Gab es Dracula wirklich???

      Gab es Dracula wirklich???

      Die Dracula-Legende Das Vorbild: Der rumänische Fürst Vlad Tepes
      Ursprung des Namens "Dracula"

      Wer aber ist Dracula wirklich, wenn er nicht nur eine Romanfigur sein soll?

      "Er war nicht sehr groß, aber untersetzt und muskulös. Sein Auftreten wirkt kalt und hatte etwas Erschreckendes. Er hatte eine Adlernase, geblähte Nasenflügel, ein rötliches, mageres Gesicht, in dem die sehr langen Wimpern große, weit-offene, grüne Augen umschatteten; schwarze buschige Brauen gaben ihnen einen drohenden Ausdruck. Er trug einen Schnurrbart. Breit ausladende Schläfen ließen seinen Kopf noch wuchtiger erscheinen. Ein Stiernacken verband seinen Kopf, von dem schwarze gekräuselte Locken hingen, mit seinem breitschultrigen Körper."
      So beschreibt ihn Nikolaus Modrussa, der im 15. Jahrhundert Legat des Papstes am ungarischen Hof war, und Vlad Tepes, den rumänischen Iwan den Schrecklichen, gut kannte.

      Stoker hat doch diese Beschreibung in seinen Roman übernommen?

      Ja, ihm diente, wie wir sahen, als Dracula-Vorbild der grausame walachische Fürst Vlad Tepes, "der Pfähler". Dieses Vorbild wird im Roman weniger deutlich als in den Filmen, vor allem in Coppolas "Dracula", aber auch bei Curtis oder schon bei Tod Browning mit dem berühmten Bela Lugosi als Vampir, agiert auch der historische Vlad. Und es gibt sogar Dokumentarfilme, die diesen Hintergrund ausleuchten wollen, etwa "Die blutig ernste Geschichte des Grafen Dracula, erzählt von Vincent Price." (Canada 1984). Hier werden auch Schlacht-Sequenzen des historischen Schinkens "Vlad Tepes" (The True Life of Dracula, von 1978) eingeblendet, den Ceausescu bestellt hatte: Tepes sozusagen als getürkter Ceausescu-Vorgänger, grausamer Patriot und Volksheld.

      Und bei Coppola stellt sich der Vampir Mina sogar als "Prinz Vlad" vor. Coppola blendet auch Vlads bekanntes Porträt eines anonymen Malers in den Film ein.

      Meist aber ergeben sich, genau wie im Roman, heillose Vermischungen und Verwechslungen. Historische Falschheiten, Fehler und Verballhornungen häufen sich, die einem in Siebenbürgen Geborenen die Haare zu Berge stehen lassen...

      Kurz vor einer meiner "Heimreisen" nach Transsylvanien entdeckte ich am 3. Mai. 96 im Mailänder "Corriere della Sera" das Bild eines mir von Kindheit an vertrauten uralten Gebäudes mit dicken und schiefen Mauern auf der mittelalterlichen, noch erhaltenen Burg meiner Heimatstadt Sighisoara-Schäßburg, dazu das wohlbekannte Porträt des walachischen Fürsten Vlad. Und einen Artikel über angebliche Fresken, die in jenem Haus vom Architekten George Baltag im zweiten Stock gefunden worden seien:

      "Drei Männer und eine Frau. Die Zentralfigur intakt. Angeblich soll sie dem Druck von 1488 aus der Württtembergischen Landesbibliothek, der Vlad darstellt, den auch Coppola im Film zeigt und Modrussa beschreibt, ähneln."
      Wir fuhren natürlich auch nach Schäßburg. An einem jener Tage standern wir unten auf dem Burgplatz. Ich war im Stundturm-Museum gewesen, meine Frau wollte auf den Turm; ich saß nun im erwähnten angeblichen Geburtshaus des Vlad, das jetzt natürlich eine "Dracula"-Gaststätte geworden ist. Alles erschien mir wie im Traum, surreal. Ich ging hinaus, suchte meine Frau, sie war auf dem Turm, kam die Treppe herab, und ich erinnerte mich an einen Traum, wie wir gemeinsam durch das Museum gefallen waren, tiefer immer tiefer....

      Vlads Vater: Vlad II, Dracul, auf dem Reichstag zu Nürnberg, irgendwo brannte rot die Jahreszahl 1431, er kniete vor Sigismund von Luxemburg, König von Gottes Gnaden der deutschen, böhmischen und ungarischen Lande; Vater Vlad wurde "eben" zum Fürsten der Walachei erhoben und zum Ritter des Drachenordens geschlagen.

      – Von jetzt an, kam die tiefe Stimme des Königs: trägst du den Namen "Dracul." Dracul, und man sah aus dem Wort einen Teufel auffliegen, alle bekreuzigten sich. Denn "Dracul" heißt auf Rumänisch: Der Teufel!

      Aus dem Ehrennamen also wurde aus Unkenntnis ein Höllenname.

      Auch hier eine Verballhornung! Draculea, wie der Sohn genannt wurde, Vlad III Tepes, der Pfähler, erbte von seinem Vater Vlad II Dracul, den Namen, aber dieser Name geht zurück auf den erwähnten Drachenorden "Societas Draconis", einen Kampfbund gegen die Türken. Der in Nürnberg so hochgeehrte Vater kehrte dann 1431 nach Schäßburg zurück, wo er sein Hauptquartier hatte, und auch das Recht zur Münzprägung besaß (es gibt noch heute solche Münzen mit dem Drachen in Ringform, dem Uroborus, der ein Kreuz hält).
      Vlads gewaltsame Lebensgeschichte
      Vater Vlad, Ritter des Drachenordens, und gewählter Fürst, fand Hilfe bei König Sigismund und beim Vetter am moldauischen Hof. Zog von Schäßburg aus bald auch in die Hauptstadt Tîrgoviste in der Walachei ein, verließ Schäßburg 1436. Schon als Kind, nach der ersten Thronbesteigung seines Vaters, begleitete Vlad, der Sohn, seinen Vater ständig, auch in den Krieg. 1444 an die türkische Pforte, wo der Alte seine beiden Söhne, Vlad und Radu (den Schönen) als Geiseln zurücklassen mußte. Hier erlebte der halbwüchsige Vlad Grauenhaftes im Kerker Egrigötz in den anatolischen Bergen. Dort folterte ihn der Gefängniswärter Gugusyoglu, ließ ihn hungern, gab ihm Menschenfleisch zu essen und Kot, dann Tierhoden, so daß er gequält wurde von Begierden, und der Aufseher zwang den Jungen, erst 14 war er damals, ihm zu Willen zu sein. Fader Gestank in der Zelle nach dieser schweißigen Gewalt. Der junge Vlad sann auf Rache. Dem Gugusyoglu sollte ein spitzer Holzpfahl vorbehalten sein. Und das regte den pubertären Vlad sehr auf.

      Vlad Dracul, der Vater wurde dann vom ungarischen König Johann Hunyadi geschlagen. Der älteste Sohn, Vlads Bruder, Mircea getötet, Vater Vlad floh.

      Ja, und der Geisel, dem Sohn Vlad, wurden Greuelgeschichten über den Tod seines Bruders und Vaters erzählt. Es war Rache, die Vlad zum Blutfürsten werden ließ. Vater und Bruder seien von Vladislaws Henkern gezwungen worden, ihr eigenes Grab zu schaufeln, und sie seien in Stücke geschnitten worden. Was nicht stimmt.

      Der Vater entkam. Damals machten Greuelnachrichten Geschichte. Es gab ja kaum Zeitungen. Und so waren es auch Chroniken und tendenziöse Flugblätter, die Vlad den Sohn zum "argen Wüterich" und Vampir machten, der er nicht war. Also der Vater entkam. Mircea allerdings wurde tatsächlich lebendig begraben.

      Acht Jahre lang war Vlad auf Wanderschaft. Reisender in Sachen Macht. Versprechungen, Taktik, Lügen. Er kannte den Hof, die türkischen Wesire, war gleichaltrig mit dem Sultan Mehmed. Er hatte viele Städte und Höfe gesehen, Rom, Stambul, Nürnberg, das Prag des Alchemistenkaisers Rudolf II. Er kannte viele Sprachen, hatte ein solides Wissen.

      Hunyadi söhnte sich mit Vlad aus, die Sachsenstädte sprachen für ihn. Vlad hatte den Rücken frei, marschierte in der Walachei ein.

      Aber was hat das noch mit dem Film- und Romanhelden Dracula zu tun?

      Es hat. Es ist die Idee, die immer wiederkehrt, schon in Stokers Roman, in vielen Filmen, bei Curtis, Corman, Polanski, Herzog oder Coppola, daß es sich bei Dracula um eine wirkliche Fürstengestalt handelt, die 500 Jahre überlebt, um einen historischen Wiedergänger also, einen Un-Toten, der nicht leben noch sterben kann, doch ausgestattet ist mit einem ungeheueren Lebensdurst aus ungestillter Liebe eines ungelebten unfertigen Lebens.

      In Coppolas Film wird Vlad durch die Liebe von Harkers Verlobter Mina erlöst. Darf endlich zu Staub zerfallen. Sie tötet ihn. Ist es nicht so, Geschichte verhindert erfülltes Leben und Liebe...

      In Stokers Roman wird es betont: dem pedantischen Rechtsanwaltsgehilfen Jonathan Harker wird im verfallenen Schloß des Vampirs eine Geschichtslektion in Form einer falschen Familiengeschichte der Draculeas zuteil:

      "Wir Szekeler sind mit recht stolz, denn in unseren Adern fließt das Blut manchen tapferen Volkes, das kämpfte, wie es der Löwe tut – um die Herrschaft nämlich. Hierher ... brachten die ukrainischen Stämme von Island herunter den Kampfgeist, den Thor und Wotan ihnen verliehen hatten und den ihre Krieger an den Küsten von Europa, ja, an denen von Asien und Afrika so wütend austobten, daß schließlich die Leute glaubten, es seien keine Menschen sondern Werwölfe."
      Die Verballhornung ist verwirrender gar nicht möglich, ein grausiges Gemisch. So kommen dann die Hunnen vor, auf die diese "Werwölfe" stießen, auf Attila. Wahr ist, daß die Székler, nicht Szekeler wie im Roman, ein ganz normaler madjarischer Stamm, und daß die Dráculesti Walachen sind, nicht Székler, Vlad Tepes gehört in die Walachei und nicht nach Transsylvanien, wo er nur zufällig geboren wurde, weil sein Vater zeitweilig dort im Exil lebte.

      Aber alle Filme plappern diese Fälschung nach. So wird etwa im Film "Dracula" (1979) von John Badham, Vlad vom Irrenarzt Dr. Seward in London gebeten, ein Buch in ungarischer Sprache zu übersetzen. Das kann der aber nicht, da er Székler sei und kein Madjar. Ein Blick ins Lexikon hätte genügt: Székler sind ein madjarischer Volksstamm. Die natürlich madjarisch sprechen. Coppola läßt Dracula mit starkem ungarischen Akzent sprechen, was völlig falsch ist. Im "Spiegel" wurde sogar von einem "unverkennbaren transsylvanischen Akzent" gesprochen.

      Stokers Ignoranz wird auch heute noch weitergetrieben. Sein Gewährsmann in Sachen Transsylvanien, der Budapester Orientalist Arminius Wanderbey, der auch als Figur im Roman auftaucht, hatte Stoker sicher richtig informiert.

      Stoker lernte diesen Wanderbey, der ihm Erstaunliches aus Transsylvanien berichtete, an einem Abend des Jahres 1890 kennen. Transsylvanien war schon damals ein Zauberwort, Jules Verne, aber auch James Frazers "The Golden Bough"(1890) hatten behauptet, daß in Transsylvanien/ Siebenbürgen wie in keinem anderen Land, Material für Vampire zu finden sei.

      "Ich habe meinen Freund Arminius von der Budapester Universität gebeten, mir alles, was er über dessen Leben weiß, mitzuteilen, und er hat mir alle Daten zukommen lassen."
      Auch Jonathan Harkers Geschichtsneugierde hält sich in Grenzen. Schon Stoker hat, ähnlich wie Jules Verne im "Karpathenschloß", wohl deshalb Transsylvanien zum Handlungsort gewählt, weil sich da ohne Realitätskontrolle wild darauflos phantasieren läßt.

      Doch schon Harker wie auch der mit hineingezogene Leser, haben im Buch selbst keine Chance, die Wahrheit zu erfahren; Stoker hetzt sie von einem Schrecken zum andern, keine Realität darf die hysterische Geschichte stören, die Märchen-Spannung nehmen. Alles muß aus der Welt fallen: Aufklärung soll nicht sein. Harker entdeckt den Vampir und Wiedergänger als tagschlafenden Untoten im Sarg, also bleibt die reichhaltige Schloßbibliothek unkonsultiert; in Budapest ist´s das Nervenfieber, das den Besuch der Nationalbibliothek verhindert; in London die Blässe der ihm nahestehenden, nun mit dem Vampirvirus infizierten Frauen, Mina und Lucy, um im Britischen Museum des "Grafen" (also Vlads) Familiengeschichte zu überprüfen, durch Aufklärung dem überhitzten Schrecken beizukommen. Und in der Mythenherstellung sind die Geübtesten Dracula selbst und der Irrenarzt Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Van Helsing, Gegenspieler des Vampirs und Vampirbekämpfer. Dracula zeigt etwas von der Irrengeschichte unserer Zivilisation.
      Das Dracula-Schloß: Gewalt und Wahnsinn, Blut, Krieg und Irrenanstalt als Spiegel unserer Zivilisation
      Ein Teil des Schlosses mit vergitterten Fenstern ist tatsächlich ein privates Irrenhaus. Und bei Professor Van Helsing, Vampirologe und Irrenarzt in Amsterdam, ist der Vampir (oder der Irre) schon im Psychiater selbst angelegt, beim Essen eines Roastbeefs leckt er sich genüßlich die blutigen Finger ab.

      Diese Metapher der Heilanstalt ist auf unsere Zivilisation voll übertragbar, die übrigens viele Vampir-Filme durchzieht. In Tod Brownings "Dracula" aus den dreißiger Jahren, mit dem berühmten Vampir-Darsteller Bela Lugosi, einem Ungarn aus Siebenbürgen, der in einem schwarz-roten Umhang als Dracula beerdigt werden wollte, ist ein Großteil der Handlung sogar in eine englische Schloß-Klinik verlegt.

      Aber auch die blutige Geschichte Vlad Draculeas, des Pfählers, spiegelt im Kleinen den Kern der gesamten Historie: Ihren Blutfaden. Krieg. Grausamkeit, Blut, Kannibalismus.

      Noch mehr: Vlad ist unser Zeitbild: Die Zivilisation hält sich rückblickend als blutiges historisches Verbrechen nur durch Gewalt, durch Grausamkeiten am Leben, Raubbau, Blutsaugen an der Natur und dem Menschen. Wir sind Posthume geworden.

      Blutrausch der Geschichte. Das geht weit zurück. Der Wolf als Staatsfahne bei den Dakern. (Sie waren Vorfahren der Rumänen), hatten ihre Haupstadt Sarmisegetuza; junge Krieger wurden in den Kampf eingeübt, indem sie "seelisch" zu Wölfen wurden, schreibt Mircea Eliade:

      " ... durch das Überziehen eines Wolfspelzes, durch Zeremonien herbeigeführte völlige Verwandlung des Verhaltens... sie verhielten sich wie Menschenfresser, aßen so auch Menschenfleisch."
      Raserei. Berserkerei. Ein ekstatischer und rituell-pathologischer Zustand. Man kann es irr nennen. Ekstatischer Schamanismus auch bei einem Stamm der Székler aus den Ostkarpaten, Tschangö, genannt. Und manche behaupten: Verwandlung fände wirklich statt, nämlich im gespenstischen Zwischenreich eines Zweiten Körpers aus Bioplasma, in einem todesschlafähnlichen Zustand, den übrigens auch Castaneda beschreibt. Scheintodähnliche "vampirische" Halluzinationen.

      Bekannt ist ja, daß Stoker sich in der Geschichte des Vampirismus und des transsylvanischen Okkultismus viel besser auskannte als in der realen Geschichte, da ist er ein Versager. Aber intuitiv erfaßt er ihren verborgenen Kern: Prof. Van Helsing, Vampirologe und Irrenarzt, verkörpert ihren korrumpierten, heuchlerischen und zweifelhaft aufklärerischen Geist... Ohne Ideologen – keine Gewalt und keine Geschichte, als liege ihr Wesen im Blutdurst, der mit edlen Motiven verhüllt wird.
      Die historische Tragödie des Fürsten Vlad Tepes
      Jetzt erst ist er zu seinen großen Heldentaten fähig, 1458 schlägt er ein türkisches Heer, 10.000 werden gepfählt. 1459: eine Gesandtschaft, die Tribut fordert, wird ebenfalls gepfählt. Eine Aktion unter der Führung des Beg von Nicopolis Hamza, die Vlad mit List gefangennehmen soll, mißlingt. 4.000 Türken werden rings um Tîrgoviste aufgespießt.

      Doch war sein Land zu klein, um der Großmacht Paroli zu bieten. So schrieb er an mehrere Fürsten und Könige, auch an Matthias Corvin, den ungarischen König, um Verbündete zu gewinnen. Sie ließen ihn allein. Mohammed II, der Eroberer von Byzanz, greift ihn mit einem Heer von 150.000 Soldaten und vielen Schiffen auf der Donau an. Vlad hat 30.000 Mann. Er führt den ersten Guerillakrieg der Welt. Er legt Hinterhalte, attackiert bei Nacht etc. Die Osmanen ziehen erschöpft ab. Doch auch seine Kräfte sind aufgebraucht; er muß wieder nach Transsylvanien fliehen. Bruder Radu verrät ihn: wird Fürst. König Matthias Corvin verrät ihn, schickt das versprochene Heer nicht. Sein Freund und Vetter aus der Moldau, Stefan, verrät ihn, greift ihn sogar an.

      Leider bleibt in den Dracula-Filmen diese wesentliche, die historische Tragödie des globalen Verrats ausgeklammert. Sie dient nur als pittoresker Hintergrund:

      Schattenbilder des Kampfes, Türkensilhouetten, Krummschwerter. Pferde. /Schnitt./ Falsche Nachricht vom Tod Vlads. Und Selbstmord der Fürstin Elisabeth, da sie die falsche Nachricht glaubt. Ihr leichenblasses Gesicht. Blut um den Mund. Auf eiskalten Fliesen./ Schnitt./ Rückkehr Vlads. Vlad in seinem roten Schlachtengewand tobt, Zerstörungswut überkommt ihn in der Hauskapelle, er schleudert sein Schwert nach dem Kreuz des Hausaltars, mitten aus dem Kreuz schießt ein Blutstrom, der alles zu überschwemmen droht. /Schnitt./ Vlad schwört ab, verflucht Gott, alles sieht nach einem Teufelsbund aus. Vlad irrt in Coppolas Film alsWiedergänger und Untoter durch die Zeiten, um die verlorene Geliebte zu suchen. 500 Jahre später: Er findet Mina, Harkers Verlobte in London. Sie ähnelt der Selbstmörderin Elisabeth aufs Haar. Grauen als Liebesgeschichte. Die wiedergekehrte Geliebte Elisabeth/ Mina erlöst den Untoten durch ihre Liebe, das heißt, sie gibt ihm seinen Tod: hebt die quälende überdehnte Lebens-Zeitspanne auf: er darf durch Liebe endlich zeitlich werden, einen Moment ist er wieder im Fleisch, glüht, warm und glücklich, und stirbt, als wäre die Zeit zurückgedreht in sein ehemaliges Leben als menschliches Wesen.

      Doch die viel bedeutendere Tragödie Vlads beruht auf Verrat. Keiner der vielen Filme hat den grausamen Wahnsinn der Geschichte als Irrenstück, als Verrat an der Wahrheit und am einzelnen Menschen in Schreckensbilder übersetzt.

      Die Tragödie Vlads: Corvin verrät ihn, nimmt ihn auf dem Höhepunkt seiner heroischen Karriere des Abwehrkampfes gefangen, und sperrt ihn jahrelang in die finstern Verliese der Festung Visegrád unter der Donau bei Budapest.

      Der Grund: 3 gefälschte Briefe, in denen Vlad dem Sultan angeblich Verhandlungen anbot, und sich ihm unterwerfen wollte, also ein Verräter war, wurden (möglicherweise) von den Sachsenstädten dem ungarischen König zugespielt. Corvin schickt dem Papst über den Legaten Modrussa eine Kopie der gefälschten Briefe. Und eine Reihe der kursierenden verleumderischen Gerüchte über den "Wütrich". Denn der Ungar muß sich sowohl dem Papst als auch den Venezianern gegenüber rechtfertigen, warum er den großen Türkenkämpfer ausgerechnet jetzt gefangennimmt, obwohl er Geld für den Türkenfeldzug erhalten hat:

      Diese Flugschriften sind der Beginn der schriftlichen Dracula-Legende, Pius II publiziert sie in seinen Comentarii. Hier sind alle Motive der deutschen Chroniken über den "Wüterich" Vlad aufgeführt.

      "Ein wunderliche vnd erschröckliche History von einem grossen wüterich genannt Dracol Wayda. Der do so gar unchristeliche marter hat angelegt de menschen als mit spissen. auch die leute zu tod geschliffen."

      Währenddessen ist Vlad im Finstern eingemauert, sich selbst und seinem Körper ausgeliefert... Zeitticken, einsamer Herzschlag, alptraumartig, zeitlos. Finsternis und eine Unmenge von Ratten, der feuchte fade Erd- und Donaugeruch ... Und draußen sind die Verleumder am Werk. Flugblätter im Auftrag des ungarischen Hofes zu Buda geschrieben, seinen "Teufelsnamen" "Dracul" zu verbreiten, so in der Histori von dem posen Dracol der vil wunders vnd vbels begangen hat. –

      Einige Jahre später. Vlad lebt wieder frei in Buda. Dann neue Schlachten, den Thron wiederzugewinnen. Doch er ist müde, zu Tode erschöpft, und er fällt im Kampf. Sein Kopf kommt nach Tzarigrad. Der arg zugerichtete und zerstückelte Körper angeblich nach Snagov, ein Grabmal ohne Namen. Wirklich ein Untoter, denn – das Grab, wie wir sahen, als es geöffnet wurde, war leer, und Vlad seither ein Phantom?
      Der "Untote" und Wiedergänger im Roman und im Film. Rettung und Wiedergutmachung der ungelebten Liebe?Stoker und die vielen Filme stellen ihn mit recht als Wiedergänger und Hasser dar. Ein außerweltliches unheimliches Porträt des Rächers, ein ressentimentsgeladenes Ungeheuer der Geschichte, das jede Nacht ein anderes menschliches Wesen anfällt, und es infiziert, daß es auch zum Vampir wird, so daß die tödliche Blutsauger-Krankheit rapide fortschreitet. Und was ist Geschichte anderes als Revanche, Rache, Ressentiment, daher Gemetzel um Gemetzel. Ob nun 1914, 1933. Oder Kommunismus als Rachephänomen, Widerständler, die dann in ihrem roten Reich ihre ehemaligen Peiniger übertrafen.

      Coppola setzt in seinem Film ja sogar die von uns allen gefürchtete Blutkrankheit Aids wie ein die aus dem Gleichgewicht geratene Natur rächendes Weltuntergangssyndrom ein:

      Ja, das löst er filmisch großartig: der wunderbaren barocken Bilderflut mit Macbeth-Sequenzen unterlegt er mikroskopische Aufnahmen von Blutplasma: Dracula als Allegorie für die Pest unserer Tage. Und das Publikum stürmte 1992 die Kinokassen. Die professionellen Vampirologen "Vampire Research Center" in den USA konnten sich vor Anrufern kaum retten. Vamp-Mode im schwarzroten Schauerlook in den Boutiquen. Auf Partys übte man den "Tanz der Vampire".

      Bei Stoker ist die Infektion noch sexual-okkult: durch die Ansteckung eine quälende Unsterblichkeit zu erhalten, untot im Bioplasmakörper; und die Untoten bedrohten das Universum. In England auf seinen neuen Gütern wütete der Liebes-Vampir weiter. Mina berichtet in ihrem Tagebuch über die Ansteckung der somnambulen Lucy:

      " ... fiel das Silberlicht des Mondes auf eine zurückgelehnte schneeweiße Gestalt... mir schien es, als ob etwas Dunkles hinter der Bank stünde, auf der die weiße Gestalt saß, und sich über sie beugte...etwas langes Schwarzes ... "Lucy, Lucy", schrie ich angstvoll, und jenes Fremde hob den Kopf. Von meinem Platz aus sah ich ein bleiches Gesicht und rot leuchtende Augen... Ihre Lippen waren geöffnet, und sie atmete nicht so sanft wie üblich, sondern in langen keuchenden Zügen... da legte sie wieder die Hand an den Hals und stöhnte... stöhnte und seufzte... sie wies zwei kleine rote Stellen am Hals auf, wie Nadelstiche, und auf dem Kragen ihres Nachthemdes leuchtete ein Tropfen Blut."
      Da kommt als Retter in der Not der Irrenarzt, Aufklärer und Vampirologe Prof. van Helsing, den der Irrenhausdirektor Dr. Seward, ein Verehrer Lucys und Schüler Van Helsings zu Hilfe ruft. Sewards Klinik liegt gleich neben dem von Vlad über Harker gekauftem Haus. Helsing stellt seine Theorien auf, versucht Lucy zu heilen. Doch sie stirbt. Es folgt die gräßliche Prozedur einer Grabschändung, man kennt sie aus Vampirgeschichten: im Sarg wird der Untoten (oder Scheintoten) Lucy ein Pfahl ins Herz gerammt, die Irrenärzte Seward und Van Helsing trennen ihr den Kopf vom Rumpf, um sie, die nun ebenfalls Infizierte und Untote, im Tode zu "erlösen". Mina hat einen Schock, sie wird zur "Erholung" in Sewards Klinik eingeliefert. Doch Dracula ist hinter ihr her.

      Prof. van Helsing stellt nun eine vernünftelnde Koalition und Expedition auf, um den Meister der Un-Toten zu liquidieren. Unter der Fahne der Wissenschaft und der Ratio.

      Van Helsing, Irrenarzt, ontologischer Zensor und Seelen-Polizist, hat selbst Angst, ja, ist selbst angesteckt vom Jenseits-Virus. Er ist die eigentliche Gefahr, da er all diese tatsächlichen Vorgänge und Ängste zu "Entartungen" deklariert, sie bekämpft, jedoch eine Mission daraus macht, eigentlich sich selbst bekämpft, seine Bewußtseinsspaltung, nichts klar aussagt, nicht einmal mit welchem Gegner man es zu tun hat!

      "... Nichts zu den anderen, die so nachdrückliche Fragen stellen. Wir müssen gehorchen, und Schweigen ist Teil des Gehorsams, und Gehorsam wird dich sicher und gesund in die liebenden Arme zurückführen, die auf dich warten."
      Ein Zwiespalt, der nicht eingestanden wird, stärkster Masken bedarf, nämlich tyrannisches Gebaren. So ist am Schluß im Roman Van Helsing das eigentliche rastlose Zivilisations-Ungeheuer der gespaltenen Seele, der blasse nächtig durch die Straßen Londons schleichende Transsylvan dagegen ein bedauernswerter Greis.

      In Film Coppolas aber ist der Fürst Vlad jung, oh Wunder: in echtem Liebesfieber für Mina entbrannt

      Liebend wird er auch sterben können. Keinen eigenen Tod hat der, der nicht lieben kann, der haßt das, was er nicht lieben kann, will es zerstören, die ganze Realität, die sich ihm entzieht.

      Bei Stoker ist es noch die unheimlich kalte Arme Seele Dracula, bei Coppola aber wird dieses Kalte Herz vom eifernden Van Helsing, dem Wissenschaftler und Psychiater verkörpert. Und auch in Polanskis Film "Tanz der Vampire" – der von allen vielleicht am meisten Spaß macht, weil er uns über das Grausige lachen läßt, Ironie und Komödie einsetzt, da wird alles zur verkehrten Welt, ein Sarg wird zum Bob, eine Salami dient als Keule, die den Falschen trifft, der Wolf wird von einem Menschen gebissen. Das Irrenhaus ist im Kopf des Dr. Dr. Dr. h.c., der hier Prof. Ambronsius heißt, mit hirnrissigen Fledermaus-Theorien, die er an Ort und Stelle in Transsylvanien "beweisen" will. Der einiges entdeckt, doch sich um die Folgen seiner Entdeckung nicht schert, sogar selbst infiziert wird. Anstatt Fledermaus, kann man auch Genmanipulation oder Atomkraft sagen, Wissenschaft und Technik als eigentliche Gefahr für die Erde. Und je mehr aufgedeckt wird, umso näher sind wir dem Untergang. Bedeutungsschwer erklingt eine Stimme aus dem Off:

      "... da wußte Professor Ambronsius noch nicht, daß er das Böse, das er für immer zu vernichten hoffte, mit sich schleppte. Mit seiner Hilfe konnte es sich endlich über die ganze Welt ausbreiten."
      In Stokers Roman flüchtet Dracula noch vor der "wissenschaftlichen" Vernichter- Expedition des Vampirologen Van Helsing in seinem Sarg gesichert mit dem Schiff nach Galatz, dann über den Sireth und die Bistritz nach Siebenbürgen zum Borgo-Paß. Van Helsing und seine Mannschaft hinterher. Die müssen apokalyptische Schneewehen, Klüfte, Wolfsrudel, Geister und Vampire, Un-Tote vor allem, eine ganze Heerschar, die der Verfolgte schickt, überwinden! Da die Verfolger aber praktisch, irdisch initierter sind, überwinden sie das Okkulte der Natur, ihre letzten Elementargeister. Es gelingt ihnen auch, den Zigeunerkonvoi zu überraschen, der den Sarg des die Zeit Überlebten transportieren. Sie öffnen den Sarg und durchstoßen voller Haß und Abscheu mit einem Pfahl das Herz. Der Körper des Untoten zerfällt zu Staub.

      Bei Coppola und in anderen Filmen ist die Therapie überzeugender...

      Die Vlad liebende Mina, seine aus der Vergangenheit wiedergekehrte Frau Elisabeth, führt unter Tränen aber tapfer die Operation durch, Liebe erlöst den Geist: sie schlägt Vlad mit einem einzigen Schwertstreich den Kopf ab. Im persönlichen Weltuntergang verlieren die Armen Seelen ihren Zustand als unruhig schweifende Phantome, die weder leben noch sterben können.

      Die Grenze jedenfalls zwischen Leben und Tod fällt; der verdammte Untote der Geschichte darf durch Liebe sein somnambules Gespensterdasein verlassen. Ende auch der gestundeten Zeit:




      Wie eine Metapher auch für unsere Gegenwart: alles Entscheidende liegt jenseits jeder bisherigen Erfahrung. Bei Heiner Müller heißt es:

      "Stehende Figuren (Götter Denkmäler Typen) sind als Katalysatoren brauchbar, wenn Erfahrung die Geschichte überholt hat ... wenn die Chancen vertan sind, beginnt, was Entwurf einer neuen Welt war, anders neu: als Dialog mit den Toten."
      Das "Dracula-Schloss"


      Vampirismus ist alles andere als eine Legende der Vergangenheit. Es gibt ihn noch heute, und es ist erstaunlich, in welchem Maße das Interesse an Vampiren vorhanden ist. Immer noch werden zahllose Filme über Dracula und andere Vampire gedreht.


      Das "Dracula-Schloss",
      rumänisch "Castelul Bran" genannt.
      Es wurde zur Sicherung der Grenze zwischen Transsylvanien und der Walachei von den Rittern des Teutonischen Ordens im Jahr 1212 gebaut.

      Auch Reisebüros beuten diesen Trend aus: "Dracula-Tour - eine Woche Rumänien". Graf Dracula hat Siebenbürgen unter der Bezeichnung "Transsylvanien" in der ganzen Welt bekannt gemacht. Auch die Rumänen selbst sind darauf gestoßen, welch ungewöhnliches Touristenpotential Siebenbürgen in sich birgt. Sie machen dieses Horrorgegenstück zu Disneyland zu Geld, indem sie Dracula-Puppen an Souvenirständen verkaufen. In der Borgo-Schlucht, die durch Bram Stokers Dracula Geschichte berühmt wurde, gibt es "Schloss-Dracula-Hotels". Den Touristen ertönt bei der Anreise durch die nebelige Abenddämmerung ein auf Tonband aufgenommenes Wolfsheulen an vorher festgesetzten Stellen.

      Meistens ist diese Beschäftigung mit Vampiren wenig mehr als ein harmloses Spiel der Fantasie. Aber es gibt Elemente, die beunruhigen. Man hat festgestellt, dass geisteskranke Menschen dazu neigen, sich ebenso oft mit Graf Dracula wie mit Napoleon zu identifizieren.