Der blaue Wittelsbacher wird versteigert

      Der blaue Wittelsbacher wird versteigert

      Der blaue Wittelsbacher wird versteigert

      Die Verbindung zwischen Kaiser Leopold I. und seiner Nichte (und Cousine) Margarita Teresa, der Tochter König Phillip IV. von Spanien, war von langer Hand geplant. Drei Porträts der Infantin von Spanien begleiteten die Verhandlungen. Der Madrider Hof beauftragte dazu Diego Velázquez und ließ die Bildnisse nach Wien schicken: Sie zeigen Margarita Teresa im Alter von drei, fünf und acht Jahren und hängen heute im Kunsthistorischen Museum in Wien. Abgesehen vom Liebreiz seiner künftigen Ehefrau ist auf diesen Dokumenten der Habsburgischen Heiratspolitik auch ein wesentliches Detail erkennbar. Junge Damen dieses Alters verfügen nicht über die Vorzüge eines verführerischen Dekolletees, stattdessen sollte wohl die dort montierte Mitgift in Form eines blauen Diamanten locken. Bis zur endgültigen Vermählung 1666 stellte Philip IV. eine ganze Auswahl an exquisiten Edelsteinen für die Aussteuer seiner Lieblingstochter zusammen, derart auffällig in Szene gesetzt wurde allerdings nur dieser.

      Dabei galten blaue Diamanten lange Zeit als weniger wertvoll. Das hat sich längst geändert, aber nur wenige der legendären Hochkaräter haben Kriegswirren überdauert oder konnten ihren ursprünglichen Besitzern zugeschrieben werden: Der bekannteste ist der so genannte Hope Diamant, ein 45 Karäter, einst Teil des französischen Kronschatzes und heute in der Sammlung des Smithsonian Institute in Washington. Oder der berühmte "Koh-I-Noor" (186 Karat), der sich im britischen Kronschatz befindet, der "Régent (Pitt)" (136,75 Karat) in der Sammlung des Pariser Louvre und der im Kreml beheimatete "Orloff" (189,62 Karat). Die Gemeinsamkeit der Steine - bis Anfang des 18. Jahrhunderts stammten alle aus Indien.

      Jener der Infantin Margarita Teresa wurde nach ihrem frühen Tod 1673 in das Inventar des Österreichischen Kronschatzes aufgenommen. Leopold II. vererbte ihn weiter und über die Heirat Erzherzogin Maria Amalias von Österreich und dem bayrischen Kronprinzen Prinz Albert kommt der Diamant 1722 in den Besitz des Hauses Wittelsbach, fortan wird der Stein "Blauer Wittelsbacher" genannt. Den letzten Staatsauftritt absolvierte er 1921 beim Begräbnis Ludwig III. Zehn Jahre später gelangen bei Christie's Juwelen aus dem Bayrischen Kronschatz zur Versteigerung, darunter auch der "Blaue Wittelsbacher". Seit 1964 befindet er sich in einer Privatsammlung, aus der er nun zum Verkauf gelangt. Vor der jetzt für den 10. Dezember bei Christie's in London angesetzten Auktion kann er nun erstmals wieder in der Öffentlichkeit bewundert werden. Nach New York, Abu Dhabi, Dubai und in Paris (3./4. November) geht er auf seiner Ausstellungstournee noch nach Genf (15. bis 19. November) und Hongkong (27. bis 30. November).

      Zu welchem Preis der "Blaue Wittelsbacher" ausgerufen wird ist allerdings noch ein großes Geheimnis. Schätzpreis auf Anfrage, lautet die Devise für den 35,56 Karäter. Gemessen an der gemmologischen Zertifizierung (VS2) entspricht der legendäre Diamant zwar kaum den höchsten Ansprüchen. Aber wer stößt sich angesichts dieser historischen Provenienzkette schon an den lediglich bei zehnfacher Vergrößerung erkennbaren Einschlüssen.

      Das Ringen um den blauen Wittelsbacher

      Das Ringen um den blauen Wittelsbacher
      Viele Jahrzehnte lang war der Diamant verschollen - vermutlich ist er im Besitz der Milliardärin Heidi Horten

      München - Am Montag hat das Auktionshaus Christie"s in London eine Versteigerung angekündigt, die zunächst lapidar erschien, aber auf den zweiten Blick eine veritable Sensation beinhaltet. Aus dem Schreiben geht hervor, dass dort am 10. Dezember ein Diamant veräußert werden soll, der sich einst im Besitz der Wittelsbacher befand und im Übrigen nicht ganz billig ist. Der Verkaufspreis des "Wittelsbach Diamond", wie ihn Christie"s nennt, soll beachtliche neun Millionen Pfund (11,3 Millionen Euro) betragen. Nur noch wenige wissen freilich, dass dieser blaue Diamant in der Geschichte Bayerns eine hervorgehobene Rolle spielte. Zum Beispiel war er von 1806 an der Leitstein in der Königskrone der Wittelsbacher - womit er ein Kernsymbol bayerischen Selbstbewusstseins und Staatsstolzes darstellte.

      Allerdings galt der kostbare Stein bis vor kurzem als verschollen. Schon in den 30er Jahren war er erstmals unter zunächst mysteriösen Umständen von der Bildfläche verschwunden. Die Auktion bei Christie"s gibt nun Sicherheit, dass der Wittelsbacher Diamant nach wie vor existiert. Ob er jedoch an seinen angestammten Platz in der Schatzkammer der Münchner Residenz zurückkehren wird, ist völlig offen. Der Kaufpreis ist exorbitant hoch, die Zahl der Sammler und möglichen Käufer nicht gering - und beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds wie auch bei der Bayerischen Schlösserverwaltung ist noch kein Signal zu vernehmen, das auf einen Rückkauf hindeutet.

      Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Kenntnis über den Wittelsbacher Diamanten in Bayern in den vergangenen Jahrzehnten stark nachgelassen hat. Selbst bei der großen Ausstellung der Schlösserverwaltung ("Bayerns Krone 1806") in der Münchner Residenz vor zwei Jahren wussten die wenigsten der 200 000 Besucher, dass nicht mehr der blaue Diamant im Haupt der Königskrone steckt, sondern lediglich eine Nachbildung. Wie Andreas von Majewski, der Leiter der Inventarverwaltung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, auf Anfrage bestätigte, hat das Haus Wittelsbach den Diamanten im Jahr 1951 verkauft. Danach verlor sich seine Spur - bis er vor etlichen Wochen plötzlich wieder auftauchte. Via Luftfracht war er in einem Labor in New York gelandet, wo er zur Bestimmung seines Materialwerts auf Farbe, Schliff, Reinheit und Karat-Gewicht abgeklopft wurde. Die Aktion war ein Indiz dafür, dass der Diamant verkauft werden soll.

      Immerhin ist der Wittelsbacher Diamant mit 35,50 Karat der zweitgrößte blaue historische Diamant der Welt. Übertroffen wird er nur noch vom Hope-Diamant, der ein Gewicht von 45,52 Karat aufweist. Die österreichische Erzherzogin Maria Amalia habe den blauen Wittelsbacher anno 1722, als sie den bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht heiratete, als Brautgeschenk mit nach München gebracht, sagt Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin und einer der besten Kenner der Diamantenhistorie. In Schloss Nymphenburg hängt sogar noch ein Gemälde, das die spätere Kaiserin Maria Amalia mit ihrer Krone zeigt, in die der blaue Diamant gefasst ist. Nach ihrem Tod ließ ihr Sohn, Kurfürst Max III. Joseph, 1761 für den Diamanten eine Fassung im Orden des Goldenen Vlies anfertigen, der zur Repräsentation getragen wurde. Im Inventar-Verzeichnis der Münchner Schatzkammer von 1774 ist das Stück als "großer blauer Prilliant" beschrieben, der "von so ausnehmender Schenne (Schönheit), Reine und Farb (ist), dass keiner dergleichen zu fünden ist". Zur Gründung des Königreichs Bayern im Jahr 1806 wurde der Diamant in die neue Krone eingearbeitet und mit weißen Brillanten umfasst. Nach dem Ende der Monarchie gehörte der Wittelsbacher Diamant zum Inventar der Landesstiftung des Wittelsbacher Ausgleichsfonds. Von da an wird sein weiterer Werdegang unübersichtlich.

      Die Gründung des Freistaats Bayern anno 1918 veranlasste das Haus Wittelsbach, eine Entschädigung für das an den Freistaat gefallene Eigentum des Hauses zu verlangen. Zu diesem Zweck wurde 1923 der Wittelsbacher Ausgleichsfonds gegründet. Alle Kunstgegenstände und Schmuckstücke des Hauses Wittelsbach wurden laut Ottomeyer in eine Landesstiftung eingebracht und sollten dauerhaft in Museen und der Schatzkammer der Residenz öffentlich ausgestellt werden. Der Verkauf einzelner Gegenstände der Landesstiftung bedurfte der ausdrücklichen Genehmigung der Staatsregierung. In der Notzeit des Jahres 1931 waren die Einnahmen des Hauses Wittelsbach aus Holzverkäufen indessen drastisch zurückgegangen. Liquiditätsprobleme begründeten nun den Antrag, den Wittelsbacher Diamanten verkaufen zu dürfen. Die Staatsregierung mit Ministerpräsident Held stimmte zu. Am 21. Dezember 1931 sollte der Diamant im Auktionshaus Christie"s versteigert werden. Doch es kam kein Gebot zustande. Der Stein aber war von da an verschwunden - er wurde wohl bis 1951 im Safe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds aufbewahrt und dann, wie erwähnt, verkauft.

      Im August 1961 erwarb der Juwelenhändler Jozef Komkommer in Antwerpen einen Diamanten von einer Erbengemeinschaft des Edelstein-Magnaten Romi Goldmuntz. Die Erben hatten in dessen Nachlass einen großen blauen Stein mit altem Schliff gefunden und fragten bei Komkommer wegen eines neuen Schliffs nach. Dieser erkannte jedoch den Wert der Preziose und kaufte sie den Erben ab. Er ahnte, dass er den seit 30 Jahren nicht mehr gesehenen Wittelsbacher Diamanten erstanden hatte.

      Komkommer bot ihn 1962 dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds für 1,5 Millionen Mark zum Rückkauf an. Herzog Albrecht, der Chef des Hauses, lehnte dies aber ab. Komkommer beauftragte daraufhin den Juwelier Renatus Wilm, den Diamanten zu verkaufen. Wilm fand einen Käufer, der aber anonym blieb. In verschiedenen Illustrierten war die Rede davon, dass Heidi Horten, die Frau des 1987 gestorbenen Kaufhaus-Magnaten Helmut Horten, im Besitz eines 35-karätigen blauen Diamanten sei. Vom blauen Wittelsbacher war nicht die Rede. Lediglich die Welt am Sonntag schrieb 1979 mit Erlaubnis Hortens, dass dieser seiner Frau den Wittelsbacher Diamanten zur Hochzeit geschenkt habe.

      Es spricht vieles dafür, dass dies stimmt. Heidi Horten gilt momentan mit einem Vermögen von drei Milliarden Euro als reichste Österreicherin. Dass sie den blauen Wittelsbacher verkaufen will, zeigten zuletzt dessen nichtöffentliche Präsentationen in St. Moritz und Wien. Vor allem sein historischer Wert spräche dafür, den berühmtesten historischen deutschen Stein nach Bayern zurückzuholen. "Nach den Versäumnissen in den 30er, 50er und 60er Jahren wäre dies eine Verpflichtung", sagt Hans Ottomeyer. Andreas von Majewski vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds sagt, es sei noch nicht entschieden, ob man mitbiete. Wird die Chance des Rückkaufs in London aber jetzt nicht genützt, wird der blaue Wittelsbacher wohl nicht mehr in die Schatzkammer der Residenz zurückkehren. München wäre ärmer.

      Jürgen Evers ist Hochdruck-Chemiker und Professor am Department für Chemie und Biochemie der LMU München.

      Blauer Wittelsbacher unterm Hammer

      Blauer Wittelsbacher unterm Hammer

      London - Ein Diamant aus dem Hause Wittelsbach soll in London für neun Millionen Pfund (11,3 Millionen Euro) versteigert werden. Der "Blaue Wittelsbacher" ist ein 35,56-karätiger naturblauer Diamant und wird seit 80 Jahren erstmals öffentlich zum Verkauf angeboten, teilte das Auktionshaus Christie"s mit. Der Edelstein gilt demnach als einer der berühmtesten Diamanten der Welt. Es wird davon ausgegangen, dass er aus Indien stammt. Der König von Spanien, Philipp IV., hatte ihn 1664 als Mitgift für seine Tochter Infantin Margarita Teresa ausgewählt. In den Besitz des Hauses Wittelsbach kam der Diamant 1722. dpa

      Blauer Diamant für zehn Millionen Euro zu ersteigern

      Blauer Diamant für zehn Millionen Euro zu ersteigern

      Das Londoner Auktionshaus Christie's versteigert einen blauen Diamanten mit königlicher Geschichte: Der Stein, benannt nach dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, wiegt 35,56 Karat. Von der Auktion am 10. Dezember erhofft sich Christie's einen Erlös von neun Millionen Pfund (10,4 Millionen Euro). König Philip IV. von Spanien kaufte den Stein 1664 und schenkte ihn seiner Tochter Margarita Teresa. Er blieb im Besitz des Adelsgeschlechts, bis er nach dem Ersten Weltkrieg verloren ging. Christie's versteigerte ihn erstmals 1931. Danach verschwand der Stein erneut und tauchte in den 60er-Jahren wieder auf, als ein Juwelier seine Bedeutung erkannte und eine weitere Bearbeitung ablehnte. AP

      Ein Wittelsbacher unter dem Hammer

      Ein Wittelsbacher unter dem Hammer

      Christie"s versteigert den blauen Diamanten, ein Ursymbol des Staates Bayern

      München - Einen blauen Diamanten sollte man halt besitzen. Beim Londoner Versteigerungshaus Christie"s sind zuletzt für solche Stücke Preise zwischen 100 000 und 650 000 Dollar pro Karat erzielt worden. Die Wiener Milliardärin Heidi Horten kann also auf ein erkleckliches Sümmchen hoffen, ist sie doch mit großer Wahrscheinlichkeit im Besitz des berühmten Wittelsbacher Diamanten. Der hat mit einem Gewicht von 35,56 Karat (= 7,112 Gramm) einen Materialwert von bis zu 20 Millionen Dollar. Ob er diese Summe einbringen wird, das wird sich am Mittwoch im Londoner Auktionshaus Christie"s erweisen, wo der blaue Diamant versteigert werden soll. Die Auktion stößt nicht nur wegen ihrer materiellen Dimension auf weltweites Interesse. Der zweitgrößte blaue historische Diamant der Welt ist einer der geheimnisvollsten Edelsteine überhaupt.

      Wie aus dem Nichts tauchte er im 18. Jahrhundert plötzlich am Wiener Hof der Habsburger auf. Zum ersten Mal richtig greifbar wird er 1722, als ihn die österreichische Erzherzogin Marie Amalia als Brautgeschenk in die Ehe mit dem Wittelsbacher Karl Albrecht mitbrachte. Durch diese Heirat wurde aus dem blauen Diamanten der "blaue Wittelsbacher", wie er in Fachkreisen heute noch tituliert wird (Christie"s dagegen nennt ihn "The Wittelsbach Diamond").

      Dass die Versteigerung besonders in Bayern aufmerksam verfolgt wird, hängt damit zusammen, dass der Diamant zu den Kronjuwelen des bayerischen Königshauses zählte. Als Bayern 1806 zur Monarchie aufstieg, wurde er als Leitstein in die neue Krone eingearbeitet. In Stielers Porträt von König Ludwig I. (1826) stehen Krone und blauer Diamant auf der damaligen Verfassung. Nach dem Ende der Monarchie anno 1918 aber war es mit der Unantastbarkeit des Edelsteins vorbei. Es begann eine fast 80-jährige Odyssee, die an diesem Mittwoch in London vorerst unterbrochen wird.

      Nach dem Ersten Weltkrieg war der Stein in Bayern kaum noch zu sehen, höchstens noch beim Begräbnis des Ex-Königs Ludwig III. Danach wurde der Diamant in eine Landesstiftung eingebracht. Er sollte dauerhaft in der Münchner Residenz ausgestellt werden. In der Notzeit des Jahres 1931 aber waren die Einnahmen des Hauses Wittelsbach eingebrochen, und so genehmigte die bayerische Staatsregierung den Verkauf des Diamanten. Auch damals wurde das Auktionshaus Christie"s damit betraut, aber es ging kein überzeugendes Gebot ein. In den folgenden Jahrzehnten blieb der Diamant verschollen, er verschwand wohl in einem Wittelsbacher Tresor. Der Leitstein der bayerischen Krone war indessen durch einen Saphir ersetzt worden.

      Im Jahr 1961 tauchte der blaue Wittelsbacher bei dem Juwelenhändler Jozef Komkommer auf, der ihn von einer Erbengemeinschaft gekauft hatte. Diese wollte den Stein bei ihm umschleifen lassen, damit wäre er freilich zerstört worden. Zum Glück erkannte Komkommer den Stein und bot ihn dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds vergeblich zum Rückkauf an. Komkommer fand dann über den Hamburger Juwelier Renatus Wilm doch noch einen Käufer, über den aber bis 1979 nichts bekannt war. Aus einigen Illustriertenberichten konnte man immerhin folgern, dass der Kaufhauskönig Helmut Horten den Edelstein seiner Frau Heidi geschenkt hatte.

      1931 konnte der Diamant wegen der damaligen Wirtschaftskrise nicht verkauft werden. Auch diesmal findet die Versteigerung in einer Zeit der Krise statt. Die Rückkehr dieses Ursymbols der bayerischen Staatlichkeit nach München scheint schon deshalb ausgeschlossen zu sein, weil der Freistaat finanziell angeschlagen ist. Auch das Haus Wittelsbach hält sich bedeckt. Es schaut ganz danach aus, als ob der blaue Wittelsbacher nicht mehr in die Münchner Residenz zurückkehren wird.

      Der „Blaue Wittelsbacher“

      Der „Blaue Wittelsbacher“
      Ein Schnäppchen im Vergleich zur Landesbank


      09. Dezember 2008 Auch Diamanten haben ihre Geschichte. Eine die, gemessen an menschlichem Maß, unendliche Zeiträume überspannt. Denn den Stoff, aus dem heutige Begierden sind, hat die Natur unter hohem Druck und ebensolchen Temperaturen in großer Tiefe geformt. Reiner Kohlenstoff, das härteste Material. Es ist durch Vulkanismus in die oberste Erdkruste gewandert; die ältesten Diamanten sind mehr als drei Milliarden Jahre alt. Insofern berührt unsere Geschichte hier dann nur den vorläufig letzten Sekundenbruchteil im Leben eines solchen Edelsteins: Sie beginnt mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1664 am spanischen Königshof.

      Die Reise ans Licht tritt dieser Diamant vermutlich im frühen siebzehnten Jahrhundert in Indien an. Es gibt Grund zur Annahme, dass der blaue Stein aus den Minen des Großmoguls Jahangir stammt und von Agra aus seinen Weg an den Hof Philipps IV. gefunden hat. Der spanische König schenkt ihn seiner Tochter Teresa, was wiederum sein Hofmaler Diego Velázquez auf einem Porträt von ihr festhält. Dann wird Teresa die Gattin des Habsburger Kaisers Leopold I., der Stein mithin 1666 Teil des österreichischen Kronschatzes. Über die österreichische Erzherzogin Maria Amalia, die 1712 in München den Kurprinzen Karl Albrecht ehelicht, kommt der Diamant in den Besitz der Wittelsbacher. Auch sie erkennen seine Ausnahmestellung und würdigen ihn entsprechend. Im Jahr 1774 heißt es in einer Inventarliste: „Der grosse plaue Prilliant“ sei von so ausnehmender Schönheit, „daß keiner der gleichen zu finden ist“. Max III. Joseph lässt eine Fassung für das Goldene Vlies anfertigen, das zu Repräsentationszwecken getragen wird. 1806, als Bayern Königreich wird, findet der Diamant seinen Platz als Leitstein in der Krone.

      Nach vergeblicher Versteigerung verschwunden

      Nach der Revolution von 1918 beginnt für den „Blauen Wittelsbacher“, wie er nun allgemein genannt wird, erneut eine unruhige Zeit. Der 1923 gegründete Wittelsbacher Ausgleichsfonds sieht nämlich vor, dass Kunstgegenstände sowie Schmuck in eine Landesstiftung einzubringen sind - um sie dauerhaft in Museen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als das Adelsgeschlecht, das Bayern mehr als achthundert Jahre lang regiert hat, 1931 wegen der Inflation und schlechter Erträge aus der Forstwirtschaft in arger Geldnot ist, genehmigt die Staatsregierung den Verkauf einzelner Gegenstände der Landesstiftung. Man entscheidet sich für Schmuckstücke, weil man diese für weniger auffällig und vermeintlich leichter verschmerzbar hält als etwa Gemälde.

      Am 21. Dezember 1931 soll der „Blaue Wittelsbacher“ bei Christie's in London versteigert werden. Der Versuch misslingt, es findet sich kein Käufer. Die Spur des Steines verliert sich nach dieser Auktion für drei Jahrzehnte. Jedoch in München hat man ihn buchstäblich abgehakt - und aus der Inventarliste gestrichen. Anfang der sechziger Jahre taucht er in Antwerpen bei einem Juwelenhändler namens Jozef Komkommer wieder auf; der hat ihn, den Wert des Diamanten erkennend, einer Erbengemeinschaft abgekauft, die wegen eines neuen Schliffs bei ihm vorstellig geworden ist. Für 1,5 Millionen Mark bietet der Händler dem Haus Wittelsbach den Stein zum Kauf an. Herzog Albrecht aber lehnt ab. Warum er das tut, ist allerdings unklar. Und auch die Summe, sagt Andreas von Majewski, der Leiter der Inventarverwaltung beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds, könne er nicht bestätigen. Aufzeichnungen darüber existierten nicht.

      Der zweitgrößte blaue Diamant überhaupt

      Komkommer jedenfalls gibt den Diamanten an den Hamburger Juwelier Renatus Wilm, der ihn an einen ungenannten Privatmann verkauft. Seit dieser Zeit geistert der Name Horten als Besitzer durch die Gazetten. Heidi Horten, österreichische Milliardärin, soll den Stein als Morgengabe zur Hochzeit von ihrem Mann, dem Kaufhausmogul Helmut Horten, bekommen haben. Und nun will sie sich offenbar von der Pretiose trennen. So liegt diese wieder bei Christies's, aufgerufen jetzt für neun Millionen Pfund, umgerechnet 11,3 Millionen Euro. Die große Frage wird sein: Wer zahlt's? Oder anders gefragt: Zahlt's wer?

      Der Preis ist insofern vollkommen realistisch, als er sich einfach nach dem derzeit gängigen Marktwert richtet, welcher nach Karat berechnet wird. Schließlich erhielte der Käufer eine äußerste Rarität. Weniger als ein Prozent aller gefundenen Diamanten sind blau, und der Wittelsbachische ist mit einer Karatzahl von 35,56 nach dem Hope-Diamanten mit 45,52 Karat der zweitgrößte blaue Diamant überhaupt. Der 7,10 Gramm schwere Edelstein ist in einem alten Stil, dem sogenannten Kissenschliff gearbeitet; der taubeneigroße Stein sei „von beeindruckender Qualität“, berichtet Rudolf Biehler: Der Edelsteinhändler vom Münchner Promenadeplatz kennt seinen Wittelsbacher - nicht nur, weil er auf die Frage, wie lange er schon in diesem Geschäft sei, ungerührt antwortet: „Mehr als dreihundert Jahre.“ Sein Großvater habe den Stein als Konservator in der Schatzkammer der Residenz bewacht, er selbst habe ihn schon in den sechziger Jahren gesehen - damals, beim Juwelier Wilm in Hamburg. Auch Biehler wird heute bei der Auktion in London sitzen. „Alle werden da sein.“ Um zu kaufen? „Nein, kaufen werden wir ihn nicht, aber genau beobachten, was passiert.“

      Für ihn hat Bayern wohl kein Geld

      Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass der Stein wieder auf den Markt kommen wird, brach in München ein geradezu untypisches Schweigen aus. Höchstens ein Mit-dem-Finger-auf-andere-Deuten war zu sehen. Die Zuständigkeiten werden sehr unterschiedlich definiert. Kaufen? Ja, klar. Aber wer denn? Die Wittelsbacher? Eher nicht. Etwas dazu zu sagen? Jetzt auf keinen Fall. Und wenn doch, dann am ehesten die Landesstiftung, der die Krone gehört, in die der Stein zurück sollte. Die müsste doch wollen. Andreas von Majewski vom Ausgleichsfonds für sein Teil sagt lediglich: „Wir beobachten als ehemaliger Verkäufer die Szenerie.“ Andere nennen als berufene Käufer das Finanzministerium, am Ende auch die Landesregierung - aber zitieren lassen mag sich in dieser Causa niemand so recht. Ohne Zustimmung des Landtags, meint eine Kennerin, wäre der Kauf sicher nicht möglich.

      Aber die Politik, die hat zur und auf unabsehbare Zeit ganz andere Sorgen. Die rettet für Aber-Milliarden die Bayerische Landesbank, die sie all die Jahre nicht ausreichend kontrolliert hat, obwohl so viele CSU-Minister im Verwaltungsrat saßen. Und ausgerechnet Abgeordnete sollen in dieser Lage Geld für einen Edelstein herausrücken, auch wenn die Summe im Vergleich zur täglichen Milliardenjonglage erdnussmäßig klein ist? Bleibt nur die Hoffnung auf einen in aller Stille akquirierten Mäzen oder auf ein Konsortium, das den Stein erwerben und ihn dem Museum als Dauerleihgabe überlassen soll.

      Ein Stein für den Handel ist das ohnehin nicht

      Damit kommt man zum Kern des Problems, an die Frage nämlich, ob ein Diamant mit einem Gemälde vergleichbar sei? Die gefühlte Meinung neigt sich gegen ein einfaches Ja: Ein einzelner Diamant, und sei er noch so groß, wird keine Besucherschlangen generieren, wie sie sich derzeit im Fall der Kandinsky-Ausstellung im Lenbachhaus um den Block wickeln. Denn ein Edelstein gilt eher als Kunstgewerbe denn als Kunst. „Ein Rubens oder ein Dürer, das ist schon ganz etwas anderes“, meint auch Andreas von Majewski. Obendrein wurde der fehlende Stein in der Krone durch ein blaues Imitat ersetzt; die Krone wirkt also komplett. Und damit habe man doch gut gelebt, meint eine Kunsthistorikerin, die lieber auch nicht in der Zeitung stehen möchte.

      Dennoch ist es eindeutig: Die Freude über eine Rückkehr des „Blauen Wittelsbachers“ wäre enorm. Ein Stein für den Handel, erklärt Rudolf Biehler, sei das ohnehin nicht. Und auch keiner, den man umschleifen dürfe: „Wenn das geschieht, dann ist er wertlos. Das wäre absolut barbarisch. Wer das tut, dem würde ich alles an den Hals wünschen.“ Das emotionale Potential eines solchen Juwels ist also unverändert turmhoch. Christie's versucht nur, aus diesem international verbreiteten Phänomen Kapital zu schlagen. Aber welche Superreichen kommen als Käufer infrage - arabische Scheichs, russische Oligarchen, chinesische Tycoons? Immerhin, im Falle eines Käufers aus dem Morgenland wäre es Biehler nicht bange: „Die Araber haben ein hohes Maß an Sensibilität, sie beschützen solche Steine.“

      Wieder in Krisenzeiten unter dem Hammer

      Am Staatsministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst, das einen Beamten in den Vorstand der Wittelsbacher Landesstiftung entsendet, sieht man die Angelegenheit noch aus einer ganz anderen Perspektive. Hier beklagt man das Fehlen eines staatlichen Vorkaufsrechts. Es gibt bis heute keine bundeseinheitliche Regelung, um solche Pretiosen für das Land zu sichern. Immer wieder - wie zuletzt im Fall der Ottheinrich-Bibel - würden wertvollste Kunstgegenstände außer Landes geschafft, um sie verkaufen zu können; der Fall des Diamanten liege zwar tendenziell anders, aber Fragezeichen blieben viele, was nach 1931 mit dem Stein geschehen sei.

      Auch verblüfft eine erstaunliche Parallelität der Geschichte: Der „Blaue Wittelsbacher“ kommt zum zweiten Mal inmitten einer globalen Wirtschaftskrise unter den Hammer - ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt für einen Verkauf. Muss der Freistaat über seinen Schatten springen? Rudolf Biehler sagt: „Wenn es Seehofer täte, wäre es nicht falsch.“ Ob am Mittwoch ein Emissär des bayerischen Ministerpräsidenten unter den Bietern sitzt?
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      Liebhaber zahlt 18,7 Millionen Euro für Diamant

      Liebhaber zahlt 18,7 Millionen Euro für Diamant

      Berühmter Edelstein in London versteigert

      Der "Blaue Wittelsbacher" ist unter den Hammer gekommen: Bei einer Versteigerung in London legte ein Käufer 18,7 Millionen Euro für den Edelstein hin. Der berühmteste Diamant der Welt wurde seit 80 Jahren zum ersten Mal zum Verkauf angeboten

      Der 35,56-karätige naturblaue Stein brach den bisherigen Weltrekord von umgerechnet 6,9 Millionen Euro für einen farbigen Diamanten. Neuer Besitzer ist der Londoner Luxus-Juwelier Laurence Graff.

      Stein stammt aus Indien
      Es wird davon ausgegangen, dass der Edelstein aus Indien stammt. Der König von Spanien, Philipp IV., hatte ihn 1664 als Mitgift für seine Tochter Infantin Margarita Teresa ausgewählt. Anschließend ging er durch deren Heirat mit Kaiser Leopold I. in den österreichischen Kronschatz ein.
      In den Besitz des Hauses Wittelsbach kam der Diamant im Jahr 1722. Damals brachte ihn die Erzherzogin Maria Amalia von Österreich in die Ehe mit dem bayerischen Kronprinzen Karl Albrecht mit. Er wurde bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 in der Spitze der bayerischen Krone getragen.

      "Absolut einzigartiges" Stück
      Zum letzten Mal wurde der Stein beim Begräbnis von Ludwig III. öffentlich gezeigt. 1931 bot Christie's den Diamanten zusammen mit Kronjuwelen aus dem bayerischen Kronschatz zur Versteigerung an. Dann verlor sich sein Weg, bis er Jahre später angeblich bei einem Juwelier wieder auftauchte. Seit 1964 befand sich der 7,11 Gramm schwere Edelstein in einer Privatsammlung. Wie Medien berichteten, hatte ihn vermutlich der Kaufhausgründer Helmut Horten seiner österreichischen Frau Heidi geschenkt.

      Blaue Diamanten sind extrem selten und "in dieser Größe, Qualität, Form und Herkunft absolut einzigartig", erklärte Christie's. Den bisherigen Weltrekord für einen blauen Diamanten hielt nach Angaben des Auktionshauses bisher ein 13,39 Karäter, der im vergangenen Mai in Genf versteigert worden war.
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      Wittelsbacher Diamant für 18,7 Millionen Euro versteigert

      Wittelsbacher Diamant für 18,7 Millionen Euro versteigert

      London (AFP) — Ein berühmter Diamant aus den bayerischen Kronjuwelen ist in London zu einem Rekordpreis von 16,4 Millionen Pfund (18,7 Millionen Euro) versteigert worden. Damit erreichte der "Blaue Wittelsbacher" fast das Doppelte des Schätzpreises von rund neun Millionen Pfund, wie das Auktionshaus Christie's mitteilte. Der spanische König Philipp IV. hatte den 35,56-karätigen graublauen Stein 1664 als Mitgift für seine Tochter, die Infantin Margarita Teresa, ausgewählt.

      Sie heiratete später den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Leopold I., aus dem Hause Habsburg. Später gehörte der Stein zum Kronschatz des Hauses Wittelsbach, seit 1964 befand er sich in Privatbesitz.
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      „Blauer Wittelsbacher“ für rund 16 Millionen Pfund versteige

      „Blauer Wittelsbacher“ für rund 16 Millionen Pfund versteigert

      Der „Blaue Wittelsbacher“, ein naturblauer Diamant, der früher die bayerische Krone zierte, wurde für 16,4 Millionen Pfund versteigert. Der nach dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher benannte Diamant wiegt 35,56 Karat.

      Der „Blaue Wittelsbacher“, ein seltener naturblauer Diamant, der einst die bayerische Krone zierte, ist in London für einen absoluten Rekordpreis versteigert worden. Er erzielte 16,4 Millionen Pfund (18,78 Millionen Euro), wie das Auktionshaus Christie´s am Mittwoch mitteilte.

      Das was fast doppelt so viel, als vor der Versteigerung erwartet worden war, und der höchste Preis, der jemals überhaupt für einen Edelstein bezahlt wurde. Neuer Besitzer wurde Christie´s zufolge der internationale Diamantenhändler und Milliardär Laurence Graff.

      Der nach dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher benannte Edelstein wiegt 35,56 Karat und wird wegen seiner Farbe und Reinheit gerne mit dem berühmten Hope-Diamanten verglichen. Der Wittelsbach-Diamant ist zwar deutlich kleiner als der Hope, war jedoch bei den europäischen Herrschern über Jahrhunderte sehr beliebt.

      König Philip IV. von Spanien kaufte den Stein 1664 und machte ihn zu einem Teil der Aussteuer für seine Tochter Margarita Teresa. Als sie im jungen Alter starb, blieb der Diamant im Besitz ihres Ehemannes Leopold I. von Österreich und wurde an dessen Erben weitergegeben.

      Den Namen der Wittelsbacher bekam der Stein nach 1722, als Leopolds Enkelin Karl von Bayern heiratete, ein Mitglied der Familie Wittelsbach. Der Diamant blieb im Besitz des Adelsgeschlechts, bis er nach dem Ersten Weltkrieg verlorenging. Christie´s versteigerte den blauen Diamanten erstmals 1931. Danach verschwand der Edelstein aus der Öffentlichkeit. Er tauchte in den 60er Jahren wieder auf, als ein Juwelier seine historische Bedeutung erkannte und eine weitere Bearbeitung ablehnte.

      Farbige Diamanten erzielen wegen ihrer Seltenheit stets hohe Preise bei Versteigerungen. Ein deutlich kleinerer blauer Stein von 13,39 Karat wechselte im Mai für umgerechnet sieben Millionen Euro den Besitzer.

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      Von Hans Kratzer

      München - Einen blauen Diamanten sollte man halt besitzen. Beim Londoner Versteigerungshaus Christie"s sind zuletzt für solche Stücke Preise zwischen 100 000 und 650 000 Dollar pro Karat erzielt worden. Die Wiener Milliardärin Heidi Horten kann also auf ein erkleckliches Sümmchen hoffen, ist sie doch mit großer Wahrscheinlichkeit im Besitz des berühmten Wittelsbacher Diamanten. Der hat mit einem Gewicht von 35,56 Karat (= 7,112 Gramm) einen Materialwert von bis zu 20 Millionen Dollar. Ob er diese Summe einbringen wird, das wird sich am Mittwoch im Londoner Auktionshaus Christie"s erweisen, wo der blaue Diamant versteigert werden soll. Die Auktion stößt nicht nur wegen ihrer materiellen Dimension auf weltweites Interesse. Der zweitgrößte blaue historische Diamant der Welt ist einer der geheimnisvollsten Edelsteine überhaupt.

      Wie aus dem Nichts tauchte er im 18. Jahrhundert plötzlich am Wiener Hof der Habsburger auf. Zum ersten Mal richtig greifbar wird er 1722, als ihn die österreichische Erzherzogin Marie Amalia als Brautgeschenk in die Ehe mit dem Wittelsbacher Karl Albrecht mitbrachte. Durch diese Heirat wurde aus dem blauen Diamanten der "blaue Wittelsbacher", wie er in Fachkreisen heute noch tituliert wird (Christie"s dagegen nennt ihn "The Wittelsbach Diamond").

      Dass die Versteigerung besonders in Bayern aufmerksam verfolgt wird, hängt damit zusammen, dass der Diamant zu den Kronjuwelen des bayerischen Königshauses zählte. Als Bayern 1806 zur Monarchie aufstieg, wurde er als Leitstein in die neue Krone eingearbeitet. In Stielers Porträt von König Ludwig I. (1826) stehen Krone und blauer Diamant auf der damaligen Verfassung. Nach dem Ende der Monarchie anno 1918 aber war es mit der Unantastbarkeit des Edelsteins vorbei. Es begann eine fast 80-jährige Odyssee, die an diesem Mittwoch in London vorerst unterbrochen wird.

      Nach dem Ersten Weltkrieg war der Stein in Bayern kaum noch zu sehen, höchstens noch beim Begräbnis des Ex-Königs Ludwig III. Danach wurde der Diamant in eine Landesstiftung eingebracht. Er sollte dauerhaft in der Münchner Residenz ausgestellt werden. In der Notzeit des Jahres 1931 aber waren die Einnahmen des Hauses Wittelsbach eingebrochen, und so genehmigte die bayerische Staatsregierung den Verkauf des Diamanten. Auch damals wurde das Auktionshaus Christie"s damit betraut, aber es ging kein überzeugendes Gebot ein. In den folgenden Jahrzehnten blieb der Diamant verschollen, er verschwand wohl in einem Wittelsbacher Tresor. Der Leitstein der bayerischen Krone war indessen durch einen Saphir ersetzt worden.

      Im Jahr 1961 tauchte der blaue Wittelsbacher bei dem Juwelenhändler Jozef Komkommer auf, der ihn von einer Erbengemeinschaft gekauft hatte. Diese wollte den Stein bei ihm umschleifen lassen, damit wäre er freilich zerstört worden. Zum Glück erkannte Komkommer den Stein und bot ihn dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds vergeblich zum Rückkauf an. Komkommer fand dann über den Hamburger Juwelier Renatus Wilm doch noch einen Käufer, über den aber bis 1979 nichts bekannt war. Aus einigen Illustriertenberichten konnte man immerhin folgern, dass der Kaufhauskönig Helmut Horten den Edelstein seiner Frau Heidi geschenkt hatte.

      1931 konnte der Diamant wegen der damaligen Wirtschaftskrise nicht verkauft werden. Auch diesmal findet die Versteigerung in einer Zeit der Krise statt. Die Rückkehr dieses Ursymbols der bayerischen Staatlichkeit nach München scheint schon deshalb ausgeschlossen zu sein, weil der Freistaat finanziell angeschlagen ist. Auch das Haus Wittelsbach hält sich bedeckt. Es schaut ganz danach aus, als ob der blaue Wittelsbacher nicht mehr in die Münchner Residenz zurückkehren wird.

      Der Blaue Wittelsbacher

      Der Blaue Wittelsbacher heißt jetzt der Wittelsbach-Graff Diamant
      Die Abschaffung der Ewigkeit

      16. Januar 2010 Aus einer Tiefe von hundertundfünfzig Kilometern hat er sich nach oben gearbeitet. Kristallisierter Kohlenstoff in reinster Form, kaum so groß wie ein Taubenei. Jahrmillionen dauerte der Weg, jedes Jahr nur Millimeterdistanzen. Zufällig erblickte er das Licht der Welt in einem Erdzeitalter, das schon Menschen kannte. In Indien, wahrscheinlich in den berühmten Minen von Kollur in der Region Golconda, wurde er gefunden, im siebzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Den Weg nach Europa findet der Diamant möglicherweise mit dem Reisenden Baron Jean Baptiste Tavernier, der Ludwig XIV. Juwelen verkaufte. Aus den Minen von Kollur stammen die berühmtesten Diamanten der Welt, der Koh-i-Noor, der Hope, der Grüne Dresdner, der Orlov, der Regent und der Sancy.

      „Den höchsten Wert unter den Gütern des Menschen, nicht nur unter den Edelsteinen, hat der Diamant (adamas), lange Zeit nur Königen und auch unter ihnen nur wenigen bekannt.“ So schildert es Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Adamas, griechisch für unbezwingbar. Man erkenne Diamanten „auf dem Amboss, da sie die Schläge so zurückstoßen, dass das Eisen nach beiden Seiten auseinanderfährt und sogar der Amboss selbst zerspringt; ihre Härte ist unbeschreiblich, und zugleich haben sie eine Widerstandskraft dem Feuer gegenüber und erwärmen sich niemals.“

      Die vier C sagen viel, aber nicht alles

      So sah er aus, bevor er umgeschliffen wurde: Der blaue Wittelsbacher Diamant (1666 bis 2009)
      Längst hat man Kategorien, Diamanten mit den vier „C“ zu beschreiben: carat, colour, clarity, cut. Aber ein solcher Stein ist eben mehr als nur Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Besonders selten sind die farbigen Diamanten (in der Fachwelt als „fancy diamonds“ bezeichnet). Weil diese großen Steine solche Raritäten sind, bündeln sich in ihnen stets Politik und Mythenbildung. Der Sancy etwa war der Leitstein der französischen Krone und ist heute im Besitz der Hohenzollern, was ihn nicht davor bewahrt, immer wieder einmal zum Kauf angeboten worden zu sein. Dieses Schicksal hat auch den Blauen Wittelsbacher mehrmals ereilt. Seine überirdische Laufbahn beginnt offiziell 1666, als er in Wien eintrifft als Teil einer Mitgift. Von den Habsburgern wandert der 35,56 Karat schwere Diamant (ein Karat entspricht 0,2 Gramm) 1712 mit der österreichischen Erzherzogin Maria Amalia nach München zu den Wittelsbachern, weil diese den Kurprinzen Karl Albrecht heiratet. Von seinem Geschlecht leitet sich nun auch der königliche Name ab: der Blaue Wittelsbacher ziert als Leitstein die bayerische Krone – heute ist an seiner Stelle ein kitschiger Glasstein eingesetzt.

      Als das Haus die Macht verliert, gerät er in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in die Dunkelheit, später in bürgerliche Kreise, schließlich in die Hände einer österreichischen Millionenerbin, die sich von ihm trennt. Im gleißenden Licht einer Londoner Auktion (F.A.Z. vom 10. Dezember 2008) bekommt der Londoner Juwelenhändler Lawrence Graff den Zuschlag, für die Rekordsumme von knapp neunzehn Millionen Euro. Nach Gewicht gerechnet, der teuerste Schatz der Welt. Graff, ein Selfmademan mit einem geschätzten Vermögen von 1,5 Milliarden Euro, gibt zu Protokoll, er habe mit dem Kauf den Gipfel seiner Karriere erreicht. Gleichzeitig deutet er an, dass er mit dem Juwel etwas vorhabe. Vergangene Woche nun meldete er Vollzug (F.A.Z. vom 9. Januar).

      Die Geschichte wird Graff nicht recht geben

      Durch das Umschleifen hat der Wittelsbacher, der nun „Wittelsbach-Graff“ genannt werden muss, mindestens vier Karat eingebüßt, ist flacher und damit eine Idee bläulicher geworden. Die Fachwelt reagiert entsetzt, einer der ganz großen Steine unserer Zeit ist damit für immer seiner Gestalt beraubt. Der Münchner Schmuckhändler Rudolf Biehler, dessen Großvater als Kurator der Schatzkammer in der Residenz den Blauen Wittelsbacher noch persönlich ins rechte Lichte rückte, rauft sich die Haare. Über die Motive Lawrence Graffs könne er nur spekulieren, wolle das aber nicht tun; „Ich halte Graff für einen tüchtigen Fachmann, er ist ein Kollege, den ich sehr schätze.“ Aber, legt Biehler nach, „er hat einen Fehler begangen: Solche Steine sind Geschenke der Natur an uns, ihre Bedeutung ist riesig. Ich weiß nicht, warum er es gemacht hat, aber ich bin mir sicher, die Geschichte wird ihm nicht recht geben.“ Hans Ottomeyer, Präsident des Historischen Museums Berlin, forscht seit mehr als dreißig Jahren über den Blauen Wittelsbacher. Er müht sich nicht um Diplomatie, wenn er sagt, Graff habe den Stein „vandalisiert“, ihn „wie ein Lutschbonbon flach gemacht“.

      Der Blaue Wittelsbacher spielte für Ottomeyer in der obersten Edelstein-Liga. Ottomeyer: „Er hat zweihundert Jahre bayerischer Landesgeschichte als vornehmster Stein erlebt.“ Auf einer Generalrechnung von 1807 sei sein Wert mit 300 000 Florin angegeben, das habe dem Gesamtwert aller anderen königlichen Schmuckstücke entsprochen. Aber wer redet nur von Geld? Jenseits der materiellen Werte, die sich je nach Konjunktur wandeln, manifestiert sich die Stellung solcher Leitsteine in ihrem Symbolwert. Ottomeyer spricht von einer „singulären Bedeutung durch die Einwertung im symbolischen Sinn“; er meint damit auch den Umstand, dass sich mit dem Besitz der Steins der Anspruch auf die Krone im körperhaften wie im übertragenen Sinn materialisierte. Zumal es gerade im Deutschen Reich nur die Kaiserkrone gegeben habe, Fürsten hätten keine Kronen getragen.

      Unerreichte Schlifftechnik der Inder

      Auch sei die nun vernichtete indische Schlifftechnik der Inder unerreicht sanft gewesen, schwärmt Ottomeyer. Die Inder gingen sehr sorgsam mit den Steinen um, polierten sie mehr als sie abzuschleifen, achteten ihre Form. Davon kann bei Graffs Ansatz keine Rede mehr sein. Der hatte nach dem Kauf angekündigt, er werde dem Stein eine sehr viel modernere und schönere Form geben, weil man schließlich heutzutage über bessere Technik verfüge. Aber ob diese moderne Glitzerform mit den vielen Facetten es mit dem Altschliff aufnehmen kann, ist dann jenseits der enormen Karateinbußen mehr als eine Geschmacksfrage – die Mona Lisa würde man auch ungern ummalen lassen. Hans Ottomeyer deutet Graffs Schritt als ein kalkuliertes Marktmanöver – der Händler wolle das Marktfeld der farbigen Diamanten „insgesamt um ein Mehrfaches steigern.“ Aber damit sei der Blaue Wittelsbacher „endgültig im Feld des „capital investments angekommen“.

      Ottomeyer selbst besitzt eine Nachbildung des Blauen Wittelsbachers. Gesehen, gar in Händen gehalten hat er den echten nie. Das ist allerdings eher der Normalfall, denn heute sind fast alle wichtigen Steine entweder im Ausland oder in Tresoren oder beides. Die wuchtigste Sammlung beherbergt die Smithsonian Institution in Washington, darunter der Hope-Diamant, auch er ein blauer Stein mit 45,52 Karat. In Deutschland hat Dresden im Grünen Gewölbe mit dem Dresdner Grünen Diamanten (41 Karat) den Hut auf.

      Der Kaufhauskönig zog den Stein aus der Hosentasche

      Bedeutungswandel oder die Semiotik der Steine: Ein Diamant ist unvergänglich, so will es die Werbung, und doch bedeutet er für jede Generation etwas anderes. Und bei weitem nicht alle, die ihn besaßen, haben begriffen, welches Stück sie da vorübergehend bewahren durften. Zuletzt hat ihn der Antwerpener Juwelenhändler Jozef Komkommer vor dem Schicksal eines neuen Schliffs bewahrt. Komkommer hatte 1961 erkannt, mit wem er es zu tun hatte. Drei Jahre später kam der Düsseldorfer Kaufhauskönig Helmut Horten und kaufte ihn als verspätete Morgengabe. Bei der nachgeholten Hochzeitsparty schenkte er ihn 1966 im südfranzösischen Cap d’Antibes seiner jungen Frau, einer Sekretärin aus Wien namens Heidi Jelinek – indem er ihn während der Gala einfach aus der Hosentasche zog. Auch damals war wohl keinem bewusst, um welche Pretiose es sich handelte – der neuen Frau Horten, die sich nun von ihm getrennt hat, schien er offenbar nicht blau genug, so dass sie sich jetzt von ihm trennte.

      Dem Blauen Wittelsbacher ist es bei diesem Besitzerwechsel nicht gelungen, seine Form zu wahren, diesmal hat er es nicht geschafft, sich den Augen, der Geschichte, den Begehrlichkeiten zu entziehen. Seine Aura ist, wenn nicht zerstört, so doch dramatisch verändert. Nur einen Wimpernschlag seiner Lebenszeit hat er unter Menschen verbracht, die erkannten, dass er „für immer“ sei, sich aber nicht darum scherten. Deshalb kam es Lawrence Graff auch auf die Semiotik an, deshalb hat er den Diamanten nun offiziell in „Wittelsbach-Graff“ umbenannt. Ende Januar soll er in Washington im Smithsonian-Museum neben dem Star des Hauses, dem Hope-Diamanten, ausgestellt werden. Im Sommer dann geht er seiner nächsten, noch ungewissen Station entgegen. Vermutlich in der Dunkelheit eines Tresors. Aber zumindest das ist er ja gewöhnt.
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      Ist weniger mehr?

      Ist weniger mehr?
      Graff schleift Blauen Wittelsbacher

      11. Januar 2010 Im Dezember 2008 versteigerte Christie's den 35,5 Karat schweren „Blauen Wittelsbacher“, den zweitgrößten blauen Diamanten überhaupt. Den Zuschlag erhielt damals der Londoner Juwelenhändler Laurence Graff bei 14,6 Millionen Pfund. Die Schätzung hatte bei neun Millionen Pfund gelegen. Er hatte also umgerechnet 18,75 Millionen Euro inklusive Aufgeld bewilligt - das ist der höchste Preis, den jemals ein Juwel in einer Auktion erzielt hat.

      Vor der Versteigerung hatte der Münchner Edelsteinhändler Rudolf Biehler in dieser Zeitung erklärt, auf keinen Fall dürfe man den „Blauen Wittelsbacher“ umschleifen: „Wenn das geschieht, dann ist er wertlos. Das wäre absolut barbarisch. Wer das tut, dem würde ich alles an den Hals wünschen.“ Bei seinem nächsten München-Besuch sollte Graff besser inkognito reisen, denn er verpasste dem Diamanten jetzt nicht nur den neuen Namen „Wittelsbach-Graff“, sondern, weitaus schlimmer, tatsächlich auch einen neuen Schliff.

      Zur Auktion eingeliefert im Jahr 1931

      Die Oberfläche aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist verschwunden, die Karatzahl hat sich von 35,5 auf 31 reduziert. Der Eingriff hat die Experten schockiert. Zwar mag der Stein jetzt einen höheren Marktwert haben, doch sein historischer Wert ist stark beeinträchtigt. Und seine Geschichte ist von großer Bedeutung: Wahrscheinlich Anfang des 17. Jahrhunderts in den Minen des Großmoguls Jahangir entdeckt, gelangte der Stein von Indien an den spanischen Königshof. 1664 wurde er erstmals urkundlich erwähnt, als König Philipp IV. ihn seiner Tochter, der dreizehnjährigen Infantin Margarita Teresa, schenkte. Velázquez hat sie als kleines blondes Mädchen im Zentrum der „Meninas“ festgehalten und sie später sogar mit dem berühmten Diamanten porträtiert.

      Durch ihre Hochzeit mit dem Habsburger Kaiser Leopold I. kam das Juwel erst in die Sammlung der Österreicher und schließlich 1712 mit der Ehe der österreichischen Kronprinzessin Maria Amalia und des Kurprinzen Karl Albrecht in die Sammlung der Wittelsbacher. Als Napoleon Bayern zum Königreich erhob, wurde der blau funkelnde Diamant zum Prunkstück der Königskrone. In arge Geldnot geraten, durften die Wittelsbacher den Stein 1931 mit staatlicher Genehmigung bei Christie's zur Auktion in London einliefern, wo er zwar nicht verkauft wurde, aber dann für einige Jahrzehnte von der Bildfläche verschwand. Jetzt geht der geschliffene „Wittelsbach-Graff“ als Leihgabe an die Smithsonian Institution und soll dort noch in diesem Monat neben dem noch größeren Hope-Diamanten in Washington ausgestellt werden.

      Umgeschliffen: Aufregung um Bayerns Kronjuwel

      Umgeschliffen: Aufregung um Bayerns Kronjuwel

      München - Einst gehörte er zu den Kronjuwelen der bayerischen Herrscher, jetzt ist er nicht mehr als ein "Lutschbonbon". Der neue Eigentümer des "Blauen Wittelsbachers" hat den berühmten Diamanten einfach umschleifen lassen.

      Er kam aus dem Bauch der Erde. 160 Kilometer hat der „Blaue Wittelsbacher“ zurückgelegt, in der Geschwindigkeit, in der ein menschlicher Fingernagel wächst. Der Regen holte ihn mit stetem Tropfen aus dem Gestein – bis er im 17. Jahrhundert in einer indischen Mine entdeckt, zur Mitgift am Wiener Hof und später Leitstein der bayerischen Königskrone wurde. Gewicht: 35,56 Karat, Farbe: funkelnd naturblau, klar wie der Himmel. Dieser einzigartige Stein ist nicht mehr derselbe – denn sein aktueller Besitzer, der Londoner Luxus-Juwelier Laurence Graff, hat ihn umschleifen lassen.
      Drei Experten haben mehr als vier Karat von dem Stein abgewetzt, er ist jetzt flacher und bläulicher. War das nötig? Die Fachwelt orientiert sich an den sogenannten „4C“: carat, colour, clarity, cut. Das sind die englischen Begriffe für Gewicht, Farbe, Reinheit und Schliff. Doch das ist nur ein „abstraktes Wertsystem, um den Verkaufswert zu steigern“, kritisiert Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Historischen Museums Berlin. Er hat sich viele Jahre lang für die bayerische Schlösserverwaltung mit den Kroninsignien des Königreichs Bayern beschäftigt und ist Experte für den „Blauen Wittelsbacher“. Viel wichtiger als der Verkaufswert sei die historische Bedeutung dieses Juwels.

      Geschichte eines Kronjuwels
      Im 18. Jahrhundert kam der Diamant durch die Heirat von Maria Amalia mit Karl Albrecht von Bayern in das Haus Wittelsbach – die Hofjuweliere bauten das wertvolle Stück in die Kaiserinnenkrone ein. Kurfürst Max Josef machte ihn 1807 zum Leitstein der Bügelkrone Bayerns. Er stand damit für den legitimen Anspruch auf Herrschaft, Macht und Besitz. Doch 1931 wurde der Stein vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds versilbert – in einem Päckchen mit der Reichspost schickte man ihn nach London ins Auktionshaus „Christie‘s“, wie der Münchner Forscher Jürgen Evers herausfand. Lange verschwand der Stein dann von der Bildfläche – bis ihn der österreichische Kaufhaus-König Helmut Horten kaufte. Einer wohl wahren Anekdote zufolge zog dieser ihn bei einem Gartenfest salopp aus der Hosentasche und schenkte ihn seiner Verlobten Heidi.
      Der jedoch funkelte der „Blaue Wittelsbacher“ angeblich nicht blau genug – so geriet er im Dezember 2008 in die Hände des Luxus-Juweliers Graff. Für den sagenhaften Preis von fast 16,4 Millionen Pfund – das sind 18,7 Millionen Euro – wechselte der blaue Schatz den Besitzer. Das ist bislang der höchste Preis, zu dem ein farbiger Edelstein jemals verkauft wurde.

      Der wertvollste Stein, den Bayern je besessen hat
      „Ein Armutszeugnis“, dass der Freistaat den Schatz nicht gekauft und gerettet hat, findet Rudolf Biehler, 77 Jahre alter Schmuckhändler in München. Biehlers Großvater war vor mehr als 100 Jahren Kurator in der Schatzkammer in der Münchner Residenz – persönlich sorgte er während seiner Amtszeit dafür, dass der Leitstein der bayerischen Königskrone damals gebührend präsentiert wurde. Schließlich war der Diamant mehr wert als alle Stücke der Schatzkammer zusammen. Doch Bayern hatte weder 2008 die knapp 19 Millionen Euro für den Stein, noch die 25 Millionen, die er jetzt angeblich kosten könnte. In der Schlösserverwaltung akzeptiere man den Engpass, heißt es. Und doch versetzt es den Mitarbeitern gerade jetzt einen Stich mitten ins Historiker-Herz, wenn sie an der Krone in der Schatzkammer vorbeigehen. Von deren Spitze glitzert nämlich nur ein Imitat, während der Originalstein ab Donnerstag in Washington ausgestellt wird – seit mehr als 50 Jahren ist er wieder öffentlich zugänglich. Immerhin ist er dort in bester Gesellschaft, schließlich wird er zusammen mit dem blauen „Hope“ – 45,52 Karat – präsentiert.
      Die Krönung der Schmach für die Bayern: Juwelier Graff taufte den „Blauen Wittelsbacher“ um in „Wittelsbach-Graff“. Das zeige, dass ihm die Sensibilität für das Thema völlig fehle, beschwert sich Gerhard Immler, Archivdirektor des Hauptstaatsarchivs. Mit der alten Form ist die Möglichkeit, dass der Stein irgendwann zurückkehrt an seinen alten Platz in der bayerischen Krone, für immer verloren.
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      Skandal um „Blauen Wittelsbacher“

      Skandal um „Blauen Wittelsbacher“ Kronjuwel der Bayern einfach umgeschliffen
      25.01.2010 - 09:25 UHR

      Er leuchtet königsblau wie Bayerns Seen, und in seinen Facetten bricht sich weißes Licht: Der „Blaue Wittelsbacher“, einst Kronjuwel des Freistaats, ist nach 50 Jahren erstmals wieder öffentlich zu sehen.

      Doch Kunstexperten sind empört, berichtet der „Spiegel“: Für die Ausstellung im Naturkundemuseum Washington (ab Donnerstag) ließ der neue Eigentümer das 300 Jahre alte Stück umschleifen, damit es stärker glitzert!

      „Zum Lutschbonbon entwertet“, meint Hans Ottomeyer (63), Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. „Es ist, als hätte man ein Rembrandt-Bild übermalt. Prof. Dr. Jürgen Evers (68) von der Uni München nennt die Aktion gar „Barbarei“.

      35 Karat hatte der seltene blaue Diamant bisher. Um 1700 tauchte er in Wien auf, strahlte ab 1807 in der goldenen Bügelkrone Bayerns. Aus Geldnot verkaufte ihn die Adelsfamilie.

      Über verschiedene Privatbesitzer (zuletzt Kaufhaus-Erbin Heidi Horten) kam er 2008 zu dem Londoner Großjuwelier Laurence Graff (71): Er ersteigerte ihn für 18,7 Mio. Euro bei „Christie’s“.

      Der Londoner Juwelier ließ 4,5 Karat abschleifen: Durchmesser verkleinert, moderne Facetten, mehr Lichtreflexe – er erhofft sich von dem Stein Werbung für seinen Ladenverkauf farbiger Diamanten.

      Könnte Bayern den „Wittelsbacher“ zurückkaufen? Experten glauben, dass Graff mindestens 25 Mio. Euro dafür will ...

      Graff schleift Blauen Wittelsbacher

      Graff schleift Blauen Wittelsbacher

      Der Juwelier Laurence Graff hat sich mit einem neuen Schliff des „Blauen Wittelsbachers“ in die Geschichte des Steins eingeschrieben. Doch nicht nur das, wenn es nach Graff geht, hat der Diamant nun auch einen neuen Namen.
      Von Lisa Zeitz

      11. Januar 2010 Im Dezember 2008 versteigerte Christie's den 35,5 Karat schweren „Blauen Wittelsbacher“, den zweitgrößten blauen Diamanten überhaupt. Den Zuschlag erhielt damals der Londoner Juwelenhändler Laurence Graff bei 14,6 Millionen Pfund. Die Schätzung hatte bei neun Millionen Pfund gelegen. Er hatte also umgerechnet 18,75 Millionen Euro inklusive Aufgeld bewilligt - das ist der höchste Preis, den jemals ein Juwel in einer Auktion erzielt hat.

      Vor der Versteigerung hatte der Münchner Edelsteinhändler Rudolf Biehler in dieser Zeitung erklärt, auf keinen Fall dürfe man den „Blauen Wittelsbacher“ umschleifen: „Wenn das geschieht, dann ist er wertlos. Das wäre absolut barbarisch. Wer das tut, dem würde ich alles an den Hals wünschen.“ Bei seinem nächsten München-Besuch sollte Graff besser inkognito reisen, denn er verpasste dem Diamanten jetzt nicht nur den neuen Namen „Wittelsbach-Graff“, sondern, weitaus schlimmer, tatsächlich auch einen neuen Schliff.

      Zur Auktion eingeliefert im Jahr 1931
      Die Oberfläche aus der Mitte des 16. Jahrhunderts ist verschwunden, die Karatzahl hat sich von 35,5 auf 31 reduziert. Der Eingriff hat die Experten schockiert. Zwar mag der Stein jetzt einen höheren Marktwert haben, doch sein historischer Wert ist stark beeinträchtigt. Und seine Geschichte ist von großer Bedeutung: Wahrscheinlich Anfang des 17. Jahrhunderts in den Minen des Großmoguls Jahangir entdeckt, gelangte der Stein von Indien an den spanischen Königshof. 1664 wurde er erstmals urkundlich erwähnt, als König Philipp IV. ihn seiner Tochter, der dreizehnjährigen Infantin Margarita Teresa, schenkte. Velázquez hat sie als kleines blondes Mädchen im Zentrum der „Meninas“ festgehalten und sie später sogar mit dem berühmten Diamanten porträtiert.

      Durch ihre Hochzeit mit dem Habsburger Kaiser Leopold I. kam das Juwel erst in die Sammlung der Österreicher und schließlich 1712 mit der Ehe der österreichischen Kronprinzessin Maria Amalia und des Kurprinzen Karl Albrecht in die Sammlung der Wittelsbacher. Als Napoleon Bayern zum Königreich erhob, wurde der blau funkelnde Diamant zum Prunkstück der Königskrone. In arge Geldnot geraten, durften die Wittelsbacher den Stein 1931 mit staatlicher Genehmigung bei Christie's zur Auktion in London einliefern, wo er zwar nicht verkauft wurde, aber dann für einige Jahrzehnte von der Bildfläche verschwand. Jetzt geht der geschliffene „Wittelsbach-Graff“ als Leihgabe an die Smithsonian Institution und soll dort noch in diesem Monat neben dem noch größeren Hope-Diamanten in Washington ausgestellt werden.
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