Wie Lange die Uhr des Jahres erfand

      Wie Lange die Uhr des Jahres erfand

      Dienstag, 31. März 2009
      (Sächsische Zeitung)

      Wie Lange die Uhr des Jahres erfand
      Von Hartmut Landgraf

      Die Glashütter Uhrenfirma hat mit ihrem Modell „Cabaret Tourbillon“ Furore gemacht – auch dank einer winzigen Stahlfeder.

      Hauchdünn und kürzer als ein Fingernagel ist das Quäntchen Stahl, mit dem die Glashütter Traditionsmanufaktur A. Lange & Söhne Uhrengeschichte geschrieben hat.

      Jetzt wurde ihr Modell „Cabaret Tourbillon“ auf der weltgrößten Uhren- und Schmuckmesse in Basel von den Lesern der „Welt am Sonntag“ und des Fachmagazins „Armbanduhren“ zur „Uhr des Jahres 2009“ gewählt. Was den Liebhabern edler Zeitmesser dabei besonders imponierte, war jene winzige Stahlfeder, mit der Lange ein ganz großes Problem der Feinmechanik geknackt hat – das sekundengenaue Zeiteinstellen eines Tourbillons. Eine Idee hatte Lange-Chefkonstrukteur Helmut Geyer schon 2001 bei der Präsentation des Lange1-Tourbillons, doch es sollte noch Jahre dauern, bis man im Frühjahr 2008 das Ergebnis präsentieren konnte.

      Was bei normalen Handaufzugsuhren selbstverständlich erscheint, musste für die hochkomplizierte Tourbillon-Mechanik erst einmal erfunden werden: Man zieht die Krone, die Uhr hält an, man stellt die Zeit neu ein. Doch beim Tourbillon (übersetzt „Wirbelwind“) ließ sich die Mechanik beim Zeigerstellen bislang nicht bremsen, sondern tickte einfach weiter. „Das war irgendwie unbefriedigend“, erinnert sich Lange-Konstrukteurin Annegret Fleischer. War doch das Tourbillon einstmals überhaupt erst erfunden worden, um die Genauigkeit mechanischer Uhren zu erhöhen. Um 1800 kam der Schweizer Uhrmacher Abraham Louis Breguet auf folgende Idee: Die Unruh der Uhr muss sich in einem winzigen Käfig um sich selbst drehen, wodurch Schwerpunktverlagerungen – etwa beim Spazierengehen – ausgeglichen werden. Doch wie diese einmal in Gang gesetzte Mechanik bei Bedarf zu stoppen war, blieb zwei Jahrhunderte lang eine unbeantwortete Frage der Uhrmacherei. Des Rätsels Lösung sieht V-förmig aus – irgendwie asymmetrisch mit einem langen und einem kurzen Schenkel, wie jener Gänserich aus einem Kinderbuch von Wladimir Sutejew, der sich mit lauter fremden Körperteilen schmückt. Daran jedenfalls fühlten sich die Lange-Konstrukteure erinnert, erzählt Annegret Fleischer. In vielen Versuchen wurde die comicartige Feder der Form des Tourbillonkäfigs angepasst. Bis sie mit ihren Schenkeln die Unruh verlässlich blockierte und die Uhr anhielt.

      Im vorigen Sommer hat Lange seinen gezähmten Wirbelwind auf den Markt gebracht – für 205000 Euro in der edelsten Platin-Ausführung. Die Zeit der Erfindungen aber ist in der Manufaktur noch lange nicht vorbei: „Es gibt immer mechanische Probleme, für die es noch keine Lösung gibt“, sagt Annegret Fleischer. Seit 1994 wurden bei Lange mittlerweile 28 verschiedene Uhrwerke entwickelt.
      Bilder
      • Cabaret Tourbilon.jpg

        38,55 kB, 400×389, 7 mal angesehen

      „Man braucht unsere Uhren  nicht –  man

      „Man braucht unsere Uhren  nicht –  man will sie.“

      Der Markt für Luxusgüter brummt, auch für die Uhren der Manufaktur A. Lange & Söhne von Wilhelm Schmid. Er sieht seine zukünftigen Kunden in China und Südamerika.

      Gerade erst hat Lange & Söhne eine Armbanduhr vorgestellt, in der alle Viertelstunde ein Ton erklingt und für die Sie 92000 Euro verlangen. Wer braucht solche eine Uhr?
      Niemand. Unsere Uhren braucht man nicht, man will sie.

      Gibt es denn genug, die wollen und auch können?
      Es sieht so aus. Die Auflage dieser Uhr haben wir auf 100 Exemplare limitiert. Die Serie war nach wenigen Tagen komplett ausverkauft. Wir hätten wahrscheinlich das Zwei-, Drei-, Vier-, Fünffache verkaufen können.

      Die Wirtschaftskrise ist also abgehakt?
      Ja. Die Katastrophe in Japan hat uns allerdings gezeigt, wie anfällig das Geschäft ist.

      Der japanische Luxusmarkt wird auf einen Jahresumsatz von rund 17 Milliarden Euro taxiert. Ihre Branche verdient dort jeden zehnten Euro. Rechnen Sie mit Verlusten?
      Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Bis heute laufen die Geschäfte wie früher. Genaues wissen wir erst in drei, vier Monaten.

      China bietet großes Potential
      Es gibt eine Faustregel, nach der der Luxusmarkt doppelt so stark zulegt wie das Bruttoinlandsprodukt. Wie wichtig ist der deutsche Markt für das Unternehmen?
      Deutschland ist und bleibt einer unserer wichtigsten Märkte. Hier wurde die Marke gegründet, hier ist sie zu Hause. Wir sind die einzige Uhrenmarke, die im absoluten Topsegment agiert und aus Deutschland kommt.

      Das Topsegment beanspruchen viele für sich.
      Unsere Ausnahmeposition ist unstrittig. Wir reden über Uhren, die mehrere Hunderttausend Euro kosten können. Unsere Gehäuse bestehen immer aus Gold oder Platin. Ein Uhr aus Stahl haben wir gar nicht im Programm.

      Da sind Sie in Deutschland gut aufgehoben. 2010 wurden hierzulande 430000 Millionäre gezählt.
      Und wir haben hier etwa 30 Fachhändler.

      Das größte Wachstum lässt indes China erwarten. In vier Jahren soll das Land die USA überholt haben. Dann ist China der weltgrößte Luxusmarkt. Wollen Sie dabei sein?
      Ganz eindeutig, für unsere Marke bietet Asien und insbesondere China sicher das größte Wachstumspotenzial. Aber Südamerika ist nicht weniger bedeutsam. In Brasilien etwa wächst ein vermögender Mittelstand geradezu explosionsartig. Auch in Indien nimmt der Wohlstand rasant zu.

      Keine Sport-Werbung
      Dumm nur, dass der erfolgreiche Chinese sehr wohl nach der deutschen Limousine strebt, aber vornehmlich von einer Uhr aus der Schweiz statt aus Sachsen träumt.
      Das ist unsere Herausforderung. Es geht darum, dem potenziellen Kunden zu vermitteln, dass feine Uhren nicht zwingend von unseren geschätzten Kollegen aus der Schweiz kommen müssen, sondern es da auch noch eine deutsche Marke gibt, die er auf jeden Fall mit ins Kalkül ziehen sollte.

      Was wollen Sie tun?
      Wir müssen die Marke bekanntmachen und vor allem bei den richtigen Juwelieren vertreten sein.

      Könnten Sie sich vorstellen, die Formel 1 als Werbefläche zu nutzen, die ja vor allem in Asien an Bedeutung gewinnt?
      Überhaupt nicht. Ich glaube, dass niemand eine Uhr von Lange & Söhne kauft, weil unser Logo auf einem Formel-1-Auto klebt. Wir stehen für hohe Handwerkskunst, Tradition und Langlebigkeit. Das unterscheidet sich schon sehr von der Formel 1.

      Bleibt der Golfplatz.
      Nein. Wir können uns gar keine Sportart als Werbeplattform vorstellen. Zu teuer, zu hohe Streuverluste.

      Käme denn ein Online-Shop von Lange & Söhne in Frage?
      Auch dafür fehlt mir die Fantasie. Das Internet hat eine enorme Bedeutung für die Meinungsbildung. Wir gehen aber davon aus, dass unsere Uhren auf absehbare Zeit nicht im Internet vermarktet werden. Wir setzen auf die persönliche Beratung.

      Sorgfalt garantiert
      Schon allein um zu erklären, warum man bei Ihnen für eine Uhr wenigstens so viel zahlen muss wie für einen Kleinwagen.
      Der Preis ist durch das hohe Maß an Handwerkskunst gerechtfertigt. Bis auf einige Ausstattungs- teile wie Gehäuse, Zifferblätter und Zeiger machen wir das meiste selbst. Sogar die Spiralen für die Unruh können wir im eigenen Haus fertigen, das macht sonst kaum jemand. Wir investieren auch dort unglaublich viel Liebe zum Detail, wo es nie wieder jemand sehen wird. Das ist unsere Philosophie. Wir bieten Ihnen überall die Perfektion, die sich an den sichtbaren Stellen einer Uhr zeigt. Das ist unser Markenversprechen. Und Handarbeit kostet Geld.

      Vielleicht sichern Sie sich über den Preis auch vor allem überdurchschnittliche Gewinne. Es heißt, in der Luxusuhrenbranche lägen die Gewinnmargen bei 50 Prozent. Stimmt das?
      Ich werde den Teufel tun und Ihnen auf diese Frage eine Antwort geben.

      Warum braucht eine Uhr Verzierung, für die der Käufer zwar zahlt, sie aber nie sieht?
      Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Tapete. Auf einer Tapete ist ebenso viel Farbe wie auf einem Gemälde, aber dennoch kaufen sie etwas komplett anderes. Sie kaufen bei uns die Gewissheit, dass für das Produkt auch an den Stellen Liebe und Sorgfalt investiert wurde, die sie gar nicht sehen. Diese Sorgfalt garantieren wir. Das ist allerhöchste Handwerkskunst. Das kann auch nicht jeder. Wir haben hier bestimmte Uhren, die können nur von sieben, acht Leuten gebaut werden.

      500 neue Mitarbeiter
      Müssen Sie sich Sorgen um den Nachwuchs machen?
      Noch nicht. Wir bilden jährlich zwölf Uhrmacher aus und haben noch immer weit mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Wer die Gesellenprüfung mit mindestens „gut“ abschließt, bekommt eine Festanstellung. Allerdings braucht ein frisch ausgebildeter Uhrmacher noch einmal mindestens eineinhalb Jahre, bis er bei uns eine Uhr montieren kann. Das heißt, wir müssen fünf Jahre investieren.

      Wie viele Beschäftigte haben Sie aktuell?
      Insgesamt hat A. Lange & Söhne derzeit 470 Mitarbeiter. Damit haben wir das Vorkrisenniveau wieder erreicht, wobei wir die Stammbelegschaft während der Krise nie angerührt haben. Jetzt suchen wir wieder Leute. Wir stellen jeden Monat etwa drei neue Mitarbeiter ein. Ende dieses Jahres werden wir bei etwa 500 sein.

      Was verdient ein guter und erfahrener Uhrmacher eigentlich bei Lange & Söhne?
      Ich bitte um Verständnis, dass ich Ihnen dazu keine Details nennen kann. Aber Sie können sicher sein, wir sorgen anständig für unsere Leute.
      VW ist da offener, so weiß man dass der Chef dort im vergangenen Jahr 9,3 Millionen Euro kassierte. Was halten Sie davon?
      Der Mann macht einen tollen Job und ich glaube, dass Ausnahmetalente besonders bezahlt werden müssen.

      Drei Jahre Wartezeit
      Weil solche Leute Ihre Geschäftsgrundlage sind?
      Ja, natürlich. Wir leben von Menschen, die gut verdienen. Ich glaube, es gäbe keinen Luxus, würde es nicht Leute geben, die mehr verdienen, als sie für den täglichen Bedarf ausgeben müssen.

      Bei Ihnen kann schnell verdientes Geld schnell wieder ausgegeben werden.
      Schnell ist relativ. Auf einige Modelle müssen unsere Kunden zwei, drei Jahre warten.

      Mit welchen Gedanken haben Sie die Diskussion über Beschränkungen von Managergehältern und Bonuszahlungen verfolgt?
      Ich habe sie zur Kenntnis genommen. Da das aber ein überwiegend deutsches Phänomen ist und wir ein international agierendes Unternehmen sind, ist das für uns weniger relevant.

      Was tun Sie, um sich ihre Exklusivität zu bewahren?
      Wir versuchen in einer Branche, deren Gesetzmäßigkeiten seit Jahrhunderten definiert sind, immer wieder zu überraschen. Wir haben zum Beispiel Systeme entwickelt, um den Kraftunterschied zwischen einer voll und einer nur wenig gespannten Feder aufzuheben. Bei einer anderen Uhr werden nicht Zeiger, sondern drei Ziffernscheiben für Minuten, Zehnerminuten und Stunden bewegt. Die sind aber um ein Vielfaches schwerer als Zeiger. Sie müssen in Bruchteilen einer Sekunde bewegt und wieder abgebremst werden. So schnell, dass man es gar nicht sieht. Das ist eine Herausforderung an die Mechanik. Das ist exklusiv. Das muss konstruiert und gebaut werden.

      Sie lösen Probleme, die eigentlich niemand hat, um zu beweisen, dass Sie es können?
      Das ist unser Geschäft.