Das Internet wird 20

      Das Internet wird 20

      Das Internet wird 20

      Am Anfang wollte keiner etwas davon wissen
      Von Holger Schmidt

      13. März 2009 Eigentlich hat der Brite Tim Berners-Lee im Jahr 1989 nur eine Technik entwickeln wollen, um die Zusammenarbeit der Forscher des Großforschungsinstituts für Teilchenphysik (Cern) in Genf zu verbessern. Sein Projektantrag "Informationsmanagement: Ein Vorschlag", eingereicht am 13. März 1989, sollte sich dann aber als Grundstein des Internet entpuppen und das Kommunikations- und Informationsverhalten von einer Milliarde Menschen grundlegend verändern. Sein damaliger Vorgesetzter Mike Sendall ahnte vielleicht, dass eine großartige Idee auf seinem Schreibtisch lag, aber sicher war er sich nicht. "Vage, aber aufregend" schrieb Sendall auf den Projektantrag, in dessen Zentrum der "Hypertext" stand, der Informationen in einem Netz durch logische Verbindungen miteinander verknüpft.

      Das System war gedacht, damit die Mitarbeiter am Cern auf die Forschungsergebnisse ihrer Kollegen in aller Welt zugreifen konnten. Berners-Lee lieferte auch gleich die Programmiersprache für Internetseiten mit, die auch heute noch geltende "Hypertext Markup Language" (HTML), sowie das Instrument für den Datentransfer, das "Hypertext Transfer Protocol", dessen Abkürzung "HTTP" ebenfalls bis heute als Synonym für die Datenübertragung im Internet steht.

      Zunächst wollte niemand etwas davon wissen

      Aber wie so oft bei bahnbrechenden Erfindungen wollte zunächst niemand etwas davon wissen. Erst 1991 richteten die ersten Universitäten Netzwerkrechner ein, um auf der Basis von Berners-Lees Ideen ihre Forschungsergebnisse auszutauschen. Das Internet wäre vielleicht nie aus der Forscherecke herausgekommen, hätte nicht der amerikanische Student Marc Andreessen 1993 am National Center for Supercomputing Application den ersten Browser namens Mosaic erfunden. Der Browser zeigte Internetseiten mit Grafiken an, so dass auch Nichttechniker in der Lage waren, mit einem einfachen Klick auf einen Hyperlink zur gewünschten Seite zu gelangen.

      Das war der Durchbruch. Andreessen gründete das Unternehmen Netscape, und dessen Browser Navigator wurde zum Tor ins Internet, durch das Millionen Menschen strömten. Die Online-Dienste AOL und Compuserve öffneten ihre geschlossenen Online-Dienste ins Internet, und in Deutschland wurde aus dem Bildschirmtext der Telekom schließlich T-Online. E-Mail und der Zugang zum World Wide Web standen offen. Zwar mit meist langsamen Modems, aber immerhin.

      Die Faszination der weltumspannenden Kommunikation und der plötzlich kinderleichten Informationsbeschaffung elektrisierte immer mehr Menschen. Mitte der neunziger Jahre bevölkerte sich das World Wide Web. Im Juli 1995 brachte Jeff Bezos das Internet-Kaufhaus Amazon online. und im September desselben Jahres wurde der Internet-Marktplatz Ebay von Pierre Omidyar gegründet. 1995 ist auch das Geburtsjahr von Yahoo, deren Gründer Jerry Yang und David Filo einfach die steigende Zahl der Internetseiten in Kategorien einordneten, damit die Nutzer den Überblick behalten konnten.

      Einer gehörte sicher nicht zu den Internet-Visionären: Bill Gates

      Zu den Internet-Visionären gehörte damals aber einer ganz sicher nicht: Bill Gates, der Gründer von Microsoft, unterschätzte das Internet kolossal. Er versuchte seine Nutzer im geschlossenen Dienst MSN zu halten. Zum Glück für Andreessen, denn sein Netscape Navigator verbreitete sich rasant, und dem ersten erfolgreichen Börsengang eines Internetunternehmens stand nichts mehr im Wege. Erst Jahre später sollte Gates die Bedeutung des Netzes erkennen und mit seinem Browser Internet Explorer die Verfolgung des Pioniers Andreessen aufnehmen.

      1999 erfasste die Begeisterung für das Internet die Börse, um sie schon im Jahr 2000 wieder zu verlassen. Die Internet-Blase an der Börse war geplatzt, doch im Rückblick war die Phase nur eine Delle auf dem stürmischen Wachstumspfad des Datennetzes. Die Nutzerzahl stieg unvermindert an, und spätestens 2004 kehrte die Begeisterung auch an die Börse zurück. Die Suchmaschine Google legte ein sensationelles Börsendebut hin und machte das Internet auch auf dem Börsenparkett wieder salonfähig. Google hatte neben Amazon und Ebay das dritte große Geschäftsmodell gefunden, nämlich die Online-Werbung exakt an den Wünschen der Nutzer auszurichten. Das Modell, kleine Werbetexte (mit Hyperlinks) in maximal 0,5 Sekunden einzublenden, die Antworten auf den gerade eingetippten Suchbegriff liefern, hat Google im vergangenen Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz gebracht.

      Wofür andere Branchen Jahrzehnte brauchen, vollzieht sich im Internet im Zeitraffer: Umwälzende Techniken wie Breitbandverbindungen oder mobile Geräte wie das iPhone lassen das Leben weiter im Netz pulsieren. Bald werden alle Telefongespräche über das Internet geführt; auch das Fernsehen verlagert sich mehr und mehr ins Netz.

      Offenheit als der große neue Trend im Netz

      Nach den Pionieren sind nun Unternehmen wie Facebook oder Twitter die neuen Stars im Web 2.0, das für viele das wahre Internet darstellt. Denn nun kommunizieren Millionen Menschen über das Netz miteinander. Der große Trend ist zurzeit die Offenheit: Internet-Unternehmen öffnen ihre Software. Millionen Entwickler entwickeln Zusatzprogramme oder bauen mit der frei verfügbaren Software eigene Internetseiten. Selbst Zeitungen wie die "New York Times" oder der britische "Guardian" öffnen sich, damit sich ihre Inhalte über das Netz verbreiten.

      Und Berners-Lee? Nun, er ist heute Sir Tim Berners-Lee, mit vielen Orden dekoriert, arbeitet er heute an der dritten Generation des Netzes, dem semantischen Internet. Das soll die Inhalte wirklich verstehen und wissen, ob man auf einer Bank sitzt oder sein Geld dort anlegt. Nach dem Grundstein kann Berners-Lee damit die nächste Internet-Revolution auslösen.
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      Happy Birthday, HTML und HTTP!

      Happy Birthday, HTML und HTTP!

      20 Jahre World Wide Web? Hm. Am 13. März 1989 schrieb ein damals Unbekannter namens Tim Berners-Lee am Cern einen folgenschweren Projektantrag. Außerdem: Wolfram Alpha, Telefonsex, Winnenden. Der Blogblick.

      Unter dem Namen von Tim Berners-Lee stehen für gewöhnlich nur drei Worte zur Erläuterung: «Invented the Web». Keine Anmaßung, denn tatsächlich: Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden.
      Was eine Leistung ist, als hätte jemand das Feuer, das Rad oder milchgebende Kühe erfunden. Und am Freitag feiert das WWW seinen 20. Geburtstag. Zwar wurde das WWW erst am 30. April 1993 zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Aber am 13. März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Projektantrag am Cern.

      Mr. Gadget erklärt im Rahmen seiner sehr lesenswerten Schilderung der mittlerweile legendären Ereignisse: «Der Entwurf für das World Wide Web (WWW) enthielt drei Kernpunkte: Zum einen entwickelte Berners-Lee die 'Hypertext Markup Language' (HTML), die beschreibt, wie Seiten mit Hypertextverknüpfungen ('Links') auf unterschiedlichsten Rechnerplattformen formatiert werden. Mit dem 'Hypertext Transfer Protocol' (HTTP) definierte er die Sprache, die Computer benutzen würden, um über das Internet zu kommunizieren. Außerdem legte er mit dem 'Universal Resource Identifier' (URI) das Schema fest, nach dem Dokumentenadressen erstellt und aufgefunden werden können.»

      Ebenso wichtig wie der Umstand, dass Berners-Lee das Web erfunden hat, ist der Umstand, dass Berners-Lee das Web erfunden hat. Denn Tim Berners-Lee ließ seine Ideen und technischen Umsetzungen nicht patentieren und sorgte darüber hinaus dafür, dass das World Wide Web Consortium nur patentfreie Standards verabschiedete.


      Wenn Microsoft das WWW erfunden hätte ...

      Wenn nicht Berners-Lee das WWW erfunden hätte, sondern Sony/Microsoft/Siemens, wie hätte sich das Web dann wohl entwickelt? Hätte Sony das WWW erfunden, dann bestünde es im Wesentlichen aus einigen hundert Werbe-Homepages, hätte Microsoft das WWW erfunden, dann besäße Bill Gates das ganze Geld der Erde und der Rest der Menschheit Windows-Gutscheine, das Web sähe aus wie mit Picture-It gemalt und Online-Banking würde solange dauern wie die De-Installation von Windows Vista (die allerdings illegal wäre).

      Und hätte Siemens das WWW erfunden, wäre es vor ein paar Jahren an einen südkoreanischen Hundeverfütterungs-Konzern verkauft worden, der es dann irgendwann dicht gemacht hätte.

      Gene Phifer im Gartner Blog Network drückt es so aus: «Dank der Einfachheit des Web-Modells und der Allgegenwart von Webbrowsern und Internet-Zugang, haben wir einen Schatz an Informationen zur Hand. Wir können eine riesige Auswahl von Produkten und Dienstleistungen kaufen ohne unsere Sessel verlassen zu müssen. Und wir können rund um die Welt mit jedem interagieren, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das Web hat weitreichende Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, auf unsere Kulturen und auf unsere ökonomischen Modelle. Die Welt wäre ein anderer Ort ohne das Web. (...) Wir schulden Sir Tim Berners-Lee ein herzliches 'Hurra' für seine Vision und seine Bemühungen, diese Vision Realität werden zu lassen.»


      Eine andere Welt

      Eine andere Welt: Das ist ausnahmsweise nicht zu hoch gestapelt. Ohne das Web hätte sehr wahrscheinlich der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, dessen Name mir gerade entfallen ist, Hillary Clinton in einem knappen Rennen geschlagen, die USA wären vielleicht schon im Krieg mit dem Iran. Und selbst mit der gegenwärtigen Krise lässt es sich besser leben als mit Sarah Palin einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt.

      Aber wie es mit großen Erfindungen so ist: Sie erschließen sich nicht unbedingt (milchgebende Kühe waren eine Ausnahme, aber beim Feuer haben auch alle erst gefragt: «Und?») BoingBoing schreibt: «Als Berners-Lee das Web anderen Leuten beschrieben hat ohne es ihnen zu zeigen, waren sie nicht besonders beeindruckt. Schwer zu beschreiben, was es ist. Man muss es verstehen, ehe man es verstehen kann.» Und, so BoingBoing weiter: «Heute hat er dasselbe Problem. Den Menschen fällt es schwer, sein neues Projekt, das semantische Web, zu verstehen.»

      Durch dieses Netz könnte die Welt noch weiter als bisher verändert werden. Gigaom.com erklärt: «Berners-Lee möchte, dass Daten dergestalt online gestellt werden, dass sie zueinander in Beziehung gesetzt werden können, so dass man sie für multidisziplinäre Aufgaben verwenden kann. Zum Beispiel Genom-Daten und Protein-Daten, um Alzheimer zu heilen.» (Im Semanticblog kann man ein Video sehen , in dem Berners-Lee das semantische Web erklärt. Grämen Sie sich nicht, wenn Sie es nicht verstehen - siehe oben.)


      Wolfram Alpha

      Ein wichtiger Schritt zu diesem semantischen Web soll die Suchmaschine Wolfram Alpha sein, die in der Netzwelt in der vergangenen Woche für Furore sorgte. Wer könnte berufener sein als das GoogleWatchBlog, uns zu sagen, was Wolfram Alpha können soll? «Wolfram soll Fragen nicht mit Suchergebnissen beantworten, sondern eine Antwort errechnen.»

      Google-Pressesprecher Kay Oberbeck sagte dem Google-WatchBlog: «Wir begrüßen Wettbewerb, der Innovationen fördert und den Nutzern noch mehr Wahlmöglichkeiten an die Hand gibt.» Das hat Uli Hoeneß auch gesagt, als er noch dachte, Hoffenheim sei ein niedlicher Dorfverein.

      Bei blogs-optimieren.de bleiben Zweifel: «In der Praxis muss sich zeigen inwieweit die Nutzer tatsächlich mit einer solchen Technik umgehen möchten. 10 Jahre Google haben an sich das Nutzungsverhalten in Richtung Keyworteingabe domestiziert, jeder der die Logs von Suchanfragen ab und an auswertet wird das bemerken: ganze Sätze oder Phrasen in grammatischen Zusammenhang sind eher selten. Logisch, denn derartige Kombinationen bringen derzeit bei den Suchmaschinen kaum Vorteile.»

      Sami Yakar argumentiert dagegen wirtschaftlich: «Es wird keine Liste von Ergebnissen geliefert! Das bedeutet, dass es zu der Frage keine Links gibt und ohne Links keine Besucher von der Suchmaschine und ohne Besucher keine Einnahmen.» Er kommt zu dem Schluss: «Ich denke, dass es konkret darauf hinauslaufen wird, dass der Großteil der Webseitenbetreiber die Robots aussperren wird, damit die für reale Besucher generierten Inhalte nicht einfach in einem Antworten generierenden Datenverwurster untergehen. Und ohne diese Daten wird die Suche nicht funktionieren und deswegen wird nach einem kurzen Hype das Erwachen kommen und Wolfram Alpha scheitern.»

      Auch Thomas Knüwer ist skeptisch. Und liefert einen Witz: Geht Wolfram Alpha in ein closed beta? Angesichts der Tatsache, dass selbst das narrensichere Google von vielen Menschen noch nicht richtig verstanden wurde (wer das bezweifelt, sollte einfach mal einen Blick in diesen Blogpost werfen), ist Skepsis natürlich angebracht und außerdem ist Skepsis sowieso das neue Schwarz. Man sagt, die ersten Bejubler des Rads seien unter ihm begraben worden. Aber am Ende wollte niemand mehr darauf verzichten.

      Verschwunden im Netz

      20 Jahre World Wide Web

      Verschwunden im Netz
      von Axel Postinett und Hans Schürmann

      Vor 20 Jahren erfindet Tim Berners-Lee das Internet, wie wir es heute kennen und nutzen. Der Webbrowser ist unser Sesam-Öffne-Dich zur geheimen Welt des World Wide Webs. Mit ihm navigieren wir durch das globale Datennetz und laden uns Informationen, Bilder und Musik auf den Rechner. Doch das ist erst der Anfang. Mehr und mehr verschmilzt die Computerwelt von heute mit dem Datennetz von morgen.

      DÜSSELDORF. Längst arbeiten Internetentwickler an Lösungen, die das Navigieren überflüssig machen. „Das ist der Beginn des weblosen Webs“, sagt etwa Khash Mahdavi, Chef und Gründer von Telnic. Die neue Domain „.tel“ ist das erste Adressbuch, das Informationen direkt im innersten Kern des Internets abspeichert, dem DNS-System. Dieses „Domain-Name-System“ verwaltet die Adressen aller Webseiten weltweit. Es ist das Allerheiligste, der Gral, das Rückgrat von Lees World-Wide-Web. Es weiß, welcher Netz-Computer hinter „www.xyz.com“ steckt und wie er erreichbar ist.

      Bislang haben die gigantischen DNS-Rechner nur die Verbindung zwischen Surfer und Web-Computer hergestellt. Bei „.tel“ ist das anders. Es gibt keine Webseite mehr, die angesprungen wird. Der Internet-Kern selber antwortet. Wer „telnic.tel“ ohne „www.“ eingibt, bekommt sofort Basisinformationen wie Telefonnummer, Skype-Name oder E-Mailadresse, Straße und Wohnort des Anschlussinhabers im Browser angezeigt. Gibt es eine Webseite oder ein Facebook-Profil, wird auch das gezeigt. Niemand braucht mehr eine „Homepage“ oder ein „Profil“, um an dem globalen Netzwerkspiel teilzunehmen. Mobiltelefone mit rudimentären Browserprogrammen könnten in Sekunden auf die Informationen zugreifen.

      Neuerungen wie „.tel“ oder Mobiltelefone wie das iPhone von Apple oder Android von Google zeigen das neue, browserlose Web, das immer mehr aus den Augen der Nutzer verschwindet. Google Maps oder Yahoo Finance auf dem iPhone können durch einen Klick auf ein kleines Symbol gestartet werden. Kein sichtbarer Browser mehr, keine „URL-Adresse“, keine Fensterrahmen oder Menüleisten. Der „AppStore“ von Apple ist voll von solchen Programmen.

      Die Text- oder Bildverarbeitung der Zukunft wird keine Software auf unserem Schreibtisch-PC mehr aufrufen, sondern ein Programm in der „Cloud“, der Internet-Wolke. Erste Dienste wie Google Docs gibt es schon, noch werden sie über einen Browser wie Internet Explorer, Firefox oder Opera aufgerufen. Microsoft hat Pläne, den Browser aus dem Blickfeld der Anwender entfernen. In Zukunft soll ein Klick auf ein Textverarbeitungssymbol direkt in die Cloud verbinden.


      PC-Hersteller wie Asus oder Lenovo wollen das Mobiltelefon-Betriebssystem Android von Google auf kleine Web-Computer, sogenannte Netbooks, bringen. Das ist dann wie iPhone auf dem PC: viel Internet, wenig Browser. Der Kampf der Systeme ist in vollem Gang. Überall steckt noch die bahnbrechende Idee des Berners-Lees dahinter. Aber niemand wird sie mehr sehen.

      Auch nicht beim „Netz der Dinge“, wie es Vint Cerf, Google-Chef-Evangelist und zweiter Web-Urvater neben Berners-Lee, für die nahe Zukunft erwartet. Vom Kühlschrank bis zum Heizungskessel werden alle Dinge eine IP-Adresse haben, ihre eigene unverwechselbare Anschrift im globalen Dorf. Der Stromlieferant oder der Handwerker werden – Erlaubnis vorausgesetzt – die Geräte online warten und den Verbrauch ablesen können.

      Verständlich, dass Mozilla, Google und Apple so massiv in die Browsertechnik investieren und gegen die Übermacht von Microsoft kämpfen. Der Suchmaschinenbetreiber kann nicht nur die Werbung seiner Kunden viel effektiver platzieren, sondern gleichzeitig neue Angebote wie Mail- und Telefondienste schneller entwickeln, wenn er über eine eigene Browsertechnik verfügt. Das gleiche gilt für Apple. Mit einer eigenen Internet-Software kann das Unternehmen aus Cupertino nicht nur sein Musik- und Videogeschäft optimieren, sondern auch seine Computer besser mit dem iPod oder dem iPhone verknüpfen.

      Lange Zeit war Microsoft mit seinem Internet-Explorer auf über 90 Prozent der Rechner vertreten. In Europa hat Mozilla gezeigt, dass es möglich ist, mit anwenderfreundlicher Technik das Monopol zu knacken. Mit seinem Firefox erzielt der Anbieter heute einen Marktanteil von fast 40 Prozent.

      Vor 20 Jahren

      Vor 20 Jahren: Ein schwer vermittelbarer Vorschlag - und der Anfang des Web

      Am heutigen Freitag-Nachmittag um 14 Uhr beginnen im Genfer Kernforschungsinstitut CERN die Feierlichkeiten für einen Text, der vor 20 Jahren die Geburt des World Wide Web im Internet einleitete. Das Datum dieser Geburtstagsfeier ist etwas willkürlich gewählt und passt damit bestens zur Geschichte des Internet, ohne das es ein WWW in dieser Form nie gegeben hätte.

      Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee auf einem Mac am CERN einen Vorschlag auf. Sein Text Information Management: A Proposal gilt als Grundsteinlegung für das World Wide Web, auch wenn er zunächst kaum Beachtung fand. Gegen Ende des Monats überreichte Berners-Lee den Vorschlag seinem Chef Mike Sendall. Dieser hatte ihn im Dezember gebeten, einmal seine Ideen zu einem System aufzuschreiben, wie denn eine digitale Bibliothek mit den Texten all der in aller Welt verstreuten Forscher aussehen könnte, die mit dem CERN verbunden sind oder waren.

      Sendall las den Text und kommentierte ihn mit Vague, but exciting..., um ihn dann zu vergessen. In seinem Buch Weaving the Web klingt die Enttäuschung durch, die Berners-Lee erfahren musste: By the end of March 1989 I had given the proposal to Mike Sendall; to his boss David Williams; and to a few others. I gave it to people at a central committee that oversaw the coordination of computers at CERN. But there was no forum from which I could command a response. Nothing happened.

      Auch ein weiterer Anlauf von Berners-Lee im Mai 1990 mit einem verbesserten Text, den er direkt an David Williams schickte, endete in einem staubigen Archiv des CERN. Eine neue Maschine rettete schließlich die Idee: Mike Sendall kaufte 1990 eine der ersten NeXTstations in Europa und gab sie dem als RPC-Programmierer angestellten Berners-Lee mit den Worten: "Once you get the machine, why not try programming your hypertext thing on it?"

      Zu diesem Zeitpunkt hatte Berners-Lee bereits einige Erfahrungen mit dem in Pascal geschriebenen Programm Enquire darüber gesammelt, wie Informationen aus unterschiedlichen Quellen gebündelt und gefunden werden können. Sein 1989 geschriebener Vorschlag nennt außerdem das Xanadu-Projekt von Ted Nelson. Dieser hatte zu seiner Zeit nicht die leistungsstarken Rechner zur Verfügung, mit denen sein ambitioniertes Konzept von Links und aktiven Back-Links programmiert werden konnte.

      Als RPC-Programmierer hatte Berners-Lee hingegen beizeiten gelernt, dass ein Konzept, das auf die ständige Verfügbarkeit von Rechnern in einem Netzwerk aufbaut, sehr verletzlich sein kann. Sein auf dem NeXT entwickeltes Programm sollte zunächst Mesh oder Information Mesh heißen, dann MOI für Mine of Information, alternativ The Information Mine (TIM). Am Ende stand der Name "World Wide Web", komplett mit ht als Hypertext-Kürzel für all die Programme, die das WWW erst möglich machen. Sie liefen zuerst auf dem NeXT, aber am CERN, das im Jahre 1991 der größte Internet-Node in Europa war.

      Im CERN selbst wurde die Arbeit von Berners-Lee am WWW-Projekt durchaus honoriert, aber kaum als nützliches System außerhalb der "Scientific Community" bewertet. Mit dem Belgier Robert Caillau gewann Berners-Lee frühzeitig einen Mitstreiter, der das Projekt auch in schlechten Tagen vorantrieb, vom verbitterten Ted Nelson als Sancho Pansa der IT-Industrie verspottet.

      Abseits programmtechnischer Schwierigkeiten kam mit dem Verhandlungsgeschick von Cailliau schließlich die dritte Komponente ins Spiel, mit der das WWW im heutigen Sinn schlussendlich durchstarten konnte: Ohne den ersten Vorschlag, ohne den ersten NeXT und dann noch ohne die Freigabe wichtiger Software wie libwww wäre das World Wide Web von Berners-Lee nie der Sarg geworden, in dem das Gutenberg-Zeitalter zu Grabe getragen wird. "Kurzum, das Ende wie der Anfang ist an keiner Stelle abzusehen", wusste schon sein Landsmann Tristram Shandy über alle großen Erfindungen zu berichten, die auf den Schultern von Riesen gemacht werden.

      Vor 15 Jahren: CERN gibt libwww frei

      Vor 15 Jahren: CERN gibt libwww frei
      30.04.2008 08:07

      Heute vor 15 Jahren erhielten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau vom Genfer Kernforschungszentrum CERN die offizielle Erlaubnis, den Code der ersten Web-API und Webservers libwww als freie Software zu vertreiben. Dieser Entschluss im Sinne der stolzen akademischen Tradition, den freien Austausch von Ideen zu fördern, wirkte auf die ohnehin angelaufene Popularisierung des World Wide Web wie ein Turbolader.

      Das Jahr 1993 war in vieler Hinsicht ein Jahr, in dem die Entwicklung des World Wide Web mit einem "Quantensprung" vorangetrieben wurde. Im Februar hatte das National Center for Supercomputing Applications (NCSA) an der Universität Illinois den grafischen Browser NCSA Mosaic im Internet freigegeben. Im März 1993 erschien der für das WWW erweiterte textbasierte Allzweckbrowser Lynx 2.0 und die erste Website des Weißen Hauses wurde freigegeben. Das Informationssystem WWW, das Tim Berners-Lee auf der Hypertext-Konferenz in San Antonio 1991 erstmals öffentlich vorgeführt hatte, begann zu brummen.

      Dabei war das Web im Jahre 1993 nicht die populärste Anwendung. E-Mail und Newsgroups waren weitaus wichtiger und die Informationsspezialisten in Universitäten wie in großen Firmen beschäftigten sich vor allem mit der FTP-Alternative Gopher, einem an der Universität Minnesota entwickelten Retrieval-System. Im Frühjahr 1993 entschied sich diese Universität, von kommerziellen Firmen Gebühren für die Nutzung der Gopher-Server-Software zu verlangen. Während der Gopher-Client weiterhin kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollte und alle Universitäten und Lerneinrichtungen auch den Server kostenlos bekamen, sollten Firmen wie DEC, IBM und ICL für die Software zahlen, mit denen sie ihre Informationsbestände verwalteten. Heftige Kommentare über den Verrat an der Internet-Community machten die Runde, obwohl die kommerzielle Nutzung des Internet ab 1991 zulässig war.

      Diese Kommentare beeindruckten Tim Berners-Lee nachhaltig, wie er in seiner Biografie Weaving the Web schreibt. Er nahm von seinem ursprünglichen Plan Abstand, den Sourcecode des ersten Webservers libwww unter die GPL des von ihm bewunderten Richard Stallman zu stellen und beantragte bei seinem Arbeitgeber CERN eine "Lizenz" ohne jegliche Lizenzauflagen, "no strings attached". Ursprünglich hatte das CERN daran gedacht, libwww für 100 bis 200 Schweizer Franken zu verkaufen. Allerdings war das CERN eine physikalische Forschungseinrichtung und hatte, anders als die amerikanischen Universitäten in Minnesota (Gopher) und Illinois (NCSA Mosaic), keine Verwaltung für den Verkauf einer Software. Eine interne Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich der Aufbau einer entsprechenden Abteilung schlicht nicht lohnen würde. So kam es am 30. April 1993 zur Ausstellung der besagten Erlaubnis, libwww ohne Einschränkungen freizugeben in der Art und Weise, wie das Ergebnis eines physikalischen Tests frei veöffentlicht werden kann. Berners-Lee machte die gute Nachricht prompt der interessierten Netzwelt über die Newsgroups alt.hypertext, comp.sys.next und die Mailingliste wwww-talk publik, was da auf http://info.cern.ch auf den Download wartete. Es entbehrt nicht der Ironie, dass der kommerziell ausgerichtete IT-Branchenverband Bitkom diesen Tag irrigerweise zum Geburtstag des WWW deklariert hat. (Detlef Borchers) / (pmz/c't)

      Das World Wide Web Consortium feiert zehnjähriges Bestehen

      Das World Wide Web Consortium feiert zehnjähriges Bestehen
      01.12.2004 10:07

      Am heutigen 1. Dezember feiert das World Wide Web Consortium (W3C) in Boston beim MIT seinen 10. Geburtstag. Das Konsortium für die wichtigsten Internet-Standards entstand im Jahre 1994 auf Betreiben von Tim Berners-Lee. Es sollte als Koordinierungsstelle eine Zersplitterung des Netzes verhindern, die Konformität in der Vielfalt sichern. Mehr als 400 Firmen sind inzwischen dem W3C beigetreten, es gibt Regionalbüros in Japan, Europa und den USA sowie Vertretungen in einzelnen Ländern und zahlreiche Konferenzen über mögliche und realisierte Internet-Standards. Es ist das Verdienst des W3C, dass man heute durch das Web browsen kann, ohne sich an jeder dritten Website zu stoßen. Die Prüfung mit dem W3C-Validator gehört zum Pflichtpensum verantwortlicher Webmaster, die wollen, dass die Besucher nicht dumm in die Röhre gucken müssen.

      Nach eigenen Angaben wacht das W3C derzeit über 28 Standards, die laufend erweitert werden. Nicht allen Initiativen des W3C war ein durchschlagender Erfolg beschieden. Manche lieferten nur Anstöße, wie etwa P3P, die Platform for Privacy Preferences. Der Schutz der Privatsphäre wie der Jugendschutz ist für die browsenden Anwender nach wie vor unbefriedigend und die für Firmen geltende EPAL, die Enterprise Privacy Authorization Language, steht noch vor ihrer Verabschiedung als W3C-Standard. Die W3C-Feier zum Jubiläum steht unter dem Motto WWW: "Web of Meaning, Web on Everything, Web for Everyone". Zumindest dem Wortlaut nach hat man die große Geste der Anfangszeit konserviert, mit der das Internet als Aufbruchsnet gefeiert wurde. (Detlef Borchers) / (tol/c't)

      ‘Hätt ich dich heut erwartet ...’

      ‘Hätt ich dich heut erwartet ...’
      Das Internet hat Geburtstag - oder nicht?

      ct21/99

      Irgendwie scheint das Internet Geburtstag zu haben, und eine Menge Väter sonnen sich im Glanz vergangener Taten. Aber wie alt wird es denn nun eigentlich: 30 Jahre schon? Oder zählt es gar erst 22 Lenze? Jung wirkt es jedenfalls trotz für die Computerbranche nahezu biblischen Alters. Und die Erwartungen in den Anfangstagen des Netzes der Netze waren gering, wurden dafür aber zwischenzeitlich umso größer.

      Leonard hatte seine Party, Frank feiert diese Woche, John in der Nacht zum 10. Oktober und Vint überhaupt nicht. Das garantiert mutterlose, aber von vielen Vätern gezeugte Netz wird mit wissenschaftlichen Symposien geehrt oder bekommt eine Riesenparty über mehrere Kontinente spendiert. Den Start machte ein Symposium am 2. September mit dem seltsamen Titel Gorillas, Netpreneurs and eConsumers, das Leonard Kleinrock ausrichtete. Zum Wochenende vom 25. September folgte das Silicon Valley Internet Birthday Festival, das Frank Heart zu seinen Ausrichtern zählt. Und in der Nacht zum 10. Oktober sollte die NetAid-Party in London, New York und Genf steigen, mit der Cisco das Internet feiert und für die Nicht-Vernetzten dieser Erde sammeln lässt.

      Einer, der auf all diesen Partys seinen Spaß hat, ist Vint Cerf, der bei MCI Worldcom den PR-Job eines Vaters des Internet glänzend ausfüllt. Ausgerechnet Cerf lässt alle Jubiläen nicht gelten. ‘Wenn ihr schon einen Geburtstagsartikel machen wollt, dann nehmt den 22. November 1977, an dem erstmals wirklich drei unterschiedliche Netze zusammengeschaltet wurden’, erzählt uns Cerf. ‘Wenn irgendein Rechner mit einem Kommunikationsprozessor Daten austauscht, ist das noch lange kein Internet.’

      Eifrig kritzelt Cerf einen Zeitplan am Rande einer Tagung, die das Global Internet Projekt mit dem MIT für Brüsseler EU-Politiker ausrichtet. Sie wollen wissen, wie man das Netz am besten besteuern kann. Aus dem Wahnsinnsprojekt der Wissenschaftler ist eine Branche entstanden, die die Weltökonomie umkrempelt und Begehrlichkeiten aller Art weckt. Eine Woche zuvor tagte die Bertelsmann Stiftung in München. Bertelsmann erwirtschaftet heute aus dem Netz ‘nur’ 480 Millionen Mark (1,8 Prozent im Gesamtkonzern), dennoch wünscht man sich zum Wohle aller ein Zensur- und Ratingsystem für ein geordnetes Wachstum des Netzes. Bisher hat man das nicht gebraucht.

      Oral History

      Begonnen hatte alles am ... Ja, wann denn eigentlich? Wie immer bei teilweise nur mündlich überlieferter Geschichte und vielfältigen Interessen an der Historie gibt es diverse Stichtage. Wie wäre es mit dem 2. September 1969? An diesem Tag wurde im Labor von Leonard Kleinrock an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) der erste Computer an einen Interface Message Processor (IMP) angeschlossen. ‘Wir hielten das nicht gerade für einen historischen Moment’, erinnerte sich Kleinrock gegenüber einem AP-Reporter. ‘Wir hatten nicht einmal eine Kamera dabei. Aber es war die Geburtsstunde des Internet’. Der IMP war ein mächtiger Klotz von einem Spezialrechner, der nach militärischen Normen von der Firma Bolt, Beranek & Newmann (BBN) gebaut worden war.

      Der Rechner musste mit einem Kran in Kleinrocks Labor gehievt werden. Seine einzige Aufgabe bestand darin, Daten zu senden und zu empfangen, den Empfang zu überprüfen und das Senden zu wiederholen, wenn etwas nicht geklappt hatte. Ein IMP sollte einem Computer vorgeschaltet sein und rund um die Uhr laufen können - eine beträchtliche Anforderung zu einer Zeit, in der Rechner jede Woche für einige Stunden gewartet werden mussten. Der Bau des IMP durch BBN erfolgte nach einer Ausschreibung der Forschungsabteilung im Verteidigungsministerium, die an 140 Firmen geschickt wurde. Damals führende Firmen wie IBM und Control Data lehnten die Ausschreibung als ‘nicht realisierbar’ ab, nur die kleine BBN wagte es, die vier IMPs anzubieten. Sie wurden kurzerhand auf Basis eines Honeywell 516 von Grund auf neu konstruiert.

      Frank Heart war der leitende Ingenieur beim Bau der IMPs. Bei den Geburtstagsfeiern macht Heart mit, auch wenn er die Prioritäten gerne anders gesetzt haben möchte: ‘Wir haben das Internet bei BBN überhaupt realisiert. Es ist wie mit Einstein. Der erzählt etwas von e=mc2 und die Leute vom Alamos Project bauen die Bombe’, erklärte Heart gegenüber Reuters - auch die Nachrichtenagenturen halten sich an unterschiedliche Varianten.

      Dennoch kann man den Bau eines IMP nicht ohne die Vorarbeit sehen. Den Anstoss zur Konstruktion der ganzen Netzwerktechnik gab Bob Taylor, ein Mitarbeiter der Advanced Research Projects Agency (ARPA). Er ärgerte sich über die Tatsache, dass er drei verschiedene Terminals brauchte, um mit drei Universitäten zu kommunizieren, an denen die ARPA militärische Grundlagenforschungen finanzierte. Sein Wunsch nach einer einheitlichen Kommunikation wurde von J.C.R. Licklider aufgenommen, der zusammen mit Taylor das bahnbrechende Papier The Computer as Communications Device veröffentlichte [1]. In ihm schimmerte erstmals die Idee der Vernetzung aller Computer auf. Danach brauchte es knapp sechs Jahre, bis die Grundlagenforschung so weit abgeschlossen war, um das Vernetzungsprojekt in die Tat umzusetzen.

      Big Iron

      Als der erste gelieferte IMP am 2. September 1969 mit einem Computer in Kleinrocks Büro plauschte, war die Geburt des Internet noch nicht ganz zu Ende. BBN musste drei weitere IMPs liefern, die peu à peu in Stanford, Santa Barbara und Salt Lake City aufgestellt wurden. Zwischen dem Büro von Kleinrock und dem Stanford Research Institute wurde das erste Ping durch die Leitung geschickt. Danach entspann sich an jenem 10. Oktober 1969 ein bizarrer Dialog, den viele für die wahre Geburtsstunde des Internets halten. Kleinrock wollte sich über die beiden existierenden IMPs mit seinem Computer auf dem Computer in Stanford einloggen; dazu musste er den Login-Befehl absetzen.

      1996 erinnerte sich Kleinrock: ‘Wir tippten also das L ein und fragten am Telefon ‘Seht ihr das L?’ ‘Wir sehen es’, war die Antwort. Wir tippten das O ein und fragten ‘Seht ihr das O?’ ‘Ja, wir sehen das O!’ Wir tippten das G ein ... und die Maschine stürzte ab.’ [1] Abstürzende Computer und Menschen, die sich den Inhalt ihrer Bildschirme per Telefon erzählen, passen schwerlich zu einer historischen Stunde, in der ein weltumspannendes Netz geboren wird. Aber das Internet, wie wir es heute kennen, war mit der Kopplung zweier Rechner über eine Entfernung von 500 Kilometern auch noch nicht so richtig in der Welt. Seine Konturen wurden erst 1971 sichtbar, als das Forschungsprojekt unter dem Namen ARPAnet mit 15 unermüdlich rechnenden IMPs erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

      Erst zu diesem Zeitpunkt hatte das Netz ungefähr die Dimensionen, die in den ersten Netzskizzen des Informatikers Larry Roberts anno 1966 schon eingezeichnet waren, der die Idee des dezentral verknüpften Netzwerks entwickelte. Heute ist Roberts einer der Väter, die am stärksten gegen die Idee vom kriegssicheren Internet polemisieren: ‘Es ist ein Gerücht, dass das Internet entwickelt wurde, um einen nuklearen Krieg auszuhalten. Das ist total falsch. Wir wollten ein effizientes Netz aufbauen.’ Erst später sei das Argument eines Atomschlags hinzugekommen - das erwies sich beim Lockermachen weiterer Forschungsgelder als äußerst nützlich.

      Ein Netz!

      Anfang der Siebziger kam die Idee auf, dass die IMPs von Computern abgelöst werden könnten, die keine Spezialrechner waren. Im Jahre 1972 beschäftigte sich der Xerox-Informatiker Bob Metcalfe damit, das hausinterne Netzwerk MAXC an das ARPAnet zu hängen. Dabei erfand er eine Übertragungstechnik, die er Ethernet nannte. Die Erfindung erregte das Interesse von Bob Kahn und Vint Cerf, die 1974 den ersten Vorschlag für ein einheitliches Rechnerprotokoll machten. Dieses Protokoll wurde TCP/IP genannt und am 1. Januar 1983 in den Rang eines offiziellen Standards erhoben: Viele Netzwerker halten denn auch dieses Datum für den offiziellen Geburtstag des Internet.

      Andere gehen noch ein Stück weiter und setzen das Jahr 1989 als die rechte Stunde an, als immerhin schon 100 000 Host-Rechner am Datennetz hingen: Damals wurde das ARPAnet abgeschaltet, die Host-Rechner aus der Militärforschung gelöst und der National Science Foundation (NSF) unterstellt. Organisatorisch würde unser heutiges Internet auf diesem NSFnet fußen und wäre gerade einmal 10 Jahre alt - selbst der IBM-PC, Urvater aller heute eingesetzten Wintel-Rechner, könnte auf eine längere Lebensgeschichte zurückblicken.

      Die Tatsache, dass das Internet jahrzehntelang mit öffentlichen Geldern durch die US-Regierung, dass die vergleichbaren Netze in England und Frankreich mit öffentlichen Gel-dern ihrer Regierungen gefördert wurden, kann übrigens nicht hoch genug veranschlagt werden. Heute, wo noch bei der allerkleinsten Gelegenheit die Privatisierung angemahnt wird, gerät die Rolle geförderter Forschung in Vergessenheit. Das mag auch damit zu tun haben, das in Deutschland das Internet einen Fehlstart erwischte. Mehrere Hundert Millionen Mark wurden dem OSI-Traum geopfert, wie dies Klaus Calle, einer der Mitbegründer des Internet in Deutschland und heutiger Vorsitzender der GUUG (German Unix User Group), im historischen Rückblick höflich umschreibt. Gewiss spielt auch die amerikanische Mentalität eine Rolle: Dreistellige Millionenbeträge flossen in die Routerforschung bei Siemens, während Cisco das nötige Know-how praktisch von der Universität Stanford klaute (es aber später ordentlich lizenzierte).

      ‘Menschen machen die Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken’, heißt es beim jungen Marx. Keiner der Protagonisten, die da am ARPAnet und seinen Programmen bastelten, war sich bewusst, mit seiner Arbeit ein wichtiges Stück Technikgeschichte zu schreiben. Alle waren sie damit befasst, knifflige technische oder programmiertechnische Probleme zu lösen. Mitunter waren es sogar persönliche Probleme: Len Kleinrock schilderte seine Version des Aufkommens von E-Mail als erste illegale Nutzung der neuen Technik. Kleinrock entdeckte im September 1973, dass er seinen Rasierer in England vergessen hatte. Dort fand eine Konferenz über das ARPAnet statt, die er vorzeitig verlassen musste. Kleinrock setzte sich an ein Terminal und stellte eine Verbindung zu einem Konferenzteilnehmer her, der gerade online war. Zwei Tage später war der Rasierer bei ihm. Und schon 1972 führte Ray Tomlinson den Klammeraffen @ als Teil der User-Adressen eines Programms ein, mit dem sich Nachrichten verschicken ließen - einfach deswegen, weil er das Zeichen auf seinem 33-Tasten-Keyboard sonst am wenigsten benötigte [3].

      Überraschung ...

      Im Jahre 1998 lud die Internet Society die Protagonisten der ersten Stunde zu einem Panel mit dem hübschen Titel Unexpected Outcomes of Technology, Perspectives on the Development of the Internet. Alle Beteiligten bekundeten in fröhlicher Einigkeit, dass sie die Idee eines weltumspannenden Kommunikationsnetzes für alle Erdenbürger bis Anfang der 90er für eine Idee von Verrückten gehalten hätten.

      ‘Man muss es einfach so sehen: Wir waren von unserem Netzwerk überzeugt. Wir haben unverdrossen nach Lösungen gesucht und waren damit erfolgreich. Außenstehende mögen uns für verrückt gehalten haben. Wir fanden eher, das wir positiv plemplem waren’, erklärte Jon Postel in einem seiner letzten Interviews. Er muss es wissen: Ist er doch auch einer der Väter des Internet und war bis zu seinem Tod lange Jahre verantwortlich für die RFCs (Request for Comments), in denen die Internet-Standards festgeschrieben sind.

      Die Genialität, die man den Entwicklern des Internet aus heutiger Sicht zuschreibt, wird von den Technikern eher spöttisch kommentiert. Ken Klingenstein, der für die Simplizität des von ihm entwickelten SNMP (Simple Network Management Protocol) geehrt wurde, klärte den genialen Wurf im Interview auf: ‘Mir kam die Idee zu SNMP in einer Bar auf dem Weg nach Hause. Ich nahm die Serviette des Drinks und schrieb alle Befehle auf. Es mussten einfach wenige sein, weil die Serviette so klein war.’

      Sturm auf das Winterpalais

      Ähnlich war es um TCP/IP bestellt: Vint Cerf brachte eine der ersten Skizzen zum Kommunikationsprotokoll der Internet-Welt auf der Rückseite der Bedienungsanleitung seines Hörgeräts zu Papier. In einer Forschungsgruppe befasst sich der PR-erfahrene Cerf inzwischen publikumswirksam mit dem transgalaktischen Protokoll: dem technischen Problem, wie die langen Laufzeiten von Datenpaketen bei der Kommunikation zwischen Mars und Erde optimal überbrückt werden können. Die Idee dazu will Cerf in einem Schaumbad gehabt haben. Sollte der erste Rechner tatsächlich mit seinem Trans/IP in das Weltall funken, schaut aber wahrscheinlich wieder kein Schwein hin - oder hat zumindest keine Kamera dabei.

      Mögen sie auch um einige Monate oder gar zehn Jahre auseinanderliegen: Daten zu den Anfängen des Internet können alle damals Beteiligten benennen. Manch heutiger Surfer, für den die Zeit, als alles begann, eher in dunkler Prähistorie liegt, lässt sich dagegen schon einmal zu wilden Spekulationen hinreißen. Kommentare, die das Netz auf die Brieftauben der alten Griechen zurückführen oder den 1836 patentierten Telegraphen als Vorläufer angeben, sind Legion. Unumstritten aber gilt: Das Internet ist eine Revolution.

      Mit Revolutionen ist das aber so eine Sache. Die Oktoberrevolution 1917 führte nicht zum Weltkommunismus, wie Lenin und die Komintern erhofften. Und zu was führt die Internet-Revolution nicht? Auf jeden Fall nicht zu der weltumspannenden, herrschaftsfreien Kommunikationsgemeinschaft, von der so manche Freaks träumten, die in den 70er Jahren, von der Hippie-Bewegung beeinflusst, Computer als neues Spielzeug entdeckten.

      Das Internet ist ein Geschäft: Die Parallelen zwischen industrieller Revolution und Technologieschub durch das Netz sind auffälliger als zwischen sozialer Revolution und neuen Kommunikationsformen. Das Internet verändert unsere Arbeit und damit unser Leben - bis hin zu der Art, wie wir spielen. Ausgerüstet mit einem breiten Qualifikationspotenzial, aber ohne feste Bindung arbeitend, sind häufige Arbeitsplatzwechsel für viele, die schon heute existenziell im Netz hängen, Alltag. Ebenso wie die industrielle Revolution begründet das Internet eine neue Arbeiterschaft: das Klick-Proletariat, das, unbeleckt von historischen und technischen Hintergründen, das Netz als Gegebenheit betrachtet. Es ist Einkaufszentrum und Fließbandersatz.

      Träume, das Internet mache Schluss mit dem Standortvorteil der Zentren und hebe soziale Schranken auf, sind selbst Ende der 90er Jahre noch wohlfeil. Die Realität spricht Utopia aber Hohn. Egal, wie man die Zentren der globalen Gesellschaft definiert, ob als Stadt gegenüber dem Land oder als westliche Industrieländer gegenüber der dritten Welt, die Verteilung der Zugangsmöglichkeiten ist ungerecht und wird eher noch ungerechter. New York City hat in den USA die meisten Gebäude, die ans Glasfaserkabelnetz angeschlossen sind - und noch immer stehen diese vor allem in Manhattan, nicht in Harlem.

      Jüngste Studien der amerikanischen National Telecommunications and Information Administration erbrachten, dass schwarze Amerikaner mit niedrigem Einkommen und Latein-Amerikaner in ländlichen Gegenden die Gruppen mit dem geringsten Prozentsatz an Computer- und Internet-Nutzern seien - und die Schere klafft immer weiter auseinander [4]. ‘Amerikas digitale Unterschiede werden zu Rassenunterschieden’, sagt Larry Irving, ein Sprecher der Commerce for Telecommunications. Damit nicht genug: Der Großteil des Internet-Datenverkehrs spielt sich in den Industrieländern oder zwischen ihnen ab; die Bevölkerung der armen Länder ist weitgehend ausgeschlossen.

      Schöne neue Welt

      Sozialutopisten aller Zeiten träumten vergebens davon, die Technik könne alle Klassenschranken aufheben - da war schon Marx realistischer. Warum also sollte eine bestimmte Technik, dieses Mal unter dem Namen Internet, solche Hirngespinste Wirklichkeit werden lassen? ‘Man lebt mittels der Technik, nicht aus ihr’, formulierte Ortega Y Gasset schon 1930.

      Kulturpessimisten schlagen andere Töne an und haben angesichts desillusionierter Internet-Romantiker oft Oberwasser. Das Internet ist inzwischen fast schon ein Synonym für Pornografie. Wer etwa unter www.microprocessor.com unvermittelt auf einen Porno-Dienstleister stößt, dürfte die Einschätzung spontan teilen. Rund 80 Prozent des gesamten Datentransfers im Netz betreffen pornografische Inhalte, behaupten Fachleute. Der Untergang des Abendlandes! Doch noch immer wird das meiste pornografische Material per Post zugestellt. Erst nach und nach setzt sich die Meinung durch, dass das Netz erst einmal ein Netz ist und nichts mehr: so wie der Postweg ein Postweg oder eine Einkaufstasche eben nur eine Einkaufstasche.

      Für Kassandra-Rufe muss man aber, geht es um das Internet, nicht gleich in die Tiefen der menschlichen Psyche hinabsteigen. Wie oft schon wurde das Ende der Lese- und Schreibkultur vorausgesagt - wobei die meisten Kritiker vergessen, dass noch im 19. Jahrhundert zu intensives Bücherlesen als unangebracht für den menschlichen Geist und gar als besonders schädlich für die sensible Psyche der Frau angesehen wurden. Weder E-Mail noch Hypertext konnten bislang dem bedruckten Papier den Garaus machen.

      Autoren, Verlage, Journalisten und Redakteure machen sich zwar schwere Gedanken darum, wie sie ihr tägliches Brot angesichts von Webseiten und kostenlosen Informationen zukünftig verdienen sollen - solange aber niemand herausgefunden hat, wie sich Daten im Internet hinsichtlich Zuverlässigkeit und Wahrheit der Information beurteilen lassen, haben alle, die vom Schreiben oder den Lesern leben, noch etwas Zeit, bevor sie sich umstellen müssen. Momentan ist das Internet, betrachtet man es nicht nur als Technik, sondern als neues Medium, tatsächlich nicht viel mehr als ein ‘Schrotthaufen’, in dem ‘Gold und Perlen versteckt sind’, wie es der Computer-Kritiker Joseph Weizenbaum formuliert.

      Das Netz ist das Netz, und bisher hat die Internet-Revolution nicht zur Gelehrtenrepublik geführt und keine sozialen Grenzen aufgehoben. Aber sie hat auch keine Jugendlichen kopflos gemacht; und noch verbirgt sich nicht hinter jeder Webseite ein getarnter Porno-Server. Daran werden auch die Visionen, die das Internet selbst ins nächste Jahrtausend bringen wollen, nichts ändern: Wer seine Daten mit mehreren Terabit statt mit wenigen Kilobit pro Sekunde durch die Leitungen schickt, diskutiert deshalb noch lange nicht herrschaftsfreier. Und die Ablösung der Computer durch Settop-Boxen und TV, digitale Assistenten und Handys für den Internet-Zugang ebnet die sozialen Schranken nicht ein.

      Also dann: Happy Birthday, Internet, wie alt auch immer du sein magst - an der Scrollbar gibts bis auf weiteres trotz allem nichts zu trinken ... (jk)

      Literatur

      [1] Bob Taylor, J.C.R. Licklider, The Computer as Communications Device
      [2] Sacramento Bee, 1. Mai 1996
      [3] Stefan Kornelius, Wenn der Postmann zweimal klickt, Der Mann, der @ erfand, Süddeutsche Zeitung, 24. Juli 1999
      [4] Falling Through the Net: Defining the Digital Divide

      Web-Erfinder Tim Berners-Lee erhält "Quadriga"-Pre

      04.10.2005 09:12
      Web-Erfinder Tim Berners-Lee erhält "Quadriga"-Preis

      Sir Timothy Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, ist am gestrigen Tag der deutschen Einheit in der Berliner Komischen Oper mit der Quadriga ausgezeichnet worden. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wird alljährlich am 3. Oktober von der Werkstatt Deutschland an Persönlichkeiten vergeben, die "Vision, Mut und Verantwortung" bewiesen haben. Der Laudator, Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, bezeichnete den studierten Physiker Berners-Lee als "echten Ritter", da er mit seiner Erfindung "das Wissen der Welt jedem verfügbar gemacht hat". Acht Milliarden Seiten würden Suchmaschinen inzwischen im Web finden. Zudem hätten sich Firmen wie Google oder das Projekt Gutenberg daran gemacht, Millionen von Büchern verfügbar zu machen. "Meine Kinder können nicht mehr ohne das Web leben", gestand Kleinfeld. Zurecht sei das Hypermedium auch bereits als "Friedenskraft" bezeichnet worden.

      In der Entscheidung des Kuratoriums hatte es geheißen, dass das WWW zum "Symbol des globalen Zeitalters" geworden sei. Es komme dem Mythos nahe, das Weltwissen an einem Ort zu vereinen. Das Web sei zudem "das Perpetuum Mobile des Weltgeistes", da es jedem offen stehe und jeder daran mitwirken könne. Das sich das Hypermedium zum "Marktplatz, Forum und zur Bibliothek" entwickelt habe, sei vor allem auch der "uneigennützigen Haltung" des jetzigen Direktors des World Wide Web Consortium (W3C) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu verdanken. Bei einer Pressekonferenz vorab hatten Jury-Mitglieder in diesem Zusammenhang hervorgehoben, dass Berners-Lee auf Patente für seine Erfindung verzichtet habe und sie daher so rasant um sich greifen konnte. Kleinfeld erwähnte diese Tatsache nicht: Siemens spielt in der Liga der Patentweltmeister an der Spitze mit.

      Berners-Lee, der sein Hypertext-Projekt im Jahr 1989, als die Wiedervereinigung Deutschlands mit der Maueröffnung ihren Anfang nahm, am CERN in Genf erstmals vorstellte, zeigte sich sehr gerührt, als "Programmierer" gemeinsam mit Präsidenten und anderen hochstehenden Politikern den Preis zu bekommen. Ohne den "wundervollen Geist der internationalen Zusammenarbeit" von "Freiwilligen" wäre aus seiner Erfindung nichts geworden, sagte er bescheiden. Ferner sei das World Wide Web noch lange nicht "fertig", müsste beispielsweise noch auf mobile Plattformen sinnvoll ausgedehnt und "smarter" werden.

      WWW-Erfinder gewinnt "Millennium Technology Prize"

      15.04.2004 10:52
      WWW-Erfinder gewinnt "Millennium Technology Prize"

      Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, der außer mit diversen Preisen bereits mit dem Ritterschlag geehrt wurde, ist nun auch der erste Gewinner des "Millennium Technology Prize". Dieser ist mit einer Million Euro dotiert und wird von der finnischen Technology Award Foundation in Espoo verliehen. Berners-Lee habe mit seinen Vorarbeiten für das Web Entscheidendes für das Knüpfen neuer sozialer Netzwerke geleistet, hieß es zur Begründung. Nominiert waren 78 Kandidaten aus 22 Ländern in den vier Kategorien Biotechnik, Information und Kommunikation, Neue Materialien und Prozesse sowie Energie und Umwelt.

      Am CERN, dem Europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik, schrieb Berners-Lee von 1989 bis 1991 den ersten Browser, Web-Server sowie die Spezifikationen für HTML und HTTP. Der Betrieb des WWW wurde 1991 aufgenommen. 1994 wechselte Berners-Lee an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ist bis heute im World Wide Web Consortium (W3C) tätig. (mhe/c't)