Der nette Hai von nebenan

      Der nette Hai von nebenan

      Der nette Hai von nebenan
      von Hilja Müller

      Sie sehen mörderisch aus, sind aber friedlich: Walhaie, die größten Fische der Welt. Auf den Philippinen können Touristen mit den geschützten Meeresriesen schwimmen.
      Das Werbeplakat über dem Touristenbüro klingt vielversprechend: "Welcome to Donsol, the Whale Shark Capital of the World" steht dort in großen Buchstaben. Knapp drei Dutzend Urlauber sind an diesem Morgen in das Provinznest im Süden der philippinischen Insel Luzon gekommen, um die größten Fische der Welt zu sehen. Vom Greis bis zum Erstklässler sind alle Altersgruppen vertreten. Das macht mich stutzig. Sollte das Schwimmen mit den bis zu 18 Meter langen Riesen der Meere ein Kinderspiel sein - und nicht der "größte Thrill, den du in Asien finden kannst", wie es Freunde behauptet hatten?

      Unser bunt bemaltes "banca", ein einheimisches Auslegerboot, stößt als eines der ersten vom Strand ab. Früh draußen zu sein sei wichtig, hatten mir die Freunde eingeschärft. Dann sehe man die meisten "butandings", wie die friedfertigen Walhaie hier genannt werden.

      Während der Spotter seinen Platz auf dem Mast einnimmt, nestele ich nervös an meiner Ausrüstung herum: Tauchermaske, Schnorchel, Flossen - alles muss perfekt sitzen, wenn sich einer der Kolosse zeigt. Neben mir scherzt Jun mit dem Skipper. Juns Job als "Butanding Interaction Officer" ist es, Touristen möglichst dicht an die Walhaie zu führen.

      "Get ready"

      Die Tropenwärme lässt mich heute früh kalt, im Magen rumort das Frühstück. Dann geht alles rasend schnell. "Get ready", ruft der Spotter und zeigt mit ausgestrecktem Arm nach vorne. Jun schwingt sich auf die Bootswand, ich haste hinterher. Im grünblauen Wasser sehe ich wenig, aber ich erahne sofort den dunklen Schatten eines Walhais. Das Herz rast, der Mund ist trocken, zum Nachdenken bleibt keine Zeit. "Go!", ruft der Spotter, und eine Sekunde später schlägt das Meer über mir zusammen.

      Verdammt, meine Maske füllt sich mit Wasser, das Salz brennt in den Augen. Rasch, den Kopf hoch, Maske richten, und dann mit voller Kraft hinter Jun her. Einen Moment später erstarre ich: Direkt auf mich zu kommt ein Wesen aus einer anderen Welt. Der Rücken ist breit wie ein Boot, ins aufgerissene Maul würde ich quer reinpassen. "Weg hier!", schießt es mir durch den Kopf. Doch mit einer gemächlichen Bewegung seiner mächtigen Schwanzflosse dreht der Walhai ab und verschwindet in der Tiefe. Das Letzte, was ich erspähen kann, sind die weißen Punkte auf seinem gewaltigen Rücken.

      Voll mit Adrenalin hieve ich mich an Bord. Was für ein Thrill, unsere Freunde hatten recht. Und dabei war das "nur ein Baby, höchstens acht Meter", schätzt Jun.

      Noch 14-mal schallt an diesem Vormittag das elektrisierende "Get ready!" übers Boot. Einige der Planktonfresser tauchen rasch ab, andere stören sich überhaupt nicht an den Touristen. Jedenfalls nicht, solange diese sich an die Regeln halten, die der World Wide Fund for Nature in Donsol vorschreibt. Der WWF ist federführend dabei, den Walhai-Tourismus ökologisch und nachhaltig zu gestalten. Seit 1998 das Abschlachten der friedlichen Riesen - deren Fleisch und Flossen in asiatischen Nachbarstaaten als Potenzmittel ein Vermögen bringen - auf den Philippinen verboten wurde, dürfen Boote in Donsol nur noch in friedlicher Mission ausfahren. Pünktlich Anfang Februar tauchen die Tiere vor dem verschlafenen Küstennest auf, wo sie sich bis in den Mai hinein mästen. Auch an anderen Orten der Welt, etwa in Belize und Westaustralien, tauchen die Migranten regelmäßig auf, doch ist der Spaß für Touristen dort um ein Vielfaches teurer als in der philippinischen Provinz.
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      Ein Thrill, der süchtig macht

      Ein Thrill, der süchtig macht

      Hier sorgen die vom WWF geschulten Bootscrews dafür, dass vom Jagdfieber gepackte Urlauber den sogenannten freundlichen Riesen nicht zu nahe kommen. Nur ein Boot mit maximal sechs Touristen pro Walhai lautet die Vorschrift. Der Mindestabstand der Schnorchler zum Fisch ist auf drei Meter festgelegt, das Anfassen oder Fotografieren mit Blitzlicht grundsätzlich verboten. Dafür gibt es eine praktisch hundertprozentige Erfolgsgarantie: Selbst Nichtschwimmer oder Kinder können die majestätischen Riesen aus der Nähe sehen. Mit Schwimmwesten ausgestattet, erhaschen sie vom Bootsrand einen Blick auf den vorbeiziehenden Walhai.

      Gute Schwimmer bleiben hingegen an den Walhaien dran. Bereits seit 20 Minuten schnorcheln wir neben einem Koloss her, der genüsslich frühstückt: In sein weit aufgerissenes Maul flutet Wasser, aus dem er Plankton und Krill filtert. Eine gute Gelegenheit, sich den Burschen von unten anzusehen. Mit kräftigen Flossenschlägen gleite ich in die Tiefe und unter dem hell schimmernden Bauch durch. Aber was, wenn der Gigant ausgerechnet jetzt abtaucht und mich in die Tiefe drückt, schießt es mir plötzlich durch den Kopf. Panikartig trete ich mit den Flossen, nur hoch, in Sicherheit. Laut hallt mein Atem im Schnorchel, das Herz schlägt gegen die Rippen.

      Jetzt heißt es Kräfte sparen, dieses Abenteuer auskosten, solange es geht. Erst nach 45 Minuten taucht der Koloss langsam ab. Neben mir fragt ein erschöpfter Jun: "Are you happy now, Ma'am? Can we go home, please?" Gegen einen faulen Nachmittag unter Palmen habe ich nichts, aber morgen früh geht's wieder raus. Denn dieser Thrill macht süchtig, das steht fest.
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