seltenes Motorrad

      seltenes Motorrad

      SELTENES MOTORRAD - Zar brauchte dicke Sohlen zum Bremsen

      Coburg – Zar Ferdinand von Bulgarien, der seinen Lebensabend im Coburger Exil verbrachte, war einer der ersten leidenschaftlichen Motorradfahrer. Mit einer „Alcyon Neuilly“, einem um 1905 in Frankreich konstruierten Vehikel, kurvte der Zar durchs Coburger Land. Heute ist die Maschine eine gesuchte Rarität. Sie ist die einzige, dieses Typs, die noch existiert. Der Motorsportclub Coburg (MSC) ist heute der stolze Besitzer des Oldtimers.

      Der Zar lebte bis zum 10. September 1948 im Bürglaßschlösschen. Er war der Großneffe des Coburger Herzogs Ernst I. Nachdem Ferdinand von Bulgarien nach mehreren Niederlagen in Balkankriegen 1918 kapitulieren musste, dankte er am 4. Oktober 1918 ab und machte den Thron für Boris III. frei. Ferdinand wollte zunächst in Österreich-Ungarn unterkommen. Dort verweigerte man ihm allerdings den Aufenthalt. So zog er nach Coburg, wo seine Eltern ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

      Als technisch interessierter Mensch dauerte es nicht lange, bis sich der einstige Monarch einen kleinen Fuhrpark in Coburg zugelegt hatte. Dazu gehörte auch das Motorrad „Alcyon Neuilly“, auf dem Ferdinand häufig Ausflüge durch das Coburger Land unternahm.

      Nach seinem Tod ging das gesamte Zarenvermögen in die Coburger Vermögensverwaltung über – darunter auch das Motorrad. Als der Motorsportclub Coburg dieses Fahrzeug übernahm, waren natürlich umfangreiche Restaurationen erforderlich, erinnert sich Hubertus Ernst. Vor allem mussten diverse Teile des Motors per Hand angefertigt werden, da es natürlich für das extrem seltene Zweirad keine Ersatzteile gab. Besonders hervorgetan hatte sich bei der Restaurierung Horst Brückner, Gründungsmitglied des MSC. Dessen Einfallsreichtum und technische Kenntnisse sorgten dafür, dass sich die „Alcyon Neuilly“ heute in einem technischen Zustand präsentiert, der als „neuwertig“ bezeichnet werden kann

      Das leichte Motorrad hat einen 2,5 PS starken Motor, der seine Kraft aus einem Hubraum von 211 Kubikzentimetern schöpft. Damit, so erläutert Hubertus Ernst, erreicht die an ein Fahrrad erinnernde Maschine auf ebener Strecke eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern.

      Hubertus Ernst und Horst Brückner sind übrigens die einzigen MSC-Mitglieder, die jemals eine Runde auf der „Alcyon Neuilly“ gedreht haben. „Einfach zu fahren ist das Gefährt nicht“, meint Erst. „Es hat weder Kupplung noch Gangschaltung und der Umgang erfordert viel Fingerspitzengefühl sowie dicke Schuhsohlen.“ Mit einem Handhebel wird die Benzinzufuhr und damit die Geschwindigkeit reguliert.

      Um mit dem Motorrad wieder zum Stillstand zu kommen, muss der Fahrer den Benzinhebel ganz zurücknehmen, bei niedrigster Drehzahl den Dekompressionshebel ziehen, wodurch das Benzin-Luftgemisch ins Freie entweichen kann und dann – wie bei einem Fahrrad – mit Hand- und Rücktrittbremse anhalten.

      „Erst wenn der Motor über einen Dekompressionshebel gedrosselt ist, kann die Bremse gezogen werden“, erläutert Hubertus Ernst und fügt schmunzelnd hinzu: „Um die Bremswirkung zu verstärken, kommen natürlich auch die Füße zum Einsatz.“ Eigentlich sei das „Alcyon Neuilly“ nichts anderes als ein verstärktes Fahrrad mit eingebautem Hilfsmotor. Trotzdem ist der MSC sehr stolz auf das Zweirad. Schließlich hat nicht jeder Sammler ein Fahrzeug in seinem „Stall“, das einmal einem europäischen Herrscher gehört hat.
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