Dünen und Diamanten
Fast 100 Jahre war das Edelstein-Sperrgebiet in der Wüste Namibias tabu. Jetzt bieten Veranstalter erstmals Jeep-Touren ins verbotene Land
Nur noch ein Wagen vor uns. Barneys Defender nimmt Fahrt auf. Der Motor faucht, Sand staubt, die Federn rasseln. Plötzlich ragt das Heck in die Luft, dann taucht der Wagen hinter dem nächsten Dünenriesen ab. Jetzt sind wir dran. Ich trete das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Nissan schwebt bergab, um Sekunden später den nächsten Sandberg zu erklimmen. Es riecht nach geschmolzenem Gummi und verkohltem Sand. Der Motor japst. Einige Sekunden vergehen, bis uns die Schwerkraft übermannt. Einen Moment lang hängen unsere Mägen in der Luft. Dann schwappt der Wagen über den Dünenkamm.
Zu zweit begleiten wir eine Gruppe Vierrad-Verrückter durch die Namib: zwölf Land Rover, dazu ein Küchenwagen und zwei Begleitfahrzeuge. Sie alle wollen in die ehemalige "Diamond Area No. 2", besser gesagt: einmal mittendurch, von Lüderitz nach Walvis Bay. Dazwischen liegen sechs Tage, 600 Kilometer Sand und einige der höchsten Dünen der Erde.
Fast 100 Jahre lang war das Diamantensperrgebiet für jeden Besucher tabu, der nicht eine Lizenz zum Schürfen oder einen Besucherschein der namibischen Diamantengesellschaft Namdeb hatte. Neuerdings dürfen im Rahmen eines Pilotprojekts des Tourismusministeriums erstmals zwei lokale Agenturen Touren ins verbotene Land anbieten.
Der Ablauf sieht so aus: Mit dem ersten Sonnenlicht aufstehen, ein Kaffee, ein paar Kekse, mittags ein kleiner Snack unter dem briefmarkengroßen Schatten des Zeltdachs, abends ein Steak unter dem funkelnden Firmament der Namib. Dazwischen nichts als Sand.
Diamanten gibt es hier so gut wie nicht mehr. Wenn doch, müssten sie abgegeben werden.
Seinen Diamantenreichtum verdankt Namibia der jüngeren Geschichte: In der Kreidezeit spülten die Wasser des Oranje-Flusses die wertvollen Edelsteine aus dem Inneren des Kontinents hinaus in den Atlantik. Im Mündungsgebiet lagerten sie sich ab, teils unter dem Meer, teils im Wüstensand. Der Bahnarbeiter Zacharias Lewala fand im April 1908 in der Nähe von Lüderitz beim Gleisfegen den ersten Diamanten. Pflichtbewusst lieferte er den seltsam aussehenden Stein bei seinem Vorgesetzten, dem deutschen Bahnvorsteher August Stauch, ab. Quasi über Nacht wurde Stauch zum Millionär. Bald strömten so viele Diamantensucher in das Land, dass die deutsche Kolonialverwaltung den Zustrom eindämmen musste. Innerhalb von zwei Jahren entstand Kolmannskuppe, eine komplette Stadt mit Kasino, Schule und Krankenhaus. Die "Diamond Area No. 1" reichte vom Oranje, dem Grenzfluss zu Südafrika, bis an den 26. Breitengrad und erstreckte sich bis 100 Kilometer ins Landesinnere. Nach Diamantenfunden in der weiter nördlich gelegenen Spencer Bay und bei Meob Bay folgte wenig später die "Diamond Area No. 2".
Der Fund Stauchs brachte Kaiser und Reich rund eine Tonne Rohdiamanten. Mehr als fünf Millionen Karat sollen es zwischen 1908 und 1915 gewesen sein. Doch im Ersten Weltkrieg eroberte Südafrika für Großbritannien Deutsch-Südwestafrika. Mehrere Jahre stand der Diamantenabbau still. Kolmannskuppe verkam zur Geisterstadt. Die Hälfte der in Südwestafrika lebenden Deutschen wurde ausgewiesen, ihre Maschinen jedoch weiter genutzt. Bis Ende der 20er-Jahre lief das Geschäft gut, doch mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem folgenden Preisverfall für Diamanten wurde der Abbau im nördlichen Teil des Sperrgebiets irgendwann eingestellt.
Heute ruht das Hauptaugenmerk der Förderung auf den Offshore-Vorkommen bei der abgeschotteten Retortenstadt Oranjemund. Mit aufwendigen Techniken werden dort jährlich etwa 1,3 Millionen Karat mit einem Gesamtwert von 300 Millionen Euro aus dem Meer gefischt. Noch vor dem Tourismus ist der Diamantenabbau Namibias wichtigster Wirtschaftsfaktor.
Unsere Kolonne schaukelt weiter in Richtung Conception Bay. Aus dem Sand schälen sich die windschiefen Skelette der Siedlungen von Holsatia, Charlottenfelder und Grillenberger. Mit Ochsenkarren schafften die Arbeiter einst den Sand an zentrale Plätze, um Diamanten herauszusieben. Ochsenwagen und riesige Ochsenfriedhöfe, in denen Hörner aus dem Sand ragen, zeichnen ein Bild dieser Zeit. In den ersten Jahren mussten die Leute die Diamanten bei der Gluthitze mit der Hand vom Boden aufsammeln. Es war ein Martyrium, das nur wenige reich machte.
Am nächsten Morgen ist es noch früh, als Tour-Chef Jacques Delport seine tägliche Ansprache über Funk hält: "Heute stehen die Achterbahndünen auf dem Programm." Die Gesichter strahlen, denn die riesigen Sandberge zählen zu den Höhepunkten der Tour. Je größer diese puderzuckerweichen Sandberge, desto lauter ist das röhrende Geräusch, das sie machen, wenn ein Auto über ihre Flanke rutscht.
Die Superlative gehen einem nach sechs Tagen im Diamanten-Sperrgebiet langsam aus. Natürlich jagt einem jede fantastische Landschaft erneut Schauer über den Rücken. Wenn der Wagen über einen Sandberg schwappt, sich danach ein noch größeres Dünenrund eröffnet, wenn der Atlantikblick mal wieder alles andere in den Schatten stellt.
Doch kaum etwas ist wie die Nacht. Es ist wie in einem Amphitheater: drum herum mehrere Hundert Meter hohe Tribünen Sand, dazwischen stecknadelgroß das Camp. Die Steaks brutzeln über dem Lagerfeuer. Die Sterne scheinen zum Greifen nah. Es ist still, niemand redet.
Dann ergreift Mary-Lou Nash aus Paarl bei Kapstadt das Wort: "Ich habe keine Worte für diese Schönheit", sagt sie, als sie beim Anblick des makellosen afrikanischen Sternenhimmels Revue passieren lässt. Man kann ihr nur zustimmen.
Anreise: Mit LTU ( www.ltu.de) oder Air Namibia ( www.airnamibia.com) nach Windhuk, ab etwa 850 Euro.
Diamantentour: Ein Tripp ins Sperrgebiet auf eigene Faust ist nicht erlaubt. Coastways Tours aus Lüderitz ( www.coastways.com.na) und URI Adventures aus Walvis Bay ( www.uriadventures.com) veranstalten Touren dreimal pro Monat. Das sechstägige "Lüderitz to Walvis Bay Adventure" kostet etwa475 Euro pro Person. Allrad-Campmobile gibt es ab 80 Euro pro Tag bei Asco Car Hire ( www.ascocarhire.com) und Kea Campers ( www.keacampers.co.za).
Auskunft: Namibia Tourism Board, Frankfurt, Tel. 069/133 73 60, www.namibia-tourism.com
Fast 100 Jahre war das Edelstein-Sperrgebiet in der Wüste Namibias tabu. Jetzt bieten Veranstalter erstmals Jeep-Touren ins verbotene Land
Nur noch ein Wagen vor uns. Barneys Defender nimmt Fahrt auf. Der Motor faucht, Sand staubt, die Federn rasseln. Plötzlich ragt das Heck in die Luft, dann taucht der Wagen hinter dem nächsten Dünenriesen ab. Jetzt sind wir dran. Ich trete das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Nissan schwebt bergab, um Sekunden später den nächsten Sandberg zu erklimmen. Es riecht nach geschmolzenem Gummi und verkohltem Sand. Der Motor japst. Einige Sekunden vergehen, bis uns die Schwerkraft übermannt. Einen Moment lang hängen unsere Mägen in der Luft. Dann schwappt der Wagen über den Dünenkamm.
Zu zweit begleiten wir eine Gruppe Vierrad-Verrückter durch die Namib: zwölf Land Rover, dazu ein Küchenwagen und zwei Begleitfahrzeuge. Sie alle wollen in die ehemalige "Diamond Area No. 2", besser gesagt: einmal mittendurch, von Lüderitz nach Walvis Bay. Dazwischen liegen sechs Tage, 600 Kilometer Sand und einige der höchsten Dünen der Erde.
Fast 100 Jahre lang war das Diamantensperrgebiet für jeden Besucher tabu, der nicht eine Lizenz zum Schürfen oder einen Besucherschein der namibischen Diamantengesellschaft Namdeb hatte. Neuerdings dürfen im Rahmen eines Pilotprojekts des Tourismusministeriums erstmals zwei lokale Agenturen Touren ins verbotene Land anbieten.
Der Ablauf sieht so aus: Mit dem ersten Sonnenlicht aufstehen, ein Kaffee, ein paar Kekse, mittags ein kleiner Snack unter dem briefmarkengroßen Schatten des Zeltdachs, abends ein Steak unter dem funkelnden Firmament der Namib. Dazwischen nichts als Sand.
Diamanten gibt es hier so gut wie nicht mehr. Wenn doch, müssten sie abgegeben werden.
Seinen Diamantenreichtum verdankt Namibia der jüngeren Geschichte: In der Kreidezeit spülten die Wasser des Oranje-Flusses die wertvollen Edelsteine aus dem Inneren des Kontinents hinaus in den Atlantik. Im Mündungsgebiet lagerten sie sich ab, teils unter dem Meer, teils im Wüstensand. Der Bahnarbeiter Zacharias Lewala fand im April 1908 in der Nähe von Lüderitz beim Gleisfegen den ersten Diamanten. Pflichtbewusst lieferte er den seltsam aussehenden Stein bei seinem Vorgesetzten, dem deutschen Bahnvorsteher August Stauch, ab. Quasi über Nacht wurde Stauch zum Millionär. Bald strömten so viele Diamantensucher in das Land, dass die deutsche Kolonialverwaltung den Zustrom eindämmen musste. Innerhalb von zwei Jahren entstand Kolmannskuppe, eine komplette Stadt mit Kasino, Schule und Krankenhaus. Die "Diamond Area No. 1" reichte vom Oranje, dem Grenzfluss zu Südafrika, bis an den 26. Breitengrad und erstreckte sich bis 100 Kilometer ins Landesinnere. Nach Diamantenfunden in der weiter nördlich gelegenen Spencer Bay und bei Meob Bay folgte wenig später die "Diamond Area No. 2".
Der Fund Stauchs brachte Kaiser und Reich rund eine Tonne Rohdiamanten. Mehr als fünf Millionen Karat sollen es zwischen 1908 und 1915 gewesen sein. Doch im Ersten Weltkrieg eroberte Südafrika für Großbritannien Deutsch-Südwestafrika. Mehrere Jahre stand der Diamantenabbau still. Kolmannskuppe verkam zur Geisterstadt. Die Hälfte der in Südwestafrika lebenden Deutschen wurde ausgewiesen, ihre Maschinen jedoch weiter genutzt. Bis Ende der 20er-Jahre lief das Geschäft gut, doch mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem folgenden Preisverfall für Diamanten wurde der Abbau im nördlichen Teil des Sperrgebiets irgendwann eingestellt.
Heute ruht das Hauptaugenmerk der Förderung auf den Offshore-Vorkommen bei der abgeschotteten Retortenstadt Oranjemund. Mit aufwendigen Techniken werden dort jährlich etwa 1,3 Millionen Karat mit einem Gesamtwert von 300 Millionen Euro aus dem Meer gefischt. Noch vor dem Tourismus ist der Diamantenabbau Namibias wichtigster Wirtschaftsfaktor.
Unsere Kolonne schaukelt weiter in Richtung Conception Bay. Aus dem Sand schälen sich die windschiefen Skelette der Siedlungen von Holsatia, Charlottenfelder und Grillenberger. Mit Ochsenkarren schafften die Arbeiter einst den Sand an zentrale Plätze, um Diamanten herauszusieben. Ochsenwagen und riesige Ochsenfriedhöfe, in denen Hörner aus dem Sand ragen, zeichnen ein Bild dieser Zeit. In den ersten Jahren mussten die Leute die Diamanten bei der Gluthitze mit der Hand vom Boden aufsammeln. Es war ein Martyrium, das nur wenige reich machte.
Am nächsten Morgen ist es noch früh, als Tour-Chef Jacques Delport seine tägliche Ansprache über Funk hält: "Heute stehen die Achterbahndünen auf dem Programm." Die Gesichter strahlen, denn die riesigen Sandberge zählen zu den Höhepunkten der Tour. Je größer diese puderzuckerweichen Sandberge, desto lauter ist das röhrende Geräusch, das sie machen, wenn ein Auto über ihre Flanke rutscht.
Die Superlative gehen einem nach sechs Tagen im Diamanten-Sperrgebiet langsam aus. Natürlich jagt einem jede fantastische Landschaft erneut Schauer über den Rücken. Wenn der Wagen über einen Sandberg schwappt, sich danach ein noch größeres Dünenrund eröffnet, wenn der Atlantikblick mal wieder alles andere in den Schatten stellt.
Doch kaum etwas ist wie die Nacht. Es ist wie in einem Amphitheater: drum herum mehrere Hundert Meter hohe Tribünen Sand, dazwischen stecknadelgroß das Camp. Die Steaks brutzeln über dem Lagerfeuer. Die Sterne scheinen zum Greifen nah. Es ist still, niemand redet.
Dann ergreift Mary-Lou Nash aus Paarl bei Kapstadt das Wort: "Ich habe keine Worte für diese Schönheit", sagt sie, als sie beim Anblick des makellosen afrikanischen Sternenhimmels Revue passieren lässt. Man kann ihr nur zustimmen.
Anreise: Mit LTU ( www.ltu.de) oder Air Namibia ( www.airnamibia.com) nach Windhuk, ab etwa 850 Euro.
Diamantentour: Ein Tripp ins Sperrgebiet auf eigene Faust ist nicht erlaubt. Coastways Tours aus Lüderitz ( www.coastways.com.na) und URI Adventures aus Walvis Bay ( www.uriadventures.com) veranstalten Touren dreimal pro Monat. Das sechstägige "Lüderitz to Walvis Bay Adventure" kostet etwa475 Euro pro Person. Allrad-Campmobile gibt es ab 80 Euro pro Tag bei Asco Car Hire ( www.ascocarhire.com) und Kea Campers ( www.keacampers.co.za).
Auskunft: Namibia Tourism Board, Frankfurt, Tel. 069/133 73 60, www.namibia-tourism.com