Tsunami-Frühwarnsystem

      Tsunami-Frühwarnsystem

      Warnung vor der Welle
      In Indonesien geht das in Deutschland entwickelte Tsunami-Frühwarnsystem in Betrieb. Dabei geht es um jede Minute



      Hoch steht die Sonne am Himmel. Touristen, denen die drückende Hitze scheinbar nichts ausmacht, liegen am Strand und dösen. Durch die Straßen und Gassen der nahen Stadt drängeln sich Autos, Fahrräder, Menschen. Niemand ahnt etwas von der drohenden Gefahr. Soeben hat es weit draußen im Meer ein Beben gegeben. In 20 Minuten könnte eine verheerende Welle aufs Land treffen, die alles fortreißt.
      Plötzlich fangen Mobiltelefone an zu piepsen, Radiosender unterbrechen ihr Programm, im Fernsehen laufen Warnmeldungen über den Bildschirm, Lautsprecher an Strommasten plärren. Die Botschaft ist eindeutig und weckt Erinnerungen an die tödliche Welle des 26. Dezembers 2004: Tsunami, weg von der Küste!
      Noch ist die Szenerie pure Fiktion. Doch sie könnte jederzeit Realität werden. Damit die Menschen in Indonesien möglichst früh über die Gefahr informiert werden können, wurde in den vergangenen Jahren ein Tsunami-Warnsystem installiert. An diesem Dienstag wird es in der Hauptstadt Jakarta offiziell von den deutschen Entwicklern übergeben. Für eine schnelle und präzise Prognose der Flutwellen setzen sie auf ein dichtes Netz verschiedener Messgeräte.

      SEISMOLOGISCHE STATIONEN

      „90 Prozent der Tsunamis entstehen durch Seebeben“, sagt Jörn Lauterjung vom GFZ, der für die Entwicklung des Frühwarnsystems verantwortlich ist. „Deshalb müssen wir schnell herausfinden, wo Erschütterungen auftreten und wie stark sie sind.“ Dazu wurde entlang der Küste ein Netz von Seismometern aufgebaut. Denn um den genauen Ort eines Bebens zu bestimmen, müssen die Schockwellen von mindestens drei Stationen erfasst werden. Erdbeben entstehen dort, wo Erdplatten aufeinandertreffen und sich gewaltige Spannungen aufbauen. 200 Kilometer vor der indonesischen Küste verläuft eine solche Plattengrenze. Wenn es hier zu einem Erdbeben kommt, dauert es etwa zwei Minuten, bis die Erdbebenwellen die Seismometer erreichen. Diese funken die Messwerte via Satellit ins Datenzentrum nach Jakarta, wo Lage und Stärke des Bebens berechnet werden. Nach weiteren zwei Minuten könnte eine Tsunami-Warnung für den betroffenen Küstenabschnitt ausgegeben werden. „Aber nicht jedes Beben löst Tsunamis aus“, sagt Lauterjung. Das ist ein Problem, denn wenn es häufig Fehlalarm gibt, werden die Warnungen von der Bevölkerung immer weniger ernst genommen. „Deshalb müssen wir im Ozean nachsehen, ob tatsächlich große Wellen entstanden sind“, sagt der Wissenschaftler.

      PEGELSTATIONEN

      Indonesien hat einen geografischen Vorteil: Der Hauptinsel Sumatra sind mehrere kleine Inseln vorgelagert. Rollt eine potenzielle Riesenwelle heran, registrieren das die Pegelstationen. Weil das Meer rings um die Inseln relativ tief ist, wird der Tsunami dort kaum höher als einen Meter sein. Den Stationen, die bis auf wenige Zentimeter genau messen, würde er aber keinesfalls entgehen.

      BOJEN

      Die Messbojen sollen unter anderem den Wasserstand im Indischen Ozean überwachen. Sie haben am Meeresgrund – in drei bis fünf Kilometern Tiefe – hoch sensible Drucksensoren. „Wenn an der Oberfläche eine Welle drüberschwappt, registrieren sie einen Druckunterschied“, erklärt Lauterjung. Doch wie unterscheidet der Minicomputer in der Boje eine gewöhnliche Welle von einem Tsunami im Frühstadium? „Die große Wassersäule über den Sensoren wirkt wie ein Rauschfilter“, sagt der GFZ-Forscher. „Die kurzen Signale von kleinen Windwellen pausen sich gar nicht bis nach unten durch.“ Tsunamiwellen haben sehr große Wellenlängen und erhöhen den Meeresspiegel mehrere Minuten lang um bis zu einem halben Meter. „Von einem Schiff aus würde man den Unterschied nicht sehen, die Sensoren erfassen ihn aber genau.“

      Die Bojen sind zusätzlich mit einem GPS (Global Positioning System) ausgestattet, das Höhenänderungen ebenfalls bis auf wenige Zentimeter genau messen kann – und das im Sekundentakt. Infolge der vielen Wasserwellen ist zunächst nur ein „wildes Gezappel“ zu sehen. Doch dank mathematischer Filter kann die Software potenzielle Tsunamis erkennen. So gibt es neben den Drucksensoren ein weiteres Messsystem – was die Sicherheit erhöht.

      GPS-STATIONEN AN LAND

      Zusätzlich zu den Messgeräten im Ozean wurden auch an Land GPS-Stationen aufgebaut. Denn bei einem Seebeben verschieben sich auch Teile des Festlands. Bei den verheerenden Erschütterungen vom Dezember 2004, die den Meeresgrund um 13 Meter verschoben, bewegte sich auch an Land die Erde um drei bis fünf Meter: Diese bleibende Verschiebung ist an manchen Orten in Banda Aceh noch immer zu sehen. Mithilfe der GPS-Messungen wollen die Forscher herausfinden, welche Geometrie das Beben hat: Werden die Schichten vertikal versetzt oder zur Seite? Aus welcher Richtung kommen die Erschütterungen? „Wir müssen wissen, wo der Versatz am größten ist“, sagt Lauterjung. Denn dort ist der Ursprung eines Tsunamis. Mitunter sei dieser Ort einige Dutzend Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt.

      DAS DATENZENTRUM

      Ein Satellit überträgt alle Daten, die von den einzelnen Messgeräten aufgezeichnet werden, in das Datenzentrum. Dort durchforsten Computer eine riesige Datenbank, in der die Simulationen fast aller denkbaren Erdbeben gespeichert sind. Binnen weniger Sekunden wird so jenes Szenario extrahiert, das mit den einlaufenden Messwerten am ehesten übereinstimmt. Damit lässt sich ziemlich genau sagen, welche Küstenabschnitte wie stark gefährdet sind und wo Alarm ausgelöst werden soll.

      Dazu werden über feste Telefonleitungen automatisch Meldungen an Polizei, Feuerwehr und Krankenhäuser gegeben. Die Informationen wie geschätzte Höhe der Fluten und Zeitpunkt des Eintreffens seien alle standardisiert, sagt GFZ-Forscher Lauterjung. Nach starren Regeln geht es weiter: Jede Polizeidienststelle hat zum Beispiel einen Zettel, auf dem steht, wer im Katastrophenfall anzurufen ist, oder was über Lautsprecher bekannt gegeben wird. Weil die Zeit so knapp sei, müsse man vermeiden, dass die Leute nachdenken, sagt der Chefentwickler des Tsunami-Alarms. Und fügt hinzu: „Mehr als 50 Prozent eines erfolgreichen Frühwarnsystems macht noch immer der Mensch aus.“
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      Indonesien mit Tsunami-Frühwarnsystem ausgestattet

      11. November 2008 – 11:32 – Unglücke/Katastrophen
      Indonesien mit Tsunami-Frühwarnsystem ausgestattet


      Tsunami-Frühwarnsystem in Betrieb.
      Vier Jahre nach der Tsunami-Katastrophe hat Indonesien ein massgeblich von deutschen Forschern entwickeltes Frühwarnsystem in Betrieb genommen.
      Jakarta. – Präsident Susilo Bambang Yudhoyono sagte bei der Zeremonie in Jakarta, das Projekt sei für sein Land äusserst wichtig. "Wir leben am Abgrund", sagte Yudjoyono.
      Das umgerechnet rund 100 Millionen Euro teure System erkennt mit Hilfe von im indonesischen Küstengebiet verankerten Messbojen Stärke und Lage von Erdeben sowie das Ausmass der entstehenden Wellen.
      Die deutsche Regierung hatte 51 Millionen Euro für die Entwicklung des Tsunami-Frühwarnsystems beigesteuert. Koordiniert wird das Projekt vom Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ).
      Am 26. Dezember 2004 hatte ein Seebeben im Indischen Ozean vor der Insel Sumatra eine riesige Flutwelle ausgelöst, durch die in mehreren asiatischen Ländern ingesamt rund 230 000 Menschen ums Leben kamen. Auch in den vergangenen beiden Jahren fielen in der Region zahlreiche Menschen Tsunamis zum Opfer.

      Deutsches Tsunami-Warnsystem in Indonesien in Betrieb

      Deutsches Tsunami-Warnsystem in Indonesien in Betrieb genommen
      Dienstag, 11. November 2008, 13:14 Uhr


      Jakarta (Reuters) - Vier Jahre nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien hat Indonesien am Dienstag ein mit deutscher Hilfe entwickeltes Frühwarnsystem in Betrieb genommen.
      Es handele sich um das höchstentwickelte Warnsystem der Welt, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Forschungsministerium, Thomas Rachel, in Jakarta. Es sei in der Lage, Warnsignale schnellstmöglich und mit hoher Zuverlässigkeit weiterzuleiten. Dabei registrieren am Meeresboden angebrachte Sensoren kleinste Störungen und Erschütterungen und schicken sie an Bojen an die Oberfläche. Von dort werden die Signale über Satellit dem indonesischen Frühwarnzentrum gemeldet.
      An der Entwicklung des Systems, das bis 2010 voll einsätzfähig sein soll, war das Potsdamer Geoforschungszentrum beteiligt. Das Warnsystem sei Zeichen für die Bemühungen Indonesiens, die Auswirkungen von Erdbeben und Tsunamis zumindest zu begrenzen, sagte Präsident Susilo Bambang Yudhoyono. Experten zufolge werden nach wie vor weite Teile von Tsunami-Warnsystemen nicht erfasst. Bei dem Tsunami 2004 wurden allein in der Provinz Aceh schätzungsweise 170.000 Menschen getötet.

      Warnsystem im Indischen Ozean

      Warnsystem im Indischen Ozean

      Wettlauf mit dem Tsunami
      VON MORITZ KLEINE-BROCKHOFF

      Jakarta. Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hat mit einem symbolischen Knopfdruck in Jakarta das neue Tsunami-Frühwarnsystem seines Landes in Betrieb genommen. "Was 2004 passierte, ist immer noch frisch in unserem Gedächtnis", erinnerte Yudhoyono an die Opfer des Tsunamis - 170 000 in Indonesien, 70 000 in anderen Staaten am Indischen Ozean. So ein Desaster könne wieder passieren. "Wir müssen wachsam bleiben," sagte Yudhoyono beim Festakt am staatlichen Meteorologie-Institut. Er dankte Deutschland, China, Japan, Frankreich und den USA, die beim Aufbau des Systems halfen. Deutschland leistete den größten Beitrag. "Der heutige Tag ist ein Meilenstein. Wir starten das modernste Frühwarnsystem der Welt", sagte Staatssekretär Thomas Rachel, der Bundesforschungsministerin Annette Schavan vertrat.

      Jakartas neues Warnzentrum ist hauptsächlich mit deutscher Technik ausgestattet. Die Bundesregierung gab deutschen Wissenschaftlern 51 Millionen Euro, um neue Warntechnologie zu entwickeln, sie in Indonesien zu installieren und in der Startphase zu betreiben - vorerst als Testbetrieb; nun kann bereits vor Tsunamis gewarnt werden. Allerdings fehlen noch einige Systemteile, zum Beispiel schwimmen in Indonesien erst zwei von zehn deutschen Warnbojen. Im Jahr 2010 soll das Frühwarnsystem komplett und optimiert an Indonesien übergeben werden. Offen ist, wer dann für Betrieb und Wartung zahlt - monatlich mehr als eine Million Euro.

      Bei Tsunami-Alarm werden 1000 Politiker, Polizisten, Soldaten, Rettungskräfte und Journalisten informiert. Unklar ist noch, wie an den Küsten alle Menschen erreicht und gerettet werden sollen. "Wir brauchen Standardreaktionen. Kommt ein Tsunami, darf nicht mehr diskutiert werden", sagt Harald Spahn von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie versucht in drei Gemeinden Indonesiens, exemplarisch schnelle Tsunami-Reaktionen zu organisieren. "Wir stehen ziemlich am Anfang. Man muss Geduld haben", sagt Spahn.

      Indonesiens Frühwarnsystem ist das modernste, weil dank deutscher Technik bei Beben schnell sehr viele Informationen vorliegen. Bislang konnten Experten - Japaner und US-Amerikaner galten als führend - kurz nach Beben anhand der Messung seiner Stärke nur sagen, ob ein Tsunami theoretisch möglich ist oder nicht.

      "Unser Warnsystem ermöglicht es, innerhalb weniger Minuten zu bestimmen, ob tatsächlich ein Tsunami ausgelöst wurde", verspricht Reinhard Hüttl, der Leiter des Geo-Forschungs-Zentrums (GFZ) Potsdam. Es koordiniert zwölf deutsche Einrichtungen, die mit mehr als 100 Mitarbeitern an dem Projekt beteiligt sind. Sie installierten in Indonesien an Land Seismometer, legten am Meerboden Drucksensoren ab, brachten an Küsten Pegelmesser an und setzten im Ozean Bojen aus. Bei Beben sollen alle Geräte über Satellit Daten nach Jakarta schicken. Dort werden die Werte von einem neuen Computer aufgenommen, ausgewertet und mit vorberechneten Tsunami-Szenarien verglichen.

      Insgesamt entsteht ein Bild, mit dessen Hilfe Tsunami-Warner viel besser als bisher entscheiden können, ob sie Alarm auslösen sollten oder nicht. "Am Ende entscheidet immer noch der Mensch, er ist nicht ersetzbar, er muss den roten Knopf drücken", sagt Ulrich Raape, ein Ingenieur vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das den neuen Computer entwickelte. Der Rechner kann auch Daten von Geräten nutzen, die andere Staaten einrichteten. Indonesien, China, Japan und die USA stellten Seismometer oder Bojen für das System.

      "Je mehr Informationen vorliegen, desto besser", sagt Jörn Behrens. Der Mathematiker vom Alfred-Wegener-Institut hat zusammen mit Kollegen 1000 mögliche Tsunami-Szenarien vorberechnet. "Für eine Simulation müssen Gegebenheiten an fünf Millionen Stellen im Meer in 10 000 Zeitschritten berücksichtigt werden", erklärt Behrens. Sein Institut stellt seit langem Ozeansimulationen an und entwarf Sturmflut-Szenarien für Deutschland. "Aber Tsunami-Simulation war für uns Neuland. Ich bin sehr stolz: Wir haben es in wenigen Jahren in die Weltspitze geschafft", sagt Behrens.