Morgen fallen die Zinsen

      Morgen fallen die Zinsen

      Enteignung der Sparer
      Morgen fallen die Zinsen: Wie die Deutschen ihr Vermögen kaputtsparen

      Sparen war einst eine Tugend. Heute schauen Sparer meist dumm aus der Wäsche: Wegen der Mini-Zinsen und der Inflation verliert das Geld jeden Monat an Wert. FOCUS Online erklärt, warum die Deutschen umschichten müssen.

      Die Uhr tickt: Am Donnerstag wird die Europäische Zentralbank (EZB) nach Meinung fast aller Beobachter einen noch nie dagewesenen Schritt gehen. Sie wird den Leitzins von derzeit 0,25 Prozentauf bis zu 0,1 Prozent senken.

      Was abstrakt klingt, hat Auswirkungen auf viele Millionen Sparer in der gesamten Eurozone. Der Leitzins beeinflusst unzählige Finanzprodukte. Je niedriger er ist, desto weniger Zinsen bekommen Sparer in der Regel für ihre Einlagen.

      Und damit nicht genug:Wahrscheinlich wird die EZB sogar noch weiter gehen und eine Strafzins für Banken einführen, die Geld bei der Notenbank parken, statt es an Unternehmen zu verleihen.

      Ökonomen befürchten, dass Banken denStrafzins auf ihre Kunden abwälzen. Diese abschreckende Erfahrung wurde in Dänemark gemacht. Statt mehrKreditezu vergeben und die Finanzierungskosten für Unternehmen zu senken, gaben dänische Banken die zusätzlichen Kosten der Strafgebühr zum Teil an Kreditkunden weiter. Ein Horrorszenario für die ohnehin schon gebeutelten Sparer.

      Fazit:Es ist höchste Zeit für einen Vermögenscheck. FOCUS Online zeigt, wo die Deutschen ihr Geld haben – und warum viele Deutsche Sparer umdenken müssen.

      Wie viel Geld haben die Deutschen?Das Vermögen der Bundesbürger ist gewaltig. Wie die Bundesbankvor wenigen Wochen mitteilte, wuchs das Vermögen der Privathaushalte bis Ende 2013 auf den historischen Höchstwert von 5,15 Billionen Euro. Darin eingerechnet sind Bargeld, Wertpapiere, Bankeinlagen und Ansprüche gegenüber Versicherungen.

      Nach einer Studie der Bank of Scotland besitzt ein Viertel der Sparer einen Betrag zwischen 10.000 und 50.000 Euro. Jeder Zehnte verfügt über ein Vermögen von 50.000 Euro oder mehr. Dabei sind selbst genutzte Immobilien und Ansprüche aus Lebens- und Rentenversicherungen noch nicht einmal berücksichtigt.

      Video: So funktioniert derGirokonten-Vergleich
      focus.de/finanzen/videos/kurz-…vergleich_id_3553859.html

      Wo liegt das Geld der Deutschen?In Gelddingen sind die Deutschen konservativ – und scheuen das Risiko. Sie stecken ihr Erspartes vor allem in sichere Bankeinlagen, die allerdings kaum Zinsen einbringen: Mit 32 Milliarden Euro floss dieser Anlageform vierten Quartal 2013 so viel zu wie zuletzt Ende 2010.

      Vor allem täglich abrufbares Guthaben wie etwa auf Girokonten ist gefragt. „Die Präferenz der privaten Haushalte für liquide Bankeinlagen ist deutlich zu erkennen“, teilte die Bundesbank in ihrer Studie mit.

      Der„Sparerkompass 2014“der Bank of Scotland bestätigt diesen Befund: Demnach entscheiden sich 69 Prozent bei der Geldanlage für die sichere Variante – und verzichten dafür auf Gewinn, weil die Sparkonten kaum noch etwas abwerfen.

      Mit ihren klassischen Sparkonten verdienen die Deutschen nicht nur nichts – viele verlieren sogar etwas. Denn die Minizinsen können meist nicht einmal die Inflation ausgleichen. Die Kaufkraft des angesparten Geldes nimmt also ab.

      Vielen ist dieses Problem offenbar nicht einmal bewusst: Laut dem „Sparerkompass“ hält fast jeder Vierte ein Tagesgeldkonto für die beste Möglichkeit, um bei geringem Risiko gute Renditen zu erwirtschaften. Wie die Sparer zu dieser Meinung kommen, ist rätselhaft. Schließlich werfend die meisten Tagesgeldkonten derzeit nur noch 0,3 oder 0,5 Prozent Zinsen ab. Offenbar wissen das viele nicht.

      Wo sollte das Geld der Deutschen liegen?Wer die vergangenen drei Jahre betrachtet, kann auf diese Frage nur eine Antwort geben: An der Börse. So beurteilen es die meisten Profi-Investoren.

      Im vierten Quartal 2013 wuchs das Vermögen der privaten Haushalte um 79 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 47 Milliarden auf Kursgewinne bei Aktien und Zertifikaten. Davon profitiert aber nur eine Minderheit der Deutschen: Unter dem Strich trennten sich die Privathaushalte sogar von Aktien im Wert von vier Milliarden Euro.

      Die Scheu vor der Börse könnte sich mit der nächsten EZB-Sitzung am Donnerstag noch mehr rächen als bisher. Vollziehen die Notenbanker die erwarteten Schritte – Leitzinssenkung und Strafzinsen – werden Sparkonten noch unattraktiver, die Zinsen wohl noch mickriger.

      An den Börsen wirkt billiges Notenbank-Geld dagegen wie ein Potenzmittel. Mangels Alternativen fließt das Kapital in Aktien – und die Kurse steigen weiter.

      In den vergangenen zweieinhalb Jahren stieg der LeitindexDax von 6051 Punkten (am 02.01.2012) auf mittlerweile 9922 Punkte (02.06.2014). Ein Plus von fast 64 Prozent. Die meisten Deutschen waren dabei nur Zuschauer.

      Und wenn ich mich nicht an die Börse traue?Auch wenn die Bilanz der vergangenen Jahre blendend ist: An der Börse kann es ebenso schnell wieder bergab wie bergauf gehen. Wer das Risiko scheut und dem Sparkonto treu bleiben will, sollte sich aber zumindest nach dem besten Angebot umschauen.

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      GeldpolitikGreift die EZB wieder zur Kreditkanone?
      Die mit Spannung erwartete Zinssitzung der Europäischen Zentralbank rückt näher. Senkt die Notenbank einen wichtigen Zins unter null Prozent? Sparkassen und Versicherer schlagen Alarm.

      Kurz vor der mit viel Spannung erwarteten Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank an diesem Donnerstag nehmen die Warnungen vor noch niedrigeren Zinsen zu. Deutschlands Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon warf der Notenbank vor, durch die andauernden Niedrigzinsen deutsche Sparer zu enteignen. „Wir reißen durch diese niedrigen Zinsen ein Loch in die Altersvorsorge der Sparer“, sagte er im Deutschlandfunk und wiederholte damit Kritik, die von den Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken und Versicherern in dieser Woche schon in einer gemeinsamen Erklärung vorgebracht worden war. Die niedrigen Zinsen träfen nicht nur deutsche, sondern alle europäischen Sparer.

      Allein den deutschen Sparern entgingen jedes Jahr rund 15 Milliarden Euro an Zinseinnahmen, schätzt Fahrenschon, umgerechnet seien dies etwa 200 Euro pro Kopf. Zugleich bemängelte der Sparkassen-Präsident, dass eine weitere Zinssenkung vom derzeit rekordniedrigen Niveau von 0,25 Prozent der Realwirtschaft keine weiteren Vorteile bringe.

      Dass die Euro-Währungshüter abermals die Leitzinsen senken, gilt als sehr wahrscheinlich. Außerdem gehen viele Beobachter davon aus, dass die Notenbank erstmals den Zinssatz, den Banken für Einlagen bei der EZB bekommen, unter null Prozent verringert. Ziel eines solchen „Strafzinses“ ist es, Banken zu animieren, Kredite an Unternehmen zu vergeben anstatt viele Milliarden bei der Notenbank zu deponieren. Gerade dieses Instrument ist indes umstritten. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass Banken mehr Geld verleihen, wenn es einen Minuszins auf Einlagen bei der Notenbank gibt“, sagte etwa Jaime Caruana, der renommierte Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in einem Interview der „Börsen-Zeitung“. „Die Wahrheit ist, dass die gesamte Architektur der Finanzmärkte auf positiven Zinsen basiert - das ist das, was normal ist.“ Caruana war zuvor Chef der spanischen Notenbank und saß selbst im EZB-Rat. Auch der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark bezeichnete die Wirkung negativer Einlagenzinsen in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gerade erst als „äußerst fraglich“.

      Kreditprogramm für kleine Firmen?Gerade weil viele Ökonomen von noch niedrigeren Zinsen keine große Wirkung erwarten, gibt es eine große Diskussion darüber, was die Euro-Notenbanker noch ankündigen könnten. Zumal die neusten Inflationsdaten aus der Währungsunion überraschend niedrig ausgefallen sind. „Wenn die EZB noch einen weiteren Grund zum Handeln brauchte, hat sie ihn nun auf einem Silbertablett präsentiert bekommen”, kommentierte das Jens Kramer, Ökonom der NordLB in Hannover.

      Letztlich wird die Zinsentscheidung der EZB wesentlich von ihrer eigenen aktualisierten Wachstums- und Inflationsprognose abhängen. Bisher sagen die EZB-Fachleute für dieses Jahr eine Inflationsrate von 1 Prozent für die Währungsunion voraus; diese Projektion dürfte auf 0,8 Prozent gesenkt werden, erwarten Analysten. Spannend wird, wie stark die EZB ihre Prognose für 2016 senkt. Bislang erwartet sie, dass bis Ende 2016 die Inflation sich dem Zielwert von knapp unter 2 Prozent nähern werde.