Haie: Streitthema Haifütterungen

      Haie: Streitthema Haifütterungen

      Haie: Streitthema Haifütterungen

      Jasmin Jaerisch am 18. Februar 2016 um 10:34 Uhr
      Nirgendwo sonst bekommt man Haie so nah vor die Maske wie bei speziellen Haifütterungen. Viele Taucher stehen dem an vielen Orten auf der Welt verbreiteten Zirkus kritisch gegenüber. Darf man potenziell gefährliche Tiere wie Haie füttern? Wir erklären wie Haifütterungen funktionieren, welche Risiken es gibt und geben Tipps zum richtigen Verhalten.

      Beim Thema Hai teilen sich die Meinungen in zwei Lager. In die, die unbedingt einmal einen Hai aus der Nähe sehen wollen und sich auch mit einem grauen Schatten in einiger Entfernung zufrieden geben, und in die, die nicht warten wollen, bis Fortuna ihnen dieses Erlebnis schenkt, sondern ihr Glück selbst in die Hand nehmen und einen Tauchgang mit angefütterten Haien buchen. Meist erlebt diese Gruppe die Räuber durch die Linse einer UW-Fotokamera. Die Bilder, die sie zeigen, sind unglaublich. Haie hautnah, ein Gewimmel von Dreiecksflossen und Zähnen – und sie mittendrin.

      Nur mit Futter im Wasser ist es möglich, die ansonsten eher menschenscheuen Haie wirklich hautnah zu erleben. Und genau hierbei scheiden sich die Geister: Ist es richtig, die ansonsten schüchternen Haie für den eigenen Thrill anzulocken?

      Der Haitourismus boomt
      Man mag diese Taucher Adrenalinjunkies nennen, das Erlebnis kann ihnen keiner mehr nehmen. Und es ist ein Erlebnis der besonderen Art – das ist unstrittig. Die „Angstzination“, die Haie bei uns Menschen auslösen, hat in den letzten Jahren einen wahren Tourismusboom ausgelöst. Wer in der Halle 3
 der Wassersportmesse „boot“ in Düsseldorf unterwegs ist, stolpert fast bei jedem Schritt über Angebote mit Haibegegnungen. Und da ist wirklich alles im Angebot: von Begegnungen mit Tigerhaien bis zu Weißen Haien.
      Ob das ökologisch vertretbar ist oder die Tauchanbieter irgendwelche Qualifikationen haben, ist für die „Haijäger der Tourismusbranche“ nebensächlich. Für die Taucher zählt nur das Erlebnis. Und für die Veranstalter nur das Geld, das mit Haitourismus zu verdienen ist.
      Der Erfolg gibt denen Veranstaltern recht. Die Ausfahrten sind voll und es scheint alles sicher zu sein. Naja, fast. Denn Fakt ist auch, dass es bei Haitauchgängen immer öfter zu Problemen kommt. Zwar gab es Gott sei Dank bisher kaum Todesfälle, aber manchesmal fehlte nicht mehr viel. Es spricht für die „Ungefährlichkeit“ der Haie, dass nicht regelmäßig Unfälle passieren. Aber sie ereignen sich und der Grund dafür ist vor allen Dingen das Futter im Wasser.

      Starke Naturerlebnisse
      Beim Haitourismus muss man zwischen regionalen Begegnungen und Futterbegegnungen unterscheiden. Regionale Begegnungen sind zum Beispiel natürliche Versammlungen von Haien, für die man als Taucher nur den richtigen Zeitpunkt
und etwas Glück braucht.
 Dazu gehören die Walhaie vor Mosambik, die Hochzeit der Grauen Riffhaie vor Palau oder der Sardine Run vor der Küste Südafrikas. Stärkere Naturerlebnisse gibt es kaum!
      Aber dann gibt es die Futterbegegnungen. Hier werden Haie durch Chumming (Anködern) angelockt. Mitten in diesem wilden, hungrigen Hai-Haufen taucht dann der Gast. Der Vorteil für den Veranstalter: Solche Reisen sind überall durchzuführen, wo es Haie gibt. Nach einigen Wochen Anfüttern funktioniert das sehr gut – und es kann Geld damit verdient werden! Nachteil: Man benötigt Futter, um die ansonsten eher menschenscheuen Tiere anzulocken.

      Das bedeutet Risiko in mehreren Stufen:
      • Futter im Wasser: Nichts verändert das Verhalten eines Hais so sehr wie Futter im Wasser oder der Geruch davon. Aus ansonsten scheuen Räubern werden aufdringliche Fische.
      • Konditionierung: Regelmäßige Begegnungen mit Menschen verändern das Verhalten der Tiere. Sie kommen viel näher als normalerweise.
      • Konkurrenz: Ein Hai im Wasser ist zu kontrollieren, mehrere Haie schaukeln sich in ihrem Verhalten auf. Sie konkurrieren um das Futter und betrachten oft auch den Menschen als Futterkonkurrenten. Die Taucher werden angestupst, geboxt oder gestreift. Kommt dazu jetzt noch falsches Verhalten des Tauchers hinzu, dann wird ein Biss immer wahrscheinlicher. Verantwortungsvolle Veranstalter erkennt man daran, wie die Taucher gebrieft werden, wie viele Sicherungstaucher dabei sind und vor allem, ob offen oder geschlossen geködert wird. Geschlossenes Ködern bedeutet, dass nur der Geruch von Futter die Haie anlockt. Im Gegensatz dazu arbeitet das offene Ködern mit Fischstücken. Alle Erfahrung zeigt, dass diese Köderart das höchste Risiko birgt!

      Wo finden Haiütterungen statt?
      • Bahamas: Safaris und Basen geben Haifütterkurse im Kettenhemd mit Tiger-, Bullen-, Zitronen-, Karibischen Riff- und Ammenhaien
      • Region Durban/Südafrika: Tigerhaie und Schwarzspitzen-Haie
      • Kapregion/Südafrika: Blau- und Makohaie
      • Südafrika: Käfigtauchgänge mit Weißen Haien
      • Rhode Island vor New York/USA: Vorwiegend Blauhaie
      • Kalifornien/USA: Blauhaie und Makos
      • Fidschi: Bullenhaie und Tigerhaie
      • Kuba: Bullenhaie werden per Handfütterung angelockt – ein extrem gefährliches Unterfangen!
      • Mikronesien: Haie hautnah erleben auf Yap und Palau
      • Malediven: Nur noch selten, wenn dann mit Grauen Riffhaien

      Worauf sollte der Reiseveranstalter achten?
      • Es sollte ein ausführliches Verhaltens- und Sicherheitsbriefing geben, das neben sämtlichen tauchgangsrelevanten Fakten auch das „typische“ Verhalten und Beutespektrum der vorkommenden Haiarten sowie einen Notfallplan enthält
      • Gleich dazubuchen: einen kompletten Haikurs (den gibt es bei Sharkproject, der SharkSchool von Dr. Erich Ritter oder SSI)
      • Verzicht auf offenes Anfüttern (kein offenes Futter im Wasser)
      • Ein Sicherheitstaucher pro zwei Touristen (ausgerüstet zumindest mit einem Shark-Distance-Stab)
      • Die Tauchgangsvorbereitung sollte durch eine orts- und haikundige Person durchgeführt werden. Stellen Sie Fragen, um das Wissen zu testen
      • Der Tauchgang muss durch geschultes Personal, das zahlenmäßig der Gruppe angepasst ist, begleitet werden
      • Nationale, lokale Richtlinien und Gesetze müssen vom Veranstalter eingehalten werden (zum Beispiel verbieten die südafrikanischen Behörden Freitauchgänge mit Weißen Haien und das „The Whale Shark Diving Code of Conduct“ regelt das Walhai-Tauchen)

      So verhalten Sie sich richtig!
      Das steigende Interesse von Tauchern an Haien führte in den letzten Jahren dazu, dass auch die Zahl der Anbieter anstieg. Die Qualität der Anbieter variiert, und es werden auch nicht ganz ungefährliche Mittel eingesetzt, um Haie anzulocken. Deshalb ist das Schaffen von Qualitäts- und Sicherheitsempfehlungen unerlässlich geworden. Die von Sharkproject zusammengetragenen Verhaltensempfehlungen sollen das Unfallrisiko bei Haibegegnungen reduzieren:
      • Ruhig, gleichmäßig und leise atmen
      • Haitauchgänge sind eher etwas für erfahrene Taucher
      • Informieren Sie sich über Haie und ihr Verhalten
      • Folgen Sie den Anweisungen des Tauchguides
      • Achten Sie darauf, nicht in den Strömungsbereich des Köders zu geraten
      • Halten Sie einen Mindestabstand von zwei Körperlängen des Tiers ein
      • Wenn ein Hai Körperkontakt sucht, nicht wegschwimmen, sondern eine vertikale Position einnehmen
      • Vermeiden Sie Arm und Beinbewegungen
      • Bilden Sie bei angeköderten Haien eine homogene und kompakte Gruppe
      • Umkreist Sie ein neugieriger Hai, verfolgen Sie ihn mit den Augen und drehen Sie sich mit ihm
      • Nähern Sie sich einem Hai möglichst von der Seite und tauchen Sie nicht direkt über ihm auf
      • Vermeiden Sie ruckartige und zappelnde Bewegungen
      • Verzichten Sie auf kontrastreiche Kleidung wie zum Beispiel weiße Aufkleber auf schwarzen Tauchanzügen
      • Bei sehr schlechter Sicht den Tauchgang abbrechen
      • Blitzen Sie den Haien beim Fotografieren nicht direkt in die Augen
      • Brechen Sie bei Angst oder Unwohlsein den Tauchgang ab
      • Schnorcheln mit Haien sollte mit dem Anbieter abgesprochen werden. Einige Haiarten könnten die Schwimmer mit ihrer Beute verwechseln

      Fazit: Es liegt also an den Tauchern selbst, welches Hai-Angebot sie wählen. Uneingeschränkt zu empfehlen sind Reisen zu regionalen Haiversammlungen. Eingeschränkt dagegen Haifütterungen. Sie sollten nur gebucht werden, wenn die oben genannten Richtlinien eingehalten werden. Ansonsten Finger weg, wenn Sie sie behalten wollen!



      Das Thema Haifütterungen ist umstritten, aber natürlich gibt es wie immer verschiedene Meinungen dazu. Wir lassen drei Taucher, mit drei sehr unterschiedlichen Einstellungen, zu Wort kommen. Hier kommen ihre Statements:

      PRO: TAUCHEN-Redakteur Michael Krüger
      Michael Krüger ist TAUCHEN-Redakteur und hat schon etliche Male an Haifütterungen in der Karibik teilgenommen.
      “Michael Krüger ist TAUCHEN-Redakteur und hat schon etliche Male an Haifütterungen in der Karibik teilgenommen.”

      “Eine bessere PR für Haie gibt es nicht!”

      Nüchtern betrachtet sind Fütterungen meiner Meinung nach Haischutz der funktioniert, weil die Gesetze der Marktwirtschaft greifen. Quasi eine „Win-Win-Situation“ für alle. Das wichtigste: Es fließt eine Menge Geld dabei. Tourismboards und Tauchbasen profitieren. Public Relations, Virales Marketing via Facebook, Instagramm und Youtube übernehmen Medien und Gäste. Taucher und UW-Fotografen erleben Tiger-, Hammer,- Bullen, Weißspitzenhochsee- und Karibische Riffhaie hautnah – ein einmaliges Erlebnis! Das Wichtigste: Die Haie werden geschützt, weil sie ganz nebenbei auch wahre Geldesel sind.

      Haitauchen soll den Bahamas jährlich geschätzte 80 Millionen Dollar einbringen (Quelle: Divetalking online). Auf den Inseln der Bahamas ist der Fang von Haien gesetzlich verboten. „Zero Tolerance“. An vielen Häfen hängen Verbotsschilder und Marine-Einheiten patrouillieren die Gewässer und greifen – wie mir berichtet wurde – richtig hart durch. Mehr als 40 Haiarten leben in den Gewässern. Für den Tourismus sind die Haie gute Devisenbringer.

      Filmteams und Magazine wie TAUCHEN berichten. Gäste posten Fotos oder laden Filme hoch. „Die ganze Welt sieht, dass Haie keine blutrünstigen Bestien sind. Eine bessere PR für Haie gibt es nicht“, sagte Sharkfeeder Jamie Rolle in einem Interview. Einige Taucher lehnen dieses Szenario prinzipiell ab und verweisen auf die Veränderung des natürlichen Verhaltens. „Die Haie hier sind Botschafter“, sagt der Rolle, der die Anfänge auf Grand Bahama erlebt hat. Auf den Bahamas läuft das seit fast 40 Jahren nahezu unfallfrei ab. Wer es jemals erlebt hat, wird sich kaum der Faszination entziehen können.

      Was sagt Sergio Tritto dazu, der Haifütterungen vor Jardines de la Reina vor Kuba durchführt: „Ohne unsere Tauchgänge gäbe es hier keine Haie. Von den paar Gräten werden die Haie nicht satt und verlieren auch nicht ihren natürlichen Jagdtrieb. Wir machen das seit 15 Jahren dreimal täglich. Ich habe hier mehr als 5000 Tauchgänge mit Gästen erlebt und nie ist irgendetwas passiert. Wenn die Strömung zu stark oder die Sichtweite schlecht ist, wird gar nicht erst abgetaucht. Jeder, der hier getaucht ist, wird seinen Freunden von diesem einzigartigen Abenteuer berichten. Die meisten erleben Haie als sehr vorsichtige und neugierige Tiere – für viele Taucher ist es das Tollste, was sie gesehen haben. Natürlich sind Haie keine Kuscheltiere. Sie könnten uns in Stücke reißen. Aber sie tun es nicht. Und jeder, der das erlebt hat wird es kommunizieren. Das ist Haischutz!“

      NEUTRAL: Sharkproject-Präsident Gerhard Wegner
      Gerhard Wegner ist Grunder und Prasident der Haischutzorganisation Sharkproject.
      “Gerhard Wegner ist Grunder und Prasident der Haischutzorganisation Sharkproject.”

      “Ich lehne Haifütterungen nicht grundsätzlich ab”

      „Wir sehen die Entwicklung im Haitourismus sehr zwiespältig. Einerseits ist es unbestritten, dass der Haitourismus dazu beiträgt, eine engagierte Lobby für Haie zu schaffen, aber andererseits sind für die meisten Formen des Haitourismus Fütte- rungen notwendig. Aber gerade dieses Füttern ist das Problem: Es verändert das Verhalten der Tiere gegenüber den Menschen. Und das kann zu Unfällen führen. Diese Unfälle wiederum gehen weltweit durch die Presse und schüren das Image des ‚Killerhais’. Dass die Gründe für diesen Unfall von den Tauchern oder unverantwortlichen Tourismusveranstaltern verursacht werden, interessiert die Presse nicht, und die breite Öffentlichkeit erfährt nur, dass wieder mal ein Hai ‚zugeschlagen’ hat. Es gibt klare ‚No go’s’ für die provozierten Haibegegnungen. Wer die als Veranstalter oder Haitourist nicht einhält, handelt fahrlässig und schadet den Tieren erheblich. Wer als Taucher auf Haibegegnungen nicht verzichten will, muss diese Regeln beachten beziehungsweise seinen Veranstalter daraufhin überprüfen.“

      CONTRA: TAUCHEN-Redakteurin Jasmin Jaerisch
      Jasmin Jaerisch ist Meeresbiologin und Redakteurin bei TAUCHEN. Fur sie sind angefütterte Haie tabu.
      “Jasmin Jaerisch ist Meeresbiologin und Redakteurin bei TAUCHEN. Fur sie sind angefütterte Haie tabu.”

      “Auf diesen Hai-Zirkus kann man verzichten!”


      „Fiffi! Komm, komm her. Fein, ganz lieb, hier ist dein Fresschen. So, und jetzt zeig mal deine schöne graue Flanke, zeig die weißen Zähne, ja, so ist’s gut. Warte, noch ein Foto von vorn, dafür musst du aber noch ein bischen grimmiger gucken! Fiffi ist eine drei Meter lange Tigerhaidame vor den Bahamas, die fleißig vor dem Tauchpublikum ihre Show abzieht. Da wird zu unserem Spaß das wohl mächtigste Raubtier der Meere angelockt, gefüttert und zum Schoßhündchen degradiert. Die arrogante Selbstverständlichkeit, mit der die Taucher dieses Nicht-Naturerlebniss buchen, stört dabei aber noch viel mehr. Muss denn immer alles für uns Menschen zur Verfügung stehen? Haben wir es verlernt, die Natur auf natürliche Art und Weise zu genießen, sprich auch in Kauf zu nehmen, wenn der Hai mal nicht auftaucht? Scheinbar ja. Dass dabei immer wieder brenzlige Situationen entstehen, weil Fiffi mal keine Lust auf Kunststücken hat und huch – den Köder mit der Kamera verwechselt, ist klar. Dann heißt es plötzlich: Fiffi, pfui! So etwas darfst du doch nicht, sonst leidet dein Image!“
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