Tauchen, wo andere Skifahren
Bizarre Welt aus Eis Fische sehen? Tieftauchen? Nein. Für Eistaucher Thomas Hinterlang aus Kist zählt vor allem eines: Der Blick nach oben, der neue Aussichten offenbart.
Unter den vielen Tiroler Seen zählt der auf 960 Meter Höhe gelegene Urisee zu Hinterlangs absoluten Favoriten: Die Sichtweiten können unter dem Eis bis weit über 30 Meter betragen. Der See ist von Januar bis März total zugefroren und hat eine Eisdecke von bis zu 40 Zentimetern Stärke. Das sieht gigantisch aus. Ebenso wie die Landschaft, die den See umgibt, schwärmt der Taucher. Der Schnee liegt dick auf den Tannen, und die Männer versinken bis zu den Waden im flockigen Pulver, das bei jedem Schritt unter den Stiefeln knirscht: ein Wintermärchen.
„Ich habe in den 80er Jahren mal Bilder vom Eistauchen gesehen und wollte das unbedingt ausprobieren,“ erzählt Thomas Hinterlang während er mit gerunzelter Stirn auf die Eisdecke blickt. Zeit zum Überlegen bleibt ihm jetzt nicht mehr. Er sitzt am Loch, das er zuvor mit der Säge und dem Pickel ins Eis getrieben hat. Seine Beine baumeln bereits im Wasser. „Auf geht's“, ruft er fröhlich, dann taucht er ab. Ein Eistauch-Neuling folgt ihm, erst zögernd, dann entschlossen. Hinunter in eine Welt, die mit der über dem Eis fast nichts gemeinsam hat.
Gemeinsam gleiten sie nur einen Meter unter der Eisdecke entlang. Das einzige Geräusch kommt von den Atemreglern, es macht „schhhh“ beim Einatmen und blubbert, wenn die Luft wieder entweicht. Regelmäßig wie ein Herzschlag. Beide flösseln nur langsam vorwärts, gleiten über abgestorbene Bäume hinweg, deren Äste wie mit Moos besetzte Finger wirken. Beim Eistauchen kommt es nicht auf Tiefe oder Strecke an. Es ist der Blick nach oben, der zählt. Wenn sich die ausgeatmete Atemluft unter der Eisdecke sammelt und wie flüssiges Metall wirkt, wenn man die Welt darüber wie durch einen milchigen Nebel sieht, spätestens dann nimmt einen die Faszination Eistauchen gefangen, behauptet Thomas Hinterlang.
Im Idealfall ist das Eis auch noch schneefrei, während die Sonne am Himmel steht, ihre Strahlen durch das Eis dringen und Lichtmuster ins Wasser zaubern. Dann ist der Taucher in einer Welt gefangen, die ebenso bizarr wie lebensfeindlich scheint und ihm dennoch ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Selbst Thomas Hinterlang kann sich dem nicht entziehen.
Ohne Teamwork über und unter dem Eis geht nichts. Vollkommen losgelöst sind die Taucher unter dem Eis natürlich nicht. Eine Leine verbindet die Beiden mit einem dritten, komplett angezogenen Taucher der die Leine führt und über diese Signale unter Eis gibt. Diese signalfarbene Schnur ist die Versicherung dafür, dass die Taucher am Ende des Tauchgangs den Ausstieg wieder finden.
Eistauchgänge setzen Ausrüstung und Planung voraus: Jeder Taucher muss über zwei getrennt voneinander arbeitende und kaltwassertaugliche Atemregler verfügen. Trockentauchanzüge sind Pflicht. Und bereits vor dem Tauchgang sollte klar sein, wie anschließend die Einstiegsstelle gesichert wird, damit Schlittschuhläufer und Schaulustige das Loch im Eis nicht übersehen.
„Oft wird der Sport als Abtauchen in eine Welt der Stille beschrieben,“ erzählt Hinterlang später. Dies ist in den meisten Meeren jedoch Quatsch: Man hört die Brandung, den Lärm von Schiffsmotoren, das Nagen der Fische an Korallen. Hier jedoch trifft die Beschreibung zu – unter dem Eis fühlt man sich wie in einer anderen, geräuschlosen Galaxis. Wenn da nur die blöden Atemgeräusche nicht wären . . .“
Nach einer halben Stunde ist Schluss. Auch der beste Tauchanzug hält kaum noch warm, die Lippen sind der beißenden Kälte schutzlos ausgeliefert. Der Tauchlehrer und der Neuling unter dem Eis machen sich auf den Rückweg. Um aus dem Loch wieder rauszukommen, benutzen sie eine Aluleiter, die ein normaler Mensch zum Kirschenernten im Garten braucht. Auf der glatten Oberfläche ist es sonst unmöglich wieder aus dem Wasser zu kommen.
Fast schon am Ausstieg angekommen, entdecken beide noch zwei Forellen, die annähernd bewegungslos durch das Wasser treiben. Doch wen interessiert jetzt noch ein starrer Fisch, wenn oben bereits der heiße Tee wartet?
Thomas Hinterlang
Der Tauchlehrer Thomas Hinterlang ist eigentlich gelernter Schriftsetzermeister. Er lernte und arbeitete von 1981 bis 2009 bei der Main-Post. Hier war er als Mitarbeiter der Produktionssteuerung Nacht für Nacht für das pünktlich Fertigstellen der gedruckten Ausgabe aller Main-Post-Titel verantwortlich. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte er Ende 2009. „Mehr als 20 Jahre Dauernachtschicht reichen“, sagt er.
Schon 1988 eröffnete er die Tauchschule, zunächst nebenberuflich, ab 2010 hauptberuflich. Die Tauchschule hat seit 2001 ein Niveau erreicht, das man bei Hotels mit „Fünf Sterne“ bezeichnen würde (5 Star Divecenter). Die weltweite Tauchlehrervereinigung PADI (Professional Association of Diving Instructors) zeichnete das Tauchsportcenter Aquakadabra im Jahr 2009 dafür aus, dass dort deutschlandweit die meisten Zertifizierungen (Ausbildungen vom Anfänger bis zum Profi) gemacht wurden, genau 250.
Insgesamt schätzt Thomas Hinterlang die Zahl der Absolventen auf über 2400 in den letzten 23 Jahren. 2011 wurde das Tauchsportcenter Aquakadabra zum ersten TEC-REC-Dive Center in Deutschland ernannt, Thomas Hinterlang bietet hier auch sogenannte technische Tauchgänge jenseits der 40 Metergrenze an.
Informationen zu Kursen und Dienstleistungen unter www.aquakadabra.de
==> so was würde mich auch mal reizen!
Bizarre Welt aus Eis Fische sehen? Tieftauchen? Nein. Für Eistaucher Thomas Hinterlang aus Kist zählt vor allem eines: Der Blick nach oben, der neue Aussichten offenbart.
Unter den vielen Tiroler Seen zählt der auf 960 Meter Höhe gelegene Urisee zu Hinterlangs absoluten Favoriten: Die Sichtweiten können unter dem Eis bis weit über 30 Meter betragen. Der See ist von Januar bis März total zugefroren und hat eine Eisdecke von bis zu 40 Zentimetern Stärke. Das sieht gigantisch aus. Ebenso wie die Landschaft, die den See umgibt, schwärmt der Taucher. Der Schnee liegt dick auf den Tannen, und die Männer versinken bis zu den Waden im flockigen Pulver, das bei jedem Schritt unter den Stiefeln knirscht: ein Wintermärchen.
„Ich habe in den 80er Jahren mal Bilder vom Eistauchen gesehen und wollte das unbedingt ausprobieren,“ erzählt Thomas Hinterlang während er mit gerunzelter Stirn auf die Eisdecke blickt. Zeit zum Überlegen bleibt ihm jetzt nicht mehr. Er sitzt am Loch, das er zuvor mit der Säge und dem Pickel ins Eis getrieben hat. Seine Beine baumeln bereits im Wasser. „Auf geht's“, ruft er fröhlich, dann taucht er ab. Ein Eistauch-Neuling folgt ihm, erst zögernd, dann entschlossen. Hinunter in eine Welt, die mit der über dem Eis fast nichts gemeinsam hat.
Gemeinsam gleiten sie nur einen Meter unter der Eisdecke entlang. Das einzige Geräusch kommt von den Atemreglern, es macht „schhhh“ beim Einatmen und blubbert, wenn die Luft wieder entweicht. Regelmäßig wie ein Herzschlag. Beide flösseln nur langsam vorwärts, gleiten über abgestorbene Bäume hinweg, deren Äste wie mit Moos besetzte Finger wirken. Beim Eistauchen kommt es nicht auf Tiefe oder Strecke an. Es ist der Blick nach oben, der zählt. Wenn sich die ausgeatmete Atemluft unter der Eisdecke sammelt und wie flüssiges Metall wirkt, wenn man die Welt darüber wie durch einen milchigen Nebel sieht, spätestens dann nimmt einen die Faszination Eistauchen gefangen, behauptet Thomas Hinterlang.
Im Idealfall ist das Eis auch noch schneefrei, während die Sonne am Himmel steht, ihre Strahlen durch das Eis dringen und Lichtmuster ins Wasser zaubern. Dann ist der Taucher in einer Welt gefangen, die ebenso bizarr wie lebensfeindlich scheint und ihm dennoch ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt. Selbst Thomas Hinterlang kann sich dem nicht entziehen.
Ohne Teamwork über und unter dem Eis geht nichts. Vollkommen losgelöst sind die Taucher unter dem Eis natürlich nicht. Eine Leine verbindet die Beiden mit einem dritten, komplett angezogenen Taucher der die Leine führt und über diese Signale unter Eis gibt. Diese signalfarbene Schnur ist die Versicherung dafür, dass die Taucher am Ende des Tauchgangs den Ausstieg wieder finden.
Eistauchgänge setzen Ausrüstung und Planung voraus: Jeder Taucher muss über zwei getrennt voneinander arbeitende und kaltwassertaugliche Atemregler verfügen. Trockentauchanzüge sind Pflicht. Und bereits vor dem Tauchgang sollte klar sein, wie anschließend die Einstiegsstelle gesichert wird, damit Schlittschuhläufer und Schaulustige das Loch im Eis nicht übersehen.
„Oft wird der Sport als Abtauchen in eine Welt der Stille beschrieben,“ erzählt Hinterlang später. Dies ist in den meisten Meeren jedoch Quatsch: Man hört die Brandung, den Lärm von Schiffsmotoren, das Nagen der Fische an Korallen. Hier jedoch trifft die Beschreibung zu – unter dem Eis fühlt man sich wie in einer anderen, geräuschlosen Galaxis. Wenn da nur die blöden Atemgeräusche nicht wären . . .“
Nach einer halben Stunde ist Schluss. Auch der beste Tauchanzug hält kaum noch warm, die Lippen sind der beißenden Kälte schutzlos ausgeliefert. Der Tauchlehrer und der Neuling unter dem Eis machen sich auf den Rückweg. Um aus dem Loch wieder rauszukommen, benutzen sie eine Aluleiter, die ein normaler Mensch zum Kirschenernten im Garten braucht. Auf der glatten Oberfläche ist es sonst unmöglich wieder aus dem Wasser zu kommen.
Fast schon am Ausstieg angekommen, entdecken beide noch zwei Forellen, die annähernd bewegungslos durch das Wasser treiben. Doch wen interessiert jetzt noch ein starrer Fisch, wenn oben bereits der heiße Tee wartet?
Thomas Hinterlang
Der Tauchlehrer Thomas Hinterlang ist eigentlich gelernter Schriftsetzermeister. Er lernte und arbeitete von 1981 bis 2009 bei der Main-Post. Hier war er als Mitarbeiter der Produktionssteuerung Nacht für Nacht für das pünktlich Fertigstellen der gedruckten Ausgabe aller Main-Post-Titel verantwortlich. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte er Ende 2009. „Mehr als 20 Jahre Dauernachtschicht reichen“, sagt er.
Schon 1988 eröffnete er die Tauchschule, zunächst nebenberuflich, ab 2010 hauptberuflich. Die Tauchschule hat seit 2001 ein Niveau erreicht, das man bei Hotels mit „Fünf Sterne“ bezeichnen würde (5 Star Divecenter). Die weltweite Tauchlehrervereinigung PADI (Professional Association of Diving Instructors) zeichnete das Tauchsportcenter Aquakadabra im Jahr 2009 dafür aus, dass dort deutschlandweit die meisten Zertifizierungen (Ausbildungen vom Anfänger bis zum Profi) gemacht wurden, genau 250.
Insgesamt schätzt Thomas Hinterlang die Zahl der Absolventen auf über 2400 in den letzten 23 Jahren. 2011 wurde das Tauchsportcenter Aquakadabra zum ersten TEC-REC-Dive Center in Deutschland ernannt, Thomas Hinterlang bietet hier auch sogenannte technische Tauchgänge jenseits der 40 Metergrenze an.
Informationen zu Kursen und Dienstleistungen unter www.aquakadabra.de
==> so was würde mich auch mal reizen!