Der Beginn einer neuen Ära

      Der Beginn einer neuen Ära

      A. LANGE & SÖHNE-CHEFENTWICKLER IM INTERVIEW
      Teil 1: "Der Beginn einer neuen Ära"
      Von Maren Hoffmann

      Anthony de Haas ist Chefentwickler bei A. Lange & Söhne. Mit der 1,9 Millionen Euro teuren Grand Complication hatte Lange Uhren in diesem Jahr die Messlatte weit nach oben geschoben. Ein Gespräch über das, was danach noch kommen kann.

      mm: Herr de Haas, dieses Jahr hat A. Lange & Söhne eine Uhr herausgebracht, die so ziemlich das obere Ende der Uhrmacherkunst markiert: Die knapp zwei Millionen Euro teure Grand Complication. Was kann danach noch kommen?

      De Haas: Diese Uhr ist tatsächlich kein Endpunkt, sondern der Beginn einer neuen Ära. Wir haben uns sieben Jahre lang Zeit für die Entwicklung genommen - dabei viel gelernt und auch Neuland betreten. Denn es gab bisher kaum eine Uhr mit Schlagwerk von A. Lange & Söhne. Früher gab es mal Taschenuhren mit Schlagwerk, aber das kam dann jeweils aus der Schweiz. Jetzt können wir es selbst bauen.
      mm: Warum ist das Schlagwerk so wichtig?

      De Haas: Es ist eine der großen uhrmacherischen Komplikationen, auf die wir nicht verzichten wollen. Wir haben uns überlegt, mit welcher Uhr wir das realisieren können. Und uns wurde klar: Wir müssen etwas ganz Großes machen. Ich bin froh, in einer Firma zu arbeiten, die sich das leisten kann. Allein an der Tonfeder haben wir ein Jahr getüftelt, die Stärke, das Material, der Klang. Es gibt extrem viele Faktoren, die eine Rolle spielen.

      mm: Die Grand Complication ist auf sechs Exemplare limitiert, jedes kostet 1,9 Millionen Euro. Kaufen Leute solche Uhren, obwohl sie so teuer sind - oder weil sie so teuer sind?

      De Haas: Beides. Wir haben die Uhr bisher nur sehr wenigen Leuten zeigen können. Da war auch ein Sammler dabei, der gesagt hat, er würde gern alle sechs nehmen. Das war ganz klar ein "weil" und kein "obwohl". Die meisten Sammler sind wirklich beseelt von der Uhr, von der Technik.

      mm: Es gibt nur sechs Uhren, aber viel mehr Interessenten. Sie müssen zwangsläufig gute Kunden vor den Kopf stoßen, wenn Sie denen absagen, die keine bekommen.

      De Haas: Es hat ja einen Grund, warum wir nur sechs bauen. Ein Uhrmacher baut an so einer Uhr ein Jahr lang. Wir haben nur zwei Uhrmacher, die das zur Zeit können, und die haben ja auch noch andere Aufgaben und sollen irgendwann an neuen Projekten arbeiten. Also brauchen wir fünf oder sechs Jahre, bis wir die Uhren ausgeliefert haben. Und niemand will länger auf eine Uhr warten.
      mm: Schon klar, aber wie erklären Sie einem verwöhnten Multimillionär, dass er mit seinem ganzen Geld eine bestimmte Uhr eben doch nicht kaufen kann? Und wie wählen Sie aus, wer eine bekommt und wer nicht?

      De Haas: Das ist nicht einfach. Leute zu enttäuschen, ist natürlich nicht unser Geschäftsziel. Ich bin froh, dass ich Entwicklungschef bin und nicht Vertriebschef (lacht). Aber im Ernst: Ich würde mich freuen, wenn die Grand Complication einmal eine Uhrensammlung krönt, die von einem begeisterten Sammler aufgebaut worden ist.

      2. Teil: "Für das Umspringen der Monatsanzeige bleibe ich extra wach"

      mm: Welche neuen Projekte gibt es? Wovon träumen Sie als Chefentwickler?

      De Haas: Ich mache ja schon das, wovon ich träume. Wir haben ein Produktkomitee, und wir entscheiden gemeinsam, was wir bauen wollen. Es sitzt hier keiner allein da mit einem Glas Rotwein und hat eine schöne Idee, sondern wir haben fünf starke Produktfamilien, die wir sorgfältig in verschiedenen Preisniveaus weiterentwickeln. Und unsere Neuheiten stellen wir dann im Januar auf der Uhrenmesse SIHH in Genf vor.

      mm: A. Lange & Söhne wächst - in diesem Jahre haben Sie 70 neue Mitarbeiter eingestellt, 2015 öffnet Ihre neue Produktionsstätte. Was ändert sich?

      De Haas: Momentan sind wir auf fünf Gebäude verteilt, das ist logistisch nicht einfach. Im neuen Gebäude sind dann die Teilefertigung, das Finish und die Uhrenmontage unter einem Dach. Damit werden wir effizienter und wir können den Produktionsprozess besser steuern. Und unsere Mitarbeiter sind natürlich froh, etwas mehr Platz zu haben.

      mm: In diesem Jahr gab es erstmals eine Luxusuhrenmesse in Hongkong - die Watches and Wonders, Ihre Firma war auch dort. Etliche Hersteller nehmen auch im Design viel Rücksicht auf die Käufer aus Fernost, es gab schon millionenteure Uhren mit Pandas und Drachen. Wie positioniert sich A. Lange & Söhne im asiatischen Markt?

      De Haas: Asien ist natürlich auch für uns ein wichtiger Markt, ebenso wie die USA, Europa und der Mittlere Osten. Dennoch fertigen wir keine speziellen Designs für diese Märkte. Es gibt ab und zu Anfragen, ob wir eine unserer Uhren mit Diamanten besetzen können. Gut, das machen wir dann, aber das sind Ausnahmen. Wir machen nichts mit Drachen oder chinesischen Kalendern. Im Gegenteil: Wir sind stolz darauf, Uhren anzubieten, die den Geschmack unserer Kunden treffen, egal welchem Kulturkreis sie angehören. mm: Kann man jeder Uhrenmarke einen bestimmten Käufertypus zuordnen?

      De Haas: Das kann ich so generell nicht beurteilen. Aber zumindest für Lange gilt: Es ist in erster Linie eine Marke für Sammler und Kenner. Das sind ja keine Uhren, denen man ihren Preis auf den ersten Blick ansieht, sondern sie sind zeitlos, klassisch elegant und mit starken inneren Werten. Genau das schätzen unsere Kunden.

      mm: Wie lautet Ihr Rezept für zeitloses Design?

      De Haas: Wir produzieren Güter, die niemand braucht. Man will sie vor allem haben, weil sie schön sind. Die Uhrzeit könnte man problemlos auch vom Handy ablesen. Was uns daher extrem wichtig ist, ist die Identität der Marke. Es soll erkennbar sein, dass es eine Lange-Uhr ist. Das muss auch ohne das Logo funktionieren. Ich beobachte, dass bei Marken, die früher sehr erkennbar waren, mittlerweile vieles verwässert ist. Zeitlosigkeit hat aber immer auch etwas mit Qualität zu tun.

      mm: Inwiefern?

      De Haas: Zum Beispiel die Zifferblätter: Die werden bei uns nicht lackiert, sondern versilbert. Unsere Farben werden galvanisch hergestellt und sind resistent gegenüber UV-Strahlung. Zaponlack schützt die Silberschicht und den Aufdruck. Das gibt der Farbe ihre Tiefe. Zeitlosigkeit und Wertigkeit sind nicht voneinander zu trennen. Wir verwenden auch nur massive Gold- und Platingehäuse. Wer viel Geld bezahlt, soll auch lange Freude an seiner Uhr haben.

      mm: Warum steht eigentlich bei allen Bildern von Lange-Uhren das Großdatum immer auf der 25?

      De Haas: Unsere jüngere Firmengeschichte reicht ja gar nicht so weit zurück - wir haben 1994 am 24. Oktober im Dresdner Schloss die ersten vier Uhren der Neuzeit präsentiert. Die waren bewusst auf die 25 gestellt, weil sie am nächsten Tag mit dem richtigen Datum in der Presse erscheinen sollten. Und die 25 sieht auch einfach am schönsten aus, das blieb dann dabei. Die Zeiger stehen übrigens immer auf acht Minuten vor zwei. Die Schweizer machen es genau andersherum: Acht Minuten nach zehn.

      mm: Welche Uhr tragen Sie?

      De Haas: Ich trage derzeit die Lange 1 Tourbillon Ewiger Kalender, die auf der Baselworld in diesem Jahr als "Uhr des Jahres" prämiert wurde. Ich habe immer meine Lupe dabei, und auf Flügen kann ich dann in meine Uhr gucken und mich an der Mechanik freuen. Ich warte mit viel Freude auf das Monatsende, wenn die Monatsanzeige umspringt, dafür bleibe ich dann extra wach.

      mm: Ist das Ihre Lieblingsuhr?

      De Haas: Gegenfrage: Haben Sie Kinder? Mehr als eins? Ich habe keine Lieblingsuhr, die ich allen anderen vorziehen würde. Ich liebe alle unsere Uhren. Und im Urlaub trage ich gar keine Uhr. Da lebe ich zeitlos.

      Bilder
      Stolzer Entwickler: Anthony de Haas, Chefentwickler bei A. Lange & Söhne, mit der 1,9 Millionen Euro teuren Grand Complication. Deren Vorbild...
      .. ist diese Taschenuhr, die in der Uhrensammlung des Dresdner Zwingers gehütet wird: Die Grande Complication Nr. 42500
      Komplexe Technik: In der neuen Grand Complication schlägt das eigens entwickelte Lange-Manufakturkaliber L1902
      Markenzeichen: Die Ziffern des Lange-Großdatums werden von Hand gemalt - und für alle offiziellen Fotos immer auf die 25 eingestellt.

      Richard Lange: Die Uhren von A.Lange & Söhne sind in fünf Produktfamilien aufgestellt, eine davon trägt den Namen Richard Langes, eines der Söhne des Firmengründers, der 1868 in das Unternehmen eintrat und den Ruhm der Firma mitbegründete. Hier die Richard Lange Tourbillon Pour le Mérite, deren Tourbillon man durch einen Ausschnitt betrachten kann.

      Lange 1: Die Lange 1 Zeitzone erlaubt es, die aktuelle Zeit für alle 24 Zeitzonen weltweit abzulesen, während auch die Heimatzeit sichtbar bleibt. Die Lange 1 ist ein gutes Beispiel für das zeitlose Design, dem sich die Firma verschrieben hat, und beschert ihr nachhaltige und stetige Umsätze.

      Zeitwerk:
      Diese Linie ist ein wenig extravaganter - die mechanische Armbanduhr hat eine digitale Zeitanzeige. Stunde und Minute werden über Sprungziffern angezeigt.

      1815: Der Höhepunkt für Traditionalisten. Die 1815 Rattrapante Ewiger Kalender verweist auf das Geburtsjahr des Firmengründers Ferdinand A. Lange. Mit dem Rattrapante-Chronographen und dem ewigen Kalender hat sie zwei klassische Komplikationen.

      Saxonia: Diese Modellfamilie zeichnet sich durch recht schnörkelloses Design aus. Statt Ziffern gibt es Stabindizes aus massivem Gold.
      Bilder
      • image-577743-galleryV9-hbhs.jpg

        38,74 kB, 400×600, 0 mal angesehen
      • image-577745-galleryV9-kyoo.jpg

        66,16 kB, 850×546, 0 mal angesehen
      • image-577742-galleryV9-pmrn.jpg

        31,85 kB, 850×300, 0 mal angesehen
      • image-577744-galleryV9-onwy.jpg

        162,68 kB, 850×602, 0 mal angesehen
      • image-577740-galleryV9-bqoq.jpg

        43,39 kB, 850×564, 2 mal angesehen
      • image-577739-galleryV9-qivb.jpg

        31,05 kB, 850×496, 2 mal angesehen
      • image-577738-galleryV9-uwrw.jpg

        33,3 kB, 850×496, 0 mal angesehen
      • image-577736-galleryV9-bnly.jpg

        34,92 kB, 850×496, 0 mal angesehen