Auf der Spur des Motorrad-Rasers

      Auf der Spur des Motorrad-Rasers

      LUDWIGSBURG
      Auf der Spur des Motorrad-Rasers


      Motorradfahrer können durch Fotos aus einem Blitzer nicht enttarnt werden – dieser Irrglaube ist unter Rasern verbreitet. Das Gegenteil hat ein Mitarbeiter des Vollzugsdienstes der Stadt Ludwigsburg bewiesen: Er hat einen 19-Jährigen aus Oßweil ermittelt, der 51-mal absichtlich in einen Blitzer gefahren war (wir berichteten).

      Die Geschichte beginnt im März 2007: Ein Motorradfahrer rast in halsbrecherischem Tempo über eine Landesstraße. Er tut das immer wieder, bis zu 148 Stundenkilometer liegt er über der Geschwindigkeitsbegrenzung. Er glaubt sich sicher. Doch der Raser wird überführt – weil sich ein Mann mit detektivischem Spürsinn an seine Fährte heftet.
      Dieser Mann ist selbst passionierter Motorradfahrer, erfahrener Mitarbeiter im Vollzugsdienst und heißt in dieser Geschichte Jochen Weber. Seinen richtigen Namen soll niemand erfahren.
      Auf Webers Schreibtisch landen zwischen März 2007 und März 2008 fast im Wochenrhythmus Bilder aus dem Blitzer an der Landesstraße nach Remseck. Zu sehen ist ein Motorradfahrer, häufig mit weit über 150 Sachen in der 70er-Zone unterwegs, der immer dieselbe Jacke trägt, dieselben Turnschuhe, denselben Helm. Mal ist er mit Sozius unterwegs, auf mehreren Bildern fährt er einhändig. Die andere Hand braucht er, um bei 180 Stundenkilometern das Victory-Zeichen in die Blitzer-Kamera zu zeigen.
      Im Februar 2008 schließlich passiert etwas, das laut Ludwigsburger Polizei die absolute Ausnahme ist: Mit 218 Sachen rast der Motorradfahrer in den Blitzer, 375 Euro Strafe und vier Punkte in Flensburg wären die Strafe. „Da war mein Jagdinstinkt endgültig entfacht“, sagt Weber. Zu gefährlich ist dieser Raser für sich und andere.
      Motorradfan Weber beginnt mit dem, was er rückblickend als „meine Doktorarbeit“ bezeichnet: Im Internet klickt er sich durch Beschreibungen von Motorradtypen, bis er ein Kawasaki-Modell findet, das aussieht wie die Maschine auf den Bildern. Sogar das Baujahr erkennt er: „Es musste 2003 sein, das zeigen die Lufteinlass-Schlitze.“ Diese kleinen Gitter sind bei den anderen Baujahren seitlich angebracht, beim Modell aus dem Jahr 2003 dagegen vorne. In den Landkreisen Ludwigsburg und Rems-Murr sind zu dem Zeitpunkt 28 Maschinen dieses Typs zugelassen.
      Weber sucht weitere Puzzleteile. Selbst die Blitzer-Fotos, grobkörnig und schwarz-weiß, geben Hinweise. Zwar wird das Motorrad stets von vorn fotografiert – auf einem Bild ist aber in Vergrößerung die Innenseite des hinten angebrachten Kennzeichens zu sehen. Die ist nicht beschriftet, aber die Buchstaben und Ziffern sind eingeprägt, eine Delle ist gut zu erkennen. „Da hatte ich die letzte Ziffer des Kennzeichens“, erzählt Weber. Unermüdlich recherchiert er weiter, schaut im Archiv alle Fälle durch, in denen seit März 2007 Motorräder geblitzt wurden.
      Er wird fündig: Im Juni 2006 fällt bei einer mobilen Kontrolle ein Motorrad in einer Dreißigerzone auf, sechs Stundenkilometer zu schnell, Strafe: 15 Euro. Die Beamten notieren das Kennzeichen, aber weil der Fahrer auf dem Bild nicht zu erkennen ist, wird der Fall nicht verfolgt. Weber aber sieht sofort, dass der Verstoß dem rasenden Phantom zuzuordnen ist. Zwei Wochen lang observiert die Polizei den Motorradfahrer, dann wird die Maschine beschlagnahmt. Ein Sachverständiger stellt fest, dass die Drosselung des Motorrads ausgebaut worden war – eine so schnelle Maschine hätte der 19-Jährige nicht fahren dürfen. Nach und nach wird klar, wie sicher sich der Raser gefühlt hat. Das erste Blitzerfoto entstand einen Tag nach Zulassung der Maschine. Manchmal fuhr der Gymnasiast nach der Schule sogar einen Umweg, um noch am Blitzer vorbeizukommen. „Das ist einfach frech“, findet Weber.
      Am Ende wird der 19-Jährige nicht wegen der Geschwindigkeitsverstöße, allesamt Ordnungswidrigkeiten, sondern wegen der Straftat des Fahrens ohne Führerschein verurteilt (wir berichteten). Sechs Monate auf Bewährung, 500 Euro Strafe und ein Jahr Führerscheinsperre, urteilt das Gericht. Für Weber und seine Kollegen ist klar: „Wir achten jetzt noch stärker auf Motorradraser. Es ist bewiesen, dass man sie fassen kann.“
      Bilder
      • Blitzer.jpg

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