Diamantenfieber in Südafrika

      Diamantenfieber in Südafrika

      Diamantenfieber in Südafrika

      Vor 105 Jahren wurde in Südafrika der größte Rohdiamant der Welt gefunden. Der berühmte „Cullinan“ steht für das Ende einer Ära, die Südafrika prägte.

      Der „Cullinan“ gilt als größter Rohdiamant der Geschichte. Über 600 Gramm schwer war der Stein, als er am 26. Januar 1905 in der südafrikanischen Provinz Transvaal in der Nähe Pretorias entdeckt wurde. Als Geschenk für König Edward VII. wurde er nach England geschickt. Die Verantwortlichen hatten so große Angst vor einem Diebstahl des berühmten Steins, dass sie beim Transport zu einer List griffen. Im Jahr 1907 fuhr ein Schiff von Südafrika nach England, das von weltweiter Aufmerksamkeit begleitet wurde. Angeblich wurde damit der „Cullinan“ transportiert. Tatsächlich war das Schiff aber nur ein Ablenkungsmanöver: Der Diamant wurde ganz einfach per Post versendet.

      Bei der Weiterverarbeitung wurde er in ganze 105 Teile gespalten, von denen der größte als „Great Star of Africa“ später ins Zepter des englischen Königs eingearbeitet wurde. Die neun größten Diamanten zählen noch heute zu den englischen Kronjuwelen und befinden sich im Tower of London.

      Diamantenrausch

      Der Rekordfund vor 105 Jahren fiel schon in die Endzeit des südafrikanischen Diamantenfiebers. Ursprünglich waren weltweit nur in Indien Diamanten abgebaut worden, das ebenfalls zum britischen Empire gehörte. Als 1867 der erste Diamant in Südafrika entdeckt wurde, begann die Jagd auf die kostbaren Steine auch dort. Am Fundort, der Farm der Gebrüder De Beer in der Nähe von Kimberley, begann ein chaotisches Schürfen und Buddeln, sodass die ursprünglichen Besitzer schließlich ihren Hof den Diamantensuchern überließen.

      Den Sog, den dieser Fund auslöste, beschreibt Autorin und Südafrika-Expertin Elke Losskam: „1872 lebten bereits 20 000 Europäer, viele Schwarze und „Coloureds“ an der Fundstelle, die sich als eine der größten Diamantenadern der Welt entpuppte. Die Siedlung an der Fundstelle wurde die Diamanten-Hauptstadt der Welt – Kimberley.“

      Reichtum aus dem Boden

      Zur Förderung müssen tiefe Minen in den Boden getrieben werden. Diamanten sind Erdmantelgesteine, die bei Eruptionen in einer hohen Geschwindigkeit nach oben befördert werden. Diamantenminen folgen dann den Schloten dieser Ausbrüche, den sogenannten Pipes. Durch den Entstehungsprozess bekommt das Gestein seine Härte, die auch für seinen Namen verantwortlich ist. Das griechische Wort „adamas“ bedeutet so viel wie unbezwingbar. Diese Eigenschaft des Diamanten ist für die Förderer weitaus wichtiger als seine Schönheit. Denn nur ein Bruchteil wird als Schmuck verarbeitet, viel wichtiger sind Diamanten als Rohstoff für die Industrie.

      Für Südafrika sei der Reichtum zum Rückgrat der modernen Industrie geworden, erklärt Politikwissenschaftler Martin Pabst: „Der in den 1870er-Jahren einsetzende Abbau von Diamanten in der Kapkolonie und von Gold in Transvaal ermöglichte den schnellen Aufbau einer verarbeitenden Industrie.“

      Schnelles Geld und große Selbstüberschätzung

      Die Diamanten zu fördern wurde mit jedem Jahr schwieriger. Die Minen mussten immer tiefer in den Boden getrieben werden. Als das Diamantenfieber durch die erschwerten Förderbedingungen zunächst abebbte, schlug die Stunde der großen Investoren. Da sich die Arbeit für Einzelne nicht mehr lohnte, brauchte man finanziell gut gestellte Unternehmer, die eine industrielle Förderung organisieren konnten. Diese Umstände wusste der Engländer John Cecil Rhodes zu seinen Gunsten zu nutzen, der erste Erfahrungen in der Goldförderung in Südafrika gemacht hatte, wonach er zurück in England im etablierten Oxford studierte. Vor allem diese Ausbildung sieht Elke Losskam als Grundstock seiner unternehmerischen Tätigkeiten: „Seine Oxforder Kontakte verschafften ihm britisches Kapital und er begann, die Diamantminen-Aktivitäten zu kontrollieren.“

      Zunächst kaufte Rhodes den bisher aktiven Glücksrittern ihre, für sie wertlos gewordenen, Schürfrechte ab und nahm danach die Förderung mit Maschinen im großen Stil erneut auf. Zusammen mit seinem größten Konkurrenten gründete er 1888 die Gesellschaft „De Beers“, die sich nach dem ersten Fundort bei Kimberley nannte. Bereits ein Jahr später zahlte er seinen Kompagnon mit über fünf Millionen Pfund aus. Damit hatte er den bis dahin höchsten Scheck ausgestellt – und war mit einem Mal alleiniger Herr über sämtliche Diamantminen Südafrikas.

      Vom Kap bis Kairo

      Doch das war dem Unternehmer noch lange nicht genug. Mit der britischen Regierung handelte John Cecil Rhodes aus, dass er das britisch kontrollierte Territorium in Afrika weiter nach Norden ausdehnen sollte. Der große Widersacher der Briten waren die europäischstämmigen Buren, die in Transvaal auf großen Diamant- und Goldvorkommen saßen.

      Damit standen sie dem Politikwissenschaftler und Südafrika-Experten Pabst zufolge den ambitionierten Plänen der Kolonialmacht im Weg: „Kolonialminister Joseph Chamberlain und Kap-Premier John Cecil Rhodes strebten nach einem britischen Afrika vom Kap bis Kairo. Die Burenrepubliken wurden eingekreist.“
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      Auf Diamanten und Gold gebaut

      Auf Diamanten und Gold gebaut

      Bodenschätze begründen den Reichtum von Afrikas einzigem Industriestaat

      Wie Südafrikaner sind stolz darauf, der einzige Industriestaat auf dem afrikanischen Kontinent zu sein. Es waren vor allem Bodenschätze - Gold und Diamanten -, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Grundstein für den Reichtum der bis dahin rein landwirtschaftlich geprägten britischen Kolonie bildeten. Noch heute ist der Bergbau wichtig - Unternehmen wie De Beers (Diamanten) oder Anglo Ashanti (Gold) gehören zu den globalen Marktführern. Doch vor allem im Bereich Dienstleistungen und im Industriesektor liegt Südafrikas Zukunft. Mit Letzterem erwirtschaftet es 24 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts.

      Wer Südafrika besucht, hat den Eindruck, in einem gespaltenen Land zu sein. Parallel nebeneinander existieren die Erste und die Dritte Welt - dazwischen ist viel Platz. Südafrika ist eines der Länder mit dem weltweit größten Gefälle zwischen Arm und Reich. Die Infrastruktur ist gut ausgebaut, die Währung Rand ist stabil, die Inflation für afrikanische Verhältnisse gering. Bis 2008 wuchs die Wirtschaft rasant. Weil Südafrika in den 16 Jahren seit dem demokratischen Wandel eine positive Entwicklung durchlaufen hat, gehört es als einziges afrikanisches Land zur Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellennationen (G 20). Die Rezession als Folge der globalen Finanzkrise traf Südafrika 2009 nicht so hart wie andere Teile der Welt, auch dank der Milliarden-Investitionen in Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Das Hauptproblem Südafrikas ist die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit zwischen (offiziellen) 25 und (geschätzten) 40 Prozent - denn es gibt eine hohe Dunkelziffer aufgrund der verbreiteten Tagelöhnerei sowie lückenhafter Statistiken. Riesige Townships, einst für Wanderarbeiter auf dem Reisbrett entworfene Vorstädte, säumen die großen Metropolen. Jobs, Wohlstand und Wohnraum für das Millionenheer der schwarzen Township-Bewohner zu schaffen - daran wird sich auch der mittlerweile vierte schwarze Präsident seit den ersten freien Wahlen 1994 messen lassen müssen. Einiges ist bereits erreicht - Wohnungen wurden gebaut, die Infrastruktur wurde verbessert, die Gewerbeentwicklung in den Townships gefördert. Knapp vier Millionen Schwarze zählen inzwischen zu Südafrikas Mittelklasse. Selbst in Johannesburgs bekanntestem Township Soweto, wo Wellblechhütten meist schon festen Häusern gewichen sind, wachsen riesige Einkaufszentren wie die Maponya Mall aus dem Boden. Doch gleichzeitig vergrößert sich das soziale Gefälle. Gesetze, die darauf abzielen, vorrangig Schwarzen und Frauen den Zugang zu Jobs zu erleichtern, werden wiederum von vielen weißen Südafrikanern als Diskriminierung empfunden.

      Neben dem Export von Bodenschätzen hat sich Südafrika als Produzent hochwertiger Agrarprodukte einen Namen gemacht, auch bei deutschen Konsumenten. Weine vom Kap sind beliebt, Trauben, Äpfel und Zitrusfrüchte sind in allen deutschen Supermärkten zu finden. Lange war Deutschland Südafrikas wichtigster Außenhandelspartner. Doch Mitte des vergangenen Jahres wurde die Bundesrepublik von China auf Platz zwei verdrängt - in Afrika droht der Westen ins Hintertreffen zu geraten. Rund 350 deutsche Unternehmen erzielen am Kap einen Umsatz von fast 18 Milliarden Euro und beschäftigen 68 000 Arbeitnehmer. Der Automobilsektor spielt dabei eine hervorgehobene Rolle. BMW, Daimler und VW haben jeweils eigene Produktionsstätten in Südafrika. Ein Großteil der Fahrzeuge wird exportiert, in andere afrikanische Länder oder in die USA zum Beispiel.

      Nicht nur politisch spielt Südafrika als "Mittelmacht" für den Kontinent eine zentrale Rolle, auch wirtschaftlich gehen vom Kap entscheidende Impulse aus: Südafrikas Telekommunikationsunternehmen beherrschen den gesamten Subsahara-Raum. Die Groß- und Einzelhandelsketten des Landes breiten sich in neuen, von südafrikanischen Bauunternehmen geplanten und gebauten Einkaufszentren in allen Teilen Afrikas aus. Das in vielen afrikanischen Ländern beliebte heimische Bier wird von Tochterfirmen der SABMiller gebraut, weltweit der zweitgrößte Brauereikonzern. Südafrika ist nicht nur der größte Investor in den Subsahara-Staaten, sondern zieht auch afrikanisches Kapital und Know-how in Form von Akademikern an. Am Kap konzentriert sich nicht nur Afrikas Kapital, sondern auch die intellektuelle Elite - sehr zum Verdruss des Kontinents.

      Zu den wichtigsten Devisenquellen gehört der Tourismus, der zuletzt fast zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuerte. Über sieben Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr Südafrika, davon 250 000 Deutsche, nach den Briten die zweitgrößte Gruppe. Die Regierung fördert den Tourismus stark, da er sehr beschäftigungsintensiv ist: Acht Touristen schaffen einen Arbeitsplatz. Insgesamt 1,1 Millionen Menschen sind landesweit im Tourismus tätig.