Allein gegen die Uhren-Mafia

      Allein gegen die Uhren-Mafia

      Allein gegen die Uhren-Mafia

      Wer eine gefälschte Uhr kaufen will, muss nicht mehr zum Strassenhändler nach Hongkong. Ein paar Klicks genügen. Für die Schweizer Uhrenindustrie ermitteln Internetdetektive gegen die Fälscher.

      Es ist ein ungleicher Kampf, den Carole Aubert und Yves Brouze täglich führen. Zwei Personen, die sich 150 Stellenprozente teilen, gegen eine Schattenwirtschaft, die schätzungsweise 40 Millionen gefälschte Uhren im Jahr herstellt. Aubert und Brouze arbeiten für die Interneteinheit des Dachverbands der Schweizer Uhrenindustrie.

      Ihre Hauptaufgaben: gefälschte Uhren, die im Internet verkauft oder versteigert werden, aus dem Verkehr ziehen und den zuständigen Behörden weltweit Fälschernetzwerke melden. Die Erfahrungen zeigen, dass ausgehobene Netzwerke mit Fälschungen etwa 2 Millionen Franken Umsatz im Jahr erwirtschaften.

      David gegen Goliath

      Beide Internetdetektive wissen: Diesen Kampf können sie nicht gewinnen. «Aber wir können die kriminelle Aktivität empfindlich stören», sagt die gelernte Anwältin Aubert.

      Wichtigstes Arbeitsinstrument sind zwei Computer mit Internetanschluss, die in einem kleinen Büro im Hauptsitz der Fédération horlogère (FH) in Biel stehen. Es ist eines der typischen Gebäude der 1950er-Jahre, die an den Glauben grenzenlosen Fortschritts von damals erinnern. An der Wand des Büros hängt ein grosses rosa Werbeplakat für den iPod. Gefüllte Aktenschränke gehören ebenfalls zur Einrichtung.

      In der Mitte steht ein Tisch, vollgestellt mit Aktenordnern und einer offenen Paketsendung aus China. Darin steckt ein Paar Lautsprecher. «Der neuste Trick», sagt Yves Brouze, Spezialist für Verbrechen mit neuen Technologien. «Die Uhrenfälscher verstecken die kopierten Uhren in den Lautsprechern. Öffnet der Schweizer Zoll das Paket, stösst er auf unverdächtige Ware.»

      Schaden: 2 Milliarden

      Seit dem 1.Juli 2008 ist das revidierte Gesetz zum Schutze geistigen Eigentums in Kraft. In der Schweiz sind damit Import, Export, Transit und Privatgebrauch von gefälschten Produkten verboten. Der herstellenden Schweizer Industrie entgehen durch Fälschungen im Jahr schätzungsweise 2 Milliarden Franken.

      Weil der Kunde heutzutage eine gefälschte Uhr bequem von zu Hause aus im Internet bestellen kann, muss die behäbige Uhrenindustrie mit der Zeit gehen. Im Jahr 2004 hat der Dachverband deshalb die Detektive gerufen. Ihre «Internet Unit» ist der Abteilung Fälschungsbekämpfung angegliedert.

      Auf ihren Computern verfolgen Aubert und Brouze nicht nur Auktionen, sondern auch Onlineläden, die gefälschte Uhren verkaufen. Alleine im letzten Jahr gelang es den Internetdetektiven, 71'000 Versteigerungen zu vereiteln. Im laufenden Jahr dürften es bereits 120'000 sein.

      Grosse Mengen angeboten

      «Am Anfang war Ebay das Problem», sagt Aubert. «Doch inzwischen läuft die Zusammenarbeit so gut, dass kaum gefälschte Uhren mehr versteigert werden.» Dafür weichen die Fälscher auf andere Plattformen aus, die etwa von Asien aus betrieben werden. Ein neues Phänomen macht dabei der Interneteinheit zusätzlich zu schaffen: Auf diesen Onlineauktionshäusern werden neuerdings grosse Mengen an gefälschten Uhren versteigert, nicht mehr nur ein einzelner Zeitmesser. Die Rede ist von rund 300 gefälschten Uhren im Minimum.

      Eine spezielle Software hilft Aubert und Brouze, belastendes Material aus dem Internet zu sammeln und zu verwalten. So kann die Aktivität der Fälscher über Monate verfolgt werden. Die einschlägigen Seiten sind zwar bekannt. Doch oft erhalten die zwei auch Hinweise von Uhrenliebhabern. Mit den zusammengetragenen Unterlagen gelangt die Interneteinheit an die Onlineauktionshäuser und Internetversorger, auf deren Rechner verdächtige Onlineläden laufen. Sie werden dann aufgefordert, die Seiten oder Auktionen vom Netz zu nehmen.

      Die entsprechenden E-Mails mit angehängtem Beweismaterial im PDF-Format verschickt die Abteilung über das erwähnte Programm. Hier erweisen sich jedoch Sprachbarrieren als Hürde. Weil neun von zehn gefälschten Uhren in China hergestellt werden, dürften die englischen Abmahnungstexte von chinesischen Internetanbietern kaum verstanden werden. «Wir bemühen uns nun um einen chinesischen Wortlaut», so Aubert.

      Facebook entlarvt Fälscher

      Nicht immer können sich die Fälscher hinter der Anonymität des Internets verstecken. Manchmal ist das Web auf der Seite der Internetdetektive. Aubert erinnert sich an einen Fall, in dem eine auf einer Fälscher-Website publizierte Telefonnummer identisch war mit einer Telefonnummer auf Facebook. Der Fälscher hatte in diesem sozialen Netzwerk ein eigenes Profil erstellt. Bald konnte er aufgespürt und überführt werden.

      Gefälschte Uhren: Sonderfall Spam

      Gefälschte Uhren: Sonderfall Spam

      Der massenhafte Versand von E-Mails, in denen für gefälschte Uhren geworben wird, hat für die Interneteinheit des Dachverbands der Schweizer Uhrenindustrie eine besondere Dimension. «Bei Spam steht nicht unbedingt der Verkauf der gefälschten Uhr im Vordergrund, sondern oft eine kriminelle Machenschaft», sagt Carole Aubert, Leiterin der «Internet Unit».
      Spam-Aktionen würden oft durch das organisierte Verbrechen in Auftrag gegeben. Die eigentliche Absicht sei es, mit Hilfe von sogenannten Botnets Computer auszuspionieren und sensible Daten wie Passwörter und Kreditkartennummern zu stehlen. Diese würden dann weiterverkauft oder für einen Diebstahl verwendet.
      Botnets sind Programme, die sich vom Benutzer unentdeckt auf dem Computer einnisten und schädliche Software im Internet weiterverbreiten. jnm

      14 KOMMENTARE

      14 KOMMENTARE

      Alfred Kocher
      19:14 Uhr
      Kommentar meldenKein Wort darüber, dass diese Uhren genau so gut sind wie die Originale, oft sogar besser, und in einem unschlagbar: dem Preis. Die Falsche-Uhrenindustrie ist ein Geschäft für Verlieren, Randexistenzen - die Mafia verdient ihr Geld mit Drogen, Medikamenten und Waffen. Uhren sind völlig uninteressant.


      hans maag
      16:59 Uhr
      Kommentar meldenOffenbar kommen die Kommentare alle aus Basel, das keine Uhrenindustrie hat. Möchte mal sehen, wie es tönen würde, wenn das Thema "Arzneifälschungen" behandelt würde.


      Alfred Gruetzner
      14:34 Uhr
      Kommentar meldenEs ist mir einfach ein Rätsel, weshalb die Uhrenleute wegen Fälschungen einen solchen Wirbel anrichten? Wer nach einer gefälschten Edelmarke greift, wird nie Kunde sein von Rolex oder IWC, höchstens deren Werbeträger und dies gratis noch dazu.


      Hs Ulr Schmutz
      12:42 Uhr
      Kommentar melden@ Maurus Nebiker Danke für Ihren Kommentar. Da stimme ich mit Ihnen völlig überein.


      Herbert Maier
      12:21 Uhr
      Kommentar meldenRiesiger Aufwand beim Zoll wegen ein paar gefälschten Produkten. Dabei laufen dem Zoll Drogenschmuggler und andere Verbrecher ungeschoren davon ! Armes CH-Volk.


      Sigi Meier
      11:36 Uhr
      Kommentar meldenWenn eine Industrie, die jährlich mehr als 10 Milliarden Franken mit ihren Produkten umsetzt, für die Bekämpfung der Fälscher gerade einmal 150 Stellenprozente investiert, dann kann das Problem nicht so gross sein, wie es immer dargestellt wird.


      Stefan Wieder
      11:03 Uhr
      Kommentar melden... und nicht wenige kommen wohl erst durch die Kopie zum Original.


      Arthur Bassi
      10:27 Uhr
      Kommentar meldenDie im Internet oft angebotenen Copywatches sind viel zu teuer. Preise von US$ 250.- sind wirklich Betrug, kosten doch diese Uhren in verschiedenen Ländern (nicht nur Hongkong) zwischen 15.- und max. 30.- Franken. Als Gag und ohne damit Unfug zutreiben finde ich die Sache durchaus ok und der Uhrenindustrie geht damit nicht ein Franken verloren !


      Maja Huber
      10:22 Uhr
      Kommentar meldenDie herumgebotenen angeblichen Verluste der Hersteller durch Kopien ist reine Fantasie und vor allem Wunschdenken der Hersteller der Originale. Es ist wie bei der Musik und Filmindustrie: Leute die sich eine Kopie kaufen, würden sich nie und nimmer ein Original leisten. Aber die Originalhersteller erhalten durch die angeblichen Fälschungen sogar noch kostenlose Werbung.


      Joss Beaumont
      10:12 Uhr
      Kommentar meldenFälschungen sind oft derart gut gemacht, dass sie als echt - zu entsprechenden Preisen - verkauft werden. Das hat nichts mit Kunst zu tun und ist auch kein Kavaliersdelikt, das ist schlicht Betrug.


      Hans Berger
      09:57 Uhr
      Kommentar meldenDie herumgebotenen Schadenzahlen sind reine Phantasieprodukte, denn die Käufer von Fälschungen sind mitnichten potentielle Käufer der Originale. Aber der Staat lässt sich bereitwillig zu Aktionitis bewegen (inkl. Einsatz von Steuergeldern) und unterstützt so die Phobien der Branche. Gleichzeitig wird auch noch mit der Gefahr vor Malware auf dem Computer argumentiert, reine Angstmacherei der Lobby!


      peter ess
      09:30 Uhr
      Kommentar meldenIst es nicht möglich dass ein Softwareprogramm entwickelt wird um ein zusaetzlicher Spam Schutz gegen diese Fälschungen zu geniessen?


      Maurus Nebiker
      09:30 Uhr
      Kommentar meldenWas von der westlichen Welt einfach nicht wahrgenommen werden will, dass Nachmachen und Imitieren in China eben kein Verbrechen ist, sondern eine Kunst. Chinesen die eine 100% Replik eines Objektes machen können, sind hoch geachtet. Es ist eben so, dass nicht die ganze Welt unsere Auffassung und unser Rechtssystem begreift und haben will. Aber Geschäfte mit ihnen machen, das wollen wir.


      Urs Balden
      09:26 Uhr
      Kommentar meldenDer genannte Schaden von 2 Mrd. ist Augenwischerei. Kein Mensch, der ein Plagiat kauft, würde stattdessen das teure Original kaufen. Ich als Uhrensammler bin auch gegen Fälschungen, aber bei dem genannten "Schaden" sollte man realistischer sein. Bestenfalls ein gewisser Reputationsschaden "könnte" noch entstehen, wenn die Fälschungen als Originale betrachtet werden, aber die Qualtitä nicht stimmt.