Die wachsende Lust an Unruh und Zahnrädchen

      Die wachsende Lust an Unruh und Zahnrädchen

      Die wachsende Lust an Unruh und Zahnrädchen

      09. April 2008 Die traditionsreiche Manufaktur Jaeger-LeCoultre überraschte in Genf mit seinem sogenannten Gyrotourbillon 2. Das ist mehr als der seit gut 200 Jahren von Abraham Louis Breguet bekannte Drehgang, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Präzision der Zeitanzeige von senkrecht getragenen (Taschen-)Uhren auszugleichen. Immerhin galt diese Konstruktion bis vor wenigen Jahren noch als Nonplusultra in der mechanischen Uhrmacherei. Der Käfig mit der Unruh wird bei Jaeger-LeCoultre nicht nur horizontal, sondern auch über eine weitere Achse bewegt, so dass diese Art von Tourbillon auf einmal kugelig daherkommt. Ebenso in Genf ist so eine ähnliche Konstruktion von Girard-Perregaux zu sehen, deren Gesicht nicht wie markenüblich drei, sondern nur zwei Brücken zieren. In jedem Fall ein feinmechanisches Meisterwerk, das nur mit hochleistungsfähigen Konstruktionsrechnern und computergesteuerten Bearbeitungszentren zu produzieren ist.

      Seit wenigen Jahren gibt es solch aufwendige Drehgang-Konstruktionen wie von Franck Muller, Thomas Prescher, Greubel-Forsey, die - und das ist neu - kein Vorbild mehr haben in der großen alten mechanischen Uhrmacherei. Das gilt dieses Jahr wieder einmal für A. Lange & Söhne aus Glashütte. Die Sachsen zeigen zwar in ihrer Rechteckuhr Cabaret (Foto) aus Platin für 205.000 Euro - auf den ersten Blick wenig spektakulär - nur ein einfaches, klassisches Tourbillon. Doch wie immer steckt bei ihnen die wahre Meisterschaft im Detail: Erstmals ist es gelungen, Unruh und Tourbillonkäfig anzuhalten, um die Uhr auch sekundengenau zu stellen. Das hat in der mehr als 200 Jahre währenden Geschichte dieses Drehgangs noch niemand erreicht. „Was bringt mir eine so genaue Uhr“, argumentiert Lange-Konstrukteurin Annegret Fleischer kühl, „wenn ich ihre Präzision nicht ablesen kann?“ Kenner werden einwenden, man hätte das mit dem sogenannten „Zero Reset“ (Nullstellung des Sekundenzeigers nach Ziehen der Krone) verbinden können. Doch „die Uhr wäre doppelt so dick geworden“, erklärt Lange-Chef Fabian Krone.

      Aufregende Reiseuhr

      Innovationen treiben auch Langes Nachbarn Glashütte Original, wo man an einer aufregenden Reiseuhr arbeitet, die erstmals neben den 24 Hauptzeitzonen auch die sechs auf eine halbe oder viertel Stunde lautenden Nebenzeitzonen wie in Indien, Iran oder Australien anzeigen kann; die Sommer- und Winterzeit soll ebenfalls jeweils berücksichtigt werden können. Natürlich sind ein „ewiger“ Kalender enthalten und ein Wecker, für den, der sich auf den Weckruf der Hotelrezeption nicht verlassen will. Im Februar nächsten Jahres soll diese Grand Complication in Serie gehen - der Preis wird bestimmt nicht unter einer halben Million Euro liegen.

      Neuerungen gibt es natürlich auch bei preiswerteren Marken: Panerai steckt sein Chronographenwerk mit schwarzen Brücken in ein schwarzes Keramikgehäuse Luminor GMT (Foto), nur am kleinen Mono-Drücker bei der „8“ ist die Stoppuhr als solche zu erkennen. TAG-Heuer lässt in seinem Chronographen Grand Carrera RS aus schwarzem Titan (Foto) sowohl beim Minuten- als auch beim Stundenzähler nicht die Zeiger, sondern die Scheiben kreisen. Sie gilt mit 5400 Euro als für viele erschwinglich; „RS“ bedeutet nicht wie bei Porsche „Rennsport“, sondern „rotating system“. Oris hat seinem Flighttimer eine eigenwillige „vertikale Krone“ mitgegeben, die zwar wie ein ungewöhnlicher Appendix am rechten Gehäuserand wirkt, aber wie ein Instrument im Cockpit von oben justiert und aufgezogen werden kann. „Oris ist keine Manufaktur“, sagt Unternehmenschef Ueli Herzog, man lasse die Technik entwickeln und auch zusammenbauen.

      Das macht Maurice Lacroix nicht anders. Die Züricher Marke - sie steht in Deutschland eher für preiswerte, oft noch mit Quarzwerken ausgestattete Zeitmesser - buhlt in Basel mit seiner Memoire 1 um Aufmerksamkeit. Das ist ein komplizierter Chronograph, der von der Momentanzeit auf die Stoppzeit umgeschaltet werden kann; dabei bleibt jeweils die nicht gerade angezeigte Zeit im mechanischen „Gedächtnis“. Maurice Lacroix hat das gute Stück bei dem genialen Konstrukteur Lorant Besse in Auftrag gegeben. Es soll helfen, dass diese Uhrenmarke in der Haute Horlogerie Akzeptanz findet.

      Auf 50 Exemplare limitierte Kontiki

      Das ist auch der Weg von Eterna aus Grenchen, seit zehn Jahren im Besitz der Porsche-Familie. Die wiedergeschaffene Manufaktur hat eine kleine Reihe von zehn eigenen Uhrwerken fertiggestellt. Das Automatik-Kaliber 3010 tickt jetzt in der rotgoldenen, auf 50 Exemplare limitierten Kontiki (Foto) für 14.300 Euro - so eine Uhr hatte 1958 der Südseeforscher Thor Heyerdahl am Handgelenk. Das eigene Werk demonstriert Eternas frühere Uhrmacherkompetenz, schließlich wurde dort einst der Kugellagerrotor erfunden, und das Werkkaliber 1466 tickte 1963 in der Eternamatic 3000, das Vorbild war für das immer noch recht beliebte Eta-Werk Kaliber 2892. Eterna war in den dreißiger Jahren Mitgründer des großen Werkeherstellers Eta, der heute zur Swatch-Group gehört. Sogar die Hausmarke des bekannten Schweizer Uhrenhändlers Bucherer, Carl F. Bucherer, zeigt mit dem CFB1340 ein eigenes Manufakturwerk. Bucherer-Chef Thomas Morf: „Wir wollen unabhängig sein.“

      Die Unabhängigkeit ist neben dem Image eine Haupttriebfeder für die eigene Innerei. Was auf den ersten Blick wenig rational erscheint, denn auf diese Weise muss immer wieder das Rad neu erfunden werden. Doch mit vernünftigen Argumenten lässt sich die feine Uhrmacherei sowieso nicht erschließen. Das begann vor nicht mehr als einem Vierteljahrhundert, als die ersten Uhrmacher auf der Baseler Messe mit ihrer „Renaissance der Mechanik“ eine Chance für die traditionelle Uhrmacherei gegen die damals von Billiguhren beherrschte Quarztechnik suchten. Quarz ist zwar immer noch modern und hochpräzise, die Mechanik spielt aber ihre ästhetischen Vorzüge aus und ist heute in fast allen Luxusuhren enthalten. Der alte Plan, bewährte Mechanik billig bei den bekannten Herstellern Eta, Frédéric Piguet oder Nouvelle Lemania einzukaufen und in Gehäuse einzuschalen, war schnell zerstört, denn bereits Anfang der neunziger Jahre waren alle drei im Besitz der Swatch-Group, die zwar ihre fremden Kunden belieferte, aber sie dadurch in Abhängigkeit hielt.

      Wie man sich langsam daraus entwinden konnte, zeigt die kleine Marke Nomos aus Glashütte. Sie baut seit 1992 das einfache Eta-Handaufzugswerk Peseaux 7001 in alle ihre Uhren ein. Weil aber in der Stadt Glashütte ein Wertschöpfungsanteil von mindestens der Hälfte des Werkpreises gilt, hat Nomos die Mechanik aufwendig verziert und mit gebläuten Schrauben versehen; bald hat man alle Brücken selbst gefräst und bezeichnet sich seitdem als Manufaktur. Seit Nomos dieses Jahr seine Club-Serie um etwas größere Modelle erweiterte, wirkt die „kleine Sekunde“ am Zifferblatt etwas hochgerutscht. Nomos-Chef Roland Schwertner: „Wir brauchen einen neuen Rädersatz.“ Denn man arbeitete immer noch mit den Rädern des kleinen alten Peseaux 7001. Nomos wird bald mit einem ganz eigenen Uhrwerk kommen.

      Seit zehn Jahren Uhren von Montblanc

      Die deutsche Füllerfirma Montblanc, von der es seit zehn Jahren auch Uhren gibt, hat das bereits, weil sie sich als Richemont-Konzern-Tochter einer gemeinsamen Manufaktur bedienen kann. Dort ist der Chronograph entstanden, der nach dem Erfinder der Stoppuhr Nicolas Rieusses (Foto) benannt ist. Einst hatte er einen Zeiger mit einem Tropfen Tinte, den man zum Stoppen aufs Zifferblatt drücken musste, damit er dort einen Tintenklecks hinterließ. Der neue Chrono kleckst natürlich nicht mehr. Auch Frédérique Constant aus Genf hat bereits eine eigene Mechanik. Die erst 1988 von dem Holländer Peter Stas gegründete Manufaktur schnitt anfangs nur ein Loch ins Zifferblatt, baute dort gut sichtbar die Unruh ein, damit es aussehe, als drehe sich dort ein Tourbillon. Jetzt hat die Manufaktur wirklich eines, und die Uhr sieht aus wie viele Uhren von Breguet. Wer ein Tourbillon haben will, der bekommt eines. Denn dafür gibt es längst viele spezialisierte Entwicklungsteams wie Christophe Claret, Renaud & Papi oder das Duo Stephen Forsey und Robert Greubel, die jede Innovation in der neuen mechanischen Uhrmacherei zu allen Marken tragen.

      Kein Wunder, dass die traditionellen Zelebranten der hohen Uhrmacherkunst immer schneller weiterziehen müssen, zumal Frédérique Constant in seiner Drehganguhr das Hemmrad schon aus Silizium gefertigt hat. Patek Philippe aus Genf gilt - neben Ulysse Nardin - als Promoter der neuen Materialien im Bereich der Gangregler. Denn dort - das hat man längst festgestellt - sind Stahl und Stein nicht die ideale Kombination für einen stabilen Gang. In Basel zeigt Patek Philippe jetzt auch einen Anker aus seinem speziell bearbeiteten Silizium (Silinvar); Hemmrad und Spirale waren schon in den vorigen Jahren vorgestellt worden. Mittlerweile ist das komplette Regulierorgan aus diesem Wunderkristall. „Leistung und Zuverlässigkeit sind nachhaltig verbessert“, konstatiert zufrieden Patek-Chef Philippe Stern. Der Zweck ist klar: Die Teile sind extrem leicht, widerstandsfähig, und ihre Oberfläche ist so glatt, dass kein Öl mehr benötigt wird. Anfangs sollen 300 Uhren von Patek Philippe damit ausgerüstet werden. Neue Materialien ermöglichen es der Manufaktur Chopard aus Fleurier, eine bisher unerreichte Schlagzahl von 10 Hertz oder 72.000 Halbschwingungen in der Stunde zu erreichen; der schnellste Schwinger bisher war das alte Chronographenwerk El Primero mit 5 Hertz - die Unruh führt 36.000 Halbschwingungen aus.

      „Meine Uhr ist profiliert“

      Dass neue Materialien auch im Gehäuse Revolutionen auslösten können, zeigt Jean-Claude Biver. Der Gründer von Blancpain und jetzige Präsident von Hublot hat Keramik mit Wolfram verbunden und daraus ein extrem leichtes wie hartes Material erreicht, das aussieht wie angelaufenes Messing. Im Inneren arbeitet zwar das alte Chronographenwerk Valjoux 7750, aber seine Platinen sind aus Magnesium gefertigt. „Meine Uhr ist profiliert, groß und wiegt nicht mehr als 73 Gramm“, sagt Biver mit seinem breiten Lachen. Sie kostet mit 20 000 Euro mehr als eine Golduhr. „Golduhren haben meine Kunden zuhauf.“ Darüber sind sie offenbar bereits hinweg.

      Andere Uhrenmarken machen gerne alte Uhren nach, meistens die eigenen: IWC hat jetzt zu seinem 140. Geburtstag seine beliebtesten Modelle wie Fliegeruhr, Ingenieur, Aquanaut, Portofino, Portugieser und Da Vinci kopiert. Wahrscheinlich hat sich IWC-Chef George Kern an seine Zeit bei TAG-Heuer erinnert, wo man auch sehr gerne die alten Heuer-Modelle wie Carrera und Monaco wieder ins Programm aufgenommen hatte und seitdem sehr erfolgreich damit ist. Auch Breguet hat eine Uhr kopiert, die Grand Complication, die einst für die französische Königin Marie-Antoinette vorgesehen war. Das Original hat übrigens die Regentin nie wirklich zu Gesicht bekommen, denn 1827, als sie endlich fertig war, war sie bereits 34 Jahre tot. Breguet-Chef Nicolas Hayek hat diese legendäre, hochkomplizierte Taschenuhr mit einem frühen Automatikaufzug nach alten Plänen nachbauen lassen. Sie soll nicht verkauft, sondern ausgestellt werden, war am Rand der Vorstellung in Basel zu hören. Denn das Original ist 1983 aus einem Museum in Jerusalem gestohlen worden. Vor wenigen Monaten tauchte das Original plötzlich wieder auf. Ob Hayek darüber wirklich glücklich ist? Jetzt muss der Breguet-Sammler wieder nach Jerusalem fahren, um eines der wichtigsten Werke dieser großen Uhrmacherei zu besichtigen, und nicht etwa nach Paris in Hayeks Breguet-Museum.
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      Unauffällige Komplikationen, schlichte Tradition

      Unauffällige Komplikationen, schlichte Tradition

      21. April 2007 Verwirrende Anzeigen und überladene Zifferblätter liegen derzeit nicht im Trend. Nur Franck Muller aus Genf stellt seine Technik noch prominent zur Schau: Es ist die neue Aeternitas, deren 1.400 Teile ein „fliegend“ (einseitig) gelagertes Tourbillon, einen Chronographen (Stoppwert) mit Rattrapante, einen wirklich ewigen Kalender und vieles mehr anzeigen. Vier Tonfedern machen die Zeit hörbar, wenn man die richtige Taste drückt. Vierzehn verschiedene Anzeigen hat diese tonneau-förmige Uhr der Ewigkeit zu bieten - keine ist komplizierter.

      Aber hochkomplizierte Uhren sind auf der Uhrenmesse in Basel und im Salon de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf selten geworden. Das bedeutet freilich nicht, dass sich die Uhrmacher nicht intensiv Gedanken machen, was an Information noch so ans Handgelenk könnte. Dafür kommt ihnen ein Ereignis gerade recht: Im spanischen Valencia wird im Frühsommer die Segelregatta um den America's Cup ausgefahren.

      Beliebter Tourbillon

      Dort geht es vor allem darum, die zehn Minuten vor dem Start korrekt herunterzuzählen: TAG-Heuer macht es mit seiner Calibre S zwar elegant, muss sich aber eines Quarzwerks bedienen. Audemars-Piguet kann das in der Alinghi Team Chronographe mit traditioneller Mechanik. Ebenso Rolex mit seiner neuen Yacht-Master II, die sich noch nachträglich synchronisieren lässt, wenn man den ersten Schuss verschlafen hat. Sie signalisiert aber nicht optisch das Ende der Startphase. Wohl am meisten Mühe gibt sich Girard-Perregaux mit der Regattafunktion, denn seine Laureato Regatta packt zur rückwärts laufenden Chronographentechnik noch ein fliegendes Tourbillon dazu. Der Preis ist entsprechend: 300.000 Schweizer Franken.

      Das Tourbillon (der bei der „6“ minütlich rotierende Käfig mit der Unruh) hat nichts von seiner Beliebtheit bei den Luxusmarken eingebüßt: Breguet zeigt gleich zwei Versionen und experimentiert dabei mit Saphirgläsern und Titan als Material für die winzigen Stege des Tourbillonkäfigs. Chopard stellt im zierlichen Tourbillon SL eine superleichte Version aus Titan vor, der ganz auf den Käfig verzichten kann. Panerai baut ihn nicht wie üblich mit dem Werk horizontal ein, sondern kippt ihn um 90 Grad, damit er sich vertikal bewegt; auf diese Weise kann die Technik am Handgelenk wirklich die Ganggenauigkeit verbessern. Auch die Optik kommt nicht zu kurz: Durch das Loch im Zifferblatt kann man es gut sehen, denn dahinter ist ein Spiegel angebracht. Genug Platz für die neue Konstruktion findet Panerai sowieso in seinen immer üppig dimensionierten Uhren.

      Mitgelieferter Drehmomentschlüssel

      Glashütte lagert seinen Tourbillon-Käfig in der Assmann 4 nur einseitig und beschränkt sich auf eine halbkreisförmige, retrograde (rückspringende) Minuten- und Stundenanzeige. Die Assmann 4 ist wie immer eigentlich eine kleine Taschenuhr, die sich mit einem Ring samt Krokoarmband am Handgelenk befestigen lässt. Auch hat Hublot in seiner Big Bang neuerdings eine solche hohe Technik eingebaut und schmückt alles drum herum mit lauter Baguettediamanten, so dass man das Material des Uhrengehäuses nicht mehr sehen kann - der nicht gerade unauffällige Zeitmesser ist für eine Million amerikanische Dollar haben.

      Wie man einen hohen Preis ohne sichtbare Komplikation erzielen kann, zeigt A. Lange & Söhne aus Glashütte mit seiner Lange 31 für 130.000 Euro. Das ist nicht mehr als eine große Uhr im Platingehäuse (Durchmesser 46 Millimeter) mit vier Zeigern: drei für die Zeit, einer für die Gangreserve. Und darauf kommt es an. Denn die Uhr muss nur einmal im Monat aufgezogen werden, sie läuft 31 Tage lang. Das Herz ist diesmal nicht die Unruh, die 21.600 Halbschwingungen in der Stunde vollzieht, sondern ein übergroßes Doppelfederhaus mit einem Innendurchmesser von 26 Millimeter. Um die Energie für einen ganzen Monat zu speichern, ist nicht nur eine lange Stahlfeder nötig, die Kunst liegt vor allem darin, die Kraft konstant an das Hemmsystem abzugeben. Dazu hat Lange eigens eine Art Nachspannwerk konstruiert, das selbst als eine Art Hemmpartie funktioniert (wir werden diese Technik in den nächsten Monaten eigens vorstellen.) Aufgezogen wird die Uhr mit einem mitgelieferten Drehmomentschlüssel.

      Sekundenbruchteile mechanisch anzeigen

      Die Kunst der Uhrmacherei erkennt man bei der Opus 7 von Harry Winston erst auf den zweiten Blick, denn der Uhrmacher Andreas Stehler, der sie in diesem Jahr fertigen durfte, hat sich eine wechselnde Anzeige ausgedacht: Je nach Kronenstellung zeigt die Uhr die Stunde, die Minute oder die Gangreserve. Überhaupt nicht zu sehen ist das Geheimnis der Master Compressor Extreme Lab von Jaeger-LeCoultre, denn sie muss nicht mehr geschmiert werden. Werksteile aus Karbon und Silizium gestatten es, ganz auf Öl zu verzichten, weil ihre Oberflächen einfach glatter sind; wo sie nicht eingesetzt werden können, wird eine Molybdänschicht aufgetragen, oder es werden zusätzlich künstliche Rubine eingesetzt. Damit braucht die Uhr nicht mehr zum teuren Service, sie läuft auch bei extremer Wärme oder Kälte problemlos.

      Jaegers Uhrmacher aus Le Sentier zeigen auch einen neuen Chronographen, der als sogenannter Foudroyante selbst Bruchteile von Sekunden mechanisch zuverlässig anzeigen kann, und eine Taucheruhr mit mechanischem Tiefenmesser. Er soll einwandfrei funktionieren. IWC aus Schaffhausen hat seine Linie Da Vincy gründlich überarbeitet, 20 Jahre lang die wohl erfolgreichste komplizierte Armbanduhr. Der Chronograph ist jetzt in der Tonneauform möglich, weil die beiden Totalisatoren für gestoppte Stunden und Minuten in eine einzige Anzeige unterhalb der „12“ zusammengefasst sind. Die Anzeige folgt gleichsam dem vertrauten Prinzip des Zifferblatts: Die gestoppte Zeit kann erstmals auf einen Blick abgelesen und muss nicht mehr umständlich von zwei Unterzifferblättern addiert werden.

      Magnetgeschützte Rolex

      IWC hat für die Da-Vincy-Kollektion eigens Werke konstruiert; der Chronograph wird jetzt mit einem aufwendigen Kolonnenrad gesteuert, der Automatikaufzug erfolgt über eine Weiterentwicklung des Doppelklinkenaufzugs, das einst von Albert Pellaton erdacht wurde. Für die Versionen mit Ewigem Kalender kommt weiterhin die 1985 erstmals vorgestellte Version von Kurt Klaus zum Einsatz, der als einziges Kalendarium dieser Art auch die Jahreszahl korrekt anzeigt. Es sind vor allem die nützlichen Anzeigen, die überall zu finden sind: Porsche Design, eine Lizenzmarke von Eterna, bringt einen großen, formschönen Worldtimer, dessen 24 Zeitzonen über den von der Luftfahrt bekannten Three-Letter-Code der Flughäfen einstellbar sind; auf Knopfdruck wird die so eingestellte Zeit auf die Zifferblattzeiger übertragen.

      So eine Weltzeituhr kombiniert Zenith mit einem Großdatum und dem markenüblichen Chronographen (El Primero) mit dem sonderbaren Loch im Zifferblatt. Corum hat jetzt eine mechanische Tidenuhr, auf der man -gesteuert über die Mondphase - am Meer den regelmäßigen Wechsel von Ebbe und Flut ablesen kann. Und Rolex bringt eine neue Milgauss, eine magnetgeschützte Uhr, deren Uhrwerk auch bei Magnetfeldern mit einer Stärke bis 1000 Gauss nicht aus dem Takt kommt.

      An fünfziger und sechziger Jahre anknüpfen

      Fast alle Marken entdecken alte Tugenden: etwa dass zur Zeitanzeige nicht mehr als zwei oder drei Zeiger nötig sind. Omega nennt seine neue Kollektion De Ville gleich wortspielerisch „Hour Vision“. Drei Zeiger, Datumsfenster - was braucht man mehr? Bei der Swatch-Marke hat man erkannt, dass man wieder ein eigenes Werkskaliber braucht und hat sich bei der Eta zwei entwickeln lassen: Kaliber 8500 und 8501. Es ist 13 Linen groß und hat die übliche Coaxial-Hemmung; zwei in Serie geschaltete Federhäuser halten die Zeiger 60 Stunden in Gang.

      Zusätzlich hält das Gehäuse bis 100 Meter Tauchtiefe wasserdicht und ist bis 5000 g stoßsicher. Elegant und robust - eine recht feine Uhr für den Alltag, die im Stahlgehäuse und am Stahlband knapp 5000 Euro kostet. Die Bieler Uhrmacher wissen natürlich, wo sie anknüpfen wollen: In den fünfziger und sechziger Jahren waren sie mit der ähnlich ausgestatteten Constellation in Europa Marktführer bei Luxusuhren.

      Bescheiden aber nicht billig

      Auch andere Marken lassen sich von ihrer Geschichte inspirieren: Patek Philippe findet für seine neue tonneauförmige Gondolo das Vorbild 1925; jetzt zumindest mit einem schönen Formwerk in ihrem Inneren. Eterna hat mittlerweile fünf eigene Uhrwerke konstruiert und darf sich nun mit Fug und Recht wieder Manufaktur nennen. In der flachen Big Date tickt das Kaliber 3030. Chronoswiss hat leider keine so lange Geschichte, weil die Marke erst Anfang der Achtziger in München gegründet worden ist. Trotzdem orientiert sich die rechteckige Imperator an altem Patek-Design, allerdings tickt darin das normale Eta-Werk 2892.

      Die zumindest in Europa etwas vergessene Genfer Manufaktur Piaget hat ihr altes, flaches Uhrwerk 9P überarbeitet und zeigt es in einer wunderschönen Dreizeigeruhr. Auch Universal Genève besinnt sich seiner großen Geschichte und zeigt eine elegante Automatikuhr mit dem markentypischen Mikrorotor. Was Genfern recht ist, ist Glashüttern billig: Nomos kommt mit der Club in einem etwas kleineren Gehäuse für 780 Euro. In der Senator Sixties von Glashütte schimmert etwas sächsische Eleganz, das Manufakturkaliber 39 gibt den Takt an. In Stahl ist dieser Zeitzeiger für 4900 Euro wohlfeil. Auch Schwarzwaldmarken bemühen sich um hohe Uhrmacherkunst: Erhard Junghans heißt eine schon länger bekannte Kollektion mechanischer Uhren, Jakob Kienzle eine ganz neue. Von Kienzle kam in den sechziger Jahren eine „Volksautomatik“ für günstige 60 Mark, jetzt wird sogar eine Fünf-Minuten-Repetition angeboten, für stolze 8900 Euro. Immer mehr Uhren sehen zwar bescheiden aus, billiger werden sie aber dadurch nicht.