Wer gute Freunde hat, lebt länger

      Wer gute Freunde hat, lebt länger

      Risiko Einsamkeit:
      Wer gute Freunde hat, lebt länger

      Verzicht auf Zigaretten, Bewegung und eine gesunde Ernährung - um lange zu leben, unternehmen Menschen viel. Doch reicht das aus? Allem Anschein nach nicht. Denn soziale Isolation schadet der Gesundheit ebenso wie Rauchen oder Übergewicht.

      Menschen sind soziale Wesen. Sie sind auf Beziehungen angewiesen, auf Gedankenaustausch, Zuneigung, Trost und Verständnis. Doch der moderne Lebensstil in westlichen Gemeinschaften lässt soziale Netzwerke bröckeln, immer mehr Menschen werden zu Einzelgängern. Dabei ist der Mangel an sozialen Beziehungen auch für die Gesundheit eine Gefahr.

      Der Risikofaktor Einsamkeit sei in etwa so groß wie der vom Rauchen, und er übertreffe viele andere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel, sagen die Psychologen Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith von der Brigham Young University im US-Staat Utah. Die Wissenschaftler haben gemeinsam mit einem Kollegen 148 Studien mit insgesamt über 308.000 Menschen analysiert, die sich mit dem Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken und dem Sterberisiko beschäftigen. Demnach haben Menschen mit einem guten Freundes- und Bekanntenkreis gegenüber Menschen mit einem geringen sozialen Umfeld im Schnitt eine um 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit alt zu werden.


      Fehlen soziale Bindungen, hat dies ähnlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit wie bekannte Risikofaktoren, haben Holt-Lundstad und Smith ermittelt. Isolation ist demnach genauso schädlich wie das Rauchen von 15 Zigaretten täglich. Einsamkeit hat denselben negativen Effekt auf die Gesundheit wie Alkoholismus und ist sogar doppelt so schädlich wie Fettleibigkeit.

      "Dass fehlende soziale Beziehungen ein Risikofaktor für einen frühen Tod sind, ist weder bei Gesundheitsbehörden noch in der Öffentlichkeit bekannt genug", meinen die Wissenschaftler, die ihre Daten im Journal "Plos Medicine" veröffentlichen. Sie fordern daher ein Umdenken: Ärzte und andere Gesundheitsexperten sollten das soziale Umfeld ebenso ernst nehmen wie Tabakkonsum, Ernährung und Sport.

      Positiver Effekt unabhängig vom Alter
      Die Studien hatten die Menschen im Schnitt über 7,5 Jahre hinweg beobachtet, das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 64 Jahre. Die Daten zeigten allerdings lediglich, ob Menschen sozial integriert waren. Ob die Beziehungen gut oder schlecht waren, ließ sich daraus nicht ablesen. Wäre die Qualität der Beziehungen mit in die Analyse eingeflossen, könnte der positive Effekt von sozialen Netzwerken auf die Gesundheit sogar noch viel größer sein, vermuten die Wissenschaftler.

      Die positive Auswirkung, blieb auch bestehen, wenn man Alter, Geschlecht und sozialen Status berücksichtigte. Da der Zusammenhang von sozialem Umfeld und Sterblichkeit altersunabhängig sei, sollten Ärzte nicht nur einen Blick auf das Umfeld älterer Menschen werfen, meinen die Autoren. Den größten Effekt aller gemessenen Faktoren hatte die allgemeine soziale Integration, am wenigsten ausschlaggebend war, ob die Menschen allein oder mit anderen zusammen lebten.

      Doch warum wirkt sich ein starkes soziales Umfeld positiv auf die Gesundheit aus? Die Forscher vermuten, dass sozial aktive Menschen auch mit ihrer eigenen Gesundheit verantwortungsbewusster umgehen. "Wenn jemand mit einer Gruppe vernetzt ist und sich für andere Menschen verantwortlich fühlt, überträgt sich das auf den Umgang mit sich selbst", sagt Holt-Lunstad. "Man passt besser auf sich auf und geht weniger Risiken ein." Einige Studien hätten gezeigt, dass Kontakte auch das Immunsystem stärken.

      Jede Art, das soziale Umfeld zu verbessern, werde sowohl die Überlebensfähigkeit als auch die Lebensqualität verbessern, schließen die Autoren. Gesundheitsvorsorge sollte daher auch das soziale Befinden betrachten, Mediziner sollten Sozialkontakte und Kliniken soziale Netzwerke für Patienten fördern. "Beziehungen erachten wir als Menschen für selbstverständlich", sagt Studienautor Smith. "Wir sind wie Fische, die das Wasser gar nicht bemerken. Diese Kontakte sind jedoch nicht nur psychologisch wichtig, sie wirken sich auch direkt auf unsere Gesundheit aus."
      Kopfwelten:
      Allein sein ist ungesund

      Als soziale Wesen brauchen wir einander. Nähe, Zuneigung und Intimität stärken uns psychisch und steigern unser körperliches Wohlbefinden. Allein sein hingegen scheint der Gesundheit abträglich. Wie innig unsere Beziehungen sind, lässt sich sogar an unserem Blutdruck ablesen. Von Frank Ochmann

      Es geschieht jede Nacht. Während unser Kopf ins Kissen und unser Bewusstsein in tiefe Finsternis sinkt, sackt auch unser Blutdruck ab. In einer großen Übersichtsstudie lag der durchschnittliche Druck bei Gesunden während der Nacht deutlich unter dem, der im Mittel den Tag über gemessen werden konnte: um rund 15 Prozent immerhin.

      Die Gründe dafür sind bis jetzt zwar alles andere als klar. Doch zunehmend gewinnen Mediziner den Eindruck, dass diese nächtliche Delle im Blutdruck ein wichtiges Signal für unser gesamtes Wohl oder Wehe ist. Etliche Untersuchungen aus den vergangenen Jahren bringen jedenfalls ein relativ flaches oder ganz fehlendes Absinken des Blutdrucks während der Schlafphase mit verschiedenen organischen Erkrankungen vom Kopf bis zu den Nieren in Verbindung.

      Aber auch Gesunde können rund um die Uhr Hochdruck in den Adern haben - und zwar bei Stress. Für je fünf Prozent weniger bei der Tag-Nacht-Differenz des Blutdrucks steigt dabei das statistische Risiko, an Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken oder gar daran zu sterben um satte 20 bis 30 Prozent. Wir sollten uns also überlegen, wie wir uns möglichst ruhig betten können. Dazu muss nicht unbedingt jemand neben uns liegen. Wichtiger ist offenbar, dass wir im Kopf nicht allein sind.

      Das Forscherteam um die Psychologin Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University in Provo im US-Bundesstaat Utah untersucht schon seit längerem die Frage, wie sich unser soziales Beziehungsgeflecht auf die Gesundheit auswirkt. Und da der Blutdruck viel über unser Krankheitsrisiko verrät, steht er im Zentrum dieser Untersuchungen.

      Dass glücklich Verheiratete generell einen eher niedrigen Blutdruck haben als Singles, konnte schon in einer früheren Studie gezeigt werden. Die Ehe allein macht es allerdings auch nicht: Wer unglücklich gebunden war, hatte nämlich den höchsten Blutdruck. Höher noch als unzufriedene Singles.

      Menschliche Nähe zeigt sich im Blutdruck
      In einer jetzt veröffentlichten Arbeit widmeten sich Holt-Lunstad und ihre Mitarbeiter nun besonders der Tiefe des nächtlichen Blutdruckabfalls. Und auch da zeigten sich tiefe Spuren menschlicher Nähe oder eben auch Ferne.

      Rund 300 Versuchsteilnehmer, ungefähr gleich viele Frauen wie Männer im Alter von 20 bis 68 Jahren mit normalem Blutdruck und ohne den Einfluss relevanter Medikamente, wurden untersucht und mussten dabei auch ihre aktuelle Beziehungssituation angeben. Ebenso galt es, nach genormten und international üblichen Befragungsmethoden einzuschätzen, wie sehr man sich insgesamt von seinen Mitmenschen gestützt fühlt. Die Ergebnisse dieser detaillierten seelischen und sozialen Erhebung wurden dann mit den Blutdruckmessungen ins Verhältnis gesetzt.

      Es bestätigte sich zunächst das Resultat früherer Studien: Wer sich anderen Menschen innerlich verbunden fühlte, dessen Blutdruckkurven verrieten auch Ruhe während der Nacht - allerdings reichte es nicht, sich nur von "irgendwem" gestützt und gehalten zu fühlen. Das Gefühl sozialen Getragenseins durch Freunde oder Gruppen mit gemeinsamen Interessen machte bei der nächtlichen Blutdruckkurve keinen nennenswerten Unterschied. Was auch die Wissenschaftler aus Utah überraschte. Denn vermutet worden war zuvor, dass jedes Gefühl von Nähe einen ähnlichen Effekt macht, ganz gleich von wem es ausgeht. Doch das bestätigte sich nicht, obwohl sich derart "vernetzte" Menschen selbst zufriedener einschätzen als jemand mit nur wenigen und dazu vielleicht sogar noch schwachen Bindungen.

      Tiefe der Beziehung entscheidend
      Was in der Blutdruckstudie dagegen merklichen Eindruck hinterließ, war die Tiefe einer persönlichen Beziehung. "Tief" hieß dabei, wie wichtig, positiv und sicher sie eingeschätzt wurde. Wer in einer als glücklich empfundenen Ehe lebte, hatte statistisch die besten Chancen, sich eines rund um die Uhr gesunden Blutdrucks erfreuen zu können. War eine solche als "tief" empfundene Beziehung aber zugleich eine, die viele Konflikte mit sich brachte, ging das den Beteiligten ziemlich heftig auf die Pumpe.

      Allein sein, so bestätigt auch diese Studie wieder, ist der Gesundheit wohl wirklich abträglich. Und dass die "glückliche Ehe" im Vergleich zu anderen Lebensformen so gut abschneidet, wird an einer von Mormonen geführten Hochschule wie der Brigham Young University sicher zu besonderer Freude führen. Doch auch Strenggläubige sollten die Studie ganz lesen. Denn zumindest aus medizinischer Sicht mahnt sie zur Vorsicht: Lieber gar keine "tiefe" Beziehung als ein Ehebund, der nervt.

      Literatur:
      Cohen, S. & Wills, T. A. 1985: Stress, Social Support, and the Buffering Hypothesis, Psychological Bulletin 98, 310-357

      Holt-Lunstad, J. et al. 2003: Social Relationships and Ambulatory Blood Pressure: Structural and Qualitative Predictors of Cardiovascular Function During Everyday Social Interactions, Health Psychology 22, 388-397

      Holt-Lunstad, J. et al. 2009: The influence of close relationships on nocturnal blood pressure dipping, International Journal of Psychophysiology 71, 211-217

      Kiecolt-Glaser, J. K. & Newton, T. L. 2001: Marriage and Health: His and Hers, Psychological Bulletin 127, 472-503

      Smith, T. W. & Ruiz, J. M. 2002: Psychosocial Influences on the Development and Course of Coronary Heart Disease: Current Status and Implications for Research and Practice, Journal of Consulting and Clinical Psychology 70, 548-568

      Staessen, J. A. et al. 1991: Mean and Range of the Ambulatory Pressure in Normotensive Subjects from a Meta-Analysis of 23 Studies, The American Journal of Cardiology 67, 723-727