Argyle-Diamanten – Australiens Bergbau-Kronjuwelen
Aus der Kimberley-Steppe kommen die teuersten Edelsteine der Welt
Die Förderung von Diamanten wird allgemein nicht mit Australiens Bergbau in Verbindung gebracht. Doch im Nordwesten des Landes liegt die ergiebigste Diamantenmine der Welt. Und sie produziert die gesuchtesten Steine: die rosafarbenen Argyle-Diamanten.
Argyle, Ende Dezember
Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden, wäre ein Kinderspiel für die Leute von Argyle, schlagen diese sich doch mit Problemen ganz anderen Kalibers herum: Wie man in 1 t Muttergestein die durchschnittlich 4 Karat (0,8 Gramm) Diamant findet, die darin versteckt sind. Um an die Schätze heranzukommen, haben sie tief in der Steppe von Australiens East Kimberley-Region im Nordwesten des Kontinents ein gigantisches Loch von 2 km Länge, 1 km Breite und 500 m Tiefe gegraben; sie – das sind die Angestellten von Argyle Diamonds, einer Tochtergesellschaft des weltweit tätigen, diversifizierten Bergbauunternehmens Rio Tinto
Versteckte Schätze im East Kimberley
Australien kommt kaum jemandem in den Sinn, wenn von Diamantenbergbau die Rede ist. Zu Unrecht allerdings, denn die Argyle-Mine ist am geförderten Volumen gemessen (nicht jedoch nach Wert) die reichste der Welt. Rund 25% aller weltweit geförderten Naturdiamanten kommen derzeit aus dieser Grube; im Rekordjahr 1994 entsprach die Fördermenge von 42 Mio. Karat Rohdiamant sogar 40% der Welt-Jahresproduktion. Ebenfalls in East Kimberley liegt ferner das Vorkommen Ellendale, das von der Gesellschaft Kimberley Diamonds abgebaut wird. Seit 2002 abgebaut, ist diese Mine deutlich jünger als Argyle, wo seit 1985 gefördert wird.
Noch schwieriger, als die winzigen Edelsteine aus den Felsmassen zu lösen, dürfte es gewesen sein, in den Weiten der Kimberley-Steppe das Diamanten führende Hartgestein überhaupt ausfindig zu machen. Die Fachleute sprechen von sogenannten Pipes oder Schloten, durch welche die in grosser Tiefe und unter enormem Druck entstandenen Diamanten bei Vulkanausbrüchen zusammen mit ihrem Muttergestein Kimberlit oder Lamproit an die Erdoberfläche geschleudert wurden. Die ersten Alluvial-Funde machten vor rund 150 Jahren Goldsucher, doch erst moderne Explorationsmethoden liessen eine systematische Suche nach Schloten zu. Wiederum erst auf dieser Grundlage konnten die gewaltigen Mittel, die für den Bau einer Mine in der Mitte eines Niemandslandes aufgewendet werden mussten, gerechtfertigt werden.
Mit einem Diamantgehalt von 3 bis 6 Karat / t gilt die Argyle-Mine als hochgradig (als normale Grade gelten 0,5 bis 1 Karat / t), doch die geförderten Steine sind generell klein – im Durchschnitt 0,1 Karat – und von bescheidener Qualität. Nur 5% der Produktion besitzen Edelsteinqualität, doch hat sich über die letzten Jahre der Anteil der Produktion von Fast-Edelstein-Qualität deutlich ausgeweitet (von 45% auf 70%). Dies ist der Verfeinerung der Schleiftechnik zu verdanken, die es inzwischen erlaubt, auch aus minderen Rohdiamanten Schmucksteine herzustellen. In Indien, wo die Argyle-Diamanten verarbeitet werden, sind laut Angaben des Unternehmens rund 250 000 Arbeitsplätze direkt an die Produktion der Mine gebunden.
25% der Argyle-Diamanten schliesslich sind nur von Industrie-Qualität. Sie werden für Schleif- und Bohrköpfe verwendet und tragen lediglich 5% zum Erlös aus den Rohdiamanten bei. Insgesamt hat Argyle an den weltweiten Rohdiamanten-Verkäufen einen Wertanteil von 4%, wie Rod Fraser, Minen-Manager bei Argyle Diamonds, erklärt.
Harte Arbeit für ein Glamour-Produkt
Es ist damit eher das eindrückliche Volumen als der Wert pro Karat, das die Produktion der Argyle-Mine charakterisiert. Aber es gibt im Spektrum der geförderten Steine eine spektakuläre Ausnahme: die rosafarbenen Diamanten. Sie sind quasi die Kronjuwelen von Argyle Diamonds. Es gibt sie auf der ganzen Welt praktisch nur hier zu finden, sie sind so selten wie begehrt und deshalb die teuersten Edelsteine, die es gibt.
Mit den schönsten Exemplaren begibt sich Rio Tinto seit 1984 jährlich auf Tournee rund um die Welt (mit Genf als einer der Stationen), um sie den prestigereichsten Juwelieren zu zeigen und den kaufkräftigsten Kunden anzubieten. Zutritt zum sogenannten Argyle Pink Diamond Tender ist nur auf Einladung an einen bis im letzten Moment geheim gehaltenen Ort möglich. Die Rosa-Diamanten der Superklasse müssen mindestens 0,5 Karat auf die Waage bringen; sie sind märchenhaft teuer und erzielen bei den Auktionen laut Informationen von Rio Tinto Diamonds Preise von bis zu 400 000 US-$ pro Karat, etwa das 20-Fache vergleichbarer farbloser Diamanten. Sie werden ausschliesslich in einer Spezial-Schleifwerkstatt in Perth verarbeitet, und pro Jahr gelangen nur rund 50 Karat zum Verkauf via Tender. Aus jeder Million Karat geförderter Argyle-Rohdiamanten sind vielleicht zwei, drei Steine gut genug, um auf diese Auktionen zu gelangen.
Blickt man in die riesige Grube von Argyle, ist vom Glamour der Stücke, die über dicke Portemonnaies den Weg zu Film- und Popstars oder Milliardärs-Gattinnen finden, allerdings wenig zu sehen. Argyle ist eine Tagbaumine wie viele andere. Gewaltige Lastwagen brummen durch die Grube, jeder beladen mit 200 t Gestein. Sie fahren zum «Crusher», der pro Stunde 2500 t Erz schluckt. Dort wird die Ladung zerkleinert und zu sogenanntem Konzentrat verarbeitet, bevor das Gestein mit einer raffinierten Methode auf seinen Diamantgehalt geprüft wird: Die auf etwa die Grösse von Murmeln verkleinerten Erzblöcke gehen durch einen Kanal, wo ein Röntgenstrahl erkennt, ob sie Diamant einschliessen. Ist dies der Fall, wird der Stein durch einen blitzschnell aktivierten Luftstrahl in einen Seitenkanal gelenkt und dann weiterverarbeitet.
Partnerschaft mit den Ureinwohnern
Weil die im Tagbau zu gewinnenden Vorräte allmählich zur Neige gehen, hat sich Rio Tinto in einem ambitiösen Schritt entschlossen, den letzten Teil des Schlots im Untergrund abzubauen und damit die Lebensdauer der Mine um rund zehn Jahre (bis 2018) zu verlängern. Für den Bau des Stollens sind 1,8 Mrd. austr. $ (1,8 Mrd. Fr.) budgetiert, und etwa 2010 soll die erweiterte Mine bezugsbereit sein. Damit einher gehen substanzielle Strukturveränderungen für die Belegschaft, die von gegenwärtig 800 Mitarbeitern auf etwa die Hälfte reduziert und auf ein neues Arbeitsprofil ausgerichtet werden muss.
Der Wechsel vom Tag- zum Untertagbau ist von langer Hand vorbereitet worden. Dazu gehörte nicht zuletzt die Formalisierung der Beziehungen mit den Aborigines (Ureinwohnern), die Landrechte besitzen. Das 2005 in Kraft getretene sogenannte Partizipations-Abkommen anerkennt diese und sichert im Gegenzug der Minengesellschaft die Schürfrechte. Es geht in dieser Hinsicht weiter als das 1980 abgeschlossene Abkommen über gute Nachbarschaft, auf dessen Grundlage Argyle Diamonds Entwicklungsprojekte finanzierte.
Die Ureinwohner sind für Argyle Diamonds aber nicht nur Partner, sondern auch eine zunehmend wichtige Quelle von ortsansässigen Angestellten. Mittels spezieller Ausbildungsprogramme werden Interessenten in die Arbeit eingeführt, was ihnen wiederum ein Einkommen gibt und den Lebensstandard verbessert in einer Gegend, wo es sonst wenig Arbeit gibt. Das Unternehmen tut dies teilweise aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber der Region, teilweise aber auch aus rein praktischen Gründen: Jeder am Ort eingestellte Arbeiter muss nicht ein- und ausgeflogen werden, wie es bei Minen in solch abgelegenen Gebieten oft notwendig ist. Für die Ureinwohner und Argyle Diamonds entsteht dadurch eine für beide Seiten günstige Situation. Die Mine stärkt die regionale Infrastruktur, auch durch den Einkauf von Serviceleistungen lokal tätiger Zulieferer, und fördert den sozialen Zusammenhalt; gleichzeitig erschliesst sich das Unternehmen Arbeitskräfte in einem durch den Bergbau-Boom weitgehend ausgetrockneten Markt
Aus der Kimberley-Steppe kommen die teuersten Edelsteine der Welt
Die Förderung von Diamanten wird allgemein nicht mit Australiens Bergbau in Verbindung gebracht. Doch im Nordwesten des Landes liegt die ergiebigste Diamantenmine der Welt. Und sie produziert die gesuchtesten Steine: die rosafarbenen Argyle-Diamanten.
Argyle, Ende Dezember
Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden, wäre ein Kinderspiel für die Leute von Argyle, schlagen diese sich doch mit Problemen ganz anderen Kalibers herum: Wie man in 1 t Muttergestein die durchschnittlich 4 Karat (0,8 Gramm) Diamant findet, die darin versteckt sind. Um an die Schätze heranzukommen, haben sie tief in der Steppe von Australiens East Kimberley-Region im Nordwesten des Kontinents ein gigantisches Loch von 2 km Länge, 1 km Breite und 500 m Tiefe gegraben; sie – das sind die Angestellten von Argyle Diamonds, einer Tochtergesellschaft des weltweit tätigen, diversifizierten Bergbauunternehmens Rio Tinto
Versteckte Schätze im East Kimberley
Australien kommt kaum jemandem in den Sinn, wenn von Diamantenbergbau die Rede ist. Zu Unrecht allerdings, denn die Argyle-Mine ist am geförderten Volumen gemessen (nicht jedoch nach Wert) die reichste der Welt. Rund 25% aller weltweit geförderten Naturdiamanten kommen derzeit aus dieser Grube; im Rekordjahr 1994 entsprach die Fördermenge von 42 Mio. Karat Rohdiamant sogar 40% der Welt-Jahresproduktion. Ebenfalls in East Kimberley liegt ferner das Vorkommen Ellendale, das von der Gesellschaft Kimberley Diamonds abgebaut wird. Seit 2002 abgebaut, ist diese Mine deutlich jünger als Argyle, wo seit 1985 gefördert wird.
Noch schwieriger, als die winzigen Edelsteine aus den Felsmassen zu lösen, dürfte es gewesen sein, in den Weiten der Kimberley-Steppe das Diamanten führende Hartgestein überhaupt ausfindig zu machen. Die Fachleute sprechen von sogenannten Pipes oder Schloten, durch welche die in grosser Tiefe und unter enormem Druck entstandenen Diamanten bei Vulkanausbrüchen zusammen mit ihrem Muttergestein Kimberlit oder Lamproit an die Erdoberfläche geschleudert wurden. Die ersten Alluvial-Funde machten vor rund 150 Jahren Goldsucher, doch erst moderne Explorationsmethoden liessen eine systematische Suche nach Schloten zu. Wiederum erst auf dieser Grundlage konnten die gewaltigen Mittel, die für den Bau einer Mine in der Mitte eines Niemandslandes aufgewendet werden mussten, gerechtfertigt werden.
Mit einem Diamantgehalt von 3 bis 6 Karat / t gilt die Argyle-Mine als hochgradig (als normale Grade gelten 0,5 bis 1 Karat / t), doch die geförderten Steine sind generell klein – im Durchschnitt 0,1 Karat – und von bescheidener Qualität. Nur 5% der Produktion besitzen Edelsteinqualität, doch hat sich über die letzten Jahre der Anteil der Produktion von Fast-Edelstein-Qualität deutlich ausgeweitet (von 45% auf 70%). Dies ist der Verfeinerung der Schleiftechnik zu verdanken, die es inzwischen erlaubt, auch aus minderen Rohdiamanten Schmucksteine herzustellen. In Indien, wo die Argyle-Diamanten verarbeitet werden, sind laut Angaben des Unternehmens rund 250 000 Arbeitsplätze direkt an die Produktion der Mine gebunden.
25% der Argyle-Diamanten schliesslich sind nur von Industrie-Qualität. Sie werden für Schleif- und Bohrköpfe verwendet und tragen lediglich 5% zum Erlös aus den Rohdiamanten bei. Insgesamt hat Argyle an den weltweiten Rohdiamanten-Verkäufen einen Wertanteil von 4%, wie Rod Fraser, Minen-Manager bei Argyle Diamonds, erklärt.
Harte Arbeit für ein Glamour-Produkt
Es ist damit eher das eindrückliche Volumen als der Wert pro Karat, das die Produktion der Argyle-Mine charakterisiert. Aber es gibt im Spektrum der geförderten Steine eine spektakuläre Ausnahme: die rosafarbenen Diamanten. Sie sind quasi die Kronjuwelen von Argyle Diamonds. Es gibt sie auf der ganzen Welt praktisch nur hier zu finden, sie sind so selten wie begehrt und deshalb die teuersten Edelsteine, die es gibt.
Mit den schönsten Exemplaren begibt sich Rio Tinto seit 1984 jährlich auf Tournee rund um die Welt (mit Genf als einer der Stationen), um sie den prestigereichsten Juwelieren zu zeigen und den kaufkräftigsten Kunden anzubieten. Zutritt zum sogenannten Argyle Pink Diamond Tender ist nur auf Einladung an einen bis im letzten Moment geheim gehaltenen Ort möglich. Die Rosa-Diamanten der Superklasse müssen mindestens 0,5 Karat auf die Waage bringen; sie sind märchenhaft teuer und erzielen bei den Auktionen laut Informationen von Rio Tinto Diamonds Preise von bis zu 400 000 US-$ pro Karat, etwa das 20-Fache vergleichbarer farbloser Diamanten. Sie werden ausschliesslich in einer Spezial-Schleifwerkstatt in Perth verarbeitet, und pro Jahr gelangen nur rund 50 Karat zum Verkauf via Tender. Aus jeder Million Karat geförderter Argyle-Rohdiamanten sind vielleicht zwei, drei Steine gut genug, um auf diese Auktionen zu gelangen.
Blickt man in die riesige Grube von Argyle, ist vom Glamour der Stücke, die über dicke Portemonnaies den Weg zu Film- und Popstars oder Milliardärs-Gattinnen finden, allerdings wenig zu sehen. Argyle ist eine Tagbaumine wie viele andere. Gewaltige Lastwagen brummen durch die Grube, jeder beladen mit 200 t Gestein. Sie fahren zum «Crusher», der pro Stunde 2500 t Erz schluckt. Dort wird die Ladung zerkleinert und zu sogenanntem Konzentrat verarbeitet, bevor das Gestein mit einer raffinierten Methode auf seinen Diamantgehalt geprüft wird: Die auf etwa die Grösse von Murmeln verkleinerten Erzblöcke gehen durch einen Kanal, wo ein Röntgenstrahl erkennt, ob sie Diamant einschliessen. Ist dies der Fall, wird der Stein durch einen blitzschnell aktivierten Luftstrahl in einen Seitenkanal gelenkt und dann weiterverarbeitet.
Partnerschaft mit den Ureinwohnern
Weil die im Tagbau zu gewinnenden Vorräte allmählich zur Neige gehen, hat sich Rio Tinto in einem ambitiösen Schritt entschlossen, den letzten Teil des Schlots im Untergrund abzubauen und damit die Lebensdauer der Mine um rund zehn Jahre (bis 2018) zu verlängern. Für den Bau des Stollens sind 1,8 Mrd. austr. $ (1,8 Mrd. Fr.) budgetiert, und etwa 2010 soll die erweiterte Mine bezugsbereit sein. Damit einher gehen substanzielle Strukturveränderungen für die Belegschaft, die von gegenwärtig 800 Mitarbeitern auf etwa die Hälfte reduziert und auf ein neues Arbeitsprofil ausgerichtet werden muss.
Der Wechsel vom Tag- zum Untertagbau ist von langer Hand vorbereitet worden. Dazu gehörte nicht zuletzt die Formalisierung der Beziehungen mit den Aborigines (Ureinwohnern), die Landrechte besitzen. Das 2005 in Kraft getretene sogenannte Partizipations-Abkommen anerkennt diese und sichert im Gegenzug der Minengesellschaft die Schürfrechte. Es geht in dieser Hinsicht weiter als das 1980 abgeschlossene Abkommen über gute Nachbarschaft, auf dessen Grundlage Argyle Diamonds Entwicklungsprojekte finanzierte.
Die Ureinwohner sind für Argyle Diamonds aber nicht nur Partner, sondern auch eine zunehmend wichtige Quelle von ortsansässigen Angestellten. Mittels spezieller Ausbildungsprogramme werden Interessenten in die Arbeit eingeführt, was ihnen wiederum ein Einkommen gibt und den Lebensstandard verbessert in einer Gegend, wo es sonst wenig Arbeit gibt. Das Unternehmen tut dies teilweise aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber der Region, teilweise aber auch aus rein praktischen Gründen: Jeder am Ort eingestellte Arbeiter muss nicht ein- und ausgeflogen werden, wie es bei Minen in solch abgelegenen Gebieten oft notwendig ist. Für die Ureinwohner und Argyle Diamonds entsteht dadurch eine für beide Seiten günstige Situation. Die Mine stärkt die regionale Infrastruktur, auch durch den Einkauf von Serviceleistungen lokal tätiger Zulieferer, und fördert den sozialen Zusammenhalt; gleichzeitig erschliesst sich das Unternehmen Arbeitskräfte in einem durch den Bergbau-Boom weitgehend ausgetrockneten Markt