-Warner-Chef Gerald Levin kürzlich als "schlechtesten Deal des Jahrhunderts" bezeichnete.

      Die hohen Verluste in den Jahren darauf sind nicht nur mit der Anleger-Skepsis nach dem Platzen der Dotcom-Blase zu begründen: Die Verantwortlichen träumten zu lange von einer Plattform, die so viel bietet, dass die Nutzer sie niemals verlassen müssen - auch noch, als Google mit seiner Suche das Netz bereits endgültig dezentralisiert hatte und die Nutzer in alle Richtungen verstreute. In Deutschland kündete bald nur noch der Name des Hamburger Fußballstadions von der einstigen Größe des Unternehmens.


      Kunden-Exodus und Personalkarussell
      Der Kunden-Exodus war in Zeiten von DSL-Anschlüssen kaum aufzuhalten, bereits 2006 verkaufte AOL Deutschland das Internet-Zugangsgeschäft an den Alice-Betreiber Hansenet. Schon damals gab das Unternehmen weltweit die Strategie aus, nun eine Plattform für Inhalte sein zu wollen und sich über Werbeerlöse zu finanzieren. Doch mehrere Chefs konnten das Deutschlandgeschäft nicht in die Spur bringen, beim Aufstieg der sozialen Netzwerke blieb AOL diesseits wie jenseits des Atlantiks Zuschauer.

      2009 trennte sich Time Warner von AOL. Zu diesem Zeitpunkt gab es anscheinend bei AOL Deutschland noch Hoffnung: Das Unternehmen suchte noch vor wenigen Monaten einen Programmchef. Nach einem vertraulichen Anforderungsprofil, das sueddeutsche.de vorliegt, sollte dieser am Standort Hamburg "ein neues Portfolio qualitativ hochwertiger Redaktions- und Publikumskanäle" und "Multimediainhalte für Nischenbereiche" entwickeln.

      Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Mit AOL Deutschland ist ein Internet-Pionier gescheitert, der in einem Zeitalter der Veränderungen zu lange die Zeichen der Zeit übersah. Was bleibt, sind ein paar verwaiste AOL-E-Mail-Adressen und die Erinnerung an einen Tennisstar, wie er das Internet entdeckte.

      Was macht Boris Becker eigentlich heute?

      AOL wickelt Portal komplett ab und schließt Büros

      AOL wickelt Portal komplett ab und schließt Büros
      12. Januar 2010, 04:00 Uhr

      Das Internetportal AOL Deutschland ist nach einem Bericht des Branchendienstes "Horizont.net" bald Geschichte. Das Portal soll hierzulande komplett abgewickelt werden, schreibt der Dienst unter Berufung auf informierte Kreisen. Danach hätten zahlreiche Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens bereits die Kündigung erhalten.Ein Unternehmenssprecher bestätigt dem Dienst, dass in Deutschland die Büros in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München schließen.

      Das Internetportal AOL Deutschland ist nach einem Bericht des Branchendienstes "Horizont.net" bald Geschichte. Das Portal soll hierzulande komplett abgewickelt werden, schreibt der Dienst unter Berufung auf informierte Kreisen. Danach hätten zahlreiche Mitarbeiter des Hamburger Unternehmens bereits die Kündigung erhalten.

      Ein Unternehmenssprecher bestätigt dem Dienst, dass in Deutschland die Büros in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München schließen. Neben der deutschen Niederlassung werden auch die AOL-Dependancen in Spanien und Schweden geschlossen. Außerdem werden am 13. Januar in den USA mehr als 500 Mitarbeiter entlassen und die Büros in Dallas und Seattle geschlossen. In Deutschland arbeiten 140 Mitarbeiter bei AOL. Nach dem Verkauf des Internetzugangsgeschäfts an die Telekom-Italia-Tochter Alice hatte sich AOL als Portalanbieter positioniert und nur auf Werbeerlöse gesetzt. DW

      AOL schließt alle Standorte in Deutschland

      AOL schließt alle Standorte in Deutschland
      Der einstige Internet-Gigant AOL trennt sich von seinen vier deutschen Standorten. Auch Spanien und Schweden sind betroffen.

      Berlin – Neben dem Hauptbüro in Hamburg werden die Vertriebsbüros in Düsseldorf, Frankfurt und München geschlossen. Einzig die Werbetochter AOL Adtech bleibt bestehen. Dies bestätigte der Leiter der Unternehmenskommunikation von AOL Deutschland, Thomas Knorpp, dem Tagesspiegel. Zugleich begann der AOL-Konzern am Montag damit, die Standorte in Spanien und Schweden zu schließen. Wie in Deutschland wird zudem in Frankreich mit dem Betriebsrat über die Schließung der Filialen verhandelt. In Deutschland sind 140 Mitarbeiter betroffen. Sie waren erst am Montag informiert worden. Einen genauen Zeitplan mit Kündigungsfristen und Übergangslösungen gibt es noch nicht.

      Unternehmenssprecher Knorpp begründete die im November von Vorstandschef Tim Armstrong angekündigte Restrukturierung damit, dass sich AOL auf sein Kerngeschäft zurückziehen will. So wird das deutsche AOL-Portal als „Light-Variante“ weiterhin bestehen bleiben, genauso wie die AOL-Maildienste und der Messagingdienst. Die Inhalte kommen dann allerdings nicht mehr aus Deutschland. Nachdem AOL in Deutschland bereits in 2006 das Zugangsgeschäft an Hansenet („Alice“) abgegeben hat, wird somit der Rückzug aus Deutschland komplettiert. Im Rahmen der Restrukturierung baut AOL die Zahl der weltweiten Mitarbeiter von bislang 6900 um ein Drittel ab. Kurt Sagatz

      (Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.01.2010)