Wie die «Mond-Uhr» zur Ikone wurde
Solche Dauerbrenner sind selten: Die Speedmaster von Omega sieht heute noch gleich aus wie vor fünfzig Jahren. Und weil sich Geschichten um sie ranken, ist sie noch immer ein Renner.
Von Peter W. Frey
Auf die Sekunde genau mussten am 16. und nochmals am 17. April 1970 die Steuertriebwerke gezündet und wieder abgeschaltet werden. Sonst wäre die Apollo-13-Landekapsel mit den Astronauten Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht. Gemessen werden konnte die Brenndauer aber nur mit einem mechanischen Chronografen am Handgelenk eines der Astronauten. Denn zwei Tage zuvor hatte Swigert auf dem Flug zur dritten Landung auf dem Mond den berühmten Satz ans Kontrollzentrum gefunkt: «Houston, wir haben ein Problem hier.» Bei einer Explosion an Bord war die Stromversorgung schwer beschädigt worden, zahlreiche Systeme und wichtige Instrumente waren ausgefallen.
«Ultimative Zeitmaschine»
Die Uhr, die 1970 Menschenleben rettete, war damals bereits dreizehn Jahre auf dem Markt und ihr Innenleben noch einiges älter. Im Januar 1957 hatte Omega in Biel mit der Produktion der Speedmaster begonnen, einem Chronografen mit einem Uhrwerk, dessen Entwicklung auf das Jahr 1942 zurückging. Stahlgehäuse, ein schwarzes Zifferblatt mit drei symmetrisch angeordneten Hilfszifferblättern und markante Zeiger in Pfeilform – das war die Uhr, die schon damals bei Omega intern selbstbewusst als «ultimative Zeitmaschine» gehandelt wurde. Doch niemand konnte voraussehen, dass die Speedmaster einmal Geschichte schreiben und ein halbes Jahrhundert später immer noch verkauft werden würde.
Den Grundstein dafür legte Anfang der Sechzigerjahre ein Pflichtenheft der Nasa für eine weltraumtaugliche Uhr. Für Tests wurden verschiedene Modelle ohne Wissen der Hersteller in einem Uhrengeschäft in Houston gekauft. Die Nasa wollte so sicherstellen, dass es sich um normale Uhren aus der Serienfertigung handelte. Nur ein Ticker funktionierte klaglos und genau unter anderem bei Schwerelosigkeit, unter dem Einfluss von starken Magnetfeldern, extremen Vibrationen und Stössen sowie bei Temperaturen von minus 18 bis plus 93 Grad Celsius: Am 1. März 1965 erhielt die Speedmaster Professional das Prädikat «Nasa-zertifiziert für alle bemannten Weltraumflüge» und gehört bis zum heutigen Tag zur Standardausrüstung der Astronauten. Am 21. Juli 1969 war eine Speedmaster am Handgelenk von Edwin «Buzz» Aldrin die erste Uhr, die auf dem Mond getragen wurde.
Auch eine digitale Version existiert
Für Omega ein Marketing-Segen sondergleichen. Auch wenn unterdessen andere Armbanduhren im Weltraum waren – niemand kann zu einer Uhr so viele Geschichten erzählen, wie die Bieler Uhrmacher über ihre «Mond-Uhr». Und sie tun dies mit ungebrochenem Erfolg bis heute. Laut Omega-Präsident Stephen Urquhart gehören noch immer rund ein Viertel aller verkauften Uhren der Marke zur Speedmaster-Linie, in einzelnen Märkten in Europa sogar bis zu dreissig Prozent. Dabei handelt es sich längst nicht mehr nur um die ursprüngliche, Nasa-zertifizierte Uhr mit Handaufzug. Omega hat in den letzten Jahrzehnten nicht weniger als 250 verschiedene Speedmaster auf den Markt gebracht, darunter mit Edelsteinen besetzte Damen-Versionen, zahlreiche Modelle mit Automatikwerk und limitierte Serien zu besonderen Anlässen und Jubiläen wie dieses Jahr zum 50. Jahrestag der Lancierung. Kurzfristig gab es – Uhren-Puristen erinnern sich mit einem gewissen Schaudern daran - Ende der Siebzigerjahre sogar eine Quarz-Speedmaster mitdigitaler LCD-Anzeige zu kaufen, die sich von fernöstlichen Billigtickern kaum unterschied.
Seit 1957 kaum verändertes Design
«Im Leben einer Marke kommt es nur ein- oder zweimal vor, dass man ein solches Produkt hat», sagte Urquhart jüngst in einem Interview. Eine solche Ikone der Uhrengeschichte behält man besser unverändert und auf Dauer in der Kollektion. Was bei Autos und anderen technischen Konsumgütern undenkbar oder sogar unmöglich ist, sichert der Speedmaster gute Verkäufe: Die heute im Handel erhältlichen Uhren mit Handaufzug unterscheiden sich äusserlich nur in wenigen Details von der Ur-Version aus dem Jahr 1957. «Das Modell hat nichts von seiner Frische verloren», erklärt Omega-Chef Stephen Urquhart. Im Innern allerdings tickt schon seit dreissig Jahren ein überarbeitetes Uhrwerk.
Speedmaster aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind heute gesuchte Sammelobjekte, für die teilweise astronomische Preise bezahlt werden. Ein Exemplar aus dem Jahr 1959 mit bös abgewetzter Skala auf der Lünette wurde im April bei einer Auktion in Genf für 106'200 Franken zugeschlagen, eine andere Uhr mit Jahrgang 1962 für 94'400 Franken. Da ist das Astronauten-Feeling am Handgelenk mit 3600 Franken für eine fabrikneue «Mond-Uhr» geradezu günstig zu haben.
Solche Dauerbrenner sind selten: Die Speedmaster von Omega sieht heute noch gleich aus wie vor fünfzig Jahren. Und weil sich Geschichten um sie ranken, ist sie noch immer ein Renner.
Von Peter W. Frey
Auf die Sekunde genau mussten am 16. und nochmals am 17. April 1970 die Steuertriebwerke gezündet und wieder abgeschaltet werden. Sonst wäre die Apollo-13-Landekapsel mit den Astronauten Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht. Gemessen werden konnte die Brenndauer aber nur mit einem mechanischen Chronografen am Handgelenk eines der Astronauten. Denn zwei Tage zuvor hatte Swigert auf dem Flug zur dritten Landung auf dem Mond den berühmten Satz ans Kontrollzentrum gefunkt: «Houston, wir haben ein Problem hier.» Bei einer Explosion an Bord war die Stromversorgung schwer beschädigt worden, zahlreiche Systeme und wichtige Instrumente waren ausgefallen.
«Ultimative Zeitmaschine»
Die Uhr, die 1970 Menschenleben rettete, war damals bereits dreizehn Jahre auf dem Markt und ihr Innenleben noch einiges älter. Im Januar 1957 hatte Omega in Biel mit der Produktion der Speedmaster begonnen, einem Chronografen mit einem Uhrwerk, dessen Entwicklung auf das Jahr 1942 zurückging. Stahlgehäuse, ein schwarzes Zifferblatt mit drei symmetrisch angeordneten Hilfszifferblättern und markante Zeiger in Pfeilform – das war die Uhr, die schon damals bei Omega intern selbstbewusst als «ultimative Zeitmaschine» gehandelt wurde. Doch niemand konnte voraussehen, dass die Speedmaster einmal Geschichte schreiben und ein halbes Jahrhundert später immer noch verkauft werden würde.
Den Grundstein dafür legte Anfang der Sechzigerjahre ein Pflichtenheft der Nasa für eine weltraumtaugliche Uhr. Für Tests wurden verschiedene Modelle ohne Wissen der Hersteller in einem Uhrengeschäft in Houston gekauft. Die Nasa wollte so sicherstellen, dass es sich um normale Uhren aus der Serienfertigung handelte. Nur ein Ticker funktionierte klaglos und genau unter anderem bei Schwerelosigkeit, unter dem Einfluss von starken Magnetfeldern, extremen Vibrationen und Stössen sowie bei Temperaturen von minus 18 bis plus 93 Grad Celsius: Am 1. März 1965 erhielt die Speedmaster Professional das Prädikat «Nasa-zertifiziert für alle bemannten Weltraumflüge» und gehört bis zum heutigen Tag zur Standardausrüstung der Astronauten. Am 21. Juli 1969 war eine Speedmaster am Handgelenk von Edwin «Buzz» Aldrin die erste Uhr, die auf dem Mond getragen wurde.
Auch eine digitale Version existiert
Für Omega ein Marketing-Segen sondergleichen. Auch wenn unterdessen andere Armbanduhren im Weltraum waren – niemand kann zu einer Uhr so viele Geschichten erzählen, wie die Bieler Uhrmacher über ihre «Mond-Uhr». Und sie tun dies mit ungebrochenem Erfolg bis heute. Laut Omega-Präsident Stephen Urquhart gehören noch immer rund ein Viertel aller verkauften Uhren der Marke zur Speedmaster-Linie, in einzelnen Märkten in Europa sogar bis zu dreissig Prozent. Dabei handelt es sich längst nicht mehr nur um die ursprüngliche, Nasa-zertifizierte Uhr mit Handaufzug. Omega hat in den letzten Jahrzehnten nicht weniger als 250 verschiedene Speedmaster auf den Markt gebracht, darunter mit Edelsteinen besetzte Damen-Versionen, zahlreiche Modelle mit Automatikwerk und limitierte Serien zu besonderen Anlässen und Jubiläen wie dieses Jahr zum 50. Jahrestag der Lancierung. Kurzfristig gab es – Uhren-Puristen erinnern sich mit einem gewissen Schaudern daran - Ende der Siebzigerjahre sogar eine Quarz-Speedmaster mitdigitaler LCD-Anzeige zu kaufen, die sich von fernöstlichen Billigtickern kaum unterschied.
Seit 1957 kaum verändertes Design
«Im Leben einer Marke kommt es nur ein- oder zweimal vor, dass man ein solches Produkt hat», sagte Urquhart jüngst in einem Interview. Eine solche Ikone der Uhrengeschichte behält man besser unverändert und auf Dauer in der Kollektion. Was bei Autos und anderen technischen Konsumgütern undenkbar oder sogar unmöglich ist, sichert der Speedmaster gute Verkäufe: Die heute im Handel erhältlichen Uhren mit Handaufzug unterscheiden sich äusserlich nur in wenigen Details von der Ur-Version aus dem Jahr 1957. «Das Modell hat nichts von seiner Frische verloren», erklärt Omega-Chef Stephen Urquhart. Im Innern allerdings tickt schon seit dreissig Jahren ein überarbeitetes Uhrwerk.
Speedmaster aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren sind heute gesuchte Sammelobjekte, für die teilweise astronomische Preise bezahlt werden. Ein Exemplar aus dem Jahr 1959 mit bös abgewetzter Skala auf der Lünette wurde im April bei einer Auktion in Genf für 106'200 Franken zugeschlagen, eine andere Uhr mit Jahrgang 1962 für 94'400 Franken. Da ist das Astronauten-Feeling am Handgelenk mit 3600 Franken für eine fabrikneue «Mond-Uhr» geradezu günstig zu haben.