Echter Stein am falschen Ort

      Echter Stein am falschen Ort

      Echter Stein am falschen Ort

      Im alten Vulkangestein im Südwesten Japans wurde ein kleiner Diamant gefunden - Unter Fachleuten gilt das als Sensation
      Aufgrund der geologischen Beschaffenheit hätte man einen derartigen Stein dort nicht vermutet. Man hofft jetzt, dass es kein Einzelfund ist.


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      Nagoya/Hamburg - Schatzsucher dürften sich über die Nachricht freuen. Es gibt offenbar auch an Orten Diamanten, wo Geologen das bislang für unmöglich hielten. Jetzt berichteten sie von einem Fund im Südwesten Japans. Der Edelstein steckte in 18 Millionen Jahre altem Vulkangestein. Zwar ist das Fundstück mit bloßem Auge nicht zu erkennen, es misst gerade einen Tausendstelmillimeter. Doch seine Bedeutung ist groß, denn er dürfte der Lehrmeinung zufolge in Japan nicht zu finden sein. Nun wird vermutet, dass es dort und in Regionen mit ähnlicher geologischer Historie reichlich Diamanten gibt.

      Tomoyukuki Mizukami von der Universität Nagoya und seine Kollegen haben mit einem Laser winzige Gesteinsbruchstücke von der Insel Shikoku durchleuchtet. Die Laserstrahlung wird von den Bestandteilen des Gesteins - seinen Mineralen - in unterschiedlicher Weise reflektiert. Jedes Mineral strahlt eine charakteristische Wellenlänge zurück.

      Auf ihrem Bildschirm verfolgten Mizukami und seine Kollegen die reflektierte Strahlung. Neben den Signalen gewöhnlicher Gesteine stach plötzlich ein Muster hervor, das niemand erwartet hatte. Im Inneren der Probe steckte ein winziger Diamant, berichten Mizukami und seine Kollegen im Fachblatt Geology (Bd. 36, S. 219, 2008). Die Entdeckung könnte einen Diamantenrausch auslösen, nicht nur in Japan. Bislang galt es lediglich in Milliarden Jahre alter Erdkruste wie in Südafrika, Sibirien oder Australien als erfolgversprechend, nach den Edelsteinen zu graben. Nur unter den dort herrschenden Bedingungen hätten Diamanten entstehen können, hieß es.

      Edel durch hohen Druck

      Diamanten bestehen aus reinem Kohlenstoff, wie er normalerweise als Grafit in der Natur vorkommt. Nur dank des hohen Druckes tief in der Erde unterhalb von 140 Kilometer Tiefe verwandelt sich Grafit manchmal in Diamant: Die Kohlenstoffatome werden dort in eine Struktur gepresst, die dem Diamanten sein transparentes Glitzern und seine Stabilität verleiht.In den meisten Regionen der Welt ist es jedoch in 140 Kilometer Tiefe zu heiß für die Bildung von Diamanten. Anstatt der Edelsteine bilden sich dann weniger haltbare Kohlenstoffminerale. Nur unter uralter Erdkruste herrschen moderate Temperaturen; der Boden hatte genügend Zeit, abzukühlen. Dort können Diamanten entstehen.

      Die meisten Diamanten werden heute in sogenannten Kimberlit-Schloten gefunden. Vulkanische Ablagerungen zeigen, dass diese Schlote bei Magmaexplosionen entstanden sein müssen, wahrscheinlich, indem Magma explodierte, das in großer Tiefe mit Wasser in Kontakt kam. Der nun entdeckte Minidiamant aus Japan steckte allerdings nicht in einem Kimberlit-Schlot, sondern in gewöhnlichem Gestein aus erstarrtem Magma. Unter Südjapan kollidieren zwei Erdplatten. Eine Platte taucht ins Erdinnere ab und wird unter hohem Druck gequetscht. Das Wasser steigt auf und schmilzt darüberliegendes Gestein zu Magma. Dabei wurde der Diamant wahrscheinlich mitgeschleppt und in Südjapan ausgespuckt.

      Gewaltige Gesteinswalze

      Während sich das Magma in rund 20 Kilometer Tiefe gebildet hat, muss der Edelstein in rund 160 Kilometer Tiefe entstanden sein, wie chemische Analysen zeigen. Eine gewaltige unterirdische Gesteinswalze habe den Edelstein transportiert, vermutet Mizukami. Träfe das zu, müssten Lehrbücher umgeschrieben werden. Bekannt ist zwar, dass sich das heiße Gestein des Erdmantels stetig umwälzt wie Brei in einem Kochtopf, Regionen oberhalb von abtauchenden Erdplatten gelten aber als isoliert von diesem Kreislauf.

      Der Minidiamant könnte ein weiteres geologisches Rätsel lösen: Geologen wundern sich über die ungewöhnlich vielen Vulkanausbrüche im Südwesten Japans. Die abtauchende Erdplatte liefere nicht genügend Magma für all die Vulkane. Das Magma stamme aus jener unterirdischen Gesteinswalze, die auch den Diamanten eingeschleppt habe, folgert Mizukami.

      Behält er recht, können sich Edelsteinfans auf aussichtsreiche Erkundungen vorbereiten. Auf den Schatzkarten der Geologen war Japan bislang nicht verzeichnet. Niemand habe mit dem Fund gerechnet, freut sich ein Beamter des Bezirkes, in dem der Edelstein gefunden wurde. Aber offenbar spucken mehr Vulkane Diamanten aus als angenommen.

      Sämtliche Pazifikküsten kämen als Fundorte infrage. Rund um den Ozean erheben sich Vulkane, deren geologische Geschichte jener von Japans Feuerbergen ähnelt. Die Vulkane stehen alle in Regionen, in denen Erdplatten ins Erdinnere absinken. In diesen Hexenküchen der Unterwelt schmilzt Gestein zu Magma und wird von Vulkanen ausgespuckt.

      Dass dabei Diamanten zutage befördert werden, zeigte jüngst auch ein Fund auf den Salomonen-Inseln. Die Pazifikinseln waren ebenfalls auf keiner Diamantenkarte verzeichnet. Dennoch fanden Geologen dort einen der Edelsteine. Auch unter den Salomonen stoßen Erdplatten zusammen. Womöglich lohnt sich Schürfen an solchen Orten. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2008)