Diamanten-Börse: Stein um Stein
Antwerpen. Der große Saal aus der Gründerzeit mit der Wanduhr an der Stirnseite und den langen Tischen, die quer zur hohen Fensterfront stehen, könnte alles mögliche sein: der Lesesaal einer Bibliothek oder ein altes Kaffeehaus, ja sogar der Aufenthaltsraum eines Altenheimes. Denn hier halten sich ausnahmslos ältere Männer auf. Sie begrüßen sich, plaudern. Zwei haben eine Partie Schach begonnen.
Den Tischen gegenüber, am Eingang zur Kantine, aus der die Gerüche der Stammgerichte herüber wehen, hängt eine Liste. Diamanten sind darauf als "verloren und gefunden" aufgeführt. Denn der Saal, in dem es so gemächlich zugeht, ist die Börse für Diamantenhandel in Antwerpen.
Auch wenn es im Börsensaal nicht so scheint: Die belgische Hafenstadt an der Schelde hat für den globalen Handel mit Diamanten eine ähnliche Bedeutung wie New York für das internationale Finanzkapital. "Das ist hier die weltweite Hauptstadt der Diamanten", sagt Philip Claes, Sprecher des Antwerpener Weltzentrums für Diamanten (AWDC), dem Interessen- und Marketingverband der Branche. "Hier finden Interessenten das größte Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage."
Und er belegt das mit Zahlen: Vier Fünftel aller Rohdiamanten auf der Erde und die Hälfte aller geschliffenen Steine passieren die Hovenierstraat, eine kleine von hässlichen Bürohäusern gesäumte Straße unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof. Dort konzentrieren sich vier Diamantenbörsen, die Büros von rund 1800 Händlern, Schleifereien, Banken, die das Geschäft mit den Edelsteinen finanzieren, Assekuranzunternehmen, die deren Transporte versichern, Firmen, die Präzisionswerkzeug herstellen, und Juweliergeschäfte. "Alles nur wenige Meter voneinander entfernt", betont Claes, das sei ein Standortvorteil. Die Hovenierstraat sei so perfekt gesichert, dass Versicherungen für jeden hier gestohlenen Diamanten zahlen.
In Indien sind 60.0000 Diamantenschleifer registriert
Doch von Globalisierung und Finanzkrise bleibt selbst die kleine, feine Diamantenbranche nicht verschont. Von den knapp 30.000 Diamantschleifern, die hier noch in den 1970er Jahren arbeiteten, sind rund 1000 übrig geblieben. Die Firmen lassen die Steine heute lieber in Asien bearbeiten, wo die Löhne deutlich niedriger sind.
In Indien etwa sind 60.0000 Diamantenschleifer registriert. "Die schleifen dort sogar kleinste Stückchen", sagt Ari Epstein, der Vizepräsident des AWDC. Er vergisst nicht zu betonen, dass es Allerweltsarbeiten sind, die nach Indien oder China vergeben werden. Komplizierte Jobs, die Können und Erfahrung verlangen, erledigten nach wie vor die Schleifereien in der Hovenierstraat.
Ihnen wurde etwa der "Lesotho Promise" anvertraut, einer der größten je gefundenen Diamanten, für den 12,4 Millionen Dollar geboten wurden. Er wurde in Antwerpen zerlegt und bearbeitet. "Bei so einem großen Stein wäre der kleinste Fehler beim Bohren oder Schleifen eine finanzielle Katastrophe für den Käufer", erläutert Epstein.
Doch die Wirtschaftskrise macht jetzt auch den Spezialschleifern in Antwerpen, die in ihren Werkstätten an Drehtellern arbeiten, die ein bisschen wie alte Plattenspieler aussehen, zu schaffen. Jeder vierte hat bereits seinen Job verloren. "Um 59 Prozent ist die Einfuhr von Rohdiamanten zurückgegangen", klagt Freddy Hanard, der Vorstandschef des AWDC. Denn "in der Krise zögern Banken, den Bergbaugesellschaften Kredite zu geben". Das behindert deren Förderung.
Keine Blutdiamanten
Unter fehlenden Darlehen leidet auch der Handel. So ist die Ausfuhr von geschliffenen Steinen 39 Prozent geringer als im Vorjahr. 2008 meldete die Branche, einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Belgiens, noch einen Umsatz von 42 Milliarden Dollar. Den wird sie, fürchtet Hanard, in diesem Jahr kaum erreichen.
Vom Gebäude des AWDC sind es nur wenige Meter bis zum Diamantenamt. Dort kontrollieren unabhängige Gutachter unter der Aufsicht von Zollbeamten die importierte Ware, die Händler aus großen schwarzen Koffern oder einfach nur aus der Hosentasche ziehen. Auf dem Tisch mit der Nummer sechs legt die Expertin einige kleine Steinchen auf die Wage, die eine Händlerin ihr übergeben hat.
Das Gewicht der Diamanten wird in Karat angegeben, diese Edelsteine wiegen 500 Karat, umgerechnet 100 Gramm. Damit haben sie einen Wert von rund 800.000 Dollar. Das Amt kassiert für sein Zertifikat 0,35 Prozent des Wertes, immerhin 2800 Dollar für eine Dienstleistung, die etwa zwei Minuten beansprucht.
Im unscheinbaren Diamantenamt, in dem Kunden Nummern ziehen müssen wie in einer deutschen Arbeitsagentur, werden auch die Herkunftsnachweise der Steine geprüft. Vor sechs Jahren einigte sich die Branche darauf, keine Diamanten mehr aus Konfliktgebieten zu vertreiben, so genannte Blutdiamanten. Deshalb wurden die Kimberley-Zertifikate eingeführt. Sie sollen sicherstellen, dass die vertriebenen Diamanten nicht aus Kriegs- oder Aufstandszonen stammen.
In Antwerpen spricht man nicht von Blut- sondern von Konfliktdiamanten. "Wir achten strikt darauf, dass hier gehandelte Diamanten aus Staaten kommen, die Kimberley akzeptieren, und wir haben international die strengsten Prüfungsstandards", versichert Claes. So stünden Rohdiamanten aus der Elfenbeinküste auf dem Index, die aus Zimbabwe und Venezuela müssten "zugegebenermaßen" kritisch betrachtet werden.
"Leider", ergänzt Freddy Hanard, seien die Kontrollen an den anderen Zentren des Handels, Tel Aviv, Mumbai und Dubai, nicht so streng, was für Antwerpen einen Konkurrenznachteil bedeute. Bis zu 15 Prozent aller rohen Steine galten bis vor einigen Jahren als Blutdiamanten. "Heute sind es nur noch 0,2 Prozent", beteuert Claes, der gleichzeitig einräumt, dass die Kimberley-Nachweise leicht zu fälschen sind. Und er gibt zu: Seit die Elfenbeinküste auf dem Index steht, haben die Export des Nachbarlandes Ghana stark zugenommen.
"Diamanten sind ein wunderbares Symbol für Liebe und Zuneigung", schwärmt der AWDC-Sprecher. "Deshalb legen wir großen Wert darauf, dass sie nicht mit Krieg und Brutalität in Verbindung gebracht werden." Um die Zukunft des Diamantengeschäfts macht sich Claes keine Sorgen, denn "die Menschen verlieben sich immer." Und außerdem: "Gerade in der Krise werden Edelsteine als Geldanlage attraktiver."
Antwerpen. Der große Saal aus der Gründerzeit mit der Wanduhr an der Stirnseite und den langen Tischen, die quer zur hohen Fensterfront stehen, könnte alles mögliche sein: der Lesesaal einer Bibliothek oder ein altes Kaffeehaus, ja sogar der Aufenthaltsraum eines Altenheimes. Denn hier halten sich ausnahmslos ältere Männer auf. Sie begrüßen sich, plaudern. Zwei haben eine Partie Schach begonnen.
Den Tischen gegenüber, am Eingang zur Kantine, aus der die Gerüche der Stammgerichte herüber wehen, hängt eine Liste. Diamanten sind darauf als "verloren und gefunden" aufgeführt. Denn der Saal, in dem es so gemächlich zugeht, ist die Börse für Diamantenhandel in Antwerpen.
Auch wenn es im Börsensaal nicht so scheint: Die belgische Hafenstadt an der Schelde hat für den globalen Handel mit Diamanten eine ähnliche Bedeutung wie New York für das internationale Finanzkapital. "Das ist hier die weltweite Hauptstadt der Diamanten", sagt Philip Claes, Sprecher des Antwerpener Weltzentrums für Diamanten (AWDC), dem Interessen- und Marketingverband der Branche. "Hier finden Interessenten das größte Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage."
Und er belegt das mit Zahlen: Vier Fünftel aller Rohdiamanten auf der Erde und die Hälfte aller geschliffenen Steine passieren die Hovenierstraat, eine kleine von hässlichen Bürohäusern gesäumte Straße unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof. Dort konzentrieren sich vier Diamantenbörsen, die Büros von rund 1800 Händlern, Schleifereien, Banken, die das Geschäft mit den Edelsteinen finanzieren, Assekuranzunternehmen, die deren Transporte versichern, Firmen, die Präzisionswerkzeug herstellen, und Juweliergeschäfte. "Alles nur wenige Meter voneinander entfernt", betont Claes, das sei ein Standortvorteil. Die Hovenierstraat sei so perfekt gesichert, dass Versicherungen für jeden hier gestohlenen Diamanten zahlen.
In Indien sind 60.0000 Diamantenschleifer registriert
Doch von Globalisierung und Finanzkrise bleibt selbst die kleine, feine Diamantenbranche nicht verschont. Von den knapp 30.000 Diamantschleifern, die hier noch in den 1970er Jahren arbeiteten, sind rund 1000 übrig geblieben. Die Firmen lassen die Steine heute lieber in Asien bearbeiten, wo die Löhne deutlich niedriger sind.
In Indien etwa sind 60.0000 Diamantenschleifer registriert. "Die schleifen dort sogar kleinste Stückchen", sagt Ari Epstein, der Vizepräsident des AWDC. Er vergisst nicht zu betonen, dass es Allerweltsarbeiten sind, die nach Indien oder China vergeben werden. Komplizierte Jobs, die Können und Erfahrung verlangen, erledigten nach wie vor die Schleifereien in der Hovenierstraat.
Ihnen wurde etwa der "Lesotho Promise" anvertraut, einer der größten je gefundenen Diamanten, für den 12,4 Millionen Dollar geboten wurden. Er wurde in Antwerpen zerlegt und bearbeitet. "Bei so einem großen Stein wäre der kleinste Fehler beim Bohren oder Schleifen eine finanzielle Katastrophe für den Käufer", erläutert Epstein.
Doch die Wirtschaftskrise macht jetzt auch den Spezialschleifern in Antwerpen, die in ihren Werkstätten an Drehtellern arbeiten, die ein bisschen wie alte Plattenspieler aussehen, zu schaffen. Jeder vierte hat bereits seinen Job verloren. "Um 59 Prozent ist die Einfuhr von Rohdiamanten zurückgegangen", klagt Freddy Hanard, der Vorstandschef des AWDC. Denn "in der Krise zögern Banken, den Bergbaugesellschaften Kredite zu geben". Das behindert deren Förderung.
Keine Blutdiamanten
Unter fehlenden Darlehen leidet auch der Handel. So ist die Ausfuhr von geschliffenen Steinen 39 Prozent geringer als im Vorjahr. 2008 meldete die Branche, einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Belgiens, noch einen Umsatz von 42 Milliarden Dollar. Den wird sie, fürchtet Hanard, in diesem Jahr kaum erreichen.
Vom Gebäude des AWDC sind es nur wenige Meter bis zum Diamantenamt. Dort kontrollieren unabhängige Gutachter unter der Aufsicht von Zollbeamten die importierte Ware, die Händler aus großen schwarzen Koffern oder einfach nur aus der Hosentasche ziehen. Auf dem Tisch mit der Nummer sechs legt die Expertin einige kleine Steinchen auf die Wage, die eine Händlerin ihr übergeben hat.
Das Gewicht der Diamanten wird in Karat angegeben, diese Edelsteine wiegen 500 Karat, umgerechnet 100 Gramm. Damit haben sie einen Wert von rund 800.000 Dollar. Das Amt kassiert für sein Zertifikat 0,35 Prozent des Wertes, immerhin 2800 Dollar für eine Dienstleistung, die etwa zwei Minuten beansprucht.
Im unscheinbaren Diamantenamt, in dem Kunden Nummern ziehen müssen wie in einer deutschen Arbeitsagentur, werden auch die Herkunftsnachweise der Steine geprüft. Vor sechs Jahren einigte sich die Branche darauf, keine Diamanten mehr aus Konfliktgebieten zu vertreiben, so genannte Blutdiamanten. Deshalb wurden die Kimberley-Zertifikate eingeführt. Sie sollen sicherstellen, dass die vertriebenen Diamanten nicht aus Kriegs- oder Aufstandszonen stammen.
In Antwerpen spricht man nicht von Blut- sondern von Konfliktdiamanten. "Wir achten strikt darauf, dass hier gehandelte Diamanten aus Staaten kommen, die Kimberley akzeptieren, und wir haben international die strengsten Prüfungsstandards", versichert Claes. So stünden Rohdiamanten aus der Elfenbeinküste auf dem Index, die aus Zimbabwe und Venezuela müssten "zugegebenermaßen" kritisch betrachtet werden.
"Leider", ergänzt Freddy Hanard, seien die Kontrollen an den anderen Zentren des Handels, Tel Aviv, Mumbai und Dubai, nicht so streng, was für Antwerpen einen Konkurrenznachteil bedeute. Bis zu 15 Prozent aller rohen Steine galten bis vor einigen Jahren als Blutdiamanten. "Heute sind es nur noch 0,2 Prozent", beteuert Claes, der gleichzeitig einräumt, dass die Kimberley-Nachweise leicht zu fälschen sind. Und er gibt zu: Seit die Elfenbeinküste auf dem Index steht, haben die Export des Nachbarlandes Ghana stark zugenommen.
"Diamanten sind ein wunderbares Symbol für Liebe und Zuneigung", schwärmt der AWDC-Sprecher. "Deshalb legen wir großen Wert darauf, dass sie nicht mit Krieg und Brutalität in Verbindung gebracht werden." Um die Zukunft des Diamantengeschäfts macht sich Claes keine Sorgen, denn "die Menschen verlieben sich immer." Und außerdem: "Gerade in der Krise werden Edelsteine als Geldanlage attraktiver."