Abtauchen bis zum Atemzwang
Apnoe-Sport:
Rüsselsheimer Verein Segeltaucher kratzt an kreatürlichen Grenzen – Eine Frau ist Beste
Zwischen Einatmen und Ausatmen liegt meist kaum ein Wimpernschlag, vielleicht mal ein beiläufiges Kratzen am Kopf oder ein gedankenloser Griff zur Nase. Ein täglich tausendfacher, unbewusster, elementarer Vorgang. Bei Marianna Krentz liegen zwischen Luftholen und Ausatmen mehrere Minuten, sanft untergetaucht im kachelblauen Schwimmbadwasser. Einmal in der Woche atmet sie mit vollstem Bewusstsein ein und aus. Im Training ihres Vereins Segeltaucher. Marianna Krentz ist einzige Apnoe-Taucherin im Landkreis. Mit fünf weiteren Vereinsmitgliedern, darunter Ehemann und Vereinsgründer Siegfried Krentz, hat sich die 31 Jahre alte Klavierlehrerin einen Sport daraus gemacht, so lange wie möglich unter Wasser die Luft anzuhalten.
In der statischen der beiden Disziplinen des Apnoe-Tauchens, dem Untertauchen am Beckenrand, hält sie mit vier Minuten und zwölf Sekunden sogar den Vereinsrekord. Nur beim dynamischen Streckentauchen mit Flossenantrieb ist sie mit ihren 60 Metern nicht zufrieden. Dass ausgerechnet eine Frau in Ruhe mit einem Atemzug länger durchhält als die Männer bestätige die Theorie, dass die geringere Muskelmasse der Frauen geringeren Sauerstoffverbrauch bedeute, sagt Markus Kneissl, der das Apnoe-Tauchen bei den Segeltauchern eingeführt hat. Als ehemaliger Leichtathlet beim LC Rüsselsheim wollte er auf Wettkampfelemente im Tauchsport nicht verzichten. Und sportlichen Ansporn unter Wasser biete allein das Apnoe-Tauchen. Marianna Krentz: „Beim allerersten Mal schaffte ich zwanzig Sekunden, alle haben gelacht und mein Ehrgeiz war geweckt“. Zwei Jahre später ist es an Markus Kneissl, den Vereinsrekord der jungen Frau zu knacken. Mit 3:33 Minuten das erklärte Ziel des 28 Jahre alten Informatikers, den es als ehemaligen Hochspringer (Bestleistung 1,95 Meter) von luftigen Höhen in wässrige Tiefen zieht.
Beim statischen Luftanhalten gegen die Uhr kommt es mental wie körperlich auf die maximale Entspannung an, um das entscheidende Spürchen Sauerstoff zu sparen. Markus Kneissl: „Ich denke an nichts und stelle mir vor, ich will schlafen gehen“. Marianna Krentz hört auf „ihren Herzschlag“, lauscht den gedämpften Geräuschen des Schwimmbads, schaltet ihre Gedanken ab, genießt das Schweben im Wasser. Und auch nach dem Auftauchen, wenn der Drang zu Atmen doch übermächtig geworden ist, weil die Kohlendioxidrezeptoren in der Lunge unwiderstehlich Alarm geschlagen haben, sei oberstes Gebot, ruhig zu bleiben.
Diese innere Ruhe gepaart mit der sich mächtig einstellenden Sauerstoffschuld führt insbesondere bei Wettkämpfen dazu, dass Apnoetisten beim statischen Abtauchen tatsächlich einschlafen, weswegen stets ein Kampfrichter seinen Kopf mit unter Wasser steckt, um rettend beziehungsweise weckend einzugreifen. „Beim Berlin-Cup 2006 ist ein Drittel der Teilnehmer weggenickt“, erinnert sich Markus Kneissl an seinen Wettkampf in der Hauptstadt. Die kritische Schwelle liege bei vier Minuten; beim flossengetriebenen Streckentauchen sei ab 100 Meter Vorsicht geboten, sagt Kneissl, der in dieser Disziplin mit 81 Metern den Vereinsrekord hält. Entsprechend flösselt auch hier stets ein Kampfrichter mit.
Um ihre Gesundheit bangen die Rüsselsheimer Sportler freilich nicht. Auch weil die dritte Apnoe-Disziplin, das Tieftauchen im Meer, bei dem Tiefen von über hundert Metern erreicht werden, kein Thema für die „Segeltaucher“ ist. Viel zu aufwendig, und tatsächlich nicht ungefährlich. „Ab 40 Metern wird es kritisch“. Die Tiefenjagd hafte dem Apnoe-Tauchen aber als Schreckgespenst an, weswegen einige Großeltern der Rüsselsheimer den Enkeln das Hobby schon ausreden wollten.
Neben den sportlichen Anreizen verschaffe das Apnoe-Tauchen vor allem Sicherheit für das Gerätetauchen mit Sauerstofflasche. „Wenn ich weiß, dass ich einige Minuten ohne Sauerstoff aushalten kann, bewahre ich Ruhe“, sagt Markus Kneissl. Er hat tatsächlich erst jüngst eine kritische Situation mit Umsicht überstanden, als ihm ein unerfahrener Mittaucher versehentlich den Pressluftschlauch abriss.
In der Welt des Schwimm- und Tauchsports besetzen Apnoe-Taucher eine winzige Nische. Mit der Folge, dass es „bei Wettkämpfen gleich auf nationaler und internationaler Ebene losgeht“, sagt Siegfried Krentz. In Deutschland gibt es zwei Wettbewerbe, den Berlin-Cup und den Rhein-Main-Cup in Wiesbaden. An beiden beteiligen sich die Segeltaucher. Beim nächsten Rhein-Main-Cup am 22. September wollen die Rüsselsheimer betont als Mannschaft im „typischen Einzelgängersport“ auftreten. Bis dahin trainieren Andreas Woll, Andreas Schneider, Patric Jung, Siegfried Krentz, Markus Kneissl und Marianna Krentz an den Samstagmorgen abwechselnd in den Hallenbädern von Hochheim und Groß-Gerau und im Sommer auch im Walldorfer Waldsee.
Apnoe-Tauchen lernt und verbessert man durch Apnoe-Tauchen, hinzukommen Yoga, Atem- und Entspannungsübungen. Eine jährliche sportärztliche Untersuchung ist Voraussetzung für die Wettkampfteilnahme.
Die weltbesten Apnoetisten kommen traditionell aus den Mittelmeerländern wie Frankreich und Italien, wo der Sport aus der Schwammsucherkultur entstanden ist („Mit Steinen beschwert runter, mit Schwämmen beladen wieder hoch“). Dennoch ist es der Deutsche Tom Sietas, der im statischen Tauchen Weltrekord(luftan)halter ist: in Hamburg brachte er es Anfang des Jahres auf Ehrfurcht gebietende neun Minuten und acht Sekunden. Eine Zeit, in der Eier zweimal gar werden.
Zeiten und Strecken
Nachfolgend die besten Ergebnisse der Apnoetisten unter den Rüsselsheimer Segeltauchern:
Siegfried Krentz: 1:52 Minuten (statisch) – 54 Meter (Strecke),
Marianna Krentz (4:12 min/60m),
Andreas Schneider (2:50min/60m),
Thomas Groß (3:18 min/50m),
Patric Jung (1:45 min/40m),
Markus Kneissl (3:33min/81m).
Apnoe-Sport:
Rüsselsheimer Verein Segeltaucher kratzt an kreatürlichen Grenzen – Eine Frau ist Beste
Zwischen Einatmen und Ausatmen liegt meist kaum ein Wimpernschlag, vielleicht mal ein beiläufiges Kratzen am Kopf oder ein gedankenloser Griff zur Nase. Ein täglich tausendfacher, unbewusster, elementarer Vorgang. Bei Marianna Krentz liegen zwischen Luftholen und Ausatmen mehrere Minuten, sanft untergetaucht im kachelblauen Schwimmbadwasser. Einmal in der Woche atmet sie mit vollstem Bewusstsein ein und aus. Im Training ihres Vereins Segeltaucher. Marianna Krentz ist einzige Apnoe-Taucherin im Landkreis. Mit fünf weiteren Vereinsmitgliedern, darunter Ehemann und Vereinsgründer Siegfried Krentz, hat sich die 31 Jahre alte Klavierlehrerin einen Sport daraus gemacht, so lange wie möglich unter Wasser die Luft anzuhalten.
In der statischen der beiden Disziplinen des Apnoe-Tauchens, dem Untertauchen am Beckenrand, hält sie mit vier Minuten und zwölf Sekunden sogar den Vereinsrekord. Nur beim dynamischen Streckentauchen mit Flossenantrieb ist sie mit ihren 60 Metern nicht zufrieden. Dass ausgerechnet eine Frau in Ruhe mit einem Atemzug länger durchhält als die Männer bestätige die Theorie, dass die geringere Muskelmasse der Frauen geringeren Sauerstoffverbrauch bedeute, sagt Markus Kneissl, der das Apnoe-Tauchen bei den Segeltauchern eingeführt hat. Als ehemaliger Leichtathlet beim LC Rüsselsheim wollte er auf Wettkampfelemente im Tauchsport nicht verzichten. Und sportlichen Ansporn unter Wasser biete allein das Apnoe-Tauchen. Marianna Krentz: „Beim allerersten Mal schaffte ich zwanzig Sekunden, alle haben gelacht und mein Ehrgeiz war geweckt“. Zwei Jahre später ist es an Markus Kneissl, den Vereinsrekord der jungen Frau zu knacken. Mit 3:33 Minuten das erklärte Ziel des 28 Jahre alten Informatikers, den es als ehemaligen Hochspringer (Bestleistung 1,95 Meter) von luftigen Höhen in wässrige Tiefen zieht.
Beim statischen Luftanhalten gegen die Uhr kommt es mental wie körperlich auf die maximale Entspannung an, um das entscheidende Spürchen Sauerstoff zu sparen. Markus Kneissl: „Ich denke an nichts und stelle mir vor, ich will schlafen gehen“. Marianna Krentz hört auf „ihren Herzschlag“, lauscht den gedämpften Geräuschen des Schwimmbads, schaltet ihre Gedanken ab, genießt das Schweben im Wasser. Und auch nach dem Auftauchen, wenn der Drang zu Atmen doch übermächtig geworden ist, weil die Kohlendioxidrezeptoren in der Lunge unwiderstehlich Alarm geschlagen haben, sei oberstes Gebot, ruhig zu bleiben.
Diese innere Ruhe gepaart mit der sich mächtig einstellenden Sauerstoffschuld führt insbesondere bei Wettkämpfen dazu, dass Apnoetisten beim statischen Abtauchen tatsächlich einschlafen, weswegen stets ein Kampfrichter seinen Kopf mit unter Wasser steckt, um rettend beziehungsweise weckend einzugreifen. „Beim Berlin-Cup 2006 ist ein Drittel der Teilnehmer weggenickt“, erinnert sich Markus Kneissl an seinen Wettkampf in der Hauptstadt. Die kritische Schwelle liege bei vier Minuten; beim flossengetriebenen Streckentauchen sei ab 100 Meter Vorsicht geboten, sagt Kneissl, der in dieser Disziplin mit 81 Metern den Vereinsrekord hält. Entsprechend flösselt auch hier stets ein Kampfrichter mit.
Um ihre Gesundheit bangen die Rüsselsheimer Sportler freilich nicht. Auch weil die dritte Apnoe-Disziplin, das Tieftauchen im Meer, bei dem Tiefen von über hundert Metern erreicht werden, kein Thema für die „Segeltaucher“ ist. Viel zu aufwendig, und tatsächlich nicht ungefährlich. „Ab 40 Metern wird es kritisch“. Die Tiefenjagd hafte dem Apnoe-Tauchen aber als Schreckgespenst an, weswegen einige Großeltern der Rüsselsheimer den Enkeln das Hobby schon ausreden wollten.
Neben den sportlichen Anreizen verschaffe das Apnoe-Tauchen vor allem Sicherheit für das Gerätetauchen mit Sauerstofflasche. „Wenn ich weiß, dass ich einige Minuten ohne Sauerstoff aushalten kann, bewahre ich Ruhe“, sagt Markus Kneissl. Er hat tatsächlich erst jüngst eine kritische Situation mit Umsicht überstanden, als ihm ein unerfahrener Mittaucher versehentlich den Pressluftschlauch abriss.
In der Welt des Schwimm- und Tauchsports besetzen Apnoe-Taucher eine winzige Nische. Mit der Folge, dass es „bei Wettkämpfen gleich auf nationaler und internationaler Ebene losgeht“, sagt Siegfried Krentz. In Deutschland gibt es zwei Wettbewerbe, den Berlin-Cup und den Rhein-Main-Cup in Wiesbaden. An beiden beteiligen sich die Segeltaucher. Beim nächsten Rhein-Main-Cup am 22. September wollen die Rüsselsheimer betont als Mannschaft im „typischen Einzelgängersport“ auftreten. Bis dahin trainieren Andreas Woll, Andreas Schneider, Patric Jung, Siegfried Krentz, Markus Kneissl und Marianna Krentz an den Samstagmorgen abwechselnd in den Hallenbädern von Hochheim und Groß-Gerau und im Sommer auch im Walldorfer Waldsee.
Apnoe-Tauchen lernt und verbessert man durch Apnoe-Tauchen, hinzukommen Yoga, Atem- und Entspannungsübungen. Eine jährliche sportärztliche Untersuchung ist Voraussetzung für die Wettkampfteilnahme.
Die weltbesten Apnoetisten kommen traditionell aus den Mittelmeerländern wie Frankreich und Italien, wo der Sport aus der Schwammsucherkultur entstanden ist („Mit Steinen beschwert runter, mit Schwämmen beladen wieder hoch“). Dennoch ist es der Deutsche Tom Sietas, der im statischen Tauchen Weltrekord(luftan)halter ist: in Hamburg brachte er es Anfang des Jahres auf Ehrfurcht gebietende neun Minuten und acht Sekunden. Eine Zeit, in der Eier zweimal gar werden.
Zeiten und Strecken
Nachfolgend die besten Ergebnisse der Apnoetisten unter den Rüsselsheimer Segeltauchern:
Siegfried Krentz: 1:52 Minuten (statisch) – 54 Meter (Strecke),
Marianna Krentz (4:12 min/60m),
Andreas Schneider (2:50min/60m),
Thomas Groß (3:18 min/50m),
Patric Jung (1:45 min/40m),
Markus Kneissl (3:33min/81m).