Interessantes zum Internet

      Interessantes zum Internet

      Internet-Architektur

      Warum das Netz immer langsamer wird
      Tauschbörsen, Videostreams, Web 2.0: Riesige Datenmengen fließen täglich durch die weltweiten Netze. Doch Ausfälle von Tiefseekabeln haben gezeigt: Die Infrastruktur des Internets muss modernisiert werden.

      Die derzeit unsichersten Stellen des Internets sind aus Glas und liegen in ein paar Hundert oder sogar Tausend Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Anfang des Jahres etwa beschädigte der Anker eines vor der Küste Ägyptens liegenden Schiffss zwei Unterseekabel, das „SEA-ME-WE 4“ und das „Flag Europe Asia“, Glasfaserstränge, die Europa mit Afrika und Asien verbinden. Nur wenige Tage später rissen zwei Tiefseekabel im Persischen Golf, die in den mittleren Osten und nach Indien führen.

      Die Folge: 100 Millionen Menschen in Nordafrika und vielen asiatischen Staaten mussten mit eingeschränktem Internet leben. Dass sich Webseiten nur halb so schnell wie gewohnt aufbauten, war noch das geringste Übel. Viel schlimmer: Am Flughafen in Kairo konnte niemand mehr Tickets kaufen, weil das internationale Buchungssystem nicht erreichbar war. Aktienhändler an der Börse hatten Schwierigkeiten, ihre Orders in den weltweiten Finanzzentren zu platzieren. In Dubai fiel ein Internetprovider komplett aus, Universitäten, einige Einkaufszentren und die künstliche Palmeninsel „Jumeirah“ waren offline. In Indien, so meldeten Nachrichtenagenturen, waren nur etwa 60 Prozent der üblichen Bandbreite verfügbar. Erst nach gut zwei Wochen funktionierte alles wieder wie gewohnt. So lange dauert es eben, bis sich Reparaturschiffe auf den Weg gemacht, die defekten Kabelenden aus dem Meer gefischt und wieder geflickt haben.

      Langsames Netz für Großbritannien

      Diese Kabel ziehen sich quer durch den Atlantik, den Pazifik, den Indischen Ozean, das Mittelmeer, die Nord- und die Ostsee. Weltweit verlaufen mehr als eine Million Kilometer Glasfaserkabel im Meeressand, sie verbinden Amerika, Europa, Afrika, Australien und Asien, bilden ein weltumspannendes Netz und transportieren etwa 95 Prozent der Internetdaten. Sie sind das Rückgrat des Internets. Die modernsten dieser Leitungen übertragen über 2500 Gigabyte pro Sekunde, auch wenn sie kaum dicker sind als ein Abflussrohr: Ein paar Kunststoffschichten, verdrillte Stahlseile und Rohre aus Kupfer oder Aluminium schützen den wertvollen gläsernen Kern vor Wasser, neugierigen Meeresbewohnern und dem hohen Druck in den tiefsten Tiefen. Leider hilft dieser Schutz eben nicht immer.

      Für viele Internetnutzer sind solche Ausfälle nichts Neues. Im Dezember 2006 rissen bei einem Erdbeben vor Taiwan gleich mehrere Tiefseekabel – halb Südostasien war offline. 2003 brach zwischen Frankreich und den Niederlanden das „TAT-14“, eine transatlantische Hauptverkehrsader für das Web. Die Briten surften daraufhin über eine magere 2-GBit-Verbindung im World Wide Web – normal waren damals 32. Die Isländer mussten 2002 sogar mit einem Totalausfall des Internets leben, als die einzige Zuleitung auf die Insel im hohen Norden kaputtging.

      Totalausfall praktisch unmöglich

      Unterseekabel werden schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt, seit Anfang der 80er Jahre sind sie aus Glasfaser. Trotz der immer wieder auftretenden Ausfälle sind die Seekabel eine vertrauenswürdige Technik – und ohne Alternative. Die einzige Ausweichmöglichkeit zur interkontinentalen Datenübertragung wären Satelliten, doch die sind extrem teuer im Betrieb, können weniger Bandbreite übertragen und haben weit höhere Latenzzeiten als die Kabelübertragung. Und weil das weltweite Glasfasernetz mittlerweile so dicht geknüpft ist, haben selbst die vier gleichzeitigen Leitungsbrüche vom Januar keine Katastrophe ausgelöst: Viele internationale Großunternehmen, die ganze Abteilungen nach Indien ausgelagert haben, bekamen die Kabelrisse beispielsweise gar nicht zu spüren: Sie nutzen redundante Systeme aus mehreren Leitungen – der Traffic wird dann einfach umgeleitet.

      Auch in Europa ist der Totalausfall des Internets praktisch unmöglich. Allein mit Amerika verbinden uns 15 Unterseekabel, die meisten von ihnen haben einen Back-up-Strang, der eine alternative Route nimmt – und an verschiedenen Kopfstationen landet, die wiederum in das hochredundante Backbone-Netz Europas eingebunden sind. So kann es keinem Schiffsanker gelingen, das komplette Web in Europa lahmzulegen. Die leistungsfähigste der Leitungen überträgt Daten mit 640 Gigabyte pro Sekunde, die Gesamtkapazität aller Kabel liegt bei gut 2,5 Terrabyte pro Sekunde – genug, um das Zehnfache des aktuellen deutschen Internet-Traffics zu transportieren. Damit kommen wir noch eine Weile aus.


      Apokalypse 2010: Schwarzmalerei aus reiner Profitsucht

      Dennoch gibt es Stimmen, die vor dem Internetkollaps warnen. Spätestens 2010, glauben die Marktforscher des US-Unternehmens Nemertes Research, werde die Surfgeschwindigkeit auf das Niveau der 56k-Modem-Zeiten zurückfallen. Dass die Telekommunikationsunternehmen in den nächsten Jahren weltweit 50 Milliarden US-Dollar in den Ausbau ihrer Netze investieren, halten die Nemertes-Experten für unzureichend: „Die dreifache Summe ist nötig, um die Netzbelastungen abfangen zu können.“

      Provider sehen noch Wachstumsmöglichkeiten

      In der Branche hält man das für Schwarzmalerei. „Wir sehen die Grenzen des Internetwachstums noch lange nicht erreicht“, sagt etwa Andreas Gauger, Vorstandssprecher des Providers 1&1. Zwar sei der Bedarf an Bandbreite durch Multimedia-Anwendungen wie Videostreams immens gestiegen.

      Allein 1&1 hostet in seinen Rechenzentren Webinhalte in einer Größenordnung von 6500 Terrabyte – vor einem Jahr waren es noch 3100. Doch Gauger verweist auf gerade getätigte Investitionen und den enormen Netzausbau, den das Unternehmen ständig betreibe: Ende 2007 liefen durch das Netz von 1&1 im Schnitt 37 Gigabit pro Sekunde. „Noch vor einem Jahr haben wir diese Kapazität gerade einmal vorgehalten.“

      Internetmaut für YouTube & Co.

      Wie so oft stecken auch hinter der Nemertes-Studie handfeste finanzielle Interessen. Bezahlt wurde die Studie von einem Verband amerikanischer Breitbandprovider, der die Abrechnungsmodalitäten zwischen Internetanbietern und Netzbetreibern komplett umkrempeln will. Der Plan: Große Anbieter wie Google, MySpace oder YouTube sollen eine „Web-Maut“ dafür zahlen, dass ihre Seiten schnell erreichbar sind. Nur mit solchen Gebühren ließen sich die enormen Investitionen stemmen, um die Netze stabil und schnell zu halten.

      Zustimmung bekommen die US-Provider auch von europäischen Branchengrößen wie der Deutschen Telekom. Andere sind da skeptischer. René Wienholtz etwa, Vorstand des Strato Rechenzentrums, findet die Forderung nach einer nutzungsabhängigen Abrechnung zwar logisch, aber „unlauter“. Daten werden auf dem Weg vom Server bis zum Nutzer teilweise durch ein Dutzend Netze gereicht: „Wenn da jeder einzelne beteiligte Netzbetreiber die Hand aufhält, können wir das Internet gleich dichtmachen“, so Wienholtz.

      Veraltete Trennung von analog und digital

      Es gibt momentan auch wichtigere Dinge als darüber zu diskutieren, wo das Geld in Zukunft herkommen soll. Ein wesentlicher Punkt ist etwa die Modernisierung der bestehenden Netze: Das blitzschnelle Internet wird heute noch immer mit Versatzstücken sehr alter Protokolltechnik übertragen.

      Die Telefonleitung der meisten deutschen Haushalte wird über Frequenzbänder in verschiedene Bereiche geteilt: in einen kleinen für das Analogtelefon, einen etwas größeren für ISDN, und einen ganz großen Teil für Breitbanddienste wie DSL. Seit der massenhaften Verbreitung des Internets muss jeder Provider mehrere voneinander getrennte Netze betreiben: Das leitungsvermittelte Netz für die Telefonie, für Daten ein paketvermittelndes, möglicherweise sogar noch eines für Mobilfunk.

      Die Trennung macht heute keinen Sinn mehr, schließlich können Telefonate via Voice over IP über das Internet übertragen werden. Das Next Generation Network (NGN) verschmilzt nun die verschiedenen Netze zu einem paketvermittelnden Dienst, umgesetzt auf IP-Basis. Das klingt kompliziert, der Kunde muss aber gar nichts davon bemerken. So haben HanseNet und Arcor die neue Netzwerkgeneration bereits implementiert. Ihre Kunden telefonieren jetzt via VoIP statt mit klassischer Telefonie – schlimmstenfalls mussten sie ihren Router austauschen.


      Internet 3: Die neue Technologie wäre einsatzbereit

      Warum braucht man nun für solch simple Änderungen ein teures neues Netzwerk? Weil es weit mehr kann und offen ist für Dienste, von denen man heute allenfalls träumt. Die NGN-Architektur lässt zu, jede beliebige Anwendung zu implementieren und bereitet quasi den Weg für das „Internet 3“. So ließe sich das TV-Signal über dieses Netz schicken, ein Radiosignal, Steuercodes für Autos, Services für MP3-Player, selbst Kühlschränke könnten so angesprochen werden – falls es einmal IP-basierte Küchen geben sollte.

      Der Vorteil: Die neue Netzwerktechnologie erkennt angeschlossene Geräte automatisch und weist ihnen die für sie vorgesehenen Dienste zu – dem Fernseher das Videosignal, der Stereoanlage den Audiostream. Und bequem ist es auch: NGN unterstützt etwa Autokonfiguration. Das Eintippen von Nutzernamen oder Passwörtern hat sich damit in Zukunft weitgehend erledigt.

      Internet zweiter Klasse für Blogger

      Bei Kritikern allerdings hält sich die Begeisterung in Grenzen. Über das intelligente Netzwerk ließe sich nämlich auch die Bandbreite kontrollieren. So könnten die erwähnten Breitband-Provider festlegen, welcher Inhalteanbieter wie schnell erreichbar ist. Vorbei wäre es mit der Netzneutralität, die sicherstellt, dass alle Inhalte im Web gleich sind – und gleich schnell erreichbar. Die düstere Zukunft sähe dann so aus: Internetriesen mit gut gefüllten Konten erkauften sich die benötigte Bandbreite. Klammen Start-ups oder dem kleinen Blogger von nebenan hingegen bliebe nur das langsame Internet zweiter Klasse.

      Trotz all dieser Innovationen könnte es eng werden im Internet. Ist tatsächlich bald jeder Fernseher und jedes Handy online, gehen uns allmählich die Internetadressen aus. Gut vier Milliarden Geräte können mit dem derzeit verwendeten Protokoll IPv4 adressiert werden. Laut einer Studie der IANA-Behörde, die die internationale Vergabe von den sogenannten IP-Adressen regelt, wird die letzte Adresse am 24. Juli 2011 zugeteilt. Spätestens dann wird das Surfen zur Geduldsprobe. Sind gerade alle verfügbaren Internetnamen zugewiesen, kommt es zu Staus wie vor einem überfüllten Parkhaus: Es kann erst wieder jemand rein, wenn ein anderer Platz macht. Man muss also zum Checken der Mails so lange warten, bis ein anderer Surfer offline geht: „Die Situation ist zwar noch nicht bedrohlich“, bestätigt Wienholtz. „Aber so langsam wird es eng.“

      Nicht mit dem neuen Internetprotokoll IPv6, das 340 Sextillionen Adressen darstellen kann – das ist eine Zahl mit 36 Nullen. Neben einer praktisch unendlich großen Zahl von Geräten unterstützt es die Verschlüsselung des Datenverkehrs und die Priorisierung bestimmter Dienste (etwa Musik- und Videostreams) bereits von Haus aus.

      Henne-Ei-Problem: Der notwendige Umstieg lässt auf sich warten

      Doch der Umstieg auf IPv6 wird wohl noch dauern – auch wenn keiner so genau sagen kann, wer daran schuld ist. Schalten die Netzbetreiber nicht auf das neue Internetprotokoll um, weil der Kunde es nicht nutzen will? Oder nutzt es der Kunde nicht, weil die Netzbetreiber nicht umschalten? „Ein klassisches Henne-Ei-Problem“, sagt Wienholtz. Er glaubt allerdings, dass es in zwei, drei Jahren so weit sein wird. „Irgendwann werden die Internetregistrare einen Stichtag festlegen. Denn wenn wir in zehn Jahren noch mit IPv4 arbeiten, haben wir ein Problem.“

      Jedenfalls sind alle Beteiligten vorbereitet: Die fürs Web lebensnotwendigen Root- und DNS-Server sind IPv6-fähig, die Internet-Service-Provider sind es, auch der führende Router-Hersteller AVM bestätigte, dass sich die populäre Fritzbox per Firmware-Update auf die neue Technologie umstellen lässt – das Update liegt in der Schublade.

      Provider und Telekommunikationsunternehmen sind dem Kundenbedarf immer einen Schritt voraus. Und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben: Obwohl die Kapazitäten der heute um die Welt laufenden Glasfaserkabel noch nicht annähernd ausgeschöpft sind, werden bis zum Jahr 2010 bereits 20 neue verlegt.

      Zwei Milliarden DVDs pro Monat

      Zwei Milliarden DVDs pro Monat

      Online-Videos sind beliebt. So beliebt, dass sich der Internetverkehr bis 2012 versechsfachen wird, schätzt Netzwerkausstatter Cisco.

      Der US-Konzern hat heute seine Prognosen zur Entwicklung des Internetverkehrs vorgelegt. Demnach wird im Jahr 2012 voraussichtlich jeden Monat ein Datenvolumen von 44 Exabyte durchs Netz geschickt werden. Ein Exabyte ist eine Milliarde Gigabyte. Im Jahr 2007 wurden dagegen noch sieben Exabyte monatlich an Daten verschickt. Um ein solches Volumen zu speichern, benötigte man rund zwei Milliarden DVDs.

      Immer mehr Online-Videos

      Besonders bei Online-Videos von YouTube und Co. prognostiziert Cisco einen starken Anstieg. Den Zahlen zufolge werden sie bis Ende des laufenden Jahres 32 Prozent des Datenverkehrs im Internet ausmachen. Bis 2012 soll der Anteil gar auf 50 Prozent ansteigen.

      Auch das Surfen mit dem Handy nimmt zu. Der mobile Datenverkehr soll sich nach Berechnungen von Cisco bis 2012 jedes Jahr verdoppeln. Das größte Wachstum hat das Unternehmen nach Südamerika in Westeuropa und Asien ausgemacht. Der Netzwerkausrüster will nach eigenen Angaben mit der Studie eine realistische Basis für nötige Ausbaupläne liefern, die auch für die Industrie und die Internet-Provider hilfreich sein sollen.
      Neue Technologien

      Vorsprung durch Porno
      Pay-TV, Video, DSL und selbst das Internet: Erst wenn die Porno-Industrie neue Technologien nutzt, werden sie in der Regel richtig erfolgreich.

      Sabine und Thomas Müller haben in ihrem Wohnzimmer nun einen PC mit Internetanschluss. Sie nutzen ihn für das Übliche: Mails schreiben, Bücher kaufen, den Ostsee-Urlaub planen. Thomas allerdings hatte noch mehr im Sinn, als er den Rechner neben die Sitzgruppe stellte. Was Sabine nämlich nicht weiß: Abends, wenn sie schon ins Bett gegangen ist, sitzt er manchmal allein vor dem Computer und sucht im Internet nach Sexbildchen und Pornovideos.

      Zwölf Prozent sind Porno

      Wie Thomas geht etwa jeder zweite Internetsurfer im Web auf die Suche nach Nackedeis – natürlich vorwiegend Männer. Im vergangenen Jahr, so rechnete das Portal Toptenreviews.com aus, kam die Erotik-Industrie online auf etwa fünf Milliarden Dollar Umsatz. Demnach beherrscht Sex das Web regelrecht: Zwölf Prozent aller Webseiten sind Pornoseiten, ein Viertel aller Suchanfragen haben einen sexuellen Bezug.

      „Sex“, so die Marktforscher von Alexa Research, wird bei Google häufiger eingetippt als die Begriffe Games, Reise, Musik, Auto, Wetter, Gesundheit und Jobs zusammen. Zählt man die erotische Offline-Welt mit Pay-TV, Hotlines, Nacht-Clubs, Zeitschriften- und DVD-Verkäufen hinzu, setzte die Sex-Branche 2006 weltweit knapp 100 Milliarden US-Dollar um. Das ist mehr als die Technologie- und Internet-Konzerne Microsoft, Google, Yahoo, Apple, Ebay und Amazon zusammen.

      Sex sei Dank: Der PC zieht ins Wohnzimmer ein

      Eine mächtige Industrie also, die nun offenbar heimlich, still und leise geschafft hat, was die Unterhaltungsbranche seit Jahren mit großem Tamtam vergeblich versucht: Den PC vom Büro ins Wohnzimmer zu holen. Zumindest in das von Thomas und Sabine – die es im übertragenen Sinne millionenfach gibt. Die Müllers sind die Erfindung der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt und so etwas wie das statistisch ermittelte Abbild des stinknormalen Durchschnittsdeutschen.

      Dass der Computer in Müllers guter Stube nun einen festen Platz gefunden hat, wissen die Werber aus Interviews. Dass die Pornos am Standortwechsel nicht unbeteiligt sind, ergibt sich mangels anderer Statistiken aus Zugriffszahlen: Laut dem Online-Dienst Alexa.com, der die Beliebtheit von Webseiten misst, surfen weit mehr Menschen zum Videoportal Youporn als zu T-Online.

      Kein Internet ohne Sex

      Hält der Trend an, überholt Youporn in Deutschland bald Google. Trotz der offensichtlichen Popularität taucht der Sex-Konsum in Statistiken von Behörden oder Unternehmen nicht auf. „Ein eigentümliches Phänomen“, findet Jakob Berndt, als strategischer Planer bei Jung von Matt verantwortlich für die Müllers und ihr Durchschnittswohnzimmer. „Kein Mensch redet über das Thema. Dabei würde es das Internet in seiner heutigen Form ohne Pornos wahrscheinlich gar nicht geben.“


      Vorsprung durch Porno: Wie Youporn & Co. die Branche aufmischen

      Es war noch nie besonders kompliziert, sich Pornofilme über das Internet zu besorgen. Allerdings auch noch nie so einfach wie heute. Tekkies und hartgesottene Fans des Genres kannten die Quellen im Usenet oder auf den einschlägigen Torrent-Seiten zwar schon immer – für die Thomas Müllers dieser Welt allerdings waren sie ein paar Klicks zu weit weg. Das hat sich gründlich geändert.
      Seit Herbst vergangenen Jahres poppen Seiten wie Youporn, Porntube oder Mydirtyhobby auf, alle mehr oder weniger exakte Kopien der Mutter aller Videoportale: Youtube. Diese Seiten leben vom sogenannten „User generated content“, von selbst gedrehten Videos oder den üblichen DVD-Ripps, die die Nutzer hochladen – und die sich jedermann ansehen kann. Ohne lange zu suchen, ohne Anmeldung, ohne Altersverifizierung, ohne Kreditkarte.

      Sex 2.0: Ein lukratives Geschäft

      Web 2.0, kombiniert mit Erotik – für die Nutzer ein Traum, für die Branche ein Problem. Mario Brunow, Geschäftsführer der Video Buster Entertainment Group, die unter anderem das Portal Sexyfilm.de betreibt, weiß, warum Youporn so einschlägt: „Legale Angebote mit den gesetzlich geforderten Altersverifikationen sind für viele Anwender zu umständlich“, sagt er. „Natürlich gehen die zu Youporn.“

      Für die Geschäftsidee dieser Porn-2.0-Portale hat er durchaus Respekt übrig: „Die schaffen eine hohe Reichweite, die sie geschickt vermarkten.“ Etwa mit scheinbar lokalisierten Werbebannern für Dating-Services, die bei diesen User-Zahlen ein Vermögen einbringen dürften. Doch dann legt sich Mario Brunows Begeisterung auch schon wieder: „Hier wird am Jugendschutz vorbei abkassiert“, sagt er. „Das ist rechtlich unzulässig und moralisch verwerflich.“

      Anonym im Web: Youporn kann man nicht verklagen

      Praktisch rechtsfreie Räume hat es im Web zwar schon immer gegeben, der einfache Zutritt allerdings ist neu. Und schmerzt: „Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Youporn sind schon gravierend“, sagt Jörg Weinrich, Vorstand des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels (IVD), in dem unter anderem die Videothekenbetreiber organisiert sind. Die Videoverleiher müssen strenge Jugendschutzauflagen erfüllen, wollen sie ins einträgliche FSK18-Geschäft einsteigen. Nun müssen sie mit ansehen, wie es die heiße Ware im Web umsonst und ohne Ausweis gibt. „Sie glauben gar nicht, wie demotivierend das für die Kollegen ist“, so Weinrich.

      Und bessere Zeiten sind nicht in Sicht: Youporn verklagen? „Wen denn?“ fragt Jörg Weinrich. Die Webseite hat kein Impressum, der Domain-Inhaber wird bei Whois-Abfragen anonymisiert, Mails an die einzige Kontaktadresse bleiben unbeantwortet. Die Kommission für Jugendmedienschutz, die solche Webseiten indizieren soll, ist mit Youporn & Co. völlig überfordert. Also werden die kostenlosen Pornokinos im Web auf absehbare Zeit weitermachen wie bisher. Bis sich der Jugendschutz der technischen Veränderung angepasst hat.

      Vorsprung durch Porno: Wie Sex die Technologien vorantreibt

      Im Gegensatz zum Jugendschutz war die Pornografie schon immer von der schnellen Sorte. In dem 1988 veröffentlichten Buch „Porn Gold. Inside the Porn Industry“ zählt Autor David Hebditch die Medien und Technologien auf, die ihren Durchbruch dank expliziter Inhalte schafften.

      Das sicherlich populärste Beispiel: Das VHS-System mit seinen günstigen Geräten profitierte Ende der 70er-Jahre von der Gunst der Sex-Filmer. Der erste Hardcore-Porno auf VHS-Kassette erschien 1977 – bereits ein Jahr vor dem ersten Hollywood-Streifen auf Tape.

      Nacktfotos, Schmuddelhefte, Pornofilme

      Das eigentlich Überraschende aber: Alle Mediengattungen profitierten von anzüglichen Darstellungen, wenngleich sich ihr Einfluss oft nur aus historischen Fußnoten ableiten lässt. 1896 wurde der erste Pornofilm gedreht – nur zwei Jahre, nachdem in New York das erste Kino eröffnet hatte. Als Foto-Abzüge populär wurden, musste der US-Kongress das Verschicken von Nacktfotos mit der Feldpost verbieten – das war 1865. Mit Gutenbergs Buchdruck wurden nicht nur Bibeln unters Volk gebracht: Zu den Top-Sellern gehörten Schmuddelheftchen mit erotischen Versen – für die überwiegend analphabetische Bevölkerung mit Kupferstichen illustriert.

      Eine aktuelle Neu-Auflage von „Porn Gold“ würde als weitere Technologien wahrscheinlich Pay-TV, DSL, Internet- Tauschbörsen und die DVD nennen. David Hebditchs Fazit allerdings könnte unverändert stehen bleiben: „Wann immer ein Land Pornografie verbietet, wird es in der Kommunikations-Technologie ganz schnell abgehängt.“