Die historische Technik begeistert
Von "Marbach und Bottwartal", aktualisiert am 14.10.2010 um 00:00
Remseck. Der 74-jährige Ewald Gall besitzt das älteste noch voll funktionsfähige Motorrad der Welt. Von Ralf Recklies
Er streichelt liebevoll über den kühlen, dunklen Rahmen des Zweirads aus dem Hause De Dion Bouton, Ewald Galls Augen leuchten. "Das ist das älteste Motorrad der Welt, das voll funktionsfähig ist", sagt der 74-Jährige aus dem Remsecker Stadtteil Hochdorf mit Stolz. Er freut sich wie ein kleiner Junge über das historische Gefährt, das 1897 in Frankreich konstruiert worden ist. Nicht, weil er besitzt, was andere Zweiradfreunde gerne hätten. Den Mechaniker im Ruhestand begeistert vielmehr, was schon vor 113 Jahren technisch möglich war. "Das ist ein Viertakt-Motor mit elektrischer Hochleistungszündung", erklärt er und ergänzt: "Wenn das die Leute von Bosch heute sehen, dann werden die schier verrückt."
Von einem bayerischen Schreiner hat Gall das motorisierte Zweirad vor Jahren gekauft. "Es hat ewig ungenutzt in einer Halle gestanden", sagt Gall und erinnert sich, dass er nur 30 Minuten gebraucht habe, um den Motor zum Laufen zu bringen. "Das war das absolute Glücksgefühl."
Das Gefährt aus französischer Fabrikation gleicht mehr einem Fahr- denn einem Motorrad. Es fährt mit seinem 1,25 PS starken Motor und einem Hubraum von 211 Kubikzentimetern bis zu 45 Stundenkilometer schnell. "Richtig langsam fahren kann man mit dem Ding nicht", sagt der 74-Jährige und erklärt: "Es gibt keinen Leerlauf. Wenn man anhält, dann muss man den Motor abwürgen."
900 Kilometer hat Gall inzwischen mit dem Oldie auf zwei Rädern zurückgelegt. Es ist laut ihm das 19. überhaupt gebaute Motorrad-Modell. 1867 sei das erste motorisierte Zweirad in den USA mit einem Dampfmotor von Sylvester Howard Roper entwickelt worden. "Der Reitwagen von Daimler mit Benzinmotor, der gerne als erstes Motorrad bezeichnet wird, wurde erst 1884 gebaut." Alle Modelle, die bis 1900 entwickelt worden sind, hat er akribisch aufgelistet. Sein zweiter großer Schatz auf Rädern ist in dieser Liste nicht zu finden. Dieses 3,5 PS starke Fahrzeug, "von dem es nur noch zwei Modelle gibt", wurde erst 1911 von NSU gebaut. Bei einer Ausstellung in Erlenbach hatte sich Gall in das Zweirad verliebt. Als der Vorbesitzer unerwartet starb, nahm dessen Witwe Kontakt mit Gall auf. Der ließ sich nicht zwei Mal bitten. "Ich habe meine Frau sofort zur Bank geschickt um das Geld zu holen", sagt er. Allerdings habe es drei Jahre gebraucht, "um mit der Maschine einig zu werden". Anfangs sei er nur über die Straßen gehoppelt. "Inzwischen vertragen wir uns aber." Eine besondere Herausforderung sei, dass alle drei bis vier Kilometer während der Fahrt Öl nachgepumpt werden müsse. "Vergesse ich es, droht dem Motor der Hitzetod, pumpe ich zu viel, neble ich die Nachfahrenden ein", erklärt Gall mit Hingabe.
Nicht nur die Motoren der historischen Gefährte haben es Gall angetan. Fasziniert ist er vor allem bei seiner NSU von den vielen kleinen Details: der komfortablen Hinterradfederung ("das war schon damals Stand der Technik und kommt heute wieder"), der abnehmbaren Carbidlampe ("damit man nachts im Falle einer Reparatur das Licht da hat, wo man es braucht") sowie dem Vorderradständer ("wenn man in einen Hufnagel gefahren war, fiel einem das Flicken des Schlauches leichter").
Galls Motorradleidenschaft reicht bis in die 50er-Jahre zurück. 1952 hat er sich mit einer 6 PS starken NSU Fox erstmals motorisiert. Vom ersten Gesellenlohn kaufte er sich 1954 dann eine Maschine mit 16 PS des österreichischen Herstellers Puch. "Die habe ich aber schon nach einem Tag geschrottet", erzählt er lachend. "Es war die Hölle, dann sechs Wochen lang mit dem Bus nach Ludwigsburg ins Geschäft fahren zu müssen." So lange dauerte es, bis er die nötigen Ersatzteile hatte, denn: "Es war das erste Motorrad dieser Art in Deutschland." Gall, der zehn historische Zweiräder besitzt, will sich keine weiteren Motorräder mehr kaufen. Einen Wunsch hat er aber: "Ich will auch mit 90 Jahren noch Motorrad fahren können, denn das hält mich einfach richtig jung."
Von "Marbach und Bottwartal", aktualisiert am 14.10.2010 um 00:00
Remseck. Der 74-jährige Ewald Gall besitzt das älteste noch voll funktionsfähige Motorrad der Welt. Von Ralf Recklies
Er streichelt liebevoll über den kühlen, dunklen Rahmen des Zweirads aus dem Hause De Dion Bouton, Ewald Galls Augen leuchten. "Das ist das älteste Motorrad der Welt, das voll funktionsfähig ist", sagt der 74-Jährige aus dem Remsecker Stadtteil Hochdorf mit Stolz. Er freut sich wie ein kleiner Junge über das historische Gefährt, das 1897 in Frankreich konstruiert worden ist. Nicht, weil er besitzt, was andere Zweiradfreunde gerne hätten. Den Mechaniker im Ruhestand begeistert vielmehr, was schon vor 113 Jahren technisch möglich war. "Das ist ein Viertakt-Motor mit elektrischer Hochleistungszündung", erklärt er und ergänzt: "Wenn das die Leute von Bosch heute sehen, dann werden die schier verrückt."
Von einem bayerischen Schreiner hat Gall das motorisierte Zweirad vor Jahren gekauft. "Es hat ewig ungenutzt in einer Halle gestanden", sagt Gall und erinnert sich, dass er nur 30 Minuten gebraucht habe, um den Motor zum Laufen zu bringen. "Das war das absolute Glücksgefühl."
Das Gefährt aus französischer Fabrikation gleicht mehr einem Fahr- denn einem Motorrad. Es fährt mit seinem 1,25 PS starken Motor und einem Hubraum von 211 Kubikzentimetern bis zu 45 Stundenkilometer schnell. "Richtig langsam fahren kann man mit dem Ding nicht", sagt der 74-Jährige und erklärt: "Es gibt keinen Leerlauf. Wenn man anhält, dann muss man den Motor abwürgen."
900 Kilometer hat Gall inzwischen mit dem Oldie auf zwei Rädern zurückgelegt. Es ist laut ihm das 19. überhaupt gebaute Motorrad-Modell. 1867 sei das erste motorisierte Zweirad in den USA mit einem Dampfmotor von Sylvester Howard Roper entwickelt worden. "Der Reitwagen von Daimler mit Benzinmotor, der gerne als erstes Motorrad bezeichnet wird, wurde erst 1884 gebaut." Alle Modelle, die bis 1900 entwickelt worden sind, hat er akribisch aufgelistet. Sein zweiter großer Schatz auf Rädern ist in dieser Liste nicht zu finden. Dieses 3,5 PS starke Fahrzeug, "von dem es nur noch zwei Modelle gibt", wurde erst 1911 von NSU gebaut. Bei einer Ausstellung in Erlenbach hatte sich Gall in das Zweirad verliebt. Als der Vorbesitzer unerwartet starb, nahm dessen Witwe Kontakt mit Gall auf. Der ließ sich nicht zwei Mal bitten. "Ich habe meine Frau sofort zur Bank geschickt um das Geld zu holen", sagt er. Allerdings habe es drei Jahre gebraucht, "um mit der Maschine einig zu werden". Anfangs sei er nur über die Straßen gehoppelt. "Inzwischen vertragen wir uns aber." Eine besondere Herausforderung sei, dass alle drei bis vier Kilometer während der Fahrt Öl nachgepumpt werden müsse. "Vergesse ich es, droht dem Motor der Hitzetod, pumpe ich zu viel, neble ich die Nachfahrenden ein", erklärt Gall mit Hingabe.
Nicht nur die Motoren der historischen Gefährte haben es Gall angetan. Fasziniert ist er vor allem bei seiner NSU von den vielen kleinen Details: der komfortablen Hinterradfederung ("das war schon damals Stand der Technik und kommt heute wieder"), der abnehmbaren Carbidlampe ("damit man nachts im Falle einer Reparatur das Licht da hat, wo man es braucht") sowie dem Vorderradständer ("wenn man in einen Hufnagel gefahren war, fiel einem das Flicken des Schlauches leichter").
Galls Motorradleidenschaft reicht bis in die 50er-Jahre zurück. 1952 hat er sich mit einer 6 PS starken NSU Fox erstmals motorisiert. Vom ersten Gesellenlohn kaufte er sich 1954 dann eine Maschine mit 16 PS des österreichischen Herstellers Puch. "Die habe ich aber schon nach einem Tag geschrottet", erzählt er lachend. "Es war die Hölle, dann sechs Wochen lang mit dem Bus nach Ludwigsburg ins Geschäft fahren zu müssen." So lange dauerte es, bis er die nötigen Ersatzteile hatte, denn: "Es war das erste Motorrad dieser Art in Deutschland." Gall, der zehn historische Zweiräder besitzt, will sich keine weiteren Motorräder mehr kaufen. Einen Wunsch hat er aber: "Ich will auch mit 90 Jahren noch Motorrad fahren können, denn das hält mich einfach richtig jung."