Internet-Architektur
Warum das Netz immer langsamer wird
Tauschbörsen, Videostreams, Web 2.0: Riesige Datenmengen fließen täglich durch die weltweiten Netze. Doch Ausfälle von Tiefseekabeln haben gezeigt: Die Infrastruktur des Internets muss modernisiert werden.
Die derzeit unsichersten Stellen des Internets sind aus Glas und liegen in ein paar Hundert oder sogar Tausend Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Anfang des Jahres etwa beschädigte der Anker eines vor der Küste Ägyptens liegenden Schiffss zwei Unterseekabel, das „SEA-ME-WE 4“ und das „Flag Europe Asia“, Glasfaserstränge, die Europa mit Afrika und Asien verbinden. Nur wenige Tage später rissen zwei Tiefseekabel im Persischen Golf, die in den mittleren Osten und nach Indien führen.
Die Folge: 100 Millionen Menschen in Nordafrika und vielen asiatischen Staaten mussten mit eingeschränktem Internet leben. Dass sich Webseiten nur halb so schnell wie gewohnt aufbauten, war noch das geringste Übel. Viel schlimmer: Am Flughafen in Kairo konnte niemand mehr Tickets kaufen, weil das internationale Buchungssystem nicht erreichbar war. Aktienhändler an der Börse hatten Schwierigkeiten, ihre Orders in den weltweiten Finanzzentren zu platzieren. In Dubai fiel ein Internetprovider komplett aus, Universitäten, einige Einkaufszentren und die künstliche Palmeninsel „Jumeirah“ waren offline. In Indien, so meldeten Nachrichtenagenturen, waren nur etwa 60 Prozent der üblichen Bandbreite verfügbar. Erst nach gut zwei Wochen funktionierte alles wieder wie gewohnt. So lange dauert es eben, bis sich Reparaturschiffe auf den Weg gemacht, die defekten Kabelenden aus dem Meer gefischt und wieder geflickt haben.
Langsames Netz für Großbritannien
Diese Kabel ziehen sich quer durch den Atlantik, den Pazifik, den Indischen Ozean, das Mittelmeer, die Nord- und die Ostsee. Weltweit verlaufen mehr als eine Million Kilometer Glasfaserkabel im Meeressand, sie verbinden Amerika, Europa, Afrika, Australien und Asien, bilden ein weltumspannendes Netz und transportieren etwa 95 Prozent der Internetdaten. Sie sind das Rückgrat des Internets. Die modernsten dieser Leitungen übertragen über 2500 Gigabyte pro Sekunde, auch wenn sie kaum dicker sind als ein Abflussrohr: Ein paar Kunststoffschichten, verdrillte Stahlseile und Rohre aus Kupfer oder Aluminium schützen den wertvollen gläsernen Kern vor Wasser, neugierigen Meeresbewohnern und dem hohen Druck in den tiefsten Tiefen. Leider hilft dieser Schutz eben nicht immer.
Für viele Internetnutzer sind solche Ausfälle nichts Neues. Im Dezember 2006 rissen bei einem Erdbeben vor Taiwan gleich mehrere Tiefseekabel – halb Südostasien war offline. 2003 brach zwischen Frankreich und den Niederlanden das „TAT-14“, eine transatlantische Hauptverkehrsader für das Web. Die Briten surften daraufhin über eine magere 2-GBit-Verbindung im World Wide Web – normal waren damals 32. Die Isländer mussten 2002 sogar mit einem Totalausfall des Internets leben, als die einzige Zuleitung auf die Insel im hohen Norden kaputtging.
Totalausfall praktisch unmöglich
Unterseekabel werden schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt, seit Anfang der 80er Jahre sind sie aus Glasfaser. Trotz der immer wieder auftretenden Ausfälle sind die Seekabel eine vertrauenswürdige Technik – und ohne Alternative. Die einzige Ausweichmöglichkeit zur interkontinentalen Datenübertragung wären Satelliten, doch die sind extrem teuer im Betrieb, können weniger Bandbreite übertragen und haben weit höhere Latenzzeiten als die Kabelübertragung. Und weil das weltweite Glasfasernetz mittlerweile so dicht geknüpft ist, haben selbst die vier gleichzeitigen Leitungsbrüche vom Januar keine Katastrophe ausgelöst: Viele internationale Großunternehmen, die ganze Abteilungen nach Indien ausgelagert haben, bekamen die Kabelrisse beispielsweise gar nicht zu spüren: Sie nutzen redundante Systeme aus mehreren Leitungen – der Traffic wird dann einfach umgeleitet.
Auch in Europa ist der Totalausfall des Internets praktisch unmöglich. Allein mit Amerika verbinden uns 15 Unterseekabel, die meisten von ihnen haben einen Back-up-Strang, der eine alternative Route nimmt – und an verschiedenen Kopfstationen landet, die wiederum in das hochredundante Backbone-Netz Europas eingebunden sind. So kann es keinem Schiffsanker gelingen, das komplette Web in Europa lahmzulegen. Die leistungsfähigste der Leitungen überträgt Daten mit 640 Gigabyte pro Sekunde, die Gesamtkapazität aller Kabel liegt bei gut 2,5 Terrabyte pro Sekunde – genug, um das Zehnfache des aktuellen deutschen Internet-Traffics zu transportieren. Damit kommen wir noch eine Weile aus.
Apokalypse 2010: Schwarzmalerei aus reiner Profitsucht
Dennoch gibt es Stimmen, die vor dem Internetkollaps warnen. Spätestens 2010, glauben die Marktforscher des US-Unternehmens Nemertes Research, werde die Surfgeschwindigkeit auf das Niveau der 56k-Modem-Zeiten zurückfallen. Dass die Telekommunikationsunternehmen in den nächsten Jahren weltweit 50 Milliarden US-Dollar in den Ausbau ihrer Netze investieren, halten die Nemertes-Experten für unzureichend: „Die dreifache Summe ist nötig, um die Netzbelastungen abfangen zu können.“
Provider sehen noch Wachstumsmöglichkeiten
In der Branche hält man das für Schwarzmalerei. „Wir sehen die Grenzen des Internetwachstums noch lange nicht erreicht“, sagt etwa Andreas Gauger, Vorstandssprecher des Providers 1&1. Zwar sei der Bedarf an Bandbreite durch Multimedia-Anwendungen wie Videostreams immens gestiegen.
Allein 1&1 hostet in seinen Rechenzentren Webinhalte in einer Größenordnung von 6500 Terrabyte – vor einem Jahr waren es noch 3100. Doch Gauger verweist auf gerade getätigte Investitionen und den enormen Netzausbau, den das Unternehmen ständig betreibe: Ende 2007 liefen durch das Netz von 1&1 im Schnitt 37 Gigabit pro Sekunde. „Noch vor einem Jahr haben wir diese Kapazität gerade einmal vorgehalten.“
Internetmaut für YouTube & Co.
Wie so oft stecken auch hinter der Nemertes-Studie handfeste finanzielle Interessen. Bezahlt wurde die Studie von einem Verband amerikanischer Breitbandprovider, der die Abrechnungsmodalitäten zwischen Internetanbietern und Netzbetreibern komplett umkrempeln will. Der Plan: Große Anbieter wie Google, MySpace oder YouTube sollen eine „Web-Maut“ dafür zahlen, dass ihre Seiten schnell erreichbar sind. Nur mit solchen Gebühren ließen sich die enormen Investitionen stemmen, um die Netze stabil und schnell zu halten.
Zustimmung bekommen die US-Provider auch von europäischen Branchengrößen wie der Deutschen Telekom. Andere sind da skeptischer. René Wienholtz etwa, Vorstand des Strato Rechenzentrums, findet die Forderung nach einer nutzungsabhängigen Abrechnung zwar logisch, aber „unlauter“. Daten werden auf dem Weg vom Server bis zum Nutzer teilweise durch ein Dutzend Netze gereicht: „Wenn da jeder einzelne beteiligte Netzbetreiber die Hand aufhält, können wir das Internet gleich dichtmachen“, so Wienholtz.
Veraltete Trennung von analog und digital
Es gibt momentan auch wichtigere Dinge als darüber zu diskutieren, wo das Geld in Zukunft herkommen soll. Ein wesentlicher Punkt ist etwa die Modernisierung der bestehenden Netze: Das blitzschnelle Internet wird heute noch immer mit Versatzstücken sehr alter Protokolltechnik übertragen.
Die Telefonleitung der meisten deutschen Haushalte wird über Frequenzbänder in verschiedene Bereiche geteilt: in einen kleinen für das Analogtelefon, einen etwas größeren für ISDN, und einen ganz großen Teil für Breitbanddienste wie DSL. Seit der massenhaften Verbreitung des Internets muss jeder Provider mehrere voneinander getrennte Netze betreiben: Das leitungsvermittelte Netz für die Telefonie, für Daten ein paketvermittelndes, möglicherweise sogar noch eines für Mobilfunk.
Die Trennung macht heute keinen Sinn mehr, schließlich können Telefonate via Voice over IP über das Internet übertragen werden. Das Next Generation Network (NGN) verschmilzt nun die verschiedenen Netze zu einem paketvermittelnden Dienst, umgesetzt auf IP-Basis. Das klingt kompliziert, der Kunde muss aber gar nichts davon bemerken. So haben HanseNet und Arcor die neue Netzwerkgeneration bereits implementiert. Ihre Kunden telefonieren jetzt via VoIP statt mit klassischer Telefonie – schlimmstenfalls mussten sie ihren Router austauschen.
Internet 3: Die neue Technologie wäre einsatzbereit
Warum braucht man nun für solch simple Änderungen ein teures neues Netzwerk? Weil es weit mehr kann und offen ist für Dienste, von denen man heute allenfalls träumt. Die NGN-Architektur lässt zu, jede beliebige Anwendung zu implementieren und bereitet quasi den Weg für das „Internet 3“. So ließe sich das TV-Signal über dieses Netz schicken, ein Radiosignal, Steuercodes für Autos, Services für MP3-Player, selbst Kühlschränke könnten so angesprochen werden – falls es einmal IP-basierte Küchen geben sollte.
Der Vorteil: Die neue Netzwerktechnologie erkennt angeschlossene Geräte automatisch und weist ihnen die für sie vorgesehenen Dienste zu – dem Fernseher das Videosignal, der Stereoanlage den Audiostream. Und bequem ist es auch: NGN unterstützt etwa Autokonfiguration. Das Eintippen von Nutzernamen oder Passwörtern hat sich damit in Zukunft weitgehend erledigt.
Internet zweiter Klasse für Blogger
Bei Kritikern allerdings hält sich die Begeisterung in Grenzen. Über das intelligente Netzwerk ließe sich nämlich auch die Bandbreite kontrollieren. So könnten die erwähnten Breitband-Provider festlegen, welcher Inhalteanbieter wie schnell erreichbar ist. Vorbei wäre es mit der Netzneutralität, die sicherstellt, dass alle Inhalte im Web gleich sind – und gleich schnell erreichbar. Die düstere Zukunft sähe dann so aus: Internetriesen mit gut gefüllten Konten erkauften sich die benötigte Bandbreite. Klammen Start-ups oder dem kleinen Blogger von nebenan hingegen bliebe nur das langsame Internet zweiter Klasse.
Trotz all dieser Innovationen könnte es eng werden im Internet. Ist tatsächlich bald jeder Fernseher und jedes Handy online, gehen uns allmählich die Internetadressen aus. Gut vier Milliarden Geräte können mit dem derzeit verwendeten Protokoll IPv4 adressiert werden. Laut einer Studie der IANA-Behörde, die die internationale Vergabe von den sogenannten IP-Adressen regelt, wird die letzte Adresse am 24. Juli 2011 zugeteilt. Spätestens dann wird das Surfen zur Geduldsprobe. Sind gerade alle verfügbaren Internetnamen zugewiesen, kommt es zu Staus wie vor einem überfüllten Parkhaus: Es kann erst wieder jemand rein, wenn ein anderer Platz macht. Man muss also zum Checken der Mails so lange warten, bis ein anderer Surfer offline geht: „Die Situation ist zwar noch nicht bedrohlich“, bestätigt Wienholtz. „Aber so langsam wird es eng.“
Nicht mit dem neuen Internetprotokoll IPv6, das 340 Sextillionen Adressen darstellen kann – das ist eine Zahl mit 36 Nullen. Neben einer praktisch unendlich großen Zahl von Geräten unterstützt es die Verschlüsselung des Datenverkehrs und die Priorisierung bestimmter Dienste (etwa Musik- und Videostreams) bereits von Haus aus.
Henne-Ei-Problem: Der notwendige Umstieg lässt auf sich warten
Doch der Umstieg auf IPv6 wird wohl noch dauern – auch wenn keiner so genau sagen kann, wer daran schuld ist. Schalten die Netzbetreiber nicht auf das neue Internetprotokoll um, weil der Kunde es nicht nutzen will? Oder nutzt es der Kunde nicht, weil die Netzbetreiber nicht umschalten? „Ein klassisches Henne-Ei-Problem“, sagt Wienholtz. Er glaubt allerdings, dass es in zwei, drei Jahren so weit sein wird. „Irgendwann werden die Internetregistrare einen Stichtag festlegen. Denn wenn wir in zehn Jahren noch mit IPv4 arbeiten, haben wir ein Problem.“
Jedenfalls sind alle Beteiligten vorbereitet: Die fürs Web lebensnotwendigen Root- und DNS-Server sind IPv6-fähig, die Internet-Service-Provider sind es, auch der führende Router-Hersteller AVM bestätigte, dass sich die populäre Fritzbox per Firmware-Update auf die neue Technologie umstellen lässt – das Update liegt in der Schublade.
Provider und Telekommunikationsunternehmen sind dem Kundenbedarf immer einen Schritt voraus. Und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben: Obwohl die Kapazitäten der heute um die Welt laufenden Glasfaserkabel noch nicht annähernd ausgeschöpft sind, werden bis zum Jahr 2010 bereits 20 neue verlegt.
Warum das Netz immer langsamer wird
Tauschbörsen, Videostreams, Web 2.0: Riesige Datenmengen fließen täglich durch die weltweiten Netze. Doch Ausfälle von Tiefseekabeln haben gezeigt: Die Infrastruktur des Internets muss modernisiert werden.
Die derzeit unsichersten Stellen des Internets sind aus Glas und liegen in ein paar Hundert oder sogar Tausend Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Anfang des Jahres etwa beschädigte der Anker eines vor der Küste Ägyptens liegenden Schiffss zwei Unterseekabel, das „SEA-ME-WE 4“ und das „Flag Europe Asia“, Glasfaserstränge, die Europa mit Afrika und Asien verbinden. Nur wenige Tage später rissen zwei Tiefseekabel im Persischen Golf, die in den mittleren Osten und nach Indien führen.
Die Folge: 100 Millionen Menschen in Nordafrika und vielen asiatischen Staaten mussten mit eingeschränktem Internet leben. Dass sich Webseiten nur halb so schnell wie gewohnt aufbauten, war noch das geringste Übel. Viel schlimmer: Am Flughafen in Kairo konnte niemand mehr Tickets kaufen, weil das internationale Buchungssystem nicht erreichbar war. Aktienhändler an der Börse hatten Schwierigkeiten, ihre Orders in den weltweiten Finanzzentren zu platzieren. In Dubai fiel ein Internetprovider komplett aus, Universitäten, einige Einkaufszentren und die künstliche Palmeninsel „Jumeirah“ waren offline. In Indien, so meldeten Nachrichtenagenturen, waren nur etwa 60 Prozent der üblichen Bandbreite verfügbar. Erst nach gut zwei Wochen funktionierte alles wieder wie gewohnt. So lange dauert es eben, bis sich Reparaturschiffe auf den Weg gemacht, die defekten Kabelenden aus dem Meer gefischt und wieder geflickt haben.
Langsames Netz für Großbritannien
Diese Kabel ziehen sich quer durch den Atlantik, den Pazifik, den Indischen Ozean, das Mittelmeer, die Nord- und die Ostsee. Weltweit verlaufen mehr als eine Million Kilometer Glasfaserkabel im Meeressand, sie verbinden Amerika, Europa, Afrika, Australien und Asien, bilden ein weltumspannendes Netz und transportieren etwa 95 Prozent der Internetdaten. Sie sind das Rückgrat des Internets. Die modernsten dieser Leitungen übertragen über 2500 Gigabyte pro Sekunde, auch wenn sie kaum dicker sind als ein Abflussrohr: Ein paar Kunststoffschichten, verdrillte Stahlseile und Rohre aus Kupfer oder Aluminium schützen den wertvollen gläsernen Kern vor Wasser, neugierigen Meeresbewohnern und dem hohen Druck in den tiefsten Tiefen. Leider hilft dieser Schutz eben nicht immer.
Für viele Internetnutzer sind solche Ausfälle nichts Neues. Im Dezember 2006 rissen bei einem Erdbeben vor Taiwan gleich mehrere Tiefseekabel – halb Südostasien war offline. 2003 brach zwischen Frankreich und den Niederlanden das „TAT-14“, eine transatlantische Hauptverkehrsader für das Web. Die Briten surften daraufhin über eine magere 2-GBit-Verbindung im World Wide Web – normal waren damals 32. Die Isländer mussten 2002 sogar mit einem Totalausfall des Internets leben, als die einzige Zuleitung auf die Insel im hohen Norden kaputtging.
Totalausfall praktisch unmöglich
Unterseekabel werden schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt, seit Anfang der 80er Jahre sind sie aus Glasfaser. Trotz der immer wieder auftretenden Ausfälle sind die Seekabel eine vertrauenswürdige Technik – und ohne Alternative. Die einzige Ausweichmöglichkeit zur interkontinentalen Datenübertragung wären Satelliten, doch die sind extrem teuer im Betrieb, können weniger Bandbreite übertragen und haben weit höhere Latenzzeiten als die Kabelübertragung. Und weil das weltweite Glasfasernetz mittlerweile so dicht geknüpft ist, haben selbst die vier gleichzeitigen Leitungsbrüche vom Januar keine Katastrophe ausgelöst: Viele internationale Großunternehmen, die ganze Abteilungen nach Indien ausgelagert haben, bekamen die Kabelrisse beispielsweise gar nicht zu spüren: Sie nutzen redundante Systeme aus mehreren Leitungen – der Traffic wird dann einfach umgeleitet.
Auch in Europa ist der Totalausfall des Internets praktisch unmöglich. Allein mit Amerika verbinden uns 15 Unterseekabel, die meisten von ihnen haben einen Back-up-Strang, der eine alternative Route nimmt – und an verschiedenen Kopfstationen landet, die wiederum in das hochredundante Backbone-Netz Europas eingebunden sind. So kann es keinem Schiffsanker gelingen, das komplette Web in Europa lahmzulegen. Die leistungsfähigste der Leitungen überträgt Daten mit 640 Gigabyte pro Sekunde, die Gesamtkapazität aller Kabel liegt bei gut 2,5 Terrabyte pro Sekunde – genug, um das Zehnfache des aktuellen deutschen Internet-Traffics zu transportieren. Damit kommen wir noch eine Weile aus.
Apokalypse 2010: Schwarzmalerei aus reiner Profitsucht
Dennoch gibt es Stimmen, die vor dem Internetkollaps warnen. Spätestens 2010, glauben die Marktforscher des US-Unternehmens Nemertes Research, werde die Surfgeschwindigkeit auf das Niveau der 56k-Modem-Zeiten zurückfallen. Dass die Telekommunikationsunternehmen in den nächsten Jahren weltweit 50 Milliarden US-Dollar in den Ausbau ihrer Netze investieren, halten die Nemertes-Experten für unzureichend: „Die dreifache Summe ist nötig, um die Netzbelastungen abfangen zu können.“
Provider sehen noch Wachstumsmöglichkeiten
In der Branche hält man das für Schwarzmalerei. „Wir sehen die Grenzen des Internetwachstums noch lange nicht erreicht“, sagt etwa Andreas Gauger, Vorstandssprecher des Providers 1&1. Zwar sei der Bedarf an Bandbreite durch Multimedia-Anwendungen wie Videostreams immens gestiegen.
Allein 1&1 hostet in seinen Rechenzentren Webinhalte in einer Größenordnung von 6500 Terrabyte – vor einem Jahr waren es noch 3100. Doch Gauger verweist auf gerade getätigte Investitionen und den enormen Netzausbau, den das Unternehmen ständig betreibe: Ende 2007 liefen durch das Netz von 1&1 im Schnitt 37 Gigabit pro Sekunde. „Noch vor einem Jahr haben wir diese Kapazität gerade einmal vorgehalten.“
Internetmaut für YouTube & Co.
Wie so oft stecken auch hinter der Nemertes-Studie handfeste finanzielle Interessen. Bezahlt wurde die Studie von einem Verband amerikanischer Breitbandprovider, der die Abrechnungsmodalitäten zwischen Internetanbietern und Netzbetreibern komplett umkrempeln will. Der Plan: Große Anbieter wie Google, MySpace oder YouTube sollen eine „Web-Maut“ dafür zahlen, dass ihre Seiten schnell erreichbar sind. Nur mit solchen Gebühren ließen sich die enormen Investitionen stemmen, um die Netze stabil und schnell zu halten.
Zustimmung bekommen die US-Provider auch von europäischen Branchengrößen wie der Deutschen Telekom. Andere sind da skeptischer. René Wienholtz etwa, Vorstand des Strato Rechenzentrums, findet die Forderung nach einer nutzungsabhängigen Abrechnung zwar logisch, aber „unlauter“. Daten werden auf dem Weg vom Server bis zum Nutzer teilweise durch ein Dutzend Netze gereicht: „Wenn da jeder einzelne beteiligte Netzbetreiber die Hand aufhält, können wir das Internet gleich dichtmachen“, so Wienholtz.
Veraltete Trennung von analog und digital
Es gibt momentan auch wichtigere Dinge als darüber zu diskutieren, wo das Geld in Zukunft herkommen soll. Ein wesentlicher Punkt ist etwa die Modernisierung der bestehenden Netze: Das blitzschnelle Internet wird heute noch immer mit Versatzstücken sehr alter Protokolltechnik übertragen.
Die Telefonleitung der meisten deutschen Haushalte wird über Frequenzbänder in verschiedene Bereiche geteilt: in einen kleinen für das Analogtelefon, einen etwas größeren für ISDN, und einen ganz großen Teil für Breitbanddienste wie DSL. Seit der massenhaften Verbreitung des Internets muss jeder Provider mehrere voneinander getrennte Netze betreiben: Das leitungsvermittelte Netz für die Telefonie, für Daten ein paketvermittelndes, möglicherweise sogar noch eines für Mobilfunk.
Die Trennung macht heute keinen Sinn mehr, schließlich können Telefonate via Voice over IP über das Internet übertragen werden. Das Next Generation Network (NGN) verschmilzt nun die verschiedenen Netze zu einem paketvermittelnden Dienst, umgesetzt auf IP-Basis. Das klingt kompliziert, der Kunde muss aber gar nichts davon bemerken. So haben HanseNet und Arcor die neue Netzwerkgeneration bereits implementiert. Ihre Kunden telefonieren jetzt via VoIP statt mit klassischer Telefonie – schlimmstenfalls mussten sie ihren Router austauschen.
Internet 3: Die neue Technologie wäre einsatzbereit
Warum braucht man nun für solch simple Änderungen ein teures neues Netzwerk? Weil es weit mehr kann und offen ist für Dienste, von denen man heute allenfalls träumt. Die NGN-Architektur lässt zu, jede beliebige Anwendung zu implementieren und bereitet quasi den Weg für das „Internet 3“. So ließe sich das TV-Signal über dieses Netz schicken, ein Radiosignal, Steuercodes für Autos, Services für MP3-Player, selbst Kühlschränke könnten so angesprochen werden – falls es einmal IP-basierte Küchen geben sollte.
Der Vorteil: Die neue Netzwerktechnologie erkennt angeschlossene Geräte automatisch und weist ihnen die für sie vorgesehenen Dienste zu – dem Fernseher das Videosignal, der Stereoanlage den Audiostream. Und bequem ist es auch: NGN unterstützt etwa Autokonfiguration. Das Eintippen von Nutzernamen oder Passwörtern hat sich damit in Zukunft weitgehend erledigt.
Internet zweiter Klasse für Blogger
Bei Kritikern allerdings hält sich die Begeisterung in Grenzen. Über das intelligente Netzwerk ließe sich nämlich auch die Bandbreite kontrollieren. So könnten die erwähnten Breitband-Provider festlegen, welcher Inhalteanbieter wie schnell erreichbar ist. Vorbei wäre es mit der Netzneutralität, die sicherstellt, dass alle Inhalte im Web gleich sind – und gleich schnell erreichbar. Die düstere Zukunft sähe dann so aus: Internetriesen mit gut gefüllten Konten erkauften sich die benötigte Bandbreite. Klammen Start-ups oder dem kleinen Blogger von nebenan hingegen bliebe nur das langsame Internet zweiter Klasse.
Trotz all dieser Innovationen könnte es eng werden im Internet. Ist tatsächlich bald jeder Fernseher und jedes Handy online, gehen uns allmählich die Internetadressen aus. Gut vier Milliarden Geräte können mit dem derzeit verwendeten Protokoll IPv4 adressiert werden. Laut einer Studie der IANA-Behörde, die die internationale Vergabe von den sogenannten IP-Adressen regelt, wird die letzte Adresse am 24. Juli 2011 zugeteilt. Spätestens dann wird das Surfen zur Geduldsprobe. Sind gerade alle verfügbaren Internetnamen zugewiesen, kommt es zu Staus wie vor einem überfüllten Parkhaus: Es kann erst wieder jemand rein, wenn ein anderer Platz macht. Man muss also zum Checken der Mails so lange warten, bis ein anderer Surfer offline geht: „Die Situation ist zwar noch nicht bedrohlich“, bestätigt Wienholtz. „Aber so langsam wird es eng.“
Nicht mit dem neuen Internetprotokoll IPv6, das 340 Sextillionen Adressen darstellen kann – das ist eine Zahl mit 36 Nullen. Neben einer praktisch unendlich großen Zahl von Geräten unterstützt es die Verschlüsselung des Datenverkehrs und die Priorisierung bestimmter Dienste (etwa Musik- und Videostreams) bereits von Haus aus.
Henne-Ei-Problem: Der notwendige Umstieg lässt auf sich warten
Doch der Umstieg auf IPv6 wird wohl noch dauern – auch wenn keiner so genau sagen kann, wer daran schuld ist. Schalten die Netzbetreiber nicht auf das neue Internetprotokoll um, weil der Kunde es nicht nutzen will? Oder nutzt es der Kunde nicht, weil die Netzbetreiber nicht umschalten? „Ein klassisches Henne-Ei-Problem“, sagt Wienholtz. Er glaubt allerdings, dass es in zwei, drei Jahren so weit sein wird. „Irgendwann werden die Internetregistrare einen Stichtag festlegen. Denn wenn wir in zehn Jahren noch mit IPv4 arbeiten, haben wir ein Problem.“
Jedenfalls sind alle Beteiligten vorbereitet: Die fürs Web lebensnotwendigen Root- und DNS-Server sind IPv6-fähig, die Internet-Service-Provider sind es, auch der führende Router-Hersteller AVM bestätigte, dass sich die populäre Fritzbox per Firmware-Update auf die neue Technologie umstellen lässt – das Update liegt in der Schublade.
Provider und Telekommunikationsunternehmen sind dem Kundenbedarf immer einen Schritt voraus. Und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben: Obwohl die Kapazitäten der heute um die Welt laufenden Glasfaserkabel noch nicht annähernd ausgeschöpft sind, werden bis zum Jahr 2010 bereits 20 neue verlegt.