Das erste Raketenmotorrad der Welt

      Das erste Raketenmotorrad der Welt

      Das erste Raketenmotorrad der Welt

      Nach dem Opel-Rückzug aus dem Motorrad-Rennsport 1923 widmet sich Fritz von Opel verstärkt der Raketentechnik.
      Dabei stößt der Enkel des Firmengründers, wie er selber sagt, keineswegs in absolutes Neuland vor. Vielmehr könne er sich auf eine mehr als tausendjährige Tradition stützen. Von den verschiedensten Ansätzen, dieses Prinzip anzuwenden, waren jedoch die allermeisten im Sande verlaufen. Die Raketentechnik geriet mehr und mehr in Verruf. Übrig blieben Feuerwerksraketen,
      Hagelraketen für die Landwirtschaft und Rettungsraketen, mit denen von Land aus Leinen über gestrandete Schiffe geschossen wurden.
      Fritz von Opel, von derlei schlechten Vorzeichen keineswegs beeindruckt, bittet alle führenden Firmen der Branche, ihn bei seinem Vorhaben, der Herstellung von Großraketen für den Fahrzeug-Antrieb, zu unterstützen. Obwohl er sich bereit erklärt, alle Entwicklungskosten zu tragen, erhält er bezeichnenderweise nur eine positive Antwort: Ingenieur Friedrich Wilhelm Sander aus Bremerhaven, dessen Firma seit mehr als 60 Jahren die schon erwähnten Seenotrettungsraketen fabriziert, ist mit von der Partie.
      Unzählige Versuche, die streng wissenschaftlich auf einem eigens dafür errichteten Prüfstand in Sanders Firma durchgeführt werden, sind erforderlich, bevor die Raketen-Pioniere zufrieden sind. Theoretisch ist der Beweis, dass Raketen zum Antrieb von Schiffen, Fahr- und Flugzeugen geeignet sind, erbracht.
      Zu den Sensationen des Jahres 1928 zählt zweifellos die Rekordfahrt eines, von Feststoff-Raketen angetriebenen Vierradfahrzeuges auf der AVUS in Berlin. Prominenz aus Film und Funk, aus Politik und Wirtschaft wird Zeuge einer einzigartigen Premiere. Gazetten in aller Welt berichten über die erste Fahrt eines Raketenautos. Gebaut vom Automobilhersteller OPEL. Das Ereignis wird in die Geschichte eingehen. Das Raketenzeitalter beginnt in Rüsselsheim. Und dann stellt der Konstrukteur Fritz von Opel sogar ein Raketen-Motorrad auf die Räder...
      Der Praxistest steht am 11. April 1928 an. Das erste pulvergetriebene Fahrzeug der Welt, der „RAK“, flitzt auf der Opel-Rennbahn in Rüsselsheim mit Tempo 100 über die Gerade. Zur selben Zeit herrscht im Rüsselsheimer Opelwerk in einem kleinen, schummrigen Raum am Ende der großen Fabrikhalle hektische Betriebsamkeit. Seit einigen Tagen verbietet ein hastig gemaltes, rot eingerahmtes Pappschild an der schweren, stählernen Eingangstür Unbefugten den Zutritt. Im fahlen Licht der mit Öldunst und Staub besetzten Deckenlampen arbeiten schon tagelang zwei der besten Monteure der Versuchsabteilung an einem, aus Stahlprofilen zusammen genieteten Gestell. Seit ein Mitarbeiter im Vorbeigehen einen kurzen Blick durch die, nur einen Spalt weit geöffnete Tür in den Raum werfen konnte, hält sich eisern das Gerücht, die bauen eine Geschützlafette. Klar, das erklärt auch das zweite, ebenfalls neu angebrachte Schild: Rauchen strengstens verboten. Daher also die Geheimniskrämerei. Warum sonst kommt der Juniorchef alle paar Stunden mit irgendwelchen geheimnisvollen Plänen von seinem Büro herüber, schreitet eilig durch die Halle, um schließlich hinter der schweren Eisentür zu verschwinden. Und die großkalibrigen Rohre, die letzte Woche in einer Holzkiste angeliefert wurden. Das passt alles zusammen, denn die haben weder etwas mit der Automobilproduktion und schon gar nichts mit dem Fahrradbau zu tun. So etwas braucht man nur für Geschütze.
      Obermonteur Treber dagegen weiß es besser. Von Beginn an ist er in die geheimen Pläne seines Chefs Fritz von Opel eingeweiht. Als dieser über Winter das erste Raketenauto der Welt konstruierte, war Treber zusammen mit noch einem Mitarbeiter für die Umsetzung, das heißt für den Aufbau des Wagens verantwortlich. Und dann für den Bau der gigantischen Presse. Die mit mehreren Hundert Tonnen Druck zum Verdichten der Pulverladungen benötigt und heimlich in der Nacht zum Raketenhersteller Sander nach Bremerhaven transportiert wurde. Nicht auszudenken, wenn der Seniorchef Wilhelm von Opel in diesem frühen und ungewissen Stadium etwas davon erfahren hätte. Der ganze Plan wäre womöglich gescheitert. Gerade erst war man mit dem Aufbau des verbesserten RAK 2 fertig geworden, mit dem Fritz in wenigen Wochen auf der Berliner AVUS der ganzen Welt beweisen will, dass man - allen Skeptikern zum Trotz sehr wohl Automobile mit Raketen antreiben kann. Und jetzt beabsichtigt er auch noch, den Geschwindigkeitsweltrekord für Motorräder anzugreifen. Womit? Natürlich mit einem Raketenmotorrad, der Wahnsinnige.
      Treber stehen Schweißperlen auf der Stirn. In knapp 4 Wochen muss die Maschine fertig sein. Dann soll sie in Berlin erstmals öffentlich vorgestellt werden. Nur noch 4 Wochen, eine mehr als sportliches Ziel. Wochenlang hatte man auf den neuen Pressstahlrahmen von Ernst Neumann Neander gewartet, der als Basis für das Raketenmotorrad dienen soll. Wenn man wenigstens einen der Motoren, die Neander in seinem Lieferprogramm anbot, hätte verwenden können. Durch die Bank gute englische JAP- und schweizer MAG- Produkte. Sogar wahlweise mit einem oder mit zwei Zylindern und bis zu 26 PS Leistung.
      Doch der Chef besteht auf einem anderen Motor. Einem Motor, der gerade erst exklusiv für Opel konstruiert und entwickelt wurde und der zur Zeit von werkseigenen Versuchsfahrern in mehreren Prototyp-Motorrädern auf Herz und Nieren getestet wird. Auch für diese Prototypen hat Neander die Rahmen geliefert.
      Und wenn alles klappt, wird es gegen Ende des Jahres neue Opel-Motorräder geben. Mit Neanderfahrwerken, die bei Opel in Lizenz hergestellt werden. Klar, dass man dann auf die Werbewirksamkeit einer Raketenfahrt nicht verzichten möchte. Und so muss das Raketenmotorrad die Verwandtschaft zu dem späteren Serienprodukt erkennen lassen. Das hat höchste Priorität. Ein Fahrwerk, das selbst bei Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h- Marke noch seinen Anforderungen gerecht wird, würde die Kundschaft schon überzeugen...
      Momentan sind die Monteure dabei, das Heck der Maschine mit Blech zu verkleiden, damit der, an den Raketen austretende Feuerstrahl dem empfindlichen Hinterradpneu nichts anhaben konnte. Doch zunächst muss der hintere Kotflügel verbreitert werden. Dann erhält die Maschine die seitlichen Verkleidungen und die Träger für die insgesamt 6 Raketenrohre. Gerade eben hat der Juniorchef wieder eine neue Zeichnung vorbei gebracht. Die Sitzschale möchte er fest montiert haben, das heißt die serienmäßigen Blattfederpakete sind zu entfernen. Das verbessert nach seiner Meinung das Gefühl im „Popometer“ für die Straße. Nach einer weiteren Sitzprobe beanstandet von Opel die Position des serienmäßigen Lenkers. Der mag zum Tourenfahren geeignet sein, nicht aber für eine Rekordfahrt mit über 200 Sachen. Er wird einen Speziallenker konstruieren. Und auch das wird von Treber in Windeseile umgesetzt. Dann müssen die Fußrasten zwei speziell angefertigten Trittbrettern weichen, die an der Maschine schräg angestellt werden, um dem Fahrer bei der zu erwartenden enormen Windlast den bestmöglichen Halt auf „der Rakete“ zu bieten. Anfang Mai kommt endlich der Motor. Mit dem 22 PS leistenden OHV- Aggregat soll die Maschine bis auf etwa 120 km/h beschleunigt werden, dann wird ausgekuppelt und die Pulverraketen nacheinander gezündet. Über elektrische Kontakte, entweder einzeln oder paarweise.
      Jetzt noch die Auspuffrohre biegen und dann könnte man zu einem Proberitt starten. Doch die Reifen kommen nicht bei. Der Lieferant hat Probleme mit der roten Gummimischung. Und überhaupt ist noch gar nicht sicher, ob die Reifen die hohen Kräfte bei Geschwindigkeiten jenseits der 200km/h-Marke aushalten werden. So schnell war noch nie ein Motorrad gefahren. Also müssen die speziellen Belastungstests beim Reifenhersteller erst erfolgreich abgeschlossen sein. Als die Reifen dann schließlich im Werk eintreffen, bleibt keine Zeit mehr für eine Probefahrt. Das Motorrad muss mit Rücksicht auf die geplante Fahrt mit dem Raketenauto RAK 2 zunächst beiseite gestellt werden. Die ganze Mannschaft fiebert jetzt diesem, unmittelbar bevorstehenden Großereignis entgegen.
      Am 23. Mai 1928 schließlich ist es soweit. Fritz von Opel startet zu seiner legendären Fahrt auf der Berliner AVUS. Im Heck der Evolutionsstufe „RAK 2“ stecken nun gegenüber dem ersten RAK-Modell 24 statt 12 Pulverraketen. Vor 3.000 geladenen Gästen ergreift Fritz das Wort: „Was soll die heutige Vorführung zeigen? Sie soll ein lebendiger Beweis dafür sein, dass die Raketen als praktisches Antriebsmittel verwirklicht sind, sie soll zeigen, dass wir die technischen Erfordernisse beherrschen und dass wir Vertrauen zu der sicheren Entwicklung unserer Arbeit besitzen. Gleichzeitig wollen wir studieren, welchen Beschleunigungen der menschliche Körper gewachsen ist, welche Anfahrdrücke der Organismus ohne stärkere Störungen vertragen kann. Ferner bedeutet diese Fahrt aber auch Anfang und Ende der ersten Etappe unserer Pläne. Nach diesem ersten und einzigen Start auf der AVUS wird als zweite Etappe ein gleicher oder ähnlicher Wagen zu einem Angriff auf den Weltrekord der Geschwindigkeit eingesetzt werden, der auf 333 km/h steht, der aber leider mangels geeigneter Straßen auf Eisenbahnschienen stattfinden muss. Auch diese Versuche sollen lediglich zeigen, dass alle irdischen Leistungen von Raketen glatt übertroffen werden können, ja, dass sogar im Gegensatz zu anderen motorischen Mitteln der Wirkungsgrad der Rakete mit steigender Geschwindigkeit nicht abnimmt, sondern wächst. Parallel hierzu werde ich ein Motorrad konstruieren, dass auf der Freiburger Rekordstrecke den auf ca. 190 km/h stehenden Weltrekord für Motorräder brechen soll. Ich denke, dass auf der dortigen Strecke 200 bis 220 km/h ohne Gefahr für den Fahrer erreicht werden können.“ Allein, zum großen Showdown auf der „Freiburger Rekordstrecke“, einer mehrere Kilometer langen und schnurgeraden Verbindungsstraße zwischen den Ortschaften Oberinsingen und Breisach, kommt es nicht. Während von Opels Rekordfahrt mit dem RAK 2 auf der AVUS ein voller Erfolg wird, hat man der Jagd auf den Weltrekord für Motorräder wegen Sicherheitsbedenken einen Riegel vorgeschoben. Unklar ist bis dato, ob die Behörden oder der Veranstalter diese Entscheidung traf. Es darf allerdings davon ausgegangen werden, dass es nicht Fritz von Opel war, an dem dieses interessante Projekt scheiterte. Denn der gilt in jenen Jahren als überaus wagemutig. Ein echter Draufgänger, was seine Rekordfahrt auf der AVUS und sein Flug mit dem ersten Raketenflugzeug der Welt beweisen. Es darf viel mehr davon ausgegangen werden, das die zuständigen Behördenvertreter es nicht verantworten konnten, eine Rakete auf zwei Rädern auf eine Ortschaft zurasen zu lassen. Nicht auszudenken, was alles passieren könnte...
      Ein knappes Jahr später, am 19. Mai 1929, wartet der Veranstalter des „Große Pfingstpreises“ mit der Riesen- Sensation auf: Start des Opel- Raketen-Motorrades auf der Hamborner Radrennbahn. Der Bremer Rennfahrer Lührs profiliert sich dabei als „Monster“-Bezwinger. Im Gegensatz zu der Maschine mit sechs Raketen, mit der von Opel noch im Vorjahr zur Rekordfahrt antreten sollte, ist die Maschine von Lührs mit 14 dünneren, kürzeren Raketen ausgerüstet. Somit besteht bei annähernd gleicher Schubkraft die Möglichkeit, sehr viel feiner zu dosieren. In jüngster Zeit aufgetauchtes, historisches Bildmaterial belegt dabei eindeutig, dass es sich nicht um die von Fritz von Opel konstruierte Maschine handelt. Bei Lührs Raketenfahrzeug handelt es sich vielmehr um ein sehr ähnliches Motorrad, die auf einer der inzwischen in Serie gegangenen Motoclubs basiert. Allzu hohe Geschwindigkeiten oder gar Rekorde freilich sind auf dem dafür viel zu kurzen Oval nicht drin. Dennoch: Den rund 7.000 Zuschauern wird eine eindrucksvolle Show geboten. Mit einem beängstigenden Pfeifen und Zischen, eine riesige Qualmwolke hinter sich herziehend, umrundet Lührs das Stadion. Als sich die Rauchschwaden gelegt haben und die Zuschauer wieder etwas erkennen können, ist der Spuk schon vorüber. Die Rakete als mögliche Antriebsquelle für Flugzeuge zu realisieren, davon lässt sich Fritz von Opel auch nach der Explosion seines raketengetriebenen Schienenfahrzeuges nicht abbringen. Am 30. September 1929 wird auf dem Rebstockgelände bei Frankfurt ein, mit 12 Raketen bestückter Hochdecker mit 3,50 Meter kurzem Rumpf und weit hochgelegtem Doppelleitwerk startklar gemacht. Von einem Raketenkatapult mit 50 Metern Schienenstartbahn steigt es nach zwei Fehlversuchen in die Luft und legt bei 150 km/h Spitze eine Distanz von vier Kilometer zurück. Dann erlöschen die Raketen und Fritz von Opel geht mit einer Bruchlandung heftig, aber unversehrt in einem Kartoffelacker nieder. „Ich ducke mich ganz benommen in meinem Sitz zusammen und möchte am liebsten losheulen wie ein Kind. Ist es die elementare Freude zu leben oder das Glücksgefühl des Erfolges – oder die Trauer, dass alles vorbei ist?“ Der Frankfurter Raketenflug sollte dann auch Höhepunkt und Ende des Opel-RAK-Abenteuers sein. Das gesamte Raketenprojekt geht zu Ende, als sich die Familie 1929 aus dem Unternehmen zurückzieht und der US-Konzern General Motors die Opel-Werke übernimmt.
      Bilder
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